Heft 2/2025, Editorial

Chaos und Schaden als Chance Afrikas

Eigentlich weiß man gar nicht mehr, ob man über US-Präsident Trump lachen oder weinen soll. Nichts ist bei ihm gewiss, außer dass keine seiner Entscheidungen endgültig sind. Doch so harmlos, wie das Bild vom „erratischen" Präsidenten suggeriert, sind die Folgen seiner Schnellschüsse nicht. Eher ist Trump ein Brandbeschleuniger in Sachen Zerstörung der bisherigen Weltordnung. Bevor er eine weitreichende Entscheidung korrigiert, ist der Schaden schon angerichtet: Weltweit stürzen die Aktienkurse infolge seiner Zoll-Politik ein, die Ukraine spürt die Schlinge eines Knebelfriedens um ihren Hals und in Afrika wissen viele Länder nach dem Aus für USAID nicht mehr, wie sie ihre Programme zur HIV/Aids-Prävention fortführen können. Über ein Viertel der insgesamt 41 Mrd. US-Dollar Entwicklungshilfe der USA ging letztes Jahr an Afrika. Nach Trumps Aussetzung eines Großteils der USAID-Projekte schrillen bei den Hilfsorganisationen die Alarmglocken, sie warnen vor wieder wachsender Armut. Ist Afrika das Opfer einer zunehmend autokratisch dominierten Weltordnung?

In seinem Beitrag über die Auswirkungen der Aussetzung der US-Hilfe für Afrika weist Vince Musewe auch auf die Chancen für die Regierungen hin, die eigenen lokalen Ressourcen effizienter und effektiver zu nutzen, um die Abhängigkeit von ausländischer Hilfe zu verringern, etwa durch eine Diversifizierung der Finanzierungsquellen und kostengünstige technologische Lösungen im Agar- und Gesundheitssektor.

Die afrikanischen Staatschefs und -chefinnen, zu denen jetzt auch Namibias Präsidentin Netumbo Nandi-Ndaitwah gehört, haben sich nicht erst seit gestern Gedanken darüber gemacht, wie sie nicht nur die Abhängigkeiten vom Westen mit denen von Russland und China austarieren, sondern auch, welches Gewicht sie auf der Weltbühne spielen können. Südafrika hat seit Dezember 2024 als erstes afrikanisches Land die Präsidentschaft der G20 übernommen und baut, wie Madeleine Lang berichtet, selbstbewusst darauf, nicht nur die afrikanischen Interessen zu vertreten, sondern auch ein nicht zu ignorierender Makler bei der Stärkung des Multilateralismus zu sein. Dabei scheinen die beleidigenden und rassistischen Querschüsse aus Washington Präsident Cyril Ramaphosa nicht aus der Ruhe zu bringen. Die Paranoia, die Gestalten wie Elon Musk im Einklang mit reaktionären nationalistischen Kräften in Südafrika wegen einer angeblichen Gefahr für die weiße Minderheit schüren, nennt William Shoki, Herausgeber von Africa is a Country, „absurd und realitätsfern". Dabei wäre es durchaus mal lohnenswert, die auf Apartheidszeiten zurückgehenden Verbindungen des 1971 in Johannesburg geborenen Elon Musk und seines rechts-libertären Gesinnungsgenossen Peter Thiel, der seine Schulzeit in Johannesburg und Swakopmund verbrachte, zu Neonazi-Gruppen näher zu beleuchten.

Doch zurück zum Pragmatismus eines Cyril Ramaphosa, der sich innenpolitisch selbst dann noch zuversichtlich zeigt, wenn das Fortbestehen der Regierung der nationalen Einheit am seidenen Faden hängt. Nach Außen hin aber zeigt er – nicht zuletzt dank der G20-Präsidentschaft – das Selbstbewusstsein eines führenden afrikanischen Landes, das mit der Völkermordklage gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof die USA und große Teile Europas gegen sich aufgebracht hatte. Die südafrikafeindliche US-Politik gipfelte zwar Mitte März in einem Affront gegen Südafrikas Botschafter in den USA, der zur unerwünschten Person erklärt wurde, aber Ramaphosa zeigt sich unbeeindruckt und empfängt stattdessen den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi zum Staatsbesuch. Der erste Besuch eines ukrainischen Präsidenten auf dem afrikanischen Kontinent war wegen eines massiven russischen Angriffs auf Kiew zwar kürzer als geplant und Selenskyi konnte dem auf Neutralität pochenden Südafrika kein klares Bekenntnis zur Ukraine abgewinnen. Etwaige Erwartungen an Südafrika, als ein Vermittler zwischen Moskau und Kiew fungieren zu können, dürften auch nach einem absehbaren Scheitern des vom „Deal" besessenen US-Präsidenten gedämpft bleiben. Doch Ramaphosa hatte schon 2023 Afrika als Vermittler ins Spiel gebracht, als er eine Delegation von mehreren afrikanischen Staatsoberhäuptern nach Europa anführte, die sich mit Selenskyi und Putin traf. Dass der Zehn-Punkte-Friedensplan damals zu keinen konkreten Ergebnissen führte, lag weniger am mangelnden Verhandlungsgeschick Ramaphosas und seiner Delegation als am Unwillen oder der Unfähigkeit des Westens, schon damals – und nicht erst nach Trumps gescheiterten Eiertanz zwischen Moskau und Kiew – ernsthafte diplomatische Initiativen jenseits von Waffenlieferungen an die gebeutelte Ukraine anzustoßen.

Es wird im Globalen Norden viel von einer antiwestlichen Stimmung in Afrika gesprochen. Vielleicht ist es aber gerade der vom Kolonialismus und seinen Folgen geschundene Kontinent, der in einer neuen Weltordnung aufblühen kann.

Lothar Berger