Heft 2/2022, Angola

Was geschah am 30. Januar?

ÜBER EIN JAHR NACH DEM MASSAKER VON CAFUNFO in der angolanischen Diamantenprovinz Lunda Norte sind der Anführer der Sezessionisten, José Zecamutchima, und weitere Mitglieder verurteilt worden, doch die staatliche Gewalt bleibt unaufgearbeitet und viele Versprechen unerfüllt. Der Aktivist Rafael Marques hat nun ein Buch über den Aufstand und seine Hintergründe geschrieben – und sich auf beiden Seiten keine Freunde gemacht.

Nach der Gewalteskalation in der Bergbaustadt Cafunfo im letzten Jahr (s. afrika süd 2/2021) ist in Lunda Norte der Prozess gegen José Mateus Zecamutchima und 24 weitere Mitglieder des Movimento do Protectorado Português da Lunda Tchokwe (MPPLT) zu Ende gegangen. Am 30. Januar 2021 hatten Polizei und Militär eine nicht genehmigte Demonstration des MPPLT gewaltsam niedergeschlagen, mehrere Demonstrierende wurden dabei getötet. Am 25. Februar dieses Jahres, nur einen Monat nach Beginn der Verhandlungen, wurde das Urteil über die 25 Männer gesprochen, die sich wegen Rebellion und Bildung einer kriminellen Vereinigung verantworten mussten: Zecamutchima und vier Weggefährten wurden zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, die Urteile sind nicht zur Bewährung ausgesetzt. Etwa die Hälfte der Angeklagten wurde freigesprochen, die Übrigen werden als kongolesische Staatsbürger aufgrund fehlender Aufenthaltserlaubnis in die DR Kongo abgeschoben.

Zecamutchimas Verteidiger Salvador Freire argumentiert, mangels Beweisen hätte man alle Anklagepunkte fallen lassen müssen. Außerdem wies er zum wiederholten Male auf die katastrophalen Haftbedingungen hin. Zahlreiche Inhaftierte seien unterernährt, verwahrlost und durch Misshandlungen entstellt, es sei sogar zu fünf Todesfällen durch den Entzug medizinischer Versorgung gekommen. Und während die Demonstrierenden juristisch belangt werden, lässt die Aufarbeitung der staatlichen Gewalt durch die Justiz weiter auf sich warten.

Keine Lösung für alte Probleme
Der Prozess fand eine lange Tagesreise mit dem Auto entfernt von Cafunfo in der Provinzhauptstadt Dundo im Nordosten von Lunda Norte statt. In Cafunfo selbst ist das Militär zwar inzwischen wieder abgerückt und es ist wieder Alltag eingekehrt. Allerdings hat Cafunfo, eine Großstadt von bis zu 160.000 Einwohner:innen, die nicht einmal den Status einer Kreisstadt besitzt, weiterhin die alten Sorgen: Durch starke Regenfälle im Januar wurde die einzige Straßenverbindung zur nächstgelegenen Kreisstadt Cuango-Luzamba überflutet und die Stadt war für einige Tage nur aus der Luft zu erreichen.

Der versprochene Ausbau der Straße scheint jedoch nicht voranzukommen, und die Bürger:innen fühlen sich nach wie vor von der Regierung alleingelassen. Weiterhin leben 90 Prozent der Einwohner:innen von Cafunfo unterhalb der Armutsgrenze, die Straßen sind unbefestigt und die meisten Haushalte haben weder Zugang zur Kanalisation noch zu Elektrizität. Bezeichnenderweise ist die einzige staatliche Institution in Cafunfo die örtliche Polizeistation.

In diese Wunde legt auch der bekannte Journalist Rafael Marques de Morais den Finger, indem er im Oktober 2021 ein Buch über den Hergang und die Hintergründe des Massakers von Cafunfo veröffentlichte. In „Miséria e Magia – Revolta em Cafunfo" (dt. Elend und Magie – Revolte in Cafunfo) legt der inzwischen 50-jährige Marques detailliert dar, wie eine giftige Mischung aus Vernachlässigung, Ausbeutung, historischen Altlasten, politischer Inkompetenz und Korruption zur aktuellen Misere von Lunda Norte geführt hat, die sich in der Bluttat des letzten Jahres wieder entladen hat.

Der alte Fluch der Diamanten
Das Kernproblem macht er, wie zuvor auch in seiner Monographie „Diamantes de Sangue" (dt. „Blutdiamanten") im Diamantenbergbau aus. Denn die Gewinne aus dem einträglichen Geschäft verbleiben seit dem ersten Fund 1912 nur zum geringsten Teil in den Provinzen Lunda Norte, Lunda Sul und Bié, in denen sie hauptsächlich gefördert werden. Diamanten im Wert von umgerechnet 1,59 Mrd. Euro werden jedes Jahr von Angola exportiert und stellen somit nach Rohöl mit 5,4 Prozent Angolas zweitwichtigstes Exportgut dar. Während ein Großteil der Wertschöpfung durch die Schleifung und Weiterverarbeitung zu Schmuck oder Industriezwecken erst im Ausland stattfindet, ist bereits der Handel mit den Rohdiamanten in Angola zum größten Teil in der Hand ausländischer Investoren. Ein gewisser Prozentsatz immerhin kommt über die staatliche Agentur Endiama der Staatskasse zugute, allerdings nicht unbedingt den Provinzen Lunda Norte und Lunda Sul, sondern dem zentralstaatlichen Haushalt.

Diese nachteiligen Handelsbedingungen sind laut Rafael Marques das Ergebnis korrupter Praktiken, bei denen sich v. a. eine „ausgewählte Kaste hoher Militärs" bereichert, die nur an kurzfristigen Gewinnen interessiert ist und darum mit internationalen Firmen kooperiert, die Kapital zur Verfügung stellen. Diese Generäle haben wenig Interesse an der Schaffung eigener Wertschöpfungsketten im Land oder an vorteilhafteren Verträgen für die angolanische Seite, da sie selbst überdurchschnittlich vom Status quo profitieren. Das Diamantengeschäft ist hierbei aufgeteilt zwischen konkurrierenden Generälen, die die Schürfgebiete in der Region kontrollieren und ihre Gebiete durch Soldaten und Sicherheitsleute vor fremden Schürfern (eine Tätigkeit, die ganz überwiegend von Jungen und Männern ausgeübt wird) „schützen" lassen. Auch niedere Militärs und Polizeichefs mischen im Diamantenabbau mit, indem sie Soldaten und Polizisten zur Überwachung des „Garimpo" abstellen, wie die informelle Förderung von Diamanten in Angola genannt wird. Die „Garimpeiros" (Kleinschürfer) müssen dabei einen erheblichen Teil ihrer Ausbeute an ihren jeweiligen Schutzpatron abtreten. So sind sie nicht nur einer körperlich stark belastenden und gefährlichen Arbeit ohne ausreichende Schutzmaßnahmen ausgesetzt, sondern sind auch exponiert, wenn es zu Machtkämpfen zwischen verschiedenen Auftraggebern kommt. So werden Kleinschürfer immer wieder getötet, wenn sich ein Militär das Schürfgebiet eines anderen aneignen will oder wenn sie es wagen, auf eigene Faust in Gebieten zu schürfen, die unter fremder Kontrolle stehen. Oft werden ihnen auch besonders „erfolgreiche" Diamantenfunde zum Verhängnis, wenn Soldaten oder zuweilen auch andere Garimpeiros aus Habgier töten, wie Marques vielfach dokumentiert.


Eine vernachlässigte Landwirtschaft
Der Diamantenabbau hat auch nachteilige Folgen weit über die Arbeitsbedingungen in der eigenen Branche hinaus. Die beiden Lunda-Provinzen, 1978 von Staatsgründer Agostinho Neto voneinander getrennt, gelten seit dem Bürgerkrieg ganz offiziell als „Zonas Diamantíferas". Dieses Label ist kein Regionalmarketing, sondern hat rechtliche Konsequenzen: Laut dem Código Mineiro, der seine heutige Ausprägung im angolanischen Bürgerkrieg bekam, ist dem Diamantenabbau juristisch in diesen beiden Provinzen stets der Vorzug gegenüber anderen Wirtschaftsformen einzuräumen, auch der Landwirtschaft. Wenn jemand also in einem bestimmten Gebiet ein Diamantenvorkommen vermutet und sich bei der Endiama die entsprechenden Lizenzen verschafft, dann kann er das Territorium entschädigungslos räumen lassen. Besonders in Lunda Norte sind daher zahlreiche Fälle von Landraub dokumentiert. Die Folgen sind häufig Landflucht und die Zuwendung zum informellen Diamantenabbau.

Die Zivilgesellschaft beklagt, dass durch die prekäre Situation der Agrarwirtschaft und die jahrzehntelange staatliche Vernachlässigung vielerorts ein Verfall landwirtschaftlicher Kenntnisse und Praktiken zu beobachten sei. Und tatsächlich sind Wildfeuer allgegenwärtig in Lunda Norte, es gibt wenige Flächen, die keine Spuren rezenter oder vergangener Brände aufweisen. Der ehemalige Umweltstaatssekretär João Serôdio bezeichnet Angola sogar als „Weltmeisterin der Wildfeuer". Zum einen kümmert sich keine staatliche Institution um das Löschen der Brände, zum anderen legen viele Landwirt:innen die Brände gezielt zur Jagd von Wildtieren. Dies ist zwar jahrhundertealte indigene Praxis, hat heute jedoch durch den Klimawandel mit verlängerten Dürreperioden verheerende Konsequenzen. Lokale Landwirtschaftsexperten bedauern das Desinteresse der Behörden und dass viele Kenntnisse und Fertigkeiten der Landbevölkerung in den langen Kriegsjahren verlorengegangen seien. Die Folgen sind weitverbreitete Monokulturen, Brände und eine starke Erosion der ungeschützten Böden, verschärft durch den Diamantenabbau. Durch die Auswaschungen sind viele Orte von Erdrutschen und der Bildung von tiefen Erdspalten und Schluchten betroffen. Die in den Lundas vorherrschenden sandigen Tropenböden (Arenosole) sind, einmal ihrer schützenden Vegetationsdecke beraubt, besonders anfällig für Erosion.


Ein Agent von João Lourenço?
Jenseits der strukturellen Probleme der Lundas beschäftigt sich Marques de Morais auch mit dem Hergang der Gewalteskalation vom 30. Januar 2021. Überraschenderweise bekräftigt er in einigen Bereichen das Narrativ der Sicherheitskräfte zum Tathergang. So habe es sich Marques zufolge nicht um eine friedliche Demonstration für die Verbesserung der Lebensumstände in den Lundas gehandelt, sondern um eine gewalttätige Kundgebung von mit Messern und Knüppeln bewaffneten Demonstrierenden, die die Sezession der Hälfte des Landes (Lunda Norte, Lunda Sul, Moxico und Kwando Kubango) gefordert habe. Auch sei die erste Eskalation durch die Demonstranten erfolgt. Durch diese Stellungnahme hat er nicht nur das MPPLT gegen sich aufgebracht, sondern auch Misstrauen und Kritik in der angolanischen Zivilgesellschaft geerntet, die ihm vorwirft, Partei für die Regierung zu ergreifen. Einigen galt er schon zuvor als „Agent von João Lourenço", was nicht zuletzt auf sein medienwirksames Treffen mit Präsident Lourenço 2018 zurückgeht.

Konfrontiert mit dieser Kritik verteidigt sich der vielfach für sein Engagement ausgezeichnete Marques, der unter Ex-Präsident Dos Santos massiver Repression ausgesetzt war und viel Zeit in Haft verbracht hat, in einem Interview: „Ich bin mein ganzes Leben lang beleidigt und verleumdet worden, weil ich stets nach meinem Gewissen gehandelt habe. ... Ich bin kein Gelegenheitsaktivist. Mein Interesse ist es, die Wahrheit publik zu machen. Und meistens ist die Wahrheit den Mächtigen unbequem, aber manchmal kann sie auch anderen Bevölkerungsteilen nicht gefallen."

Magie und Manipulation
Detailliert beschreibt er auch die Rolle von magischen Ritualen, denen sich viele Demonstrierende vor der geplanten Aktion unterzogen haben. Zur Vorbereitung hätten einige MPPLT-Aktivist:innen drei Tage lang gefastet, Kräuterbäder genommen und sich am Vorabend in Ekstase getanzt, bevor sie in der Nacht die Einsatzkräfte vor der Polizeistation attackierten. Dem MPPLT wirft er vor, die mangelnde Bildung und den spiritistischen Glauben der jungen Menschen ausgenutzt zu haben, um sie davon zu überzeugen, sie seien durch diese Art von Ritualen immun gegen Verletzungen gewesen. Dadurch konnten sie sie für die Art von Fanal einspannen, das sie seit Langem geplant hatten.

Bei der heiklen Frage der Opferzahl kommt Marques bei seiner Zählung auf 13 Todesopfer, 16 Verletzte und sechs Vermisste, wobei er keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Damit widerspricht er der offiziellen Zählung der Regierung, die seit dem Massaker offiziell von nur sechs Toten spricht. Allerdings stellt er sich auch ebenso deutlich gegen Darstellungen der Opposition, die von mehreren Dutzend Opfern ausgeht. Der Anwalt Zola Bambi zum Beispiel, Vorsitzender der Organisation Observatório para Coesão Social e Justiça, hatte im Dezember einen 24-seitigen Bericht vorgelegt, in dem 102 Todesfälle dokumentiert wurden, dazu 30 Verletzte, 28 Festnahmen sowie zahlreiche Vermisste.

Marques selbst gibt an, ihm seien durch das MPPLT bei der Recherche in Cafunfo Steine in den Weg gelegt worden. Er beklagt das „außergewöhnliche Netz von Informant:innen, Intrigen, Desinformationen und Verleumdungen", das mit Unterstützung der Opposition und sozialen Aktivisten in Cafunfo aufgebaut worden sei, um die Ermittlungen zu behindern. Ein lokaler Pater, der Zeuge der Ereignisse wurde, bestätigt, dass in Cafunfo weiterhin ein Klima der Angst und Einschüchterung herrsche und es noch Wochen und Monate nach dem 30. Januar zu zahlreichen Verhaftungen und polizeilichen Übergriffen gekommen sei. Allein den Namen des MPPLT in der Öffentlichkeit zu nennen, trauen sich viele nicht. Doch auch große Teile der Zivilgesellschaft jenseits von Rafael Marques halten sichtbar Abstand zum MPPLT, wobei Sicherheitserwägungen nicht die alleinige Rolle spielen.

Lunda und Tchokwe
Auch in einem weiteren Punkt grenzt sich Marques klar von der Linie des MPPLT ab: In einem ausführlichen historischen Exkurs in die Geschichte der Lundas widerspricht er einer postulierten Einheit der Volksgruppen Lunda und Tchokwe. Vielmehr sei durch viele Quellen belegt, wie das historische Königreich Lunda im 17. Jahrhundert als Lehnsstaat auf dem Territorium der heutigen kongolesischen Region Katanga, Ost-Angola und West-Sambia entstanden ist und besonders durch Sklavenhandel zu Wohlstand kam. Besonders dessen Verbot schwächte das Reich, bevor es Ende des 19. Jahrhunderts unterging. Die Tchokwe waren ursprünglich einer von zwölf „Clans" des Lunda-Reiches an dessen südwestlichem Rand und dem Zentrum tributpflichtig. Sie trugen indes nicht unwesentlich zum Niedergang bei, indem sie in ihrer Expansion Richtung Norden immer weitere Teile des bisherigen Lunda-Königreichs überfielen und besetzten und schließlich 1885 die Hauptstadt Mussumba do Calanhi in Katanga zerstörten.

Maria da Conceição Neto, Professorin für Geschichte an der Universidade Agostinho Neto in Luanda, beschreibt das Verhältnis der Gruppen so: „Es ist keine Neuigkeit, dass die Lunda und die Tchokwe, wenngleich ursprünglich miteinander verwandt, nicht die gleiche Sprache sprechen, nicht die gleiche Geschichte miteinander teilen und nicht einmal die gleiche Form der politischen Organisation. Sie waren sogar verfeindet, als sich die Tchokwe dank dem Handel mit Elfenbein, Wachs und Kautschuk im 19. Jahrhundert in Regionen ausbreiteten, die einst durch die Lunda beherrscht waren. Und in dieser Situation befanden sie sich, als die Teilung Afrikas durch die Europäer allen neue Grenzen aufzwang."

Gleichwohl ist es seit etwa 100 Jahren zu einer zunehmenden Annäherung und Vermischung der beiden Volksgruppen gekommen. Dies wird begünstigt durch eine Verwandtschaft der Sprachen Uchokwe, Chilunda und Ruwund. Allerdings kann man bei derart heiklen Fragen nach ethnischen Grenzen nicht rein historisch argumentieren, sondern letztlich zählt nur das aktuelle kollektive Zugehörigkeitsgefühl von Gruppen. Und das kann weder von außen dekretiert noch widerlegt werden kann. Ein aktuelles Beispiel für eine solche Anmaßung ist, wie Wladimir Putin der Ukraine ihre eigene Identität abspricht, mit den bekannten Folgen.

Verträge und Fiktionen
Das namensgebende portugiesische Protektorat, auf das sich das MPPLT in seinem Autonomiestreben bezieht, bezeichnet Marques als „komplett fiktiv". Die fraglichen Verträge wurden 1886 und 1887, nur wenige Monate nach der Plünderung von Calanhi, vom portugiesischen Gesandten, Major Henrique Augusto Dias de Carvalho, und dem Bruder des Regenten von Lunda unterzeichnet. Darin erkannte die lundische Seite die alleingültige Souveränität Portugals über das eigene Territorium an, mitnichten die eigene Unabhängigkeit. Allerdings, so Marques, sei nicht überliefert, ob der Regentenbruder überhaupt wusste, was er unterzeichnete.

Marques bestätigt, dass der Auftrag von Henrique de Carvalho nur im Kontext der Berliner Kongo-Konferenz zu verstehen ist (s. afrika süd 2/2021), die die Kolonialmächte dazu anhielt, ihr Territorium auch de facto zu beherrschen, wenn sie es nicht an eine konkurrierende Macht verlieren wollten. So gelang es Carvalho, Schutzverträge mit den Tchokwe-Herrschern und der lundischen Seite zu schließen, wenngleich nicht mit dem damaligen Regenten Xá Madiamba, sondern nur mit dessen Bruder Umbala, der kein formelles Amt bekleidete. Laut Rechtsprofessor Rui Verde sind jedoch Abkommen, die im kolonialen Kontext von Zwang und Unkenntnis geschlossen wurden, heutzutage als gegenstandslos zu betrachten. Und selbst wenn sie jemals Gültigkeit besessen hätten, seien die Verträge mehrfach durch spätere Abkommen überholt worden. So habe Portugal 1891 einen Kontrakt mit Belgien und Großbritannien abgeschlossen, der die Grenzen zwischen den damaligen Kolonien der Vertragspartner definiert, wodurch etwaige frühere Abkommen obsolet wurden.

Ganz unabhängig von der juristischen Bewertung löst es jedoch Befremden aus, dass sich eine afrikanische Sezessionsbewegung des 21. Jahrhunderts auf Schutzverträge durch die ehemalige Kolonialmacht aus dem 19. Jahrhundert beruft, um die eigenen Ansprüche zu untermauern. Die Ziele der Bewegung bleiben unklar, auch der Geltungsanspruch über weitere Regionen wie Cuando Cubango und Moxico, in denen noch zahlreiche andere Volksgruppen leben und die MPPLT über keinerlei Rückhalt verfügt, scheint maßlos weit hergeholt. Die MPPLT, dies kann Rafael Marques trotz einer gewissen Neigung zu Spitzfindigkeiten deutlich herausarbeiten, ist also durchaus nicht die Organisation, der man als progressive Kraft die Verbesserung der Lebensbedingungen im abgehängten Osten Angolas zutrauen sollte.

Doch gleichwohl – und Rafael Marques tut dies auch nicht – kann nichts das Blutbad rechtfertigen, das die Sicherheitskräfte der regierenden MPLA im letzten Jahr in Cafunfo angerichtet haben. Marques hat seinen Teil zur Aufklärung dieser Verbrechen beigetragen und die MPPLT wurde vor Gericht gestellt. Doch die Täter in Polizei, Militär und MPLA bleiben weiter unbehelligt vor juristischer Verfolgung.

Daniel Düster