Heft 1/2025, Mosambik

Umweltaktivismus inmitten einer humanitären Krise

Anabela Lemos und der Kampf gegen das Gasprojekt in Cabo Delgado
Von Sylviane Loren Strickhausen

Im Oktober letzten Jahres wurde die mosambikanische Umweltaktivistin Anabela Lemos in Stockholm mit dem Right Livelihood Award 2024, dem Alternativen Nobelpreis, ausgezeichnet. Als Direktorin der Organisation Justiça Ambiental! (JA!), die sich für ökologische Gerechtigkeit einsetzt, kämpft sie gegen Großprojekte internationaler Konzerne, die die Lebensgrundlagen lokaler Gemeinschaften zerstören und Umweltkatastrophen verstärken.

Internationale Aufmerksamkeit erlangte Lemos mit ihrem Widerstand gegen Mozambique LNG, ein 20-Milliarden-Dollar-Gasförderprojekt des französischen Konzerns TotalEnergies, das in der Provinz Cabo Delgado umgesetzt werden soll. Mit der „Say No to Gas"-Kampagne gelang es JA!, das Projekt zu verzögern, indem Umwelt- und Menschenrechtsverletzungen dokumentiert und internationale Netzwerke mobilisiert wurden. Die Organisation schloss Bündnisse in über 23 Ländern und argumentierte durch politische Lobbyarbeit sowie juristische Verfahren gegen die Förderung fossiler Brennstoffe.

Lemos begann ihren Aktivismus 1998 mit einer erfolgreichen Kampagne gegen eine dänisch unterstützte Müllverbrennungsanlage in Matola, nahe Maputo, ihrer Heimatstadt. Der Sieg ermutigte weitere Gemeinden, sich gegen umweltschädliche Projekte zur Wehr zu setzen. Nachdem sie zunächst die Organisation Livaningo mitgründete, gründete sie 2004 Justiça Ambiental! mit dem Ziel, Umweltgerechtigkeit und Menschenrechte in Mosambik voranzutreiben. Ihr Ansatz sei es, Communities dazu zu ermutigen, für sich selbst zu sprechen und stattdessen praktische Unterstützung in Form von technischer Unterstützung zu bieten. Einer intakten Umwelt liege soziale Gerechtigkeit zugrunde, so Lemos. Um Menschenrechte zu verteidigen, müssten Lebensbedingungen in ihrem Gesamtkontext betrachtet werden und das erfordere enge Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, sozialen Bewegungen, Journalist*innen, Akademiker*innen und Anwält*innen.

Cabo Delgado: Erdgasreichtum stürzt Bevölkerung in Armut

Die nördliche Provinz Cabo Delgado ist eine der ärmsten Regionen Mosambiks, obwohl sie über immense Erdgasvorkommen verfügt. 2009 wurden im Rovuma-Becken große Erdgasreserven entdeckt, woraufhin internationale Energiekonzerne wie TotalEnergies, ExxonMobil und Eni Investitionen in Milliardenhöhe ankündigten. Die Regierung versprach wirtschaftlichen Aufschwung, doch die Realität für die lokale Bevölkerung sah anders aus. Landvertreibungen, soziale Ungleichheit und ökologische Zerstörung folgten auf die Umsetzung des Großprojekts. Während internationale Unternehmen und die mosambikanische Regierung von den Gewinnen profitieren sollten, blieben für die lokale Bevölkerung Arbeitslosigkeit und Armut bestehen. Um Platz für die LNG-Infrastruktur zu schaffen, wurden hunderte Familien umgesiedelt und die Bauarbeiten bedrohen Küstenökosysteme und lokale Fischereigemeinden. Diese Entwicklungen verstärkten bereits bestehende Spannungen in der Region und spielten eine Rolle bei der Radikalisierung junger Menschen ohne Zukunftsperspektive.

Seit 2017 terrorisiert die islamistische Gruppe Ahlu Sunna Wal Jama'a (ASWJ), die mit dem Islamischen Staat (IS) in Verbindung steht, die Region Cabo Delgado. Die Kämpfer greifen Dörfer, Regierungsgebäude und Sicherheitskräfte an, töteten Zivilist*innen und verbreiten Angst unter der Bevölkerung. Die Hintergründe des Konflikts sind komplex: Jugendarbeitslosigkeit und Armut trieben viele junge Männer in die Arme der Miliz, die ihnen finanzielle und ideologische Perspektiven bietet. Hinzu kommt die politische Vernachlässigung durch die Regierung in Maputo, die Cabo Delgado über Jahre hinweg kaum Beachtung schenkte. Auch kriminelle Netzwerke, die vom Drogen- und Edelsteinhandel profitieren, nutzen die instabile Lage für ihre Zwecke aus.

Der Konflikt erreichte seinen Höhepunkt im März 2021, als ASWJ-Kämpfer die Stadt Palma, den Standort des LNG-Projekts, angriffen. TotalEnergies stellte daraufhin die Arbeiten ein, evakuierte seine Mitarbeiter*innen und setzte das Milliardenprojekt auf unbestimmte Zeit aus. Die humanitäre Lage verschärfte sich infolge der Kämpfe dramatisch: Über 800.000 Menschen wurden aus ihren Dörfern vertrieben und mussten unter prekären Bedingungen in Geflüchteten-Lagern Schutz suchen. Ganze Ortschaften wurden niedergebrannt und die Gewalt richtete sich insbesondere gegen die Zivilbevölkerung. Hilfsorganisationen hatten kaum Zugang zur Region, da sich Regierungstruppen und Kämpfer der ASWJ in langwierigen Kämpfen gegenüberstanden.

Militäreinsätze und Internationale Reaktionen

Die mosambikanische Regierung hatte große Schwierigkeiten, die Kontrolle über die Region aus eigener Kraft wiederzuerlangen, sodass erst internationale Hilfe zu militärischen Erfolgen führte. Ruanda entsandte 2021 rund 1.000 Soldaten, die strategisch wichtige Städte wie Mocímboa da Praia zurückeroberten. Zudem stationierte die Südafrikanische Entwicklungsgemeinschaft (SADC) eigene Truppen, um die mosambikanische Armee zu unterstützen. Auch die USA und europäische Staaten stellten militärische und humanitäre Hilfe bereit, um die Lage zu stabilisieren.

Doch trotz dieser Maßnahmen bleibt die Lage in Cabo Delgado unsicher. Islamistische Gruppen operieren weiterhin in entlegenen Gebieten, und gleichzeitig werden auch mosambikanische Sicherheitskräfte von Menschenrechtsorganisationen wegen Gewalt gegen Zivilist*innen und exzessiver Härte kritisiert.

Cabo Delgado bleibt auch nach den Wahlen ein Krisenherd

Im Oktober 2024 fanden in Mosambik Präsidentschaftswahlen statt. Daniel Chapo, Kandidat der Regierungspartei Frelimo, stellte die Stabilisierung von Cabo Delgado in den Mittelpunkt seiner Kampagne und versprach wirtschaftlichen Aufschwung durch eine Wiederaufnahme des Gasprojekts. Doch Kritiker*innen werfen der Frelimo Korruption und eine rein wirtschaftsorientierte Politik vor, die soziale und ökologische Probleme ignoriert.

Cabo Delgado ist ein Brennpunkt zwischen globalen Wirtschaftsinteressen, sozialer Ungleichheit und Gewalt. Die Region steht exemplarisch für die Herausforderungen vieler rohstoffreicher Länder, die durch internationale Unternehmen wirtschaftlich ausgebeutet werden. Ob sich die Region in den kommenden Jahren stabilisieren wird, hängt nicht nur von militärischen Erfolgen ab, sondern auch davon, ob wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit für die lokale Bevölkerung tatsächlich Priorität bekommen.

Währenddessen setzt Anabela Lemos ihre Kampagne fort, um die Bevölkerung über die Risiken fossiler Großprojekte aufzuklären. Ihr Aktivismus zeigt, dass der Widerstand gegen Umweltzerstörung und soziale Ungerechtigkeit nicht nur in Gerichtssälen, sondern auch durch zivilgesellschaftliches Engagement und internationale Vernetzung geführt werden kann.

Sylviane Loren Strickhausen studiert Afrikanistik und hat am Seminar „Journalistisches Schreiben für Afrikanist*innen“ an der Kölner Universität teilgenommen.