Heft 2/2018, Editorial

Ein Stück Seele Südafrikas...

LANGE ZEIT WAR ES STILL UM SIE GEWORDEN: WINNIE MADIKIZELA-MANDELA. Am 2. April 2018 ist sie im Alter von 81 Jahren nach langer Krankheit gestorben. Innerhalb kurzer Zeit quollen die Nachrufe in Südafrikas Medien über, Fernseh- und Radiosendungen huldigten der „Mutter der Nation", Kolumnen schreiben ihre Geschichte neu. Aktivistin, Feministin, Freiheitskämpferin, Befürworterin des gewaltsamen Widerstands, Unbeugsame, Unkontrollierbare, Philantropistin, Ikone, vor allem aber „Mutter der Nation" und „Ehefrau an der Seite von Nelson Mandela" – es gibt kaum ein Etikett, was ihr nicht angeheftet wird.

Hiesige Nachrufe, zumeist aus der Schublade von Agenturmeldungen gezimmert, begnügen sich in der Regel mit dem vereinfachten Bild der„zwei Gesichter" der Winnie Mandela: Hier die kämpferische Freiheitsikone, die stellvertretend für ihren berühmten inhaftierten Ehemann den Anti-Apartheid-Kampf in den Townships Südafrikas anführte, da die skandalumwobene Ideologin, die im Höhepunkt des Apartheid-Notstands zu Halskrausenmorden an Kollaborateuren des weißen Regimes aufrief und mit dem Mord an einem jungen Aktivisten in Verbindung gebracht wurde. Tatsächlich wird man wohl in kaum einem Narrativ ihrer komplexen Lebensgeschichte gerecht. Die zahlreichen und aus unterschiedlichsten Perspektiven geschriebenen Nachrufe zeigen aber eins: Winnie Madikizela-Mandela verkörperte ein „Stück Seele" dieses vielschichtigen Südafrika.

„Ein Stück meiner Seele ging mit ihm" schrieb sie damals, als sie Nelson Mandela in seiner Haft auf Robben Island und später in Pollsmoor besuchte. Doch da hatte sie längst ihren eigenen Mut, ihre eigene Würde und Standhaftigkeit gezeigt. Mitte der 1980er-Jahre war sie nach achtjähriger Verbannung von dem Ort der Isolation – Brandfort, ihr „kleines Sibirien", wie sie es nannte – zurückgekehrt und von den Heranwachsenden und Jugendlichen in den Townships begeistert empfangen worden. Dort, wo Südafrika auf Geheiß des ANC „unregierbar" gemacht werden sollte, machten die Jugendlichen sie zu ihrem Idol. „Man trug sie bei den Begräbnissen, die unter dem Notstand zum politischen Ereignis wurden, auf den Schultern und skandierte in den Straßen ‚Mandela, Mandela'", schrieb Hein Möllers, früherer Geschäftsführer der issa, 1989 in dieser Zeitschrift (ehemals informationsdienst südliches afrika, Nr. 2/1989).

Damals, in der hochexplosiven Lage des Notstands in den Townships, hatte der schreckliche Mord an dem jungen Aktivisten Stompie Seipei die südafrikanische Anti-Apartheid-Bewegung wie auch die hiesige Solidaritätsbewegung schockiert. Winnie Mandelas Aufruf zur Lynchjustiz in einer öffentlichen Rede 1986, von dem sie sich später distanzierte, hatte bereits zu Irritationen geführt. Doch nun wurde sie auch für den Mord an Stompie, für den später der Polizeispitzel und Mandela-Leibwächter Jerry Richardson verurteilt wurde, mitverantwortlich gemacht. Hein Möllers hatte sich in seinem damaligen Beitrag von 1989 „Im Rampenlicht: Die Tragödie Winnie Mandela" um ein differenziertes Bild bemüht und das Spannungsfeld zwischen einer breiten Bewegung wie dem ANC und einer einzelnen Persönlichkeit, welche eine Identifizierung erleichtert und für die Medien griffiger ist, aufgezeigt.

Winnie Madizikela-Mandela beteuerte immer ihre Unschuld. Nach dem Ende der Apartheid, der Aufarbeitung zumindest eines Teils der Brutalität des Apartheidregimes durch die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) und späteren Aussagen und Berichten weiß man mehr über dieses düstere Kapitel der Apartheid-Ära: Der Geheimdienst hatte Personen wie Winnie Mandela immer auf dem Schirm. Sie stand, wie Paul Erasmus, Sicherheitsagent des Geheimdienstes Stratcom, gegenüber der TRC damals aussagte, mehr als jede andere Person unter 24-Stunden-Überwachung. Ihr Fußballclub, den sie sich in Soweto zugelegt hatte, war von Spitzeln unterwandert. Während Unterhändler mit Nelson Mandela verhandelten und ihn nach seiner Freilassung drängten, sich jeglicher radikaler Rhetorik zu enthalten, um den Prozess der Versöhnung nicht zu gefährden (und natürlich die Privilegien der Weißen zu retten), versuchte man, Winnie Mandela zu isolieren.

Ein Jahr vor ihrem Tod hat die französische Autorin Pascal Lamche mit ihrem Dokumentarfilm „Winnie" dazu beigetragen, ihre kontroverse Lebensgeschichte neu zu bewerten. Das hierzulande auf Arte ausgestrahlte Filmporträt zeigt auf, wie die „Ikone Winnie" dämonisiert und mit Anschuldigungen, Lügen und gekauften Zeugenaussagen zu Fall gebracht wurde. Aufschlussreich – und erschreckend zugleich – dabei die Interviewaussagen von Viv McPherson, dem damaligen für Verhaftungen und Exekutionen von Freiheitskämpfern zuständigen Stratcom-Operationsleiter. Doch der Film zeigt auch, wie Winnie von der aus dem Exil zurückkehrenden ANC-Führung politisch isoliert wurde und sich von Nelson Mandela scheiden lassen musste. Sie haderte mit den patriarchalen Strukturen des ANC und „hielt den Geist des Widerstands am Leben", wie Shireen Hassim in dieser Ausgabe schreibt. Winnie Mandela hat es der Parteiführung nie leicht gemacht, sie hat zuletzt die Korruption eines Jacob Zuma ebenso kritisiert wie sie sich für Landrechte von Frauen eingesetzt hat. Die riesige Anteilnahme an der nationalen Trauerfeier zeigt, dass mit ihr ein Stück Seele Südafrikas gegangen ist.

Lothar Berger