Heft 2/2024, Südafrika

Nie wieder sollte für jeden gelten

Die südafrikanische Schriftstellerin, Verlegerin und Kuratorin Zukiswa Wanner erklärt, warum sie ihre Goethe-Medaille 2020 zurückgibt.

In der Kulturpolitik hat die Frage der Solidarität mit Israel seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober zu etlichen Verwerfungen vor allem hierzulande geführt. In Südafrika wird der Israel-Palästina-Konflikt – schon wegen der alten Verbundenheit des ANC mit dem Kampf der Palästinenser:innen – bekanntlich anders gesehen als in Deutschland (vgl. afrika süd Nr. 1, 2024). Der Bundesregierung wird vorgeworfen, mit ihrer Außenpolitik kaum solidarisch mit den Palästinenser:innen zu sein, was die Lehren aus dem Holocaust doch gerade nahelegen sollten. Bei einer Demonstration vor dem deutschen Konsulat in Kapstadt am 9. Februar wurde den Konsularbeamten ein Memorandum überreicht, in dem es heißt: „Anstatt sich gegen Israels Massenmord an Frauen und Kindern auszusprechen, hat sich der deutsche Staat entschieden, die Unterdrückung derjenigen zu verstärken, die sich gegen den Völkermord am palästinensischen Volk stellen." Die Demonstrierenden forderten ein Stopp der militärischen, politischen, diplomatischen und kulturellen Unterstützung Israels. Deutschland solle aufhören, Kritik an Israel mit Antisemitismus zu verwechseln.
Die südafrikanische Schriftstellerin Zukiswa Wanner war 2020 die erste afrikanische Frau, die mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wurde. Die Auszeichnung wird seit 1955 an Menschen verliehen, die sich um die Vermittlung der deutschen Sprache und den internationalen Kulturaustausch bemühen. Jetzt hat Wanner aus Protest gegen die deutsche Israel-Politik ihre Medaille zurückgegeben und dies in einer Stellungnahme von Anfang März begründet. Der ägyptische Künstler Muhamed Abla hat angekündigt, dies ebenfalls zu tun.
In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk vom 7. März zeigt Carola Lentz, die im November ihren Vorsitz des Goethe-Instituts abgeben wird, angesichts der Apartheiderfahrung Verständnis für die Position Wanners. Die Haltung könne sie vor dem Hintergrund der historischen Erfahrungen nachvollziehen. Für viele intellektuelle und kulturelle Aktivisten sei Israel „ein symbolisches Feld in seinem Verhältnis zu den Palästinensern, wo ganz viele eigene Erfahrungen mit Diskriminierung symbolisch abgearbeitet werden."
Das Goethe-Institut sieht es in seiner Antwort jedoch als unzulässige Relativierung des Holocaust an, wenn „Frau Wanner die Bundesregierung mit ihrer Unterstützung Israels erneut auf der ‚falschen Seite' eines Genozids – nach dem Holocaust und den Kolonialverbrechen Deutschlands in Namibia und Tansania" sieht. Es kritisiert auch, „dass in Frau Wanners Erklärung die Gewalt der Hamas und die Situation der israelischen Geiseln keinerlei Erwähnung finden. Gleichzeitig erkennen wir an, dass in anderen Teilen der Welt vor dem Hintergrund anderer historischer Erfahrungen auch anders auf den Nahostkonflikt geschaut wird."
Der IGH gab Ende Januar in seiner Eilentscheidung zum Genozid-Verfahren Südafrikas gegen Israel der Anklage in Teilen recht und verlangte von Israel verschiedene Sofortmaßnahmen, um einen Völkermord im Israel-Gaza-Krieg zu verhindern. Dass die Klage zugelassen und daher als plausibel angesehen wurde, ist jedoch noch keine abschließende Beurteilung der Frage, ob Israels Handlungen rechtlich nachweisbar Völkermord sind. Ein solcher Prozess ist langwierig und ein Urteil in der Hauptsache wird erst in einigen Jahren zu erwarten sein.
Anmerkung der Redaktion

Erklärung von Zukiswa Wanner

Mein Name ist Zukiswa Wanner.
Ich bin Schriftstellerin, Herausgeberin, Verlegerin und Kuratorin und betrachte den afrikanischen Kontinent als meine Heimat. Neben der bolivianischen Künstlerin und Museumsdirektorin Elvira Espejo Ayca und dem britischen Schriftsteller Ian McEwan war ich 2020 die erste Frau auf meinem Kontinent, die die Goethe-Medaille erhielt. Während die Goethe-Medaille vom Goethe-Institut an „Nicht-Deutsche, die sich um die internationalen kulturelle Beziehungen verdient gemacht haben" verliehen wird, ist es wichtig zu wissen, dass die Auszeichnung eine offizielle Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland ist.

Ich schätze sehr und nehme zur Kenntnis die Aussage der Präsidentin des Goethe-Instituts, Carola Lentz. Ich zitiere sie hier aus einem Artikel des Spiegels vom 14. Januar 2024:

„Langjährige Partner in der internationalen Kulturwelt verlieren das Vertrauen in die Liberalität der Demokratie in Deutschland. und es stellt sich die Frage, ob die Auswärtige Kultur und Bildungspolitik (AKPB) nur Personen oder Gruppen unterstützen sollte, die den politisch-moralischen Agenden der jeweiligen deutschen Regierung Rechnung tragen."

Sie kommt zu dem gegenteiligen Schluss und stellt fest, dass Organisationen wie das Goethe-Institut nicht zum verlängerten Arm der Regierung werden dürfen, insbesondere in schwierigen politischen Zeiten. Im gleichen Sinne erklärte das Goethe-Institut Johannesburg, das die regionale Zentrale für Subsahara-Afrika ist, am 7. Februar 2024: „Was den aktuellen Krieg in Gaza betrifft, sind wir überzeugt, dass angesichts der katastrophalen Situation ein neuer Waffenstillstand dringend notwendig ist. Die steigende Zahl der zivilen Opfer ist nicht hinnehmbar."

Es ist wichtig für mich, dies zu erwähnen, und dadurch hervorzuheben, dass dies KEINE Erklärung ist, in der ich die Medaille wegen des Goethe-Instituts und seiner Position abgebe, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Ich erwähne die Erklärung des Goethe-Instituts, um zu verdeutlichen, dass mein Handeln keine Kritik an der Kultureinrichtung, sondern vielmehr an der Regierung ist.

Im Mai 2023, während der Teilnahme am Palästina-Literaturfestival und Monate vor dem 7. Oktober, war ich in den besetzten palästinensischen Gebieten und reiste nach Ramallah, Nabi Saleh, Ost-Jerusalem, Hebron und Lydd. Als Schriftstellerin, die aus einem Land mit einer Geschichte der Apartheid kommt, erschütterte mich das Erlebte und führte dazu, dass ich einen langen Essay mit dem Titel „Vignettes of a People in an Apartheid State" schrieb.

Man muss nicht aus einem Land mit Apartheid-Vergangenheit kommen, um die täglichen Ungerechtigkeiten und Demütigungen zu sehen, denen Palästinenser:innen ausgesetzt sind. Palästinenser:innen haben getrennte Straßen und andere Nummernschilder und werden ständig von Fremden aus den Vereinigten Staaten oder weißen Südafrikanern mit Apartheid-Nostalgie bedroht, die mit Waffen und unter dem Schutz der israelischen Armee kommen, um sich in ihren Häusern niederzulassen. Im Gegensatz zu den meisten Literaturfestivals führt das PalFest die Schriftsteller:innen in mehrere Städte, da die Palästinenser:innen ohne israelische Genehmigung nicht reisen können, ähnlich wie in Südafrika während der Apartheid, nur noch grausamer.
Aus diesem Grund gebe ich die Medaille ab.

Ich verstehe die Schuld Deutschlands am Holocaust.
Das tue ich.
Diese Schuld ist angemessen und hat es Deutschland ermöglicht, sich seiner skrupellosen Vergangenheit zu stellen.

Umso beschämender ist aber ihre Haltung zum aktuellen Völkermord in Palästina. Nebenbei bemerkt und als Afrikanerin wünschte ich mir, dass die deutsche Regierung das gleiche Bedauern für ihre Geschichte in Namibia mit dem Herero-Nama-Völkermord und für den Völkermord während des Maji-Maji-Aufstandes in Tansania zeigen würde. Ebenso wichtig wäre es mir, wenn die deutsche Regierung in ihrer Reflexion und ihrem „Nie wieder" anerkennen würde, dass das „Nie wieder" für JEDEN gelten sollte.

Stattdessen sehe ich Deutschland wieder auf der falschen Seite des Völkermordes (gemäß der vorläufigen Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs in dem von Südafrika angestrengten Verfahren). Darüber hinaus sind die Bundesrepublik Deutschland und die Vereinigten Staaten von Amerika nach Angaben des Hochkommissariats der Vereinten Nationen für Flüchtlinge die größten Waffenexporteure an Israel. Angesichts von mehr als 30.000 Toten im Gazastreifen hätte dies ein Moment des mea culpa für die Bundesrepublik Deutschland sein müssen, stattdessen scheinen sie ihre Unterstützung für eine sehr problematische Regierung verdoppelt zu haben.

Seit dem 7. Oktober beobachte ich, dass Deutschland sich von Künstler:innen distanziert, weil sie sich zu dem Kolonialstaat Israel äußern, selbst wenn Israel das Osloer Abkommen nicht einhält (das für die Palästinenser:innen ein sehr mittelmäßiges Dokument ist). Ich habe gelesen, dass von den von Deutschland abgesagten Kulturveranstaltungen 30 Prozent von jüdischen Künstler:innen waren, die antizionistisch eingestellt sind. Es ist mir unbegreiflich, dass Jüdinnen und Juden als antisemitisch bezeichnet werden können (wobei offensichtlich ignoriert wird, dass die Palästinenser:innen ein semitisches Volk sind, was diejenigen, die die israelische Regierung unterstützen, zu vergessen scheinen). Vor kurzem haben der palästinensische Filmemacher Basel Adra und der israelische Journalist Yuval Abraham bei der Berlinale den Preis für den besten Dokumentarfilm für ihren Film No Other Lands gewonnen, der die Auslöschung palästinensischer Dörfer im Westjordanland zeigt. Die deutsche Kulturministerin soll erklärt haben, dass ihr Beifall nur der israelischen Hälfte des Filmemacherduos galt. Die südafrikanische Geschichte hat dafür einen Ausdruck. Petty Apartheid.

Ich sehe mich daher außerstande zu schweigen oder einen offiziellen Orden einer Regierung zu behalten, die so gefühllos gegenüber menschlichem Leid ist.