Heft 1/2025, Südafrika

Ohne Reue

Janusz Walu?, der rassistische Mörder von Chris Hani, wurde nach Polen ausgeflogen. Reue zeigt er nicht.
Von Andreas Bohne

Unbemerkt von vielen Medien wurde Anfang Dezember letzten Jahres Janusz Walu? von Südafrika nach Polen abgeschoben. Der 1986 in Südafrika eingebürgerte Pole hatte am 10. April 1993 Chris Hani aus rassistischen und antikommunistischen Überzeugungen ermordet. Hani war Generalsekretär der Kommunistischen Partei Südafrikas (SACP), Stabschef von Umkhonto weSizwe (MK, bewaffneter Arm des ANC), und einer der führenden Köpfe der Anti-Apartheidbewegung.

Chris Hani: „A life too short"

Der 1942 geborene Hani trat mit 15 Jahren der Jugendliga des ANC bei und studierte wie viele Schwarze Führungspersönlichkeiten seiner Zeit an der Universität von Fort Hare. Hani engagierte sich im studentischen Aktivismus und kam in der Zeit mit marxistischem Denken in Berührung. 1961 trat er der im Untergrund agierenden Kommunistischen Partei Südafrikas und ein Jahr später Umkontho We Sizwe, dem militärischen Flügel des ANC, bei, um auch durch den bewaffneten Widerstand und Sabotageakte gegen wichtige Infrastrukturen wie Kraftwerke, Stromleitungen und Fabriken das Apartheidregime zu stürzen. Hani wurde Mitglied der Westkap-Führung des MK, dem sogenannten „Komitee der Sieben". Militärisch ausgebildet in der Sowjetunion, folgten Jahre im damaligen Rhodesien, Haft in Botsuana und Aktivitäten in Sambia.

Dass Hani dreißig Jahre nach seiner Ermordung bei vielen, vor allem Schwarzen Südafrikaner*innen, nach wie vor äußerst beliebt ist, liegt sicherlich auch in seiner „prophetischen" Sicht: Bereits im Jahr 1969 übergaben Hani und sechs seiner Genossen vor der historischen ANC-Konferenz in Morogoro, Tansania, ein bahnbrechendes Memorandum, das heute als „Hani-Memorandum" vielen in Erinnerung ist: „Wir sind beunruhigt über den Karrierismus der sich im Ausland befindlichen ANC-Führung, die in jeder Hinsicht eher zu Berufspolitikern als zu Berufsrevolutionären geworden ist. Wir waren gezwungen, die Schlussfolgerung zu ziehen, dass die Zahlung von Gehältern an Menschen, die in Büros arbeiten, der revolutionären Gesinnung derjenigen, die solche Gelder erhalten, sehr abträglich ist." (Übersetzung AB)

In einem späteren Interview sagte er einmal: „Ich befürchte, dass sich die Befreier als Eliten entpuppen, die in Mercedes Benz herumfahren und die Ressourcen dieses Landes nutzen, um in Palästen zu leben und Reichtümer anzuhäufen." Damit war er nicht weit von den Befürchtungen und Wahrheiten, die Frantz Fanon oder Walter Rodney aussprachen.

Ab Mitte der 1970er-Jahre baute er in Südafrika Untergrundstrukturen für den ANC auf, später agierte er von Lesotho aus, wo er zunehmend Ziel von Attentatsversuchen wurde. Nach Jahren des Exils kehrte Hani 1990 heim, übernahm ein Jahr später die Funktion als Generalsekretär der SACP und war entscheidend für die Verankerung der SACP in den Townships. 1993 wurde Hani in Johannesburg erschossen. „A life too short" – wie eine bekannte Biografie von Janet Smith und Beauregard Tromp heißt.

Rechte Akteure im Rassenwahn

In der Phase des Übergangs von der Apartheid in die Post-Apartheid-Ära nahmen gewalttätige Aktionen rechter Akteure in Südafrika zu. Personen wie Eugène Terre'Blanche und die Afrikaner Weerstandsbeweging kämpften für einen sogenannten „Volkstaat" und stellten sich gewaltvoll gegen die politische und sozioökonomische Transformation. Der Mord an Chris Hani stellt einer der – wenn nicht den – Höhepunkt der rechten Gewalt in Südafrika in dieser Zeit dar. Bis heute sind die Umstände nicht zweifelsfrei aufgeklärt. Dennoch wurde schnell klar, dass es sich bei dem Mord nicht um die Tat des Einzeltäters Walu? handelte, sondern um ein rechtes Komplott (auch wenn immer wieder – gerade von rechten Kreisen – eine Verwicklung des ANC kolportiert wird). Prägende Person des Komplotts war Cliff John Derby-Lewis, Mitglied der extrem rechten Conservative Party mit Verbindungen in die internationale Szene von Apartheidbefürwortern, Rechten und Neonazis. Derby-Lewis besorgte die Tatwaffe.

Beide beantragten 1997 vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission Amnestie, wobei Walu? erklärte, er sei bei seiner Tat von antikommunistischen Motiven getrieben worden. Die Amnestie wurde ihm verwehrt, und viele Jahre versuchte Walu?, auf Bewährung freizukommen. Im März 2020 hatte Justizminister Ronald Lamola erklärt, dass er seinen Antrag auf Bewährung nicht genehmigen könne. Noch im Februar 2021 lehnte ein Gericht im südafrikanischen Tshwane (Pretoria) das Widerspruchsverfahren gegen die Entscheidung des Justizministers ab. Am 21. November 2022 jedoch ordnete das südafrikanische Verfassungsgericht die Freilassung von Janusz Walu? an. Der zuständige Richter Zondo erklärte, dass die Entscheidung des Ministers, Walu? die Bewährung zu verweigern, irrational sei und aufgehoben werden müsse. Wenige Tag später, am 7. Dezember 2022, wurde Walu? auf Entscheidung des Obersten Gerichtshofs entlassen. Trotz des Entzugs der südafrikanischen Staatsbürgerschaft durfte Walu? nicht nach Polen ausreisen, sondern musste eine zweijährige Haftstrafe auf Bewährung antreten. Zwei Jahre später – am 6. Dezember 2024 – wurde er nach Polen abgeschoben. Die Kosten dafür übernahm die polnische Regierung.

Wut und Unterstützung

Bereits die Entscheidung des Gerichts im Jahr 2022 auf Freilassung löste verständlicherweise Empörung und Wut in Südafrika aus. Parteien wie die SACP, die Economic Freedom Fighters oder der ANC riefen zu Demonstrationen auf. Auch zur jetzigen Freilassung äußerte sich die SACP und wählte drastische Worte: „In den vergangenen 31 Jahren seit der Verurteilung von Walu? und seinem Mitverschwörer Clive Derby-Lewis, der mittlerweile während seiner medizinisch begründeten Bewährung verstorben ist, sind wir bei unserer Haltung geblieben: Die beiden verurteilten Mörder hätten im Gefängnis verrotten müssen. Wir forderten die vollständige Offenlegung der Wahrheit über die Ermordung von Hani. Um dies zu erreichen, lehnten wir sowohl Amnestie als auch Bewährung für die verurteilten Mörder ab und forderten eine Untersuchung von Hanis Ermordung, damit die Familie mit der Sache abschließen kann." So hieß es in einem veröffentlichten Statement der SACP vom 6. Dezember 2024. Kurz vor der Abschiebung trafen Mitglieder der Partei und Hanis Familie mit einer Regierungsdelegation unter der Leitung des stellvertretenden Präsidenten Paul Mashatile und drei Ministern zusammen, um eine Untersuchung von Hanis Tod zu fordern. Für weiteren Unmut sorgte, dass ein Treffen zwischen Limpho Hani, der Witwe von Chris Hani, und Walu? erst wenige Stunden vor der Abschiebung stattfand.

Auf viel Zustimmung traf die damalige Entscheidung der Freilassung in der streng konservativen weißen Gemeinschaft in Südafrika. In deren kollektivem Gedächtnis ist Walu? weiterhin ein Symbol des Heldentums. Sie glauben noch heute, dass er ihr Land vor der Gefahr der Machtübernahme durch die Kommunisten bewahrt hat. Entsprechend wurde seine Entlassung vor zwei Jahren mit einhelligen Kommentaren in den sozialen Netzwerken „gefeiert": „Ons held, ons legend, maak hom sommer ons leier ... Viva Walus ons staan by jou. He did no mistake he saved us" („Unser Held, unsere Legende, mach ihn zu unserem Führer ... Viva Walus, wir stehen dir bei. Er machte keinen Fehler, er rettete uns."). Während einzelne Akteur*innen entsprechend aggressiv auftraten, versuchten konservative Parteien wie die Vryheidsfront Plus/Freedom Front Plus oder Organisationen wie das AfriForum, eine ethnonationale Afrikaaner-Organisation, den Fall seriöser, aber nicht minder einseitig auszunutzen. Sie argumentieren, dass Walu? schon früher auf Bewährung hätte freigelassen werden müssen und dass er nach Polen ausreisen sollte. Immer wieder schimmert hier das Argument eines politisch motivierten Verfahrens gegen Walu? durch, was auch seine Freilassung verhinderte. Gleichwohl ist auffällig, dass die jetzige Ausreise von Walu? kaum kommentiert wurde.

Offene Arme ...

In Polen dagegen wurde Walu? mit offenen Armen empfangen und begleitet. Wie die Gazeta Wyborcza, eine der führenden polnischen Tageszeitungen, berichtete, wurde Walu? von einer Gruppe von Neonazis namens Bad Company begrüßt. Auf dem ganzen Flug aus Südafrika wurde er von Grzegorz Braun begleitet, einem der Führer der rechtsextremen Partei „Konfederacja". Die Relevanz zeigt sich darin, dass Braun EU-Abgeordneter ist und dort – wie auch in Polen – immer wieder mit rassistischen, queerfeindlichen und antisemitischen Äußerungen auffällt. Braun startete eine Spendenaktion, um Walu? bei seiner Rückkehr nach Polen finanziell zu unterstützen.

Dass er in Polen von vielen Rechten mit offenen Armen empfangen wird, ist nicht überraschend. Einzelne konservative polnische Parlamentarier hatten sich in der Vergangenheit immer wieder den Forderungen nach Freilassung angeschlossen. Dabei bedienen sich die Politiker*innen der perfiden Argumentation, wie sie zunehmend unter den (Neuen) Rechten Anklang findet: In Südafrika herrsche jetzt eine umgekehrte Apartheid („Black Apartheid"), in der nicht nur burische Farmer ermordet, sondern auch Weiße wie Walu? ohne Ende eingesperrt würden. Besonderen „Kultcharakter" besitzt Walu? unter polnischen Neonazis und Hools. Seit mehreren Jahren tauchen bei Fußballspielen immer wieder Banner mit dem Porträt von Walu? an Zäunen auf. Diese Fotos wurden auch um die Entlassung und jetzigen Ausreise des Hani-Möders immer wieder von polnischen Rechten geteilt.

Ganz im Sinne einer faschistischen Grundüberzeugung wird der Mord an Hani von rechten Akteur*innen bis heute immer auch als Abwehr einer vermeintlichen kommunistischen Gefahr angesehen. Hani wird in ihrer Weltsicht als Terrorist dargestellt. So finden sich auf den Bannern in Fußballstadien immer wieder durchgestrichene „Hammer-und-Sichel-Symbole" und bei polnischen rechten Versandhändlern werden T-Shirts mit dem Aufdruck „anticommunism shooting club. Poland – South Africa. Tribute to Janusz Walus" angeboten. Mit dem kreierten Personenkult ist Walu? sowohl für polnische als auch südafrikanische Rechte Ausdruck eines internationalen weißen Nationalismus, ein Subjekt, welches sich für ein völkisches Kollektiv aufgeopfert hat. Die Verehrung eines Mörders verdeutlicht die gewaltaffine und -bereite Sichtweise von rechten Akteuren.

... und ohne Reue

Besonders dramatisch ist die fehlende Reue, die Walu? an den Tag legt. Zwei Interviews stehen dafür exemplarisch: Ein erstes hat er auf einem polnischen YouTube-Kanal gegeben, wo er unter anderem die Apartheid glorifizierte und Hani weiterhin als Terrorist bezeichnete. Auf die Frage, ob er im Nachhinein etwas anderes machen würde, antwortet Walu?: „Ich würde es besser vorbereiten." Ein zweites Interview gab er im Januar dem südafrikanischen Sender eNCA. Hier rechtfertige er den Mord als einen „politischen Akt". In einem Interview mit „Good Morning Cape Town" betonte Dr. Rafal Pankowski, Politikwissenschaftler und Leiter der Beobachtungsstelle Osteuropa der Vereinigung „Nie wieder", mit Blick auf die bis dahin stattgefundenen drei Interviews in Polen, dass Walu? die Momente des Ruhmes in den Gesprächen genoss. Immer wieder hatten viele Südafrikaner*innen kritisiert, dass er sich nie von der Tat distanziert oder sie bereut hat. Die Interviews geben ihnen Recht!

Andreas Bohne war Leiter des Afrikareferats der Rosa-Luxemburg-Stiftung und arbeitet als freier Journalist in Berlin.