Heft 1/2025, Südafrika

Gold oder Grab?

Wie Stilfontein zum Symbol des illegalen Bergbaus wurde
Von Kathrin Lena Hoven

In der einst florierenden Bergbaustadt Stilfontein, südwestlich von Johannesburg, ereignete sich zur Jahreswende eine Tragödie, die die dunkle Seite des illegalen Goldabbaus in Südafrika offenbarte. Im August 2024 begann die Polizei mit einer Aktion zur Überführung illegaler Bergleute in einer stillgelegten Goldmine. Sie blockierte den Zugang, um die Arbeiter zum Verlassen der Mine zu bewegen, und löste damit eine humanitäre Katastrophe aus, die das Thema des illegalen Bergbaus und die prekäre Lage vieler Migrant*innen in Südafrika erstmals auch einer breiten Weltöffentlichkeit vor Augen führte.

Hintergründe

Um ein Verständnis für die aktuelle Situation im Goldbergbau in Südafrika zu entwickeln, ist ein Blick auf die Geschichte des Landes und seine besondere Ressource notwendig. Denn Südafrikas Geschichte und Wirtschaftsentwicklung ist eng mit dem Edelmetall verbunden.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden die bis heute wertvollsten Ressourcen des Landes entdeckt: Diamanten und Gold. Als der Australier George Harrison 1886 beim Bau seines Hauses in Südafrika einen Felsbrocken bei Seite schaffte und dabei ein Klümpchen Gold fand, brach ein regelrechter Goldrausch aus. Zahlreiche Menschen strömten auf der Suche nach dem Edelmetall und in der Hoffnung auf Gewinn in die Region. Südafrika wurde zum bedeutendsten Goldproduzenten der Welt. Heutige Schätzungen gehen davon aus, dass 40 Prozent des je auf der Welt geschürften Goldes aus Südafrika stammen.

Da im Jahr 1834 die Sklaverei in Südafrika offiziell abgeschafft worden war, nun aber für den Abbau des Goldes möglichst günstige Arbeitskräfte benötigt wurden, wurde auf ausländische Vertragsarbeiter aus den Nachbarländern zurückgegriffen. Zwischen 1890 und 1914 etablierte sich eine Form „moderner Sklaverei", bei der vor allem Arbeiter aus Malawi und Mosambik bevorzugt und für die Arbeit in den Minen angeheuert wurden, weil sie als belastungsfähiger galten als die südafrikanischen Arbeitskräfte. Der Anteil südafrikanischer Minenarbeiter sank kontinuierlich – im Ergebnis führte dies zu einer Abhängigkeit von migrantischen Arbeitskräften, zu denen bald auch Arbeiter aus Simbabwe und Lesotho gehörten.

Inzwischen ist in Südafrika das meiste Gold abgebaut worden. Für viele Unternehmen lohnen Aufwand, Kosten und Ertrag nicht mehr, um weiter danach zu graben. Zahlreiche Goldminen und Schächte aus der Zeit des großen Goldrauschs wurden im Laufe der Jahre stillgelegt und offiziell nicht weiter betrieben – aber sie ziehen illegale Bergleute und Arbeiter an, die „Zama Zamas" genannt werden. Der Name stammt aus der Zulu-Sprache und bedeutet ins Deutsche übersetzt „diejenigen, die ihr Glück versuchen".

Nach offiziellen Schätzungen sind circa 30.000 bis 40.000 Zama Zamas illegal in südafrikanischen Minen beschäftigt, die meisten von ihnen Migranten. Viele von ihnen besitzen keine offiziellen Papiere und geraten daher in das Blickfeld von kriminellen Syndikaten, die den illegalen Status und die daraus resultierende Schutzlosigkeit der Arbeiter ausnutzen, indem sie ihnen vermeintlichen „Schutz" gegen eine hohe Abgabe bieten.

Ohne jeden rechtlichen Schutz, unter lebensgefährlichen, gesundheitsgefährdenden Bedingungen, ohne ausreichende Sicherheitsvorkehrungen und mit rudimentären Werkzeugen graben die Bergleute in den verlassenen Minen nach Gold. Einstürze, Gasexplosionen und Erstickungstode sind vorprogrammiert und passieren regelmäßig, aber weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Das änderte sich mit dem Unglück in der Goldmine in Stilfontein.

Die Eskalation in Stilfontein

Im August 2024 entschied die südafrikanische Polizei, mit harter Hand gegen den illegalen Bergbau in Stilfontein vorzugehen. Unter dem Namen „Vala Umgodi", was so viel bedeutet wie: „Schließe das Loch", begann eine Polizeiaktion, bei der zunächst der 2,6 km tiefe Zugang zur Mine umstellt und blockiert wurde. Anschließend wurde die Versorgung der Arbeiter mit Lebensmitteln und Wasser gestoppt, um sie zum Verlassen der Stollen zu zwingen. Der Plan ging nicht auf, die Arbeiter kamen nicht aus der Mine zurück an die Erdoberfläche. Als mutmaßliche Gründe wurden angeführt, dass die Arbeiter der drohenden Verhaftung entgehen wollten und sich deswegen weiter in der Mine versteckt hielten, oder aber, dass die Menschen von kriminellen Banden unter Tage festgehalten und am Herauskommen gehindert wurden.

Überlebende berichteten später von der besonderen Gewalt, der die Arbeiter durch kriminelle Organisationen, die diese Mine kontrollierten, ausgesetzt waren. Bergleute, die sich weigerten, die geforderten hohen Abgaben zu zahlen oder die versuchten zu fliehen, wurden brutal bestraft oder getötet. Im Laufe der Monate starben Dutzende der Menschen unter Tage an den Folgen der fehlenden Versorgung durch Dehydrierung und Unterernährung.

Erst nach wachsenden Protesten von Menschenrechtsorganisationen und zunehmendem öffentlichen Druck begannen die Behörden im Januar 2025 mit einer Rettungsaktion. Mit Hilfe eines schmalen Käfigs wurden die Menschen aus dem Schacht hochgezogen und entweder verhaftet oder ins Krankenhaus gebracht. 246 Bergleute konnten lebend geborgen werden, 78 waren bereits tot. Allerdings sind weder die exakte Zahl noch die Identitäten der Todesopfer verlässlich bekannt, da viele Arbeiter nicht registriert waren und Identifizierungen aufgrund der fortgeschrittenen Verwesung bisher nicht gelungen sind.

Politische Reaktionen

Nach den dramatischen Ereignissen in Stilfontein, die von einem großen Medieninteresse und weltweiten Protesten verschiedener Menschenrechtsorganisationen begleitet waren, kündigte die südafrikanische Regierung an, ihre Maßnahmen gegen den illegalen Bergbau zu verschärfen. Illegalen Arbeitern, die gefasst werden, drohen Geldbußen und Haftstrafen, ausländischen Arbeitern die sofortige Abschiebung in ihr Heimatland. Um gegen die kriminellen Syndikate vorzugehen, die den illegalen Bergbau forcieren und kontrollieren, kündigte Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa strengere Gesetze und die Bereitstellung zusätzlicher Ressourcen für die Bekämpfung des illegalen Bergbaus an. Darüber hinaus fordern Menschenrechtsgruppen und Gewerkschaften langfristige Lösungen seitens der südafrikanischen Regierung, die den wirtschaftlichen Druck auf Migranten und Arbeitslose verringern sollen.

Dem Vizepräsidenten der rechtsextremen Partei Patriotic Alliance, Kenny Kunene, reichten die angekündigten Maßnahmen nicht – er forderte die Todesstrafe für die geretteten Bergleute und warf ihnen Landesverrat vor.

Die Kontroverse folgte auf die Enthüllung, dass ein mutmaßlicher Anführer der illegalen Goldschürfer aus südafrikanischem Polizeigewahrsam geflohen sei: James Neo Tshoaeli, genannt „Tiger", stammt ursprünglich aus Lesotho, war nach einem einjährigen Aufenthalt in der Mine in Stilfontein gerettet und angeblich vor Ort verhaftet worden. Tatsächlich war er aber weder in einer der Polizeistationen, in die die festgenommenen Goldschürfer gebracht wurden, noch in einem Krankenhaus auffindbar. Daher wird vermutet, dass ihn korrupte Beamte der Polizei und der Gefängnisdienste entkommen ließen. Der gesamte Goldbergbau gilt in Südafrika inzwischen als „gesetzesfreie Zone", wobei der jährliche Schaden bei umgerechnet rund 4 Mrd. Euro liegen soll.

Ein Blick in die Zukunft

Die Tragödie in Stilfontein ist ein Weckruf – nicht nur für Südafrika, sondern auch für die internationale Gemeinschaft. Sie zeigt nicht nur die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen tausende Arbeiter im illegalen Goldabbau arbeiten, sondern auch die dahinter liegenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ursachen. Die Zama Zamas sehen die risikoreiche Arbeit in den stillgelegten Minen oft als einzige Möglichkeit, mit Goldfunden ihr Einkommen zu generieren und der Armut zu entkommen.

Wie könnten Lösungen aussehen, um ähnliche Tragödien zukünftig zu vermeiden und den illegalen Goldabbau einzudämmen? Nicht nur in Südafrika werden verschiedenen Optionen diskutiert. Einige Stimmen fordern die Formalisierung des Bergbausektors, damit Kleinstunternehmen und Kooperativen legal und unter sicheren Bedingungen Gold abbauen können. Andere schlagen eine engere Zusammenarbeit zwischen Südafrika und den Herkunftsländern der Migranten vor, um wirtschaftliche Alternativen aufzubauen und die Abhängigkeit vom illegalen Bergbau zu reduzieren. Einig sind sich alle, dass der Kampf gegen die Korruption, gegen Armut und Arbeitslosigkeit sowie die Einführung grundlegender Reformen nötig sind, um zukünftig Katastrophen zu verhindern.

Die Zukunft des südafrikanischen Bergbaus und das Leben zahlreicher Menschen hängt davon ab, wie entschlossen die Regierung und die internationale Gemeinschaft handeln und die angestrebten Reformen umsetzen. Ob die Tragödie in Stilfontein eine Wende markiert oder nur eine weitere Episode in einer Folge von zahlreichen Unglücksfällen bleibt, bei denen ehemalige Goldminen zu Massengräbern wurden, bleibt abzuwarten.

Kathrin Lena Hoven studiert Afrikanistik und Romanistik und hat am Seminar „Journalistisches Schreiben für Afrikanist*innen" an der Kölner Universität teilgenommen.