Heft 1/2026, Editorial

Afrikas Rohstoffe und Körper als globale Beute

Das südliche Afrika wird mal wieder zum Schauplatz großmachtpolitischer Strategien – ein Kontinent, dessen Ressourcen, Menschen und Zukunft von außen gedeutet, instrumentalisiert und oft missbraucht werden. Von Waffenexporten über Rohstoffzugang bis hin zur Rekrutierung junger Afrikaner*innen für Konflikte in Europa steht Afrika im Zentrum globaler strategischer Berechnungen.

Aktuell alarmiert ein Bericht aus dem Kenia-Intelligence-Service, wonach mehr als 1.000 Kenianer*innen über Agenturen und soziale Medien für den Krieg in der Ukraine angeworben worden sind, um auf russischer Seite zu kämpfen. Sie wurden mit vermeintlich lukrativen Angeboten gelockt und finden sich nun an der Front wieder oder gelten als vermisst. Ähnliches berichten weitere Nachrichtenagenturen über Fälle aus Uganda, Kamerun und Südafrika. Dies ist kein Zufall, sondern Teil einer systematischen Praxis, bei der Russland gezielt junge Afrikaner*innen anwirbt, um seine Kriegsmaschinerie zu stärken. Die Methoden sind nicht neu, sondern ähneln stark denen, die Forscher*innen seit Jahrzehnten im organisierten Menschenhandel, z. B. mit dem Zweck der Zwangsprostitution, beobachten: Die Menschen werden mit Jobversprechen, Studienangeboten oder finanziellen Anreizen gelockt, doch in vielen Fällen enden diese Hoffnungen mit abgenommenen Reisepässen, Gewalt(-androhungen) und Erpressung – und in der aktuellen Debatte letztendlich im leidvollen Kriegseinsatz. „Kanonenfutter" im wörtlichen Sinne.

Es ist ein bitterer Beleg dafür, wie externe Mächte die sozioökonomischen Fragilitäten Afrikas ausnutzen: hohe Jugendarbeitslosigkeit, prekäre Perspektiven und die Suche nach Chancen werden von geopolitischen Akteuren in Instrumente verwandelt. Afrikanische Staaten stehen hier vor der doppelten Herausforderung, ihre Bevölkerung zu schützen und gleichzeitig diplomatisch mit Akteuren zu verhandeln, die ihre eigene Agenda verfolgen.

Parallel dazu entzündet sich in der Region ein weiterer Konflikt: der Disput zwischen Gwede Mantashe, dem südafrikanischen Minister für Bergbau und Energie, und seinem Amtskollegen aus der Demokratischen Republik Kongo angesichts eines geplanten Rohstoffabkommens mit den Vereinigten Staaten.

Im Kern geht es dabei um strategische Mineralien – Kobalt, Lithium und weitere „kritische" Rohstoffe, die für Hightech-Industrien, Elektromobilität und Verteidigungsproduktion unverzichtbar sind. Diese Rohstoffe sind für die globale Energiewende und die technologische Zukunft entscheidend. Die USA versuchen, ihren Einfluss in Afrika auszubauen und sich gegen die dominierende Position Chinas in dieser Branche zu positionieren (siehe die Beiträge zu Simbabwe und Sambia in diesem Heft). Dies führt zu Spannungen selbst innerhalb Afrikas, wo souveräne Ressourcennutzung, regionale Integration und externe Partnerschaften in einem komplexen Gleichgewicht stehen müssen.

Beide Entwicklungen – die Rekrutierung afrikanischer Söldner in einem fernen Krieg und der politische Streit um Rohstoffzugänge – zeigen, wie Afrika integraler Bestandteil weltweiter Machtspiele geworden ist. Es sind keine isolierten Ereignisse mehr, sondern Ausdruck einer neuen globalen Ordnung, in der sich Staaten gegenseitig um Einfluss, Ressourcen und strategische Positionen herausfordern.

Für Länder im südlichen Afrika bedeutet dies eine schwierige Gratwanderung: Sie müssen ihre Interessen wahren, ohne sich als bloße Spielmasse größerer Akteure zu präsentieren; sie müssen ihre Jugend schützen und ihr Chancen bieten, ohne in die Imperative globaler Konflikte hineingezogen zu werden; sie müssen Rohstoffe für die eigene Entwicklung nutzen, ohne in ein erneutes Abhängigkeitsverhältnis zu geraten.

Am Ende zeigt sich: Afrikas Zukunft darf nicht in den Schatten globaler Rivalitäten verblassen, sondern muss selbstbewusst in eine internationale Politik hineinwirken – nicht nur als Ressourcenspender oder Menschenlieferant, sondern als gleichberechtigter Akteur eines multipolaren 21. Jahrhunderts.
Doch wer über Ausbeutung von Ressourcen und Menschen spricht, muss auch über Kontrolle von Information sprechen. Denn globale Machtpolitik funktioniert dort am besten, wo ihre Folgen unsichtbar bleiben. Gerade deshalb ist Pressefreiheit eine geopolitische Frage. Der Versuch Marokkos, mit juristischem Druck gegen kritische europäische Berichterstattung vorzugehen, zeigt, wie Staaten Medienräume auch jenseits ihrer Grenzen beeinflussen wollen. Solche Strategien bedrohen die Öffentlichkeit, die auch hierzulande nötig ist, um Rekrutierung für Kriege, Rohstoffdeals und Machtinteressen andernorts sichtbar zu machen. Ohne unabhängigen und kritischen Journalismus bleibt Ausbeutung strukturell folgenlos – und internationale Partnerschaft ein leeres Versprechen.

Janine Traber