Heft 1/2025, Südafrika: Musik

Abdullah Ibrahim – Ein Leben zwischen Jazz, Widerstand und spiritueller Suche

Mit 90 geht er nochmal auf Tour: Südafrikas große Jazzlegende Abdullah Ibrahim.
Von Benjamin Weber

Wenn Abdullah Ibrahim die Tasten berührt, entfaltet sich eine musikalische Welt, die weit über den Jazz hinausgeht. Seine Musik bildet eine Brücke zwischen afrikanischen Traditionen, westlichem Jazz und seiner spirituellen Reflexion. Der südafrikanische Pianist, Komponist und Bandleader, geboren 1934 als Adolph Johannes Brand in Kapstadt, gehört zu den wichtigsten Stimmen des modernen Jazz – nicht nur als Musiker, sondern auch als Chronist der Apartheid und Botschafter eines widerständigen Südafrikas.

Seine Kindheit war durch Vielseitigkeit geprägt. Aufgewachsen im multikulturellen Viertel District Six, das von afrikanischen, indischen, europäischen und malaiischen Einflüssen geprägt war, nahm er unterschiedlichste musikalische Traditionen in sich auf. Von amerikanischem Swing und Gospel über traditionelle afrikanische Rhythmen bis hin zu klassischer Musik – all das sollte später in seinen einzigartigen Stil einfließen. Doch das Leben in Südafrika wurde für Schwarze immer härter. Die Apartheid machte auch vor der Musik nicht halt: Bestimmte Musikrichtungen wurden unterdrückt, schwarze Musiker*innen hatten kaum Chancen auf große Bühnen, und das gesellschaftliche Klima wurde zunehmend feindselig.

In den 1950er-Jahren gründete Ibrahim die Jazz Epistles, eine der ersten rein schwarzen südafrikanischen Jazzbands, die ein Album aufnahm. Mit den Musikern Hugh Masekela und Kippie Moeketsi brachte die Band eine energiegeladene, politisch aufgeladene Jazz-Ästhetik in die Musikszene. Doch die Apartheid-Regierung duldete diese Art von künstlerischem Widerstand nicht – nach dem Massaker von Sharpeville 1960 wurden öffentliche Versammlungen und kulturelle Ausdrucksformen zunehmend kriminalisiert. Auch für Ibrahim wurde die Situation immer gefährlicher, sodass er 1962 Südafrika ins Exil verließ.

In Europa traf er auf eine Jazz-Legende, die sein Leben veränderte: Duke Ellington. Der amerikanische Pianist erkannte Ibrahims Talent und nahm ihn unter seine Fittiche. Durch Ellington erhielt er die Möglichkeit, ein Album aufzunehmen, das ihn in der internationalen Jazzwelt bekannt machte. Unter dem Namen Dollar Brand trat er in Clubs und Konzertsälen auf. Seine Musik war beeinflusst von Thelonious Monk, aber durchzogen von afrikanischen Rhythmen, die ihm seine ganz eigene Stimme verliehen.

Seine Musik, die bereits in den 1960er-Jahren als einzigartiger Mix aus afrikanischen Melodien, Jazzimprovisation und spirituellen Klanglandschaften auffiel, entwickelte sich über die Zeit weiter. Während seiner Zeit in den USA arbeitete er mit einigen der wichtigsten Musikern seiner Generation zusammen, darunter Max Roach, Elvin Jones und John Coltrane. Besonders Coltrane inspirierte Ibrahim bei seiner Suche nach einer tieferen musikalischen und spirituellen Bedeutung. In dieser Zeit vertiefte er auch sein Interesse an östlicher Philosophie und Sufismus, was seiner Musik zunehmend eine meditative und kontemplative Note gab. 1968 konvertierte er zum Islam und nahm den Namen Abdullah Ibrahim an.

1974 kehrte er für kurze Zeit nach Südafrika zurück und nahm sein wohl berühmtestes Werk auf: „Mannenberg". Benannt nach einem Township in Kapstadt, verband das Stück Marabi-Klänge mit Jazz und wurde zur Hymne des Widerstands. „Mannenberg" war aber viel mehr als nur ein Lied – es wurde zum Soundtrack der Freiheitsbewegung und zum Symbol für die Hoffnung einer ganzen Nation. Das Stück „Mannenberg" wurde in den 1980er-Jahren auf Protestkundgebungen gespielt, in Kirchen gesungen und von politischen Aktivist*innen als Ausdruck des unerschütterlichen Widerstandes genutzt. Ibrahim selbst beschrieb das Stück als eine musikalische Reflexion der Kämpfe und Sehnsüchte seines Volkes.

Doch auch nach dem Ende der Apartheid blieb Ibrahim ein Künstler mit einer Mission. Er engagierte sich für die musikalische Bildung junger Südafrikaner*innen und gründete Programme, um das kulturelle Erbe seines Landes zu bewahren. Seine Kompositionen reflektieren heute verstärkt spirituelle Themen, sein Spiel ist ruhiger und meditativer geworden, aber immer noch voller Tiefe. Er betrachtet Musik als eine Form des Gebets, als eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In Interviews betont er immer wieder die transformative Kraft der Musik, die er als eine Möglichkeit sieht, kollektive Erinnerungen und Heilung zu fördern.

Neben seinen Jazzwerken komponierte Ibrahim auch größere Werke wie die „Kalahari Liberation Opera", die 1982 in Wien uraufgeführt wurde. In dieser Oper verbindet er afrikanische Rhythmen mit klassischer Musik und erzählt von der Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung. Diese Verbindung von traditionellen afrikanischen Musikstrukturen mit westlicher Klassik macht die Oper zu einer innovativen Band zwischen zwei musikalischen Welten. Ibrahim experimentierte dabei mit orchestralen Arrangements und integrierte Elemente des südafrikanischen Marabi-Stils, um einen einzigartigen Sound zu erschaffen, der sowohl europäische als auch afrikanische musikalische Traditionen vereint. Marabi entstand in den Slums von Johannesburg in den frühen 1900er-Jahren und war eine Musik des Widerstands – gespielt in illegalen Shebeens, mit tanzbaren, sich wiederholenden Akkordfolgen, die später die südafrikanische Jazzszene maßgeblich beeinflussten.

Im Jahr 2024 feierte Abdullah Ibrahim seinen 90. Geburtstag – und bleibt aktiver denn je. Er kündigte eine internationale Tour an, die seine Lebensleistung würdigt und ihm ermöglicht, seine Musik weiterhin mit der Welt zu teilen. Für ihn ist die Bühne kein Ort des Rückblicks, sondern ein Raum der ständigen Erneuerung. Auch im hohen Alter sucht er noch immer nach neuen Klängen und neuen Wegen, seine Geschichte zu erzählen. Sein Live-Spiel bleibt beeindruckend: Jeder Ton ist durchdacht, jede Phrase erzählt eine Geschichte. Seine Konzerte sind spirituelle Erlebnisse, die das Publikum auf eine Reise durch die Geschichte des afrikanischen Kontinents und die universelle Kraft der Musik mitnehmen.

Abdullah Ibrahim ist ein Chronist, ein Lehrer, ein Kämpfer und ein Suchender. Seine Musik hat Grenzen überwunden, politische Systeme überlebt und Generationen von Musiker*innen inspiriert. In einer Welt, die sich immer wieder neu mit Themen wie Freiheit und Identität auseinandersetzen muss, bleibt seine Stimme unverzichtbar. Heute wird er als eine der letzten lebenden Legenden des Jazz verehrt – ein Mann, dessen Musik nicht nur gehört, sondern gefühlt werden muss.

Benjamin Weber studiert Musikwissenschaften und Afrikanistik und hat am Seminar „Journalistisches Schreiben für Afrikanist*innen" an der Kölner Universität teilgenommen.