Heft 2/2024, Editorial

Eine Herde Elefanten für den heimischen Porzellanladen

Der Anfang April bescherte uns so einige merkwürdige Meldungen: In Bayern wird das Gendern in Schulen und Hochschulen verboten, Ex-Verkehrsminister und Millionen-in-den-Sand-Setzer Andreas Scheuer ist am 1. April aus dem Bundestag ausgeschieden, Botsuanas Präsident Mokgweetsi Masisi will 20.000 Elefanten nach Deutschland abschieben, Bayern München hat Friedhelm Funkel als Nachfolger für Thomas Tuchel verpflichtet. Zugegeben, da ist dem Freistaat Bayern ein Aprilscherz zu viel untergeschoben worden: Funkel bleibt in Kaiserslautern und freut sich, mit dem Fußballzweitligisten ins Berliner Pokalfinale zu gehen. Der Rest ist wahr. „Das ist kein Scherz", sagte Masisi. Die Deutschen sollten „so mit den Tieren zusammenleben, wie ihr es uns vorzuschreiben versucht."

Die Wut des botsuanischen Präsidenten, die er mit dem namibischen Umweltminister teilt, gilt der Entscheidung Deutschlands, die Einfuhr von Jagdtrophäen von geschützten oder gefährdeten Tierarten verbieten zu wollen. Das Angebot an Deutschland, 20.000 Elefanten als Geschenk anzunehmen, meinte er todernst. Botsuana habe eine Überpopulation an Elefanten, Jagd sei dabei ein wichtiges Mittel, den Bestand zu regulieren. An Angola seien auch schon Bestände des Dickhäuters übergeben worden.

Masisi trifft da tatsächlich ins Mark vieler deutscher Seelen: Tierwohl über alles! Dokus über Afrikas Tierwelt sind nach wie vor beliebt im deutschen Fernsehen. Das Afrikabild ist bis heute bei vielen Menschen geprägt von dem Satz „Serengeti darf nicht sterben". In der letzten Ausgabe von afrika süd hatten wir über die schändliche Vertreibung der Maasai aus Ngorongoro in Tansania berichtet. Eine kürzlich auf phoenix ausgestrahlte Doku über den Sambesi erfüllte auch nicht die Erwartungen, die man an einen nicht kommerziellen Sender stellen könnte: Wie leben die Menschen im Einflussgebiet des riesigen Flusses? Was passiert, wenn der Sambesi nach einem Zyklon einmal mehr über die Ufer tritt? Werden die Menschen rechtzeitig gewarnt, werden sie umgesiedelt? Freiwillig? Nichts davon, es ging einmal mehr nur um einen „Blick auf die klassische afrikanische Tierwelt". Bitte, ich schaue mir auch gerne an, wie der Luchs im Schweizer Jura wieder heimisch geworden ist. Nur – wer schützt die Menschen, wenn Elefantenherden überhand nehmen und die Ernten der Menschen vernichtet oder sogar Dörfer verwüstet werden?

Es ist nicht gerade die Zeit, in der politische Entscheidungen, die in Berlin getroffen werden, von Weitsicht geprägt sind. Der Druck der Ereignisse scheint das Blickfeld eher zu verengen. Warum eigentlich gilt die von Angela Merkel einst postulierte „deutsche Staatsräson" statt dem Staat Israel auch seiner rechtsradikalen Regierung in Tel Aviv? „Nie wieder sollte für jeden gelten", mahnt die südafrikanische Schriftstellerin Zukiswa Wanner angesichts des palästinensischen Leidens. Sie hat aus Protest gegen die einseitige deutsche Israel-Politik ihre Goethe-Medaille zurückgegeben. Ihre Begründung haben wie in dieser Ausgabe abgedruckt.

Schwerpunkt dieser Ausgabe sind die anstehenden Wahlen in Südafrika, bei denen für den ANC eine Prüfung in Sachen Demokratie auf dem Spiel steht. Der Senegal hat seinen Demokratiecheck bestanden, nachdem es erst so aussah, als würde sich Präsident Macky Sall nach drei Jahren politischer Krise und Unterdrückung ziviler Proteste mit allem Vermögen an die Macht krallen. Im März konnten nun doch demokratische Wahlen abgehalten werden, die vom jungen Oppositionsführer Bassirou Diomaye Faye gewonnen wurden. Die Demokratie hat sich durchgesetzt, mithilfe tausender insbesondere junger Menschen, die jahrelang auf die Straße gegangen sind, um verfassungsgemäß wählen zu dürfen, wen sie wollen.

In Südafrika wird sich nach dem 29. Mai zeigen, ob Präsident Ramaphosa dann noch so fröhlich dreinschaut, wie auf unserem Titel zu sehen? Nach allen Prognosen wird es dem ANC nicht mehr möglich sein, alleine zu regieren. Viele sehen eine Koalition mit den Economic Freedom Fighters voraus. Doch die Popularität der EEF ist eingebrochen. Also wird sich Südafrika wohl auf eine Mehrparteienkoalition einstellen müssen. Eine kürzlich veröffentlichte Analyse der Forschungsgruppe Good Governance Africa zur Performance aller 257 Gemeinden in Südafrika offenbart eine interessante Tatsache: Koalitionen führen nicht zwangsläufig in die Katastrophe, wie das etwa in Johannesburg und anderen Gemeinden in Gauteng der Fall war, die teilweise im Chaos versunken sind. Entscheidend für eine effektive Regierungsführung ist nach der Analyse, dass es für eine Koalitionsregierung zumindest eine formelle, veröffentlichte Vereinbarung braucht. Wo diese vorhanden war, funktionierte das Regieren besser. Wäre zu wünschen, dass die nationalen Politiker:innen die Analyse studiert haben.
Lothar Berger