Heft 2/2020, Mosambik

Die Bedrohung aus dem Norden

NEUE ANGRIFFE IN CABO DELGADO TREFFEN EINEN VERWUNDBAREN STAAT.

Mosambik kommt nicht zur Ruhe. Der jahrelange, teilweise zum Bürgerkrieg ausgeartete Konflikt mit der oppositionellen Renamo ist auch nach der Verabschiedung des „endgültigen Friedensvertrags" vom 1. August 2019 alles andere als befriedet. Die regierende Frelimo hält weiter an ihrer uneingeschränkten Vormachtstellung fest, statt die Renamo mit einer Anpassung des politischen Systems unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft tatsächlich zu integrieren. Deren militärischer Arm, die selbsternannte Renamo-„Militärjunta", ist weit davon entfernt, sich von Maputo etwas sagen zu lassen.

Nun kommt mit dem Konflikt in Cabo Delgado auch noch eine vermeintlich „dschihadistische" Bedrohung aus dem Norden dazu, die gegen Ende März 2020 eine neue Eskalationsstufe erreicht hat. Nach einer Reihe von Angriffen in den ersten Märzwochen haben etwa 100 bewaffnete Aufständische am 23. März die strategisch wichtige Hafenstadt Mocimboa da Praia besetzt. Sie liegt etwa 300 Straßenkilometer Richtung Tansania von der Provinzhauptstadt Pemba entfernt. Die Angreifer kamen offenbar über See wie über Land, errichteten Straßenblockaden, besetzten die Polizeiwache, ließen Gefangene frei und hissten auf der eingenommenen Kaserne die schwarze Flagge des IS. Autos, Häuser und zwei Bankgebäude wurden niedergebrannt, verschiedene Distriktverwaltungsgebäude und die örtliche Sekundarschule stark beschädigt.

Auffällig ist, dass weder die staatliche Polizei noch das Militär Widerstand leisteten, sondern das Weite suchten, um ihre eigene Haut zu retten. Beobachter berichten von Patrouillen der Angreifer, die tagsüber in kleinen Gruppen durch die Stadt zogen, sich mit der lokalen Bevölkerung verbrüderten und Lebensmittel verteilten. Am frühen Abend bestiegen sie Lastwagen und Boote, verabschiedeten sich unter dem Beifall lokaler Bewohnergruppen und überließen die Stadt wieder der Polizei.

Der Angriff zeigt zum ersten Mal deutlich, dass die bewaffneten Gruppen in Nordmosambik auf eine gewisse Sympathie unter einer teilweise radikalisierten muslimischen Gemeinde setzen können, die bislang unbekannt war. Die Risikobewertungsfirma Control Risks verweist auf zahlreiche Fotos und Videos, auf denen sich die Angreifer in Kontakt mit den Einwohnern von Mocimboa da Praia präsentieren. Das offenbare ihre Mobilität und Taktik, sich bei den Menschen beliebt zu machen. „Die potenzielle Sympathie unter der lokalen Bevölkerung wird die Fähigkeit von al-Sunnah stärken, Mitglieder zu rekrutieren und zukünftigen Nachschub zu sichern" (Mozambique News reports & clippings 474, 24.3.2020). Ein Bericht der beiden Investigativreporter Nazira Suleimane und Estacio Valoi, die verschiedene Aussagen der betroffenen Bevölkerung zitieren, bestätigt diese Beobachtungen.

Zwei Tage nach der Besetzung von Mocimboa da Praia haben die sich zum Islamischen Staat bekennenden „dschihadistischen" Gruppen auch Quissanga eingenommen. Der Hafenort liegt nur 120 Straßenkilometer von Pemba entfernt und hat als Verbindung zu Ibo und anderen vorgelagerten Inseln strategische Bedeutung. Offenbar ist ein großer Teil der Bevölkerung vorher Richtung Ibo und Pemba geflohen. Auch diesmal stellten die Angreifer Fotos und ein Bekennervideo ins Netz, auf dem einzelne Kämpfer mit der Flagge des Islamischen Staates posieren.

Der IS reklamierte die Einnahme beider Städte für sich. Soldaten des Kalifats hätten fünf Stellungen der Armee in Mocimboa da Praia angegriffen, Dutzende getötet und Waffen, Munition und Militärfahrzeuge erobert. Experten halten die Präsenz des IS in Cabo Delgado allerdings weiterhin für unglaubwürdig, zumal es bislang weder einen ernannten Dschihadistenführer noch klare Forderungen gibt.

Für den Soziologen Elísio Macamo sind die Angriffe in Mocímboa da Praia laut Deutscher Welle (dw.com/pt, 24.3.2020) „eine große Peinlichkeit" für den mosambikanischen Staat, sein Staatsoberhaupt und die Armeeführung. Die zunehmend dreisteren Attacken würden sich als ein Symptom für die Schwäche der Sicherheitskräfte erweisen, die seit Beginn der Aufstände nicht in der Lage gewesen seien, den Angreifern die Stirn zu bieten. Mit dem Hissen der schwarzen Flagge wollten die Aufständischen die Souveränität Mosambiks in Frage stellen, doch das sei ein eher psychologischer Akt gewesen. Noch sieht Macamo den Konflikt nicht wirklich in eine neue Phase eintreten, doch die Schwäche der mosambikanischen Streitkräfte FDS (Forças de Defesa e Segurança) sei offensichtlich. Als reguläre Armee sei sie naturgemäß weniger flexibel und mobil als die Gruppe von Aufständischen, die sich der klassischen Guerillakriegsführung bedienten.

Ein beratungsresistenter Staat aber reagiert auf die Anschläge allenfalls mit Besuchen hochrangiger Vertreter des Verteidigungs- oder des Innenministeriums im Norden und moralischen Appellen an die Bevölkerung, statt sich von Experten beraten zu lassen. Es ist schon merkwürdig, meint Macamo in einem Kommentar in „Zambeze" (zambeze.info, 26.3.20), dass es mehr Seminare und Konferenzen über den „Aufstand" in Cabo Delgado außerhalb Mosambiks gibt als im Lande selbst. Ob die Aufständischen mit ihrer inszenierten Verspottung der mosambikanischen Souveränität dem Staat lediglich ein Armutszeugnis ausgestellt haben, wie Macamo meint, oder ob sich hier doch eher eine ernst zu nehmende dschihadistische Bedrohung für einen verwundbaren Staat auftut, werden die kommenden Monate, zeigen. Die werden durch die Ausbreitung des Coronavirus sicherlich nicht leichter.

Lothar Berger