Heft 1/2026, Südafrika

Grüne Versprechen in der Warteschleife

Südafrikas Wasserstoffpläne zwischen industrieller Dekarbonisierung, Exportorientierung und globaler Marktflaute

Von Eva-Maria Reinwald

Südafrika gilt als eines der wichtigsten potenziellen Produktionsländer für grünen Wasserstoff im Globalen Süden. Begünstigt durch wind- und sonnenreiche Regionen, ausgeprägte industrielle Strukturen sowie bestehende Erfahrungen mit Wasserstofftechnologien verfolgt das Land ehrgeizige Pläne, um sich als Akteur in einer entstehenden globalen Wasserstoffwirtschaft zu positionieren. Gleichzeitig steht die Entwicklung einer grünen Wasserstoffwirtschaft vor schwerwiegenden strukturellen Herausforderungen: hohe soziale Ungleichheit, eine stark kohleabhängige Energieversorgung sowie der große politische und wirtschaftliche Einfluss etablierter fossiler Akteure. Auch der hohe Flächen- und Wasserbedarf für die Wasserstoffherstellung birgt Konfliktpotenzial. Schließlich macht der globale Trend der Verlangsamung des Hochlaufs des Wasserstoffmarktes auch vor Südafrika nicht Halt: Viele der mit großen Visionen angekündigten Projekte stehen weiterhin unter Finanzierungsvorbehalt. Nichtregierungsorganisationen kritisieren die unzureichende Transparenz über tatsächliche und ausbleibende Projektfortschritte sowie einen mangelnden Austausch mit der Zivilgesellschaft und den betroffenen Gemeinden – insbesondere zu Details, die das Land, das Wasser und die Lebensgrundlagen der Menschen betreffen.

Energiepolitischer Kontext: Kohleabhängigkeit und Stromkrise

Südafrikas Energiesystem ist historisch stark auf Kohle ausgerichtet. Rund 74 Prozent der Stromerzeugung stammten 2025 aus Kohlekraftwerken. Diese Abhängigkeit geht auf reichlich vorhandene heimische Kohlevorkommen sowie energiepolitische Sicherheitsüberlegungen angesichts der internationalen Sanktionen während der Apartheid zurück. Heute stellt der alternde und schlecht gewartete Kraftwerkspark eine große Herausforderung dar. Regelmäßige Stromausfälle prägen den Alltag und belasten Wirtschaft und Gesellschaft erheblich. Luft- und Wasserverschmutzung im Umfeld von Tagebauen und Kraftwerken schaden zudem der Gesundheit in angrenzenden Gemeinden.

Obwohl Südafrika über herausragende erneuerbare Ressourcen verfügt – insbesondere im Northern Cape sowie in den Küstenregionen des Eastern und Western Cape –, verlief der Ausbau erneuerbarer Energien lange schleppend. Finanzielle Schwierigkeiten des staatlichen Energieversorgers Eskom und restriktive Vorgaben für private Stromerzeugung bremsten Investitionen. Erst in jüngerer Zeit wurden diese teilweise gelockert. Dennoch bleibt die Diskrepanz zwischen dem Potenzial erneuerbarer Ressourcen und deren tatsächlicher Nutzung groß.

Industrie, Rohstoffe und strategische Ausgangslage

Besonders relevant für die Wasserstoffwirtschaft ist Südafrikas Rolle als weltweit größter Produzent von Platingruppenmetallen wie Platin und Iridium. Diese Metalle sind zentrale Bestandteile von PEM-Elektrolyseuren, einer Schlüsseltechnologie für grünen Wasserstoff. Über den Rohstoffexport hinaus könnte das Land Wertschöpfung erzielen, indem es Katalysatoren und Elektroden herstellt oder auch komplette Elektrolyseure vor Ort produziert. Die Eintrittshürden in diesen Markt sind jedoch hoch: Weltweit bestehen Überkapazitäten bei Elektrolyseuren, der Markthochlauf von Wasserstoff verzögert sich und in Südafrika gibt es bislang noch keine kommerzielle Elektrolyseur-Fertigung.

Mit einem Industrieanteil von rund einem Viertel des Bruttoinlandsprodukts verfügt Südafrika über eine starke industrielle Basis. Viele Sektoren – etwa Stahl, Chemie und synthetische Kraftstoffe – zählen zu den sogenannten „hard-to-abate"-Industrien, also jenen Industrien, in denen eine Minderung von Treibhausgasen nur schwer zu erreichen ist. Sie basieren bislang auf günstiger Kohleenergie. Grüner Wasserstoff kann hier Transformationspfade eröffnen:

In der Stahlproduktion kann Wasserstoff als Reduktionsmittel dienen und so die Herstellung von klimafreundlichem grünem Stahl bzw. dessen Vorstufe, dem grünen Eisenschwamm, ermöglichen. Angesichts verschärfter Klimaschutzauflagen im globalen Handel, etwa durch den europäischen CO?-Grenzausgleichsmechanismus CBAM, kann dies langfristig eine Marktposition sichern.

Auf Basis von grünem Wasserstoff produzierter Ammoniak kann zur Düngemittelherstellung eingesetzt werden. Auch wenn aus Umweltsicht eine Reduktion des Düngemitteleinsatzes durch mehr ökologische Landwirtschaft wünschenswert wäre, könnte eine klimafreundliche inländische Produktion von Chemiedünger Importabhängigkeiten verringern und die Preisstabilität im Ernährungssektor stärken.

Zudem bestehen Potenziale für Schiffs- und Flugtreibstoffe. Südafrika verfügt über Fischer-Tropsch-Anlagen, in denen perspektivisch aus grünem Wasserstoff und nachhaltigen Kohlenstoffquellen E-Kerosin (eSAF) oder E-Diesel hergestellt werden könnten. In der Vergangenheit haben diese Anlagen auf Basis von sog. grauem Wasserstoff (durch Verbrennung von Kohle produziert) Treibstoffe hergestellt. Erforderlich wäre eine Umrüstung der Anlagen sowie der Aufbau nachhaltiger Kohlenstoffquellen.

Strategische Pfade und Herausforderungen des Strukturwandels

Mit der „Hydrogen Society Roadmap" (2021) und der „Green Hydrogen Commercialisation Strategy" (2023) formuliert die Regierung das Ziel, Südafrika zu einem global wettbewerbsfähigen Wasserstoffstandort zu entwickeln. Neben der Nutzung in emissionsintensiven Industrien liegt ein starker Fokus auf dem Export von grünem Ammoniak.

Prominentestes Beispiel ist das Boegoebaai-Projekt im Northern Cape, das vor allem auf europäische und asiatische Märkte zielt. Dafür müssten Häfen, Stromleitungen und Entsalzungsanlagen im erheblichen Umfang neu errichtet werden. Kritiker*innen fragen, ob hier vor allem internationale Abnehmer von öffentlichen Investitionen profitieren.

Demgegenüber verfolgt die „Platinum Valley Initiative" einen stärker binnenwirtschaftlich orientierten Ansatz. In den Regionen Limpopo, Gauteng und KwaZulu-Natal sollen integrierte Wertschöpfungsketten in Bergbau, Stahl, Mobilität und Logistik entstehen. Auch in Saldanha Bay sind Planungen für ein Zentrum für grüne Wasserstoffderivate angelaufen, das auf bestehender Industrie- und Hafeninfrastruktur aufbaut. Die Pläne umfassen auch, ein vormals stillgelegtes Stahlwerk wieder zu eröffnen.

Grüner Wasserstoff erfordert hohe Investitionen in neue Technologien und Produktionsprozesse. Preislich kann er daher noch nicht mit Kohle konkurrieren, und es braucht gezielte Fördermaßnahmen, um die Entstehung von grünen Wasserstoffmärkten zu ermöglichen. Neben den Unklarheiten in der Entwicklung von Absatzmärkten erschweren in Südafrika komplexe politische Zuständigkeiten in Planungs- und Genehmigungsverfahren, Finanzierungsfragen und die politische Interessenbindung zentraler Akteure an das fossile Wirtschaftsmodell die Umsetzung.

Soziale Fragen, Ressourcenverbrauch und Umweltfolgen

Südafrika weist eine der höchsten Einkommensungleichheiten weltweit auf. Millionen Menschen sind direkt oder indirekt von der Kohlewirtschaft abhängig. Zwar betont die Regierung den Anspruch einer „gerechten Energiewende", doch bleibt oft unklar, wie Wasserstoffprojekte konkret zur Verbesserung der Lebensbedingungen beitragen sollen. Neue Arbeitsplätze entstehen vor allem in hochqualifizierten Bereichen wie Anlagenbau, Betrieb, Wartung, Forschung und Beratung, während ehemalige Kohlearbeiter*innen in der Regel andere Qualifikationen mitbringen. Ohne gezielte Weiterbildungs- und Beteiligungsprogramme drohen neue soziale Spaltungen. Zivilgesellschaftliche Akteure warnen zudem, dass erneuerbare Energien an das Wasserstoffexportmodell „gebunden" werden könnten, statt zunächst die Stromversorgung der Bevölkerung und der lokalen Wirtschaft zu stabilisieren.

Auch der Ressourcenverbrauch ist umstritten. Grüner Wasserstoff benötigt große Mengen Wasser – in einem regelmäßig von Dürre betroffenen Land. Zwar planen Projektentwickler*innen Entsalzungsanlagen, doch die entstehenden Solen können bei unzureichendem Management das Meeresökosystem schädigen und den Lebensunterhalt von Fischergemeinden gefährden. Politisch umkämpft ist zudem die Frage, ob entsalztes Wasser auch umliegenden Gemeinden zugutekommen oder primär Exportprojekten dienen soll.

Der Einsatz von grünem Wasserstoff in der Stahl- und Chemieindustrie würde sich hingegen positiv auf die Luftqualität in Regionen auswirken, die bislang von hoher Luftverschmutzung betroffen sind.

Großskalige Projekte haben einen erheblichen Flächenbedarf, oft in Regionen mit ungelösten Landrechtsfragen. Beim Boegoebaai-Projekt etwa befürchten Angehörige der Nama-Gemeinschaft, den Zugang zu traditionellen Fischgründen und kulturell bedeutsamen Gebieten zu verlieren.

Die Bevölkerung in der Nähe geplanter Wasserstoffprojekte hat bereits in der Vergangenheit unter Umweltschäden gelitten, die eben jene Unternehmen verursacht haben, die nun auch eine zentrale Rolle in den Wasserstoffprojekten einnehmen: Sei es der Energie- und Chemieriese Sasol als Hauptpartner geplanter Großprojekte, der Stahlproduzent ArcelorMittal South Africa (AMSA) oder der Bergbaukonzern Anglo American. Entsprechend groß ist die Skepsis gegenüber den Verlautbarungen der Unternehmen, mit grünem Wasserstoff nun umweltfreundliche Pfade einschlagen zu wollen. Befürchtet wird, dass fossile Unternehmen den Hype um Wasserstoff mit dem Ziel vorangetrieben haben, weiter mit fossilen Brennstoffen hergestellten Wasserstoff als „kohlenstoffarmen" Wasserstoff verkaufen zu können.

Partizipation und Transparenz als Schlüssel

Im Bündnis Hydrogen Watch haben sich zivilgesellschaftliche Organisationen zusammengeschlossen, um die Entwicklung der Wasserstoffindustrie kritisch zu begleiten. Auch wenn die Gruppen Chancen und Risiken unterschiedlich stark gewichten: Einigkeit besteht darin, dass ein gerechter Wandel nur möglich ist, wenn betroffene Gemeinden transparent informiert und verbindlich beteiligt werden. Dazu gehören die Achtung des Rechts auf freie, vorherige und informierte Zustimmung sowie verbindliche Vereinbarungen darüber, wie Gemeinden von Wasser, Energie, Einnahmen und Arbeitsplätzen profitieren. In sogenannten „community benefits agreements" sollten entsprechende Einigungen verbindlich festgelegt werden.

Wasserstoffprojekte auf Halt und Chancen der Neubewertung

Mangelnde Transparenz beklagen zivilgesellschaftliche Organisationen auch in der aktuellen Situation eines deutlich werdenden Stillstands in geplanten Projekten. Während Regierung und Industrie weiterhin mit der Ankündigung großer Job- und Investitionszahlen werben, seien Informationen zu Verzögerungen und möglichen Projektstreichungen kaum öffentlich zugänglich. Ähnlich der Situation auf den Weltmärkten für Wasserstoff – in denen zwar zahlreiche Planungen für grünen Wasserstoff existieren, jedoch erst 10 Prozent der Projekte eine finale Investitionsentscheidung vorweisen können – ist auch die Zukunft der angekündigten Wasserstoffprojekte in Südafrika ungewiss. So teilte etwa der deutsche Entwickler Enertrag 2024 mit, eine geplante E-Methanol-Anlage zurückstellen zu wollen, Anglo American stellte den Prototypen eines wasserstoffbetriebenen Muldenkippers außer Dienst, und ein Vertreter von Sasol erklärte 2025, dass grüner Wasserstoff zwar eine industrielle Perspektive darstelle, aber kurzfristige Herausforderungen im Übergang nicht löse. Zivilgesellschaftliche Gruppen fordern in Anbetracht der Entwicklungen eine ehrliche Diskussion darüber, welche der angekündigten Projekte realistisch umgesetzt werden, wie sie priorisiert werden und wie bei einem Scheitern Alternativen aufgebaut werden.

Die aktuellen Verzögerungen nach anfänglichem Hype eröffnen für Südafrika auch die Chance zur kritischen Neubewertung: Welche Projekte tragen tatsächlich zu Energiesicherheit, lokaler Wertschöpfung und sozialer Gerechtigkeit bei und welche sollten zurückgestellt oder grundlegend umgestaltet werden? Wo könnten öffentliche Mittel z.B. nachhaltiger in dezentrale erneuerbare Energien investiert werden?

Um den sozialen und ökologischen Risiken zu begegnen, braucht es transparente Informations- und Beteiligungsstrukturen sowie eine starke Regulierung. Dazu zählen z.B. ein spezifischer wasserrechtlicher Rahmen für Wasserstoffprojekte, verbindliche Dekarbonisierungsziele für Industriesektoren und nationale Leitlinien, die Raumordnung, Biodiversität, Küstenzonen und Konfliktprävention vorausschauend berücksichtigen.

Eva-Maria Reinwald ist Politikwissenschaftlerin (MA) und seit November 2025 Projektreferentin für Wasserstoff und Globale Gerechtigkeit beim oikos-Institut der Evangelischen Kirche von Westfalen. Zuvor hat sie in zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Organisationen zu Wirtschaft und Menschenrechten sowie zu Klimagerechtigkeit gearbeitet.