Heft 2/2020, Editorial

Gratwanderung bei Covid-19

Wie hier in Europa werden auch in afrikanischen Ländern die Maßnahmen gegen die Verbreitung von Covid-19 debattiert. Werden sich eher striktere Maßnahmen wie in Italien oder Spanien oder der freiere schwedische Weg auszahlen? Portugal hat sehr schnell reagiert, ebenso viele afrikanische Länder. Welche Maßnahmen gerechtfertigt, zu drastisch oder zu leichtfertig waren, wird sich erst im Nachhinein herausstellen. Klar ist jedoch, dass die Kollateralschäden mitbedacht werden müssen.

Ein Aspekt, dem die größte Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist dabei die Wirtschaft. In Europa gibt es multilaterale Instrumente und Rettungsfonds. In den Ländern des südlichen Afrika gibt es jedoch kaum materielle Sicherheitsnetze, weder für die Wirtschaft und noch weniger für die Bevölkerung.

Während sich also viele afrikanische Länder aus der viel beschworenen Angst vor Millionen Toten dafür entschieden haben, frühzeitig strenge Maßnahmen zu ergreifen und ebenso wie in Asien und Europa Ausgangssperren zu verhängen, fragen sich die vielen im informellen Sektor Tätigen, ob nicht die Auswirkungen der Maßnahmen vielleicht schlimmer sind als die Folgen des Virus selbst.

Der simbabwische Blogger Blessing Vava formuliert es so: „Unsere Menschen machen sich mehr Sorgen über Armut und ihre Lebensbedingungen als über Covid-19, eine Krankheit, die manche scherzhaft als Krankheit für die Reichen bezeichnen." In Malawi gehen die Menschen bereits auf die Straße, um gegen eine Ausgangssperre und für die Versorgung benachteiligter Familien mit Lebensmitteln zu demonstrieren. In Südafrika wird von der Ruhe vor dem Sturm gesprochen, es stehen sogar Supermarktschließungen zur Debatte. „Die Herausforderung, die wir als Afrika haben, besteht darin, dass unsere Führungskräfte keine Lösungen finden, die den Realitäten vor Ort gerecht werden. Was wir erleben, ist nur ein Kopieren und Nachahmen westlicher Lösungen, selbst mit unserer völlig unterschiedlichen politischen, ökonomischen und sozialen Realität", meint Vava. Eine Überfüllung der Krankenhäuser kann sich kein Land leisten, aber nicht zu arbeiten, können sich die Menschen auch nicht leisten. Darüber hinaus werden durch die Maßnahmen auch die sozialen Netze geschwächt.

Die Länder stehen vor dem Dilemma, dass das Ausmaß der Gefahr des Virus noch nicht ganz absehbar ist. Man hat aber die Lage in Italien und die Ausbreitung in Europa gesehen und ist sich der eigenen fragilen Gesundheitssysteme bewusst. So handeln viele entschlossen im Kampf gegen das Virus. Gleichzeitig können sie, selbst wenn sie es wollten, ihrer Bevölkerung keinen Ausgleich bieten und schicken verzweifelt Polizei und Militär, um die Lage unter Kontrolle zu behalten.

Längst werden von internationaler Seite die Rufe nach einem Schuldenschnitt – Erlass oder zu mindestens Stundung – lauter. Es gibt sogar Forderungen nach einem Grundeinkommen für afrikanische Länder, um Gesundheitssysteme zu stärken, soziale Leistungen zu gewährleisten, Ungleichheiten zu entschärfen und Unternehmen sowie die wenigen Produktionsstätten zu retten. Jetzt geht es um den moralischen Willen der internationalen Gemeinschaft, der zugleich wieder die globalen Machtstrukturen offenbart, aber auch um den Willen der Regierungschefs und Machthaber, in der Entschlossenheit die Realitäten nicht aus dem Auge zu verlieren und die Risiken lokal abzuwägen, eigene Wege im Umgang zu finden.

Wichtig ist es ebenso, die Menschenrechte dabei nicht aus dem Auge zu verlieren. Mit der Ausrufung von Notständen lässt sich allerhand Freiheit einschränken. Amnesty International warnt bereits davor, dass Staaten diesen Zustand ausnutzen könnten, um sich mehr Macht zu sichern und Bewegungs- und Versammlungsrechte dauerhaft zu beschneiden, sich unliebsamer Kritik und Protesten zu entledigen. Andererseits können sich jetzt zivilgesellschaftliche Organisationen international Gehör verschaffen mit den Forderungen nach dem Recht auf Gesundheit, das mit dem Zugang zu Wasser, vollwertiger Nahrung, einem angemessen Wohnraum sowie medizinischer Versorgung einhergeht. Was sollte kommunale Dienstleistung sein und vor Privatisierung geschützt werden? Spanien hat kurzerhand den staatlichen Zugriff auf private Krankenhäuser beschlossen. In vielen afrikanischen Ländern haben die Menschen aber die Sorge, dass die Regierungen solche Dienstleistungen herunterwirtschaften und sie deshalb in privaten Händen besser aufgehoben seien. Damit werden Allgemeingüter dann im Namen der Profitmaximierung zum Wirtschaftsgut und nicht mehr für jeden erschwinglich. Medico international fordert „verpflichtende Finanzierungsmechanismen auf internationaler Ebene für die globale Gesundheit. Gesundheitssysteme gehören in öffentliche Hand, zugänglich für alle Menschen und unabhängig von ihrem Einkommen."

Nun ist Handeln gefragt. Umfängliches soziales Handeln, um benachteiligte Bevölkerungsgruppen konkret aufzufangen, und mit Bedacht bei den Maßnahmen. Es ist eine Gratwanderung zwischen den Risiken des Virus und der Kollateralschäden. Es braucht jetzt Sofortmaßnahmen, aber dann auch langfristige Systemanpassungen.

Globales Handeln, aber auch lokale Verantwortung und die Wachsamkeit der Zivilgesellschaft sind in der Pandemie wichtiger denn je.

Anna Balkenhol