Heft 1/2026, Südafrika

Südafrikas 15 Jahre in BRICS

Ende Dezember 2025 feierte Südafrika 15 Jahre Mitgliedschaft in der Gruppe der BRICS-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika). Ein Anlass, Südafrikas BRICS-Mitgliedschaft kritisch zu reflektieren und seine veränderte Rolle im Kontext der BRICS-Erweiterung einzuordnen.

Von Madeleine Lang

Die konzeptionelle Grundlage der 2009 gegründeten Staaten-Gruppe lässt sich auf den Ökonom Jim O'Neill zurückführen, der in einem Goldman-Sachs-Bericht (2001) darauf hinwies, dass Brasilien, Russland, Indien und China (BRIC) als zukünftige globale Wirtschaftsmacht gemeinsam das BIP der G7-Staaten übertreffen würden. Südafrika war somit ursprünglich nicht als Bestandteil dieses neuen Formats vorgesehen. Erst auf Einladung Chinas hin wurde Südafrika am 24. Dezember 2010 in den Staatenbund aufgenommen und nahm erstmals als vollständiges Mitglied am Gipfeltreffen im April 2011 in Sanya, China, teil. O'Neill kritisierte Südafrikas Beitritt zunächst. Er war der Ansicht, dass Südafrikas zu geringe Wirtschaftskraft die Gruppe schwächen würde, und hielt andere Schwellenländer für geeignetere Kandidaten.

Folashadé Soulé-Kohndou, die leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin am Global Economic Governance Programm der Oxford-Universität, erklärt Südafrikas BRICS-Aufnahme primär als Ergebnis einer intensiven diplomatischen Lobbykampagne der südafrikanischen Regierung, die auch von nichtstaatlichen und privaten Akteuren unterstützt wurde. Dabei positionierte sich Südafrika im Hinblick auf die Notwendigkeit afrikanischer Repräsentation als idealer Partner für die BRICS-Afrika-Beziehungen, gestützt auf seinem selbsternannten Status als Afrikas ökonomischer Spitzenreiter und wirtschaftliches Tor zum Kontinent.

Nachdem die erfolgreiche Ausrichtung des FIFA World Cups 2010 ihn dazu bewegte, seine anfängliche Kritik zu überdenken, nahm O'Neill Bezug auf Südafrikas mögliche Rolle als Partner für BRICS-Afrika-Beziehungen und argumentierte schließlich: „Südafrika könnte seine Mitgliedschaft mehr als rechtfertigen, wenn es Afrika helfen würde, sein bemerkenswertes Potenzial zu entfalten."

In der ersten Ausgabe von Südafrikas Magazin für öffentliche Diplomatie Ubuntu Magazine. South Africa's Public Diplomacy in action, das im August 2012 vom südafrikanischen Ministerium für Internationale Beziehungen und Zusammenarbeit (DIRCO) veröffentlicht wurde, antwortete die damalige Außenministerin Maite Nkoana-Mashabane auf O'Neills Kommentar. Sie versicherte ihm, dass dieses Ziel an erster Stelle der politischen und wirtschaftlichen Diplomatie stehe.

Während Südafrikas Rollen- und Repräsentationsansprüche von den ursprünglichen BRICS-Mitgliedern unterstützt wurden, sind diese auf dem afrikanischen Kontinent nach wie vor umstritten und finden keine breite Akzeptanz. Südafrika hielt weder ein offizielles Mandat inne (z.B. durch die AU) noch beriet es sich mit afrikanischen Staaten, bevor es diese Rolle beanspruchte. Es sah sich daher der Notwendigkeit ausgesetzt, seine Mitgliedschaft vor allem gegenüber dem afrikanischen Publikum zu legitimieren.

Südafrikas öffentliche Diplomatie zur BRICS-Mitgliedschaft

Die Analyse des Ubuntu Magazine zeigt, dass das Magazin für öffentliche Diplomatie über den Zeitraum von 2012 bis 2025 ein konsistentes Narrativ verfolgte: Südafrikas BRICS-Mitgliedschaft wird in einem stark positiven Licht dargestellt und sein Selbstverständnis unter anderem als legitimes, gleichberechtigtes und wertvolles BRICS-Mitglied gefestigt. Drei zentrale Darstellungsweisen (Framings) lassen sich identifizieren:

Die Mitgliedschaft wird erstens als eine präsentiert, in der Südafrika BRICS ein Tor zu Afrika („Gateway to Africa") bietet, durch das das Potenzial von BRICS-Afrika-Handel und Investitionen freigesetzt wird. Zweitens wird Südafrika als Sprecher Afrikas innerhalb von BRICS positioniert, der die „African Agenda" sowie die Agenda des Globalen Südens und ein inklusiveres globales Governance-System vorantreibt. Und drittens wird die Mitgliedschaft als vorteilhaft für alle dargestellt – für Südafrika, BRICS, Afrika, den Globalen Süden und letztlich die internationale Gemeinschaft.

Dieses Narrativ kann als strategische Reaktion auf die anfängliche Skepsis und Kritik sowie O'Neills Äußerung verstanden werden, dass Südafrikas Mitgliedschaft dann gerechtfertigt sei, wenn das Land helfen könne, den Kontinent auf einen beschleunigten Weg zu größerer wirtschaftlicher Stärke zu führen. Es stärkt kontinuierlich die Legitimität der Mitgliedschaft und bekräftigt zugleich die regionalen und globalen Führungsrollen, die das Land für sich beansprucht. So wird der Beitritt zu BRICS im Ubuntu Magazine als ein Ereignis beschrieben, das Südafrika „in eine ganz andere Liga gehoben" hat, und auf BRICS verwiesen, um zu betonen, dass „niemand die Schlüsselrolle, die Südafrika auf der internationalen Bühne spielt, oder seinen globalen Einfluss anzweifeln kann".

Vorteilhafte Mitgliedschaft – für wen?

Ein Teil der wissenschaftlichen Debatte über Südafrikas BRICS-Mitgliedschaft unterstützt die offizielle Position und betont die Vorteile für Südafrika, die BRICS-Gruppe und den afrikanischen Kontinent. Andere argumentieren, dass die Mitgliedschaft trotz rhetorischer Bekenntnisse zur kontinentalen Repräsentation primär nationalen Interessen dient, und hinterfragen, inwieweit Afrika über symbolische Repräsentation hinaus konkrete Vorteile aus Südafrikas BRICS-Mitgliedschaft ziehen kann. Kritisiert wird etwa, dass Südafrika teilweise BRICS-Interessen über die Afrikas stellt – etwa durch Südafrikas Unterstützung der 75 Mrd. US-Dollar Rekapitalisierung des IWF im Jahr 2012, wodurch Afrikas Stimmanteil sank, während andere BRICS-Mitglieder Zuwächse verzeichneten. Zudem wird infrage gestellt, welche Vorteile Südafrika als politisch und wirtschaftlich schwächstes BRICS-Mitglied wirklich ziehen kann.

Dominic Maphaka kommt in seiner afrozentrischen Analyse zu dem Ergebnis, dass Südafrikas Partnerschaft mit den anderen BRICS-Ländern nicht zum gegenseitigen Vorteil ist. Stattdessen profitierten andere BRICS-Mitglieder, insbesondere China und Russland, auf Kosten Südafrikas, wodurch das Land in eine ungleiche Position gerät – ähnlich wie bei seinen traditionellen Partnerschaften mit westlichen Ländern.

Afrikas Sprecher innerhalb BRICS?

Die ehemalige Außenministerin Maite Nkoana-Mashabane erklärt im Ubuntu Magazine, dass seit Südafrikas Beitritt Afrikas Entwicklungsbedürfnisse und -bestrebungen vollständig in die BRICS-Agenda integriert wurden. Seit der Erklärung von Sanya 2011 hätten die BRICS-Regierungschefs ihre Unterstützung und Solidarität mit Programmen der Afrikanischen Union (AU) – wie NEPAD, der Agenda 2063 und dem AfCFTA – kontinuierlich zum Ausdruck gebracht.

Festzuhalten ist, dass Südafrika für die drei BRICS-Gipfeltreffen auf südafrikanischem Boden (2013, 2018, 2023) jeweils ein Motto wählte, das bereits im Titel einen expliziten Afrikabezug aufwies und Südafrikas Einsatz zur Stärkung afrikanischer Präsenz auf der BRICS-Agenda sowie der BRICS-Afrika-Zusammenarbeit unterstrich. Zudem wurde unter Südafrikas BRICS-Präsidentschaft 2013 der BRICS-Africa Outreach als Dialog- und Kooperationsplattform zwischen BRICS und dem afrikanischen Kontinent ins Leben gerufen.

Politikwissenschaftler Thabang William Mkhuma stellt fest, dass Südafrika, herausgefordert durch die beinahe unmögliche Aufgabe, eigene Interessen mit denen des gesamten Kontinents zu koordinieren, zwar einen bedeutenden Beitrag zur Förderung der „African Agenda" innerhalb von BRICS leistete, aber nicht alle Ziele dieser Agenda erreichen konnte und teilweise im Widerspruch zu ihr handelte.

Wirtschaftliches Tor zu Afrika – verstärkter Handel mit BRICS?

Die ehemalige Außenministerin Naledi Pandor erklärt im Ubuntu Magazine, dass der Gesamthandel Südafrikas mit BRIC-Partnern von 487 Mrd. Rand im Jahr 2017 auf 702 Mrd. Rand im Jahr 2021 angestiegen sei. Auch der Handel zwischen BRICS und dem afrikanischen Kontinent wuchs: Das Handelsvolumen wurde 2012 von der Standard Bank auf 340 Mrd. US-Dollar geschätzt und stieg bis 2023 nach Angaben der BRICS Consulting Group auf 580 Mrd. US-Dollar. Allerdings lässt sich dieser Zuwachs nicht direkt auf Südafrikas BRICS-Mitgliedschaft zurückführen – denn es existiert kein gemeinsames zollfreies oder reziprokes präferenzielles BRICS-Handelsabkommen. Außerdem ist die Wirksamkeit von Südafrikas Rolle als wirtschaftliches Tor zu Afrika umstritten: Andere afrikanische Länder wie Marokko und Ägypten erfüllen regional vergleichbare Gateway-Funktionen. Zudem haben einzelne BRIC-Staaten eigene erfolgreiche Partnerschaften und Initiativen auf dem Kontinent etabliert, wie z.B. das Forum on China-Africa Cooperation (Focac) oder der India-Africa Forum Summit (IAFS).

Der Politikwissenschaftler Ufo Okeke-Uzodike warnt, dass ein erleichterter Marktzugang für BRICS-Staaten zu Afrika der Wirtschaft des Kontinents und Südafrikas schaden und auf eine neue Form von imperialer Herrschaft in Afrika hindeuten könnte. Hingegen sehen Subodh N. Malakar und Khush-Hal S. Lagdhyan („South Africa and BRICS" in Locating BRICS in the Global Order: Perspectives from the Global South) solche Ängste vor einer neo-kolonialistischen und ausbeuterischen BRICS-Agenda als unbegründet an. Sie argumentieren, dass BRICS eine Alternative bietet, um weniger abhängig vom Westen zu sein, und verweisen auf verstärkte BRICS-Investitionen und Handel in ganz Afrika.

Bhaso Ndzendze, Professor am Seminar für Politik und Internationale Beziehungen an der Universität Johannesburg, wiederum zeigt auf, dass Südafrikas Exporte an die ursprünglichen BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) in den ersten 14 Jahren (2010-2024) seiner Mitgliedschaft unter seinem Potenzial und den offiziell erklärten Zielen lagen. Während Südafrika mit der EU und den USA ein rückläufiges Handelsbilanzdefizit verzeichnet, stellt Ndzendze für den Zeitraum 2010-2024 ein zunehmendes Handelsbilanzdefizit mit den BRICS-Ländern fest – von 3,6 Mrd. US-Dollar auf 13,2 Mrd. US-Dollar – sowie einen Mangel an Industrieexporten aus Südafrika. Als Hauptgrund nennt Ndzendze, dass Südafrika als kleinste Wirtschaft der BRICS-Länder mit den niedrigsten Zollsätzen (4,9 - 5,3 Prozent) die offenste ist, während der nächstniedrigste BRICS-Zolltarif bei 10,3 Prozent liegt (für Russland).

Diese Problematik wurde von Präsident Cyril Ramaphosa beim Virtual Extraordinary BRICS Leaders' Meeting im September 2025 angesprochen: „Für Südafrika würde eine „BRICS Economic Partnership Strategy", die einen sinnvollen Weg aufzeigt, die unausgewogene Struktur des BRICS-Handels zu korrigieren, ein klares Signal an die Welt senden, dass sich alle BRICS-Mitglieder zu einem gegenseitig vorteilhaften Handel verpflichten, der die Bedürfnisse und Interessen aller Mitglieder berücksichtigt."


Entwicklungsfinanzierung für gesamt Afrika?

Die 2014 von den BRICS-Staaten gegründete New Development Bank (NDB) eröffnete im August 2017 ihr Afrikanisches Regionalzentrum („Africa Regional Centre", ARC) in Johannesburg. Bei der Eröffnung betonte der ehemalige Präsident Jacob Zuma, dass sich das ARC um die wichtigen Entwicklungsbedürfnisse Afrikas kümmern würde und dem ganzen Kontinent zugutekäme. Stand Januar 2026 ist Südafrika jedoch das einzige afrikanische Land, das NDB-Kredite zur Entwicklungsfinanzierung erhalten hat. Insgesamt wurden 13 Projekte finanziert, davon gelten vier als abgeschlossen und neun als genehmigt, während drei weitere Projekte den Status „vorgeschlagen" haben. Ägypten legte im April 2024 ein Projektkonzept zur Finanzierung der Infrastrukturentwicklung vor, das Stand Januar 2026 noch immer nicht beschieden wurde. Bislang sind neben Südafrika nur zwei weitere afrikanische Länder Mitglied der BRICS-Bank – Ägypten seit 2023 und Algerien seit 2025 – während Äthiopien derzeit den Status eines potenziellen Mitglieds hat. Zudem kritisiert der Soziologe und politische Ökonom Patrick Bond am Beispiel Südafrikas, dass die NDB ungleiche Entwicklung verstärkt, da sie Kredite an die korrupten staatlichen Unternehmen Transnet und Eskom für höchst fragwürdige Projekte vergeben hat.


BRICS-Erweiterung – Herausforderung oder Chance?

Die Meinungen von Expert*innen über die Erweiterung der ursprünglichen 5 Mitglieder zur BRICS+-Gruppe durch den Beitritt Ägyptens, Äthiopiens, Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Irans (2024) und Indonesiens (2025) gehen auseinander: Einige behaupten, dass die strategische Expansion auf 11 Länder, die zusammen fast die Hälfte des globalen BIP und der Weltbevölkerung ausmachen, den Status der Gruppe deutlich erhöhen würde und afrikanischen Ländern helfen könnte, sich global neu zu positionieren. Andere verweisen auf interne Widersprüche sowie Konflikte zwischen den Mitgliedern, wodurch die Entscheidungsfindung und Handlungsdynamik behindert und somit das politische Gewicht von BRICS+ insgesamt gemindert werden könnten.

Der Beitritt Ägyptens und Äthiopiens bietet theoretisch die Chance, durch eine koordinierte Zusammenarbeit der drei afrikanischen Mitglieder für eine stärkere afrikanische Repräsentation und Interessenvertretung innerhalb der BRICS+ zu sorgen. Beim Treffen der BRICS+-Außenminister in Rio de Janeiro im April 2025 zeigten sich jedoch bereits Spannungen und Rivalitäten zwischen Südafrika und den neuen afrikanischen Mitgliedern. Ägypten und Äthiopien blockierten Teile einer zuvor erarbeiteten Erklärung, die die Bestrebungen Südafrikas, Brasiliens und Indiens nach einer größeren Rolle innerhalb der UN, inklusive dem UN-Sicherheitsrat, unterstützte. Die beiden neuen Mitglieder verurteilten dies als Bevorzugung Südafrikas gegenüber anderen afrikanischen Ländern und verwiesen auf den Ezulwini-Konsens der AU, der zwei vom gesamten Kontinent ausgewählte permanente afrikanische Sitze im UN-Sicherheitsrat fordert.

Mit dem Ende seiner vorteilhaften Position als einziges afrikanisches Mitgliedsland werden Südafrikas Einfluss und Handlungsspielräume innerhalb der BRICS+ eingeschränkt und die ohnehin schon umstrittenen Rollen als Sprecher und wirtschaftliches Tor zu Afrika geraten zunehmend unter Druck. Gleichzeitig wird dies wohl auch Südafrikas Einfluss auf der internationalen Bühne schwächen – insbesondere im Hinblick auf den Verlust seiner Sonderstellung als einziger afrikanischer Repräsentant, nicht nur innerhalb der BRICS+, sondern auch in der G20 durch den Beitritt der AU zu diesem Forum im Jahr 2023.

Angesichts dieser Entwicklungen bleibt abzuwarten, wie sich Südafrikas Rolle innerhalb der BRICS+ entwickelt und wie seine öffentliche Diplomatie darauf reagieren wird. Könnte das BRICS+-Gipfeltreffen 2026 in Indien – bei dem Südafrika zum 15. Mal als vollständiges Mitglied anwesend ist – eine neue Phase einleiten, in der seine Rollenpositionierung und öffentliche Diplomatie neu formuliert werden?

Madeleine Lang hat einen M.A. und M.Sc. in Global Studies (Erasmus Mundus Joint Master Degree) und einen B.A. in Politikwissenschaft mit Nebenfach Französisch. Sie interessiert sich besonders für das südliche Afrika, globale wirtschaftliche und finanzielle Governance sowie EU-Afrika Beziehungen.