Heft 1/2026, Südafrika

Als Stille lauter wurde als Politik

Der G20 Women's Shutdown war ein Akt der Selbstermächtigung und Sichtbarmachung von Femiziden und geschlechtsspezifischer Gewalt nicht nur in Südafrika.

Von Emilie Kasper

Fünfzehn Minuten Stille.
Fünfzehn Femizide pro Tag.

Es ist der 21. November 2025, Punkt zwölf Uhr mittags. An 15 Orten in Südafrika erstarren tausende Frauen und Menschen der LGBTQI*-Community und bleiben für 15 Minuten regungslos auf dem Boden: Vor dem Constitutional Hill in Johannesburg, auf der Rasenfläche der Union Buildings in Pretoria, an der Sea Point Promenade in Kapstadt, auf dem Campus der Sol Plaatje Universität in Kimberly, am Strand von Durban. Autos rauschen vorbei, Möwen schreien, der Wind bewegt Fahnen – doch die Körper bleiben still.

Die 15-Minute Silent Standstill & Lie-Down-Aktion ist Teil des G20 Women's Shutdown, der von der NGO Women for Change initiiert wurde. Die Schweigeminuten sind ein Akt des Innehaltens in Gedenken an die Opfer von Femiziden in Südafrika. Sie sind Ausdruck des kollektiven Leidens, von Trauer um die Opfer sowie Protest und Anklage zugleich.

In Südafrika wurden 2024 nach offiziellen Zahlen 5.578 Frauen aufgrund ihres Geschlechtes getötet. Statistisch entspricht das ungefähr einem Femizid alle zweieinhalb Stunden. Zu den hohen absoluten Zahlen kommt hinzu, dass die Femizidrate um 33,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen ist. Die Zahlen sind schockierend und alarmierend. Und sie sind der Grund des G20 Women's Shutdown, welcher neben dem 15-Minuten Silent Standstill & Lie-Down weitere Aktionen umfasste, die in der Summe einen nationalen Shutdown ergeben sollten. Wer Teil des Shutdowns war, trug schwarze Kleidung, ging an diesen Tag keiner bezahlten oder unbezahlten Arbeit nach und verweigerte den Konsum. Das Land sollte spüren, was geschieht, wenn Frauen ausfallen.

Einen Tag zuvor hatte Präsident Cyril Ramaphosa bei dem G20-Gipfel geschlechtsspezifische Gewalt und Femizide als nationale Katastrophe eingestuft. Ein politisches Eingeständnis, das die Aktivist*innen des vorangegangenen Protests, der in dem Shutdown gipfelte, als direkten Erfolg des öffentlichen Drucks werten.

Der Shutdown wurde laut Women for Change anlässlich des G20-Treffens in Johannesburg ausgerufen, weil „wir (uns) weigern, Südafrika zu erlauben, sich als ‚stabile, wachsende Wirtschaft' darzustellen, während die Körper von Frauen das Schlachtfeld darunter sind. Der G20 Women's Shutdown ist eine direkte Botschaft an die Welt, dass man nicht von Fortschritt sprechen kann, während Frauen sterben."

Der Shutdown im globalen Kontext

Der Shutdown ist somit eine kollektive Weigerung im Angesicht der hohen Zahlen der geschlechtsspezifischen Gewalt und Femizidrate. Was in Südafrika begann, blieb nicht dort. Der G20 Women's Shutdown schwappte auch über die Landesgrenzen Südafrikas hinaus. In London, Köln und Berlin wurde sich solidarisch dem G20 Women's Shutdown angeschlossen, ein Akt der internationalen Solidarität, aber auch ein Zeichen des internationalen Kampfes gegen geschlechtsspezifische Gewalt und Femizide.

Zudem änderten Menschen weltweit schon Wochen vor dem 21. November auf den sozialen Medien als Akt der Solidarität ihre Profilbilder lila („Purple-Bewegung"). Cameron Kasambala von Women for Change sagte in einem Interview im Podcast Focus on Africa der BBC am 21.11.2025, dass das Meer lilafarbener Profilbilder im Vorhinein des Shutdowns von entscheidender Bedeutung für die internationale Aufmerksamkeit gewesen sei.

Zwar finden in anderen Ländern ebenfalls Femizide und geschlechtsspezifische Gewalt statt, doch der globale Vergleich zeigt, dass die Femizidrate in Südafrika sechsmal höher als der weltweite Durchschnitt liegt. In Deutschland zeigt sich in den Statistiken des BKA, dass Gewalt gegen Frauen 2024 im Vergleich zum Vorjahr insgesamt weiter zunimmt: Sexualstraftaten nahmen um 2,1 Prozent zu und im Bereich der häuslichen Gewalt wurde ein Anstieg um 3,5 Prozent in der polizeilichen Kriminalstatistik verzeichnet. In beiden Fällen ist ein Großteil der Opfer weiblich. Die Zahl der Femizide sank im Vergleich zum Vorjahr auf 308 Opfer (-9,4 Prozent).

In Bezug auf Zahlen zu Femiziden sei jedoch angemerkt, dass eine hohe Dunkelziffer mitbedacht werden muss. Nikolia Apostolou schreibt bei Netzwerk Recherche, dass sich Expert*innen einig sind, dass die meisten Zahlen zu niedrig angesetzt sind, da tausende Fälle nicht als Femizid registriert werden. Dies liegt unter anderem daran, dass unterschiedliche Definitionen von Femiziden durch die jeweiligen Datenerhebungen angewendet werden und weil das Geschlecht des Täters (und viel seltener: der Täterin) nicht immer vermerkt wird. Hinzu kommen erste Ergebnisse der Dunkelfeld-Opferbefragung „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag" (LeSuBiA) des BKA, die die Dunkelziffer ebenfalls erhöhen: Die Anzeigequote in Deutschland liegt meist unter 10 Prozent, bei Partnerschaftsgewalt sogar bei unter 5 Prozent.

Petition gegen geschlechtsspezifische Gewalt

Der Shutdown war kein spontaner Ausbruch. Der Kampf, den Women for Change in Südafrika führt, hat nicht erst mit ihm begonnen. Er war 2025 ein Höhepunkt, der erreicht hat, dass Südafrika Femizide und geschlechtsspezifische Gewalt als nationalen Notstand ausgerufen hat. Doch schon im Januar 2025 startete Women for Change eine Petition gegen geschlechtsspezifische Gewalt, die nach eigenen Angaben die bislang größte ihrer Art in Südafrika war. Die Petition wurde mit mehr als 150.000 Unterschriften am 11. April zu den Union Buildings in dem sogenannten Unbegrabenen Sarg geliefert. Dieser war 33,8 Prozent länger als ein Standardsarg, was symbolisch für den Anstieg der Femizidrate im Vergleich zum Vorjahr steht. Der Sarg war mit Zulu-Perlen verziert, wobei jede von ihnen für ein gestohlenes Frauenleben steht. Auch diese Protestaktion hatte zum Ziel, dass die Regierung geschlechtsspezifische Gewalt und Femizide zum nationalen Notstand erklärt, was zu diesem Zeitpunkt nicht erreicht wurde, weil die Regierung nicht darauf reagierte. Erst ein halbes Jahr später, nach wachsendem Druck und internationaler Aufmerksamkeit, kam die Einstufung als nationale Katastrophe.

Unsichtbare Frontlinien

Die Proteste lenkten den Blick auch auf jene, die täglich mit den Folgen der Gewalt arbeiteten. Diesen bisher unsichtbaren Teil des Komplexes von geschlechtsspezifischer Gewalt und Femiziden in Südafrika hat Lucé Pretorius in ihrem Artikel in The Conversation (9.12.2025) beleuchtet: Die Sicherheit der Sozialarbeiter*innen. Diese sind chronischem Stress ausgeliefert und nicht mit Schutzausrüstung ausgestattet. Ein weiterer Aspekt ist, dass 78 Prozent der Belegschaft weiblich ist. Studien zufolge wurden Sozialarbeiterinnen mit höherer Rate bedroht, eingeschüchtert und mit körperlicher Aggression konfrontiert. Pretorius sieht in der Notstandserklärung die Chance, endlich Mittel für Schutz, Ausstattung und bessere Bezahlung jener bereitzustellen, die an der Basis der Arbeit mit Opfern und Tätern geschlechtsspezifischer Gewalt stehen.

Folgen geschlechtsspezifischer Gewalt für die Opfer

Aber was macht geschlechtsspezifische Gewalt mit den Opfern und wie hängt das mit dem Kampf gegen diese Gewalt und Femizide zusammen?

„In der Gewalt (wird) die Macht der Täter ohne jede semiotische Übersetzung präsent als der Schmerz der Opfer. Während die Handlungsoptionen der Täter durch die Gewaltanwendung entgrenzt werden, werden sie auf Seiten der Opfer graduell – oder mit einem Schlag – gegen Null reduziert", schreibt der tschechische Soziologe Ilja Srubar in seinem Beitrag Gewalt als asemiotische Kommunikation (in: Michael Staudigl, Hg., Gesichter der Gewalt. Beiträge aus phänomenologischer Sicht, Paderborn 2014).

Gewalt bedeutet also nicht nur körperliche Verletzung. Die Handlungsunfähigkeit, die Lähmung im Angesicht des Grauens, das ist das, was viele Opfer von geschlechtsspezifischer und/oder sexualisierter Gewalt ebenso erleben. Wenn Täter*innen Gewalt anwenden, wächst ihre Macht, während die der Betroffenen schwindet.

Insbesondere bei einer Vergewaltigung können die Folgen weitreichend sein. Ana Nenadivi?, die an der School of Oriental and African Studies (SOAS University of London) lehrt, arbeitet in ihrem Buch Zwischen Schweigen und Sprechen heraus, „dass die Gewalt der Vergewaltigung über die physische und psychische Ebene hinausgeht und das ‚Selbst' so weit beeinträchtigt, dass es zur Unsichtbarkeit und Verstummung der Betroffenen führen kann." (Bielefeld 2018)

Die verschiedenen Formen und Stufen von geschlechtsspezifischer Gewalt sowie Femizide sind Machtinstrumente, die kurzfristig Macht und Herrschaft demonstrieren. Die langfristigen Folgen können als eine Fortführung der Macht des Täters verstanden werden, wenn das Selbstbild der Opfer tief erschüttert ist und Betroffene aus dem öffentlichen Leben gedrängt werden. Durch die Nicht-Anerkennung der Gewalt durch die Gesellschaft kann eine weitere Unsichtbarmachung stattfinden – gerade deshalb ist Sichtbarkeit und öffentliche Anerkennung politisch.

Als die Stille sprach

Der Kampf, den die Frauen und Menschen der LGBTQI*-Community in Südafrika 2025 geführt haben, ist mehr als eine Protestform. Er ist ein kollektives Zurückerlangen von Handlungsoptionen. Die getöteten Frauen können ihre Stimme nicht mehr nutzen, die Gewalterfahrungen sowie die psychischen und physischen Folgen der Überlebenden können nicht ausradiert werden. Doch die Lebenden können es – und sie taten es, indem sie schwiegen. Fünfzehn Minuten lang. Und das Land und die Welt mussten hinsehen.

Emilie Kasper studiert Geschichte und Geograhie in Köln und ist derzeit Praktikantin bei der issa.