Heft 2/2020, Südafrika: Kultur

Tribut an eine Musikerlegende

JOHNNY CLEGG IST IM VERGANGENEN JAHR GESTORBEN. Am 25. April 2020 sollte ein erstklassig besetztes Tribute-Konzert zu Ehren des südafrikanischen Superstars stattfinden. Aber der Shut-Down wegen der Coronavirus-Pandemie machte den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung. Die Veranstaltung wird wohl Ende des Jahres nachgeholt. Jürgen Langen hat Johnny Cleggs Karriere seit Anfang der 80er-Jahre verfolgt und schaut auf das Leben dieses herausragenden Anti-Apartheid-Künstlers zurück.

Am 10. September 1999 schlich sich Nelson Mandela bei einem Live-Konzert in Frankfurt/Main während der Show auf die Bühne. Gerade sang der südafrikanische Musiker Johnny Clegg das Lied „Asimbonanga", seinen Hit von 1987 über die Verhaftung des damaligen ANC-Führers. Mandela tanzte buchstäblich hinter dem Rücken des Sängers und seiner Band in seinem typischen Stil auf der Bühne. „Das Publikum jubelte laut und ich dachte: 'Wow! Die kennen ja diesen Song', aber der Jubel bezog sich wohl auf Nelson Mandela, der hinter mir auf die Bühne ging", erinnerte sich Clegg einige Jahre später bei einem Interview in Mainz.

Johnny Clegg lieferte über Jahrzehnte hinweg viele der wichtigen Lieder der Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika und in Europa. Bis zuletzt waren Chancen und Bildung für die Jugend sein größtes Anliegen – nie hat er die Hoffnung auf ein demokratisches, friedliches und erfolgreiches Südafrika aufgegeben. Er blieb in dieser Sache immer optimistisch und zuversichtlich. Musik und Tanz waren sein Handwerkszeug, um diesem Ziel näher zu kommen.

„Die Menschen haben 30, 40 Jahre gewartet", sagte er während eines Konzerts 2015 in Kapstadts botanischem Garten Kirstenbosch. „Geduld trägt Früchte. Sie hat mich gelehrt, dass das neue Südafrika nicht perfekt sein kann. Das neue Südafrika wird weitere 40 Jahre brauchen, um wirklich blühend und demokratisch zu sein und seinen Bürgern eine wahrhaft gedeihliche Zukunft zu bieten."

Johnny Clegg galt in Südafrika als Freiheits- und Nationalheld, indem er sich mit seiner Musik noch während der Apartheid-Ära über die Rassentrennungsgesetze hinwegsetzte. Er forderte ab Ende der 70er-Jahre die Behörden regelmäßig heraus, u.a. indem er „gemischtrassige" Bands gründete, sowohl vor schwarzem als auch vor weißem Publikum auftrat und reichlich Zulu-Einflüsse in seine Lieder mischte, die ihm später auch internationalen Erfolg brachten. Er war bekannt als der „weiße Zulu" oder „umlungu omnyama" („der schwarze Weiße"). Clegg sprach fließend isiZulu und beherrschte die traditionellen Zulu-Tänze perfekt.

Cleggs Karriere war ungewöhnlich lang und erfolgreich. Er wurde in Bacup, Lancashire, als Sohn eines englischen Vaters, Dennis Clegg, und einer rhodesischen Mutter, Muriel, einer Jazzsängerin aus einer litauisch-jüdischen Familie, geboren. Sie ließen sich scheiden, als Johnny noch ein Kleinkind war, und seine Mutter zog mit Johnny ins heutige Simbabwe, nach Israel und Sambia, bevor sie sich in Südafrika niederließ. Muriel heiratete dort Dan Pienaar, einen Journalisten, und obwohl die Ehe endete, als Johnny gerade 12 Jahre alt war, hatte sein Stiefvater ihn zu diesem Zeitpunkt bereits mit Zulu-Wanderarbeitern in den schwarzen Townships zusammengebracht, die damals eigentlich nicht von Weißen besucht werden durften.

Jonny & Sipho: das Duo Juluka
Er war fasziniert von der Kultur der Zulu. Bereits als Teenager wagte er es, Südafrikas Rassengesetze zu brechen, um sich regelmäßig mit schwarzen Wanderarbeitern zu treffen und mit ihnen traditionelle Musik, Gitarrenstile und auch Tanzstile zu studieren. Nach einem Studium der Anthropologie an den Universitäten von Witwatersrand und Natal arbeitete er als Universitätsdozent. Aber seine wahre Liebe galt der Musik. Zusammen mit Sipho Mchunu, einem Wanderarbeiter und Gärtner, gründete er 1969 die multiethnische Band Juluka (Zulu für Schweiß). Beide Musiker hatten es sich zum Ziel gesetzt, kulturelle Barrieren zu überwinden, indem sie verschiedene Zulu-Musik-Stile mit keltischen Folkeinflüssen und Rock mischten. Alleine dieses Unterfangen war für das weiße Apartheidregime eine Kampfansage.

So kam es nicht unerwartet, dass Mitglieder seiner Band ständig drangsaliert wurden. Bei einem Konzert kamen Polizisten mit Schrotflinten auf die Bühne und räumten den Saal. Doch Juluka hatten mit ihren kraftvollen Afro-Pop-Songs großen Erfolg – trotz des Verbots der Zensurbehörde, Juluka-Songs im Staatsradio zu spielen. Privatradio gab es nur in den „unabhängigen Homelands" wie der Transkei.

Als eine besondere Verunglimpfung wurde das Lied „Impi" angesehen, das vom Sieg der Zulu-Armee über die Briten in der Schlacht von Isandlwana handelte. „Scatterlings of Africa" wurde u.a. in Großbritannien zu einem Top-50-Hit.

Auftritte in Europa blieben Juluka anfangs verwehrt – deutsche und britische Apartheid-Gegner beschuldigten die Band, den UN-Kulturboykott gebrochen zu haben, der wegen der Rassentrennungspolitik grundsätzlich jede kulturelle Zusammenarbeit mit Südafrika untersagte und damit auch den Auftritt von südafrikanischen Bands verbot. Man drohte Clegg mit der Konfiszierung der Einnahmen aus einer britischen Tournee. Die in Südafrika unter Zensur stehende Band dachte laut darüber nach, die Gruppe aufzulösen und als Einzelpersonen politisches Asyl in Europa zu beantragen.

Savuka-Band mit Dudu Zulu
Juluka löste sich 1985 auf, weil Mchunu sich wieder auf die Viehzucht konzentrieren wollte. Clegg gründete nun mit dem Sänger und Tänzer Dudu Zulu eine neue Band – Savuka („Wir sind auferstanden"). Auch diese war multiethnisch und mischte traditionelle afrikanische Musik mit internationalem Rock. Dies war in der Zeit zunehmender Repression und offener Konfrontation in Südafrika, was sich in den politischen Liedern von Savuka widerspiegelte, die Clegg auf der Bühne auch offen ansprach.

Noch kurz vor der politischen Wende am Kap stürmte Südafrikas weiße Polizei einen Radiosender, der es gewagte hatte, „Asimbonanga" („Wir haben ihn nie gesehen") zu spielen, das zu einer Anti-Apartheid-Hymne geworden war und Clegg zu einem internationalen Star gemacht hatte. Das Lied wurde u.a. von Joan Baez gecovert und wurde in Europa zu einem Hit, insbesondere in Frankreich, wo Clegg und Savuka zu einem großen kommerziellen Erfolg wurden und in den späten 1980er-Jahren sogar Michael Jackson überflügelten. Dort durfte die Band – trotz Boykottdrohungen – problemlos auftreten.

Johnny Clegg trat 1988 mit der Band Savuka bei einem umjubelten Konzert in Paris auf, das dem Kampf gegen die Apartheid gewidmet war. Als weißer Südafrikaner durfte Clegg jedoch nicht bei der 70. Geburtstagsfeier von Nelson Mandela, die im Juni 1988 im Wembley-Stadion (mit einem weltweiten Fernsehpublikum von Hunderten von Millionen Zuschauern) auftreten. Die britischen Gewerkschaften hatten dies verhindert.

Nach der Freilassung Mandelas durch F.W. de Klerk wurde der Kulturboykott aufgehoben und Savuka durfte bei einer zweiten großen Wembley-Veranstaltung spielen, dem „International Tribute for a Free South Africa 1990", bei dem Mandela seine erste Rede im Land der ehemaligen Kolonialmacht hielt.

In der Zeit nach der Apartheid ging Clegg weiterhin auf Tournee und produzierte Songs. Savuka löste sich auf, nachdem sie für ihr 1993 erschienenes Album „Heat, Dust and Dreams", das im Gedenken an Dudu Zulu aufgenommen wurde, für einen Weltmusik-Grammy nominiert worden waren. Dudu Zulu war bei dem Versuch, in einem Streit zu vermitteln, ermordet worden. Nach einer kurzen Wiedervereinigung mit Juluka konzentrierte sich Clegg dann auf Soloprojekte. Er trat bei den Aids-Aufklärungskonzerten von Mandela auf. Er besuchte Europa regelmäßig und gab Konzerte in Frankreich, Deutschland und den Benelux-Ländern.

Im Laufe seiner Karriere erhielt Clegg zahlreiche internationale Preise und Ehrendoktorwürden, u.a. den französischen „Ordre des Arts et des Lettres". 2012 überreichte ihm Präsident Jacob Zuma den „Orden von Ikhamanga", die höchste Ehre, die ein Zivilist in Südafrika erhalten kann. Im Jahr 2015 erhielt er aus der Hand von Königin Elisabeth II. den „Order of the British Empire" (OBE).

2015 wurde bei Johnny Clegg Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Nach einer kurzen Remission, während der er sogar auf eine ausgedehnte Welttournee ging, starb er am 16. Juli 2019 im Kreise seiner Familie. Er hinterließ seine zweite Frau Jenny. Sein Sohn Jesse hat sich in den vergangenen zehn Jahren ebenfalls zu einem erfolgreichen Musiker entwickelt.

Unter Kollegen genoss Clegg enormes Ansehen. 2018 nahmen Dutzende südafrikanischer und internationaler Künstler – darunter Zolani Mahola (Freshlyground), Peter Gabriel, Mike Rutherford (beide ex Genesis) und Dave Matthews – eine neue Interpretation seines Songs „The Crossing" auf, in dem Clegg den Tod von Dudu Zulu aufarbeitete. Die Erlöse kamen Bildungsprojekten zugute – also Cleggs größtem Anliegen, für das er sich auch nach seinen letzten Konzerten trotz schwindender Kräfte einsetzte. Auch das verband ihn mit Mandela. Bald sollen nun wieder Charity-Konzerte in Johannesburg stattfinden. Vielleicht können sich einige seiner Weggefährten und Freunde noch an die konspirativen Treffen bei Clegg zu Hause oder Backstage im Market Theatre erinnern.

Jürgen Langen

Asimbonanga

Chorus:
Asimbonanga (We have not seen him)
Asimbonang' uMandela thina (We have not seen Mandela)
Laph'ekhona (In the place where he is)
Laph'ehleli khona (In the place where he is kept)

Oh the sea is cold and the sky is grey
Look across the Island into the Bay
We are all islands till comes the day
We cross the burning water

Chorus...

A seagull wings across the sea
Broken silence is what I dream
Who has the words to close the distance
Between you and me

Chorus...

Steve Biko, Victoria Mxenge
Neil Aggett
Asimbonanga
Asimbonang 'umfowethu thina (We have not seen our brother)
Laph'ekhona (In the place where he is)
Laph'wafela khona (In the place where he died)
Hey wena (Hey you!)
Hey wena nawe (Hey you and you as well)
Siyofika nini la' siyakhona (When will we arrive at our destination)