Heft 1/2026, Eswatini: Kultur

Eswatinis kreative Szene: Herausforderungen, Potenzial und Perspektiven

Eswatinis Kunst-, Kultur- und Musikszene ist international vor allem für das Umhlanga Reed Dance Festival (Schilfstanz) und die Bewahrung traditioneller Kultur durch die Königsfamilie bekannt. Doch das kleine Land im Süden Afrikas hat noch viel mehr zu bieten: Eswatini ist die Heimat von „Uncle Waffles", einer der weltweit bekanntesten DJs des südafrikanischen Amapiano-Genres, sowie des international gefeierten MTN Bushfire Festivals.

Immer mehr junge Talente erkunden in Eswatini ihre kreativen Leidenschaften. In ihrem Bericht zur Zukunft der Kunst in Eswatini (2024) stellen „Yebo!", eine Galerie für zeitgenössische Kunst mit Designstudio, sowie die „Antidote Culture Foundation", eine NGO zur Unterstützung lokaler Künstler*innen in ihrer professionellen Entwicklung, fest: „In Eswatini gibt es definitiv ein wiederauflebendes Interesse daran, Kunst zu betreiben" – obwohl Eswatini kein förderliches Umfeld für eine kreative Karriere ist.

Begrenzte Chancen vs. Uncle Waffles' Triumph

In dem Land mit schwachen wirtschaftlichen Bedingungen und einer Bevölkerung von nur 1,2 Millionen ist der Marktzugang für Künstler*innen stark eingeschränkt. Verschärft wird dies laut „Yebo!" und der „Antidote Culture Foundation" durch unzureichende Unterstützung von Unternehmen und der Regierung sowie durch fehlende Anerkennung und begrenzte Möglichkeiten, künstlerische Fähigkeiten weiterzuentwickeln und Einkommen durch den Verkauf von Kunst zu generieren. Dies erschwert es Kunstschaffenden erheblich, ihre Leidenschaft zu einem tragfähigen Beruf zu machen.

So gaben mehr als die Hälfte der 24 Teilnehmenden des Workshops „The Future of Art in Eswatini" an, in Erwägung zu ziehen, das Land zu verlassen, um eine langfristige kreative Karriere aufzubauen. Auch „Uncle Waffles" – Lungelihle Zwane, die nach einem viralen Auftritt im Oktober 2021 im südafrikanischen Soweto zur globalen Amapiano-Sensation wurde – zog aus diesem Grund mit 21 von Eswatini nach Südafrika, um ihre Arbeit als DJ voranzubringen.

Im Interview mit CNN erklärt sie: „Ich wusste, dass ich an einen Ort wechseln musste, der kreativen Fähigkeiten gegenüber aufgeschlossener ist, an dem Kreative bezahlt werden und an dem sie von ihrer Kreativität leben können." Amapiano (isiZulu für die Klaviere) entstand Mitte der 2010er-Jahre in den südafrikanischen Townships Soweto, Alexandra und Victoria.

Laut CNN ist Amapiano „eines der am schnellsten wachsenden Musikgenres Afrikas, bekannt für seinen Deep-House-Sound, der Kwaito, Jazz und perkussive Basslinien miteinander verbindet". „Uncle Waffles", die von Fans auch als „Princess of Amapiano" gefeiert wird, erzielte 2023 einen ihrer größten Erfolge: Sie brachte Amapiano zum ersten Mal überhaupt auf die Hauptbühne des Coachella-Festivals.

Großes Potenzial, aber keine klare Strategie?

Der Nationale Rat für Kunst und Kultur und das Ministerium für Sport, Kultur und Jugend betonen in der Eswatini National Arts and Culture Policy (2023-2028) das erhebliche Potenzial der vielfältigen Talente im Bereich Kunst und Kultur. Die Kunst- und Kulturindustrie hat bereits wesentlich zur Anziehung von Tourist*innen sowie zur Imagebildung des Landes beigetragen. Laut dem Ministerium könnte dieses Potenzial durch gezielte Förderung und Weiterentwicklung, gestützt auf eine klare Strategie, zu einer zentralen Quelle für neue Arbeitsplätze, Einkommen und internationale Währungszuflüsse werden.

Die Regierung hat stets die Notwendigkeit anerkannt, das nationale kulturelle und historische Erbe zu bewahren. Somit investierte sie in die Einrichtung eines Nationalmuseums, nationaler Archive und Denkmäler, den Aufbau nationaler Bibliotheken und die Förderung von Kunst und Kultur über das formale Schulsystem. Zudem finanzierte sie nationale Fernseh- und Radiosender wie Eswatini TV.

Sizo Hlophe, Mitbegründer der 2022 gegründeten „Antidote Culture Foundation", weist jedoch darauf hin, dass die Regierung keine Dringlichkeit zeigt, gezielt in die Kreativ- und Kulturwirtschaft zu investieren. Die größte Herausforderung sieht er darin, dass dieser Bereich im Nationalen Entwicklungsplan weder eine konkrete Strategie noch eine klare Priorisierung erhält. Bisher übernehmen zivilgesellschaftliche Organisationen die Hauptrolle in diesem Sektor.

Förderung von Kunst durch lokale Initiativen

Zum Beispiel organisiert „Yebo!" seit 2010 in seiner Galerie und seinem Designstudio in Ezulwini regelmäßige Ausstellungen und Workshops. Mit der 2012 gegründeten „Art Reach"-Initiative realisiert die Organisation zudem Kunstprojekte im öffentlichen Raum in ganz Eswatini, etwa Wandmalereien oder die künstlerische Gestaltung von Bushaltestellen. „Yebo! Art Reach" stellt außerdem kostenlose Kunstkurse und Atelierräume für Jugendliche der Mahlanya-Gemeinde zur Verfügung.

In der Hauptstadt Mbabane bietet „Yini Loku" (siSwati für „Was ist das?"), ein kreativer Gemeinschaftsraum von „Yebo!" und der „Antidote Culture Foundation", Künstler*innen und Interessierten einen Treffpunkt, um gemeinsam Kunst zu schaffen, Werke zu präsentieren und ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Das Programm von „Yini Loku" umfasst vielseitige Veranstaltungen wie Karaoke-Abende, Secondhand-Märkte, Ausstellungen, Lesekreise und Diskussionsformate sowie Workshops, etwa zu Storytelling im Filmbereich oder Songwriting.

Das gefeierte MTN Bushfire Festival

Das MTN Bushfire Festival, vom Minister für Sport, Kultur und Jugend Bongani Nzima als „nationales Kulturgut" bezeichnet, gilt laut UN in Eswatini als das wichtigste Ereignis in Eswatinis Kreativwirtschaft. Es trägt rund 3,7 Mio. US-Dollar zur Volkswirtschaft bei und schafft während der drei Festivaltage zwischen 900 und 1.200 Arbeitsplätze. Damit gilt es als wesentlicher Motor für Tourismus und die lokale Wirtschaft.

Als eines der meist gefeierten Musik- und Kunstfestivals Afrikas zieht das Festival jährlich bis zu 20.000 Besucher*innen aus rund 60 Ländern ins Malkerns Valley zur Eventlocation „House on Fire". Auf mehreren Bühnen, inklusive dem Amphitheater, einer Kinderzone, einem Kunsthandwerksmarkt sowie einem Kunst- und Dialograum, bietet das Festival ein vielfältiges pan-afrikanisches und internationales Programm aus Live-Musik, Theater, Poesie, Film, Zirkus, Tanz und bildender Kunst.

Seine Gründer Jiggs und Sholto Thorne sehen das Festival als dringend benötigte Plattform zur Förderung der Künste in Eswatini und zugleich als Instrument für kreativen Aktivismus. Somit bietet das Festival seit seinem Debut im Jahr 2007 lokalen Künstler*innen eine wichtige Bühne, um ihr Talent vor einem lokalen wie internationalen Publikum zu präsentieren – darunter Afro-Soul-Sängerinnen wie Khole und Velemseni, die RnB-Sängerin Mandisa Mamba, die Hip-Hop-Rapperin Oriiginelle, DJs wie !Sooks (Electro) und Tendaness (EDM), die Poetin Senetisiwe Ginindza sowie der bildende Künstler und Designer Khulekani Msweli.

Musik auf siSwati und die Zukunft der jungen kreativen Szene

Bis vor kurzem sangen und produzierten nur sehr wenige lokale Musiker*innen auf siSwati, das zusammen mit Englisch Amtssprache Eswatinis ist. Swazi-Soul-Sänger wie Bholoja und Sands gelten als Pioniere, die sich bewusst dafür entschieden, auf siSwati Musik zu machen. Laut „Okay Africa", einem führenden Medium für afrikanische Kunst und Kultur, sangen Swasi-Sänger*innen in der Vergangenheit vor allem auf isiZulu, während nur wenige Lieder auf siSwati veröffentlicht wurden. Mit seinem 2016 veröffentlichten Hit „Tigi", dessen Tigi tigi gigi-Lyrics den Herzschlag nachahmen, erzielte Sands in Südafrika eine Welle des Erfolgs, den zuvor kein Swasi-Song erreicht hatte. Auch junge aufstrebende Künstler*innen integrieren siSwati kreativ in ihre Musik: So kombinieren Rapper Grixxly und Sängerin Sarnilo in Songs wie „Sheleni" (siSwati für Geld) siSwati mit Englisch, während Sarnilo, inspiriert von ihrer swasi- und malawischen Herkunft, in Liedern wie „Sindikumva" und „Okondana" zusätzlich Chichewa einbindet.

Laut Sizo Hlophe erlebt Eswatini gerade eine „kulturelle Renaissance", in der immer mehr junge Menschen aktiv an der Produktion von Kunst beteiligt sind. Für die Zukunft prognostiziert er eine lebendige und informierte Kunstszene, in der die Geschichten der Menschen stärker im Mittelpunkt stehen als nationaler Stolz, Erbe und Traditionen.

Madeleine Lang hat einen M.A. und M.Sc. in Global Studies (Erasmus Mundus Joint Master Degree) und einen B.A. in Politikwissenschaft mit Nebenfach Französisch. Sie interessiert sich besonders für das südliche Afrika, globale wirtschaftliche und finanzielle Governance sowie EU-Afrika Beziehungen.