Heft 2/2026, Angola

Angolas Tourismusoffensive zwischen Imagekampagne und Wirtschaftsstrategie

Von Janine Traber

Als Angola Anfang März auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin auftrat, präsentierte sich das Land als aufstrebende Destination für Natur-, Kultur- und Ökotourismus. Auch zwei Monate später auf der Frankfurter IMEX-Messe für Tourismus sollten Bilder von Nationalparks, Küstenlandschaften und unberührter Natur ein modernes, offenes und investitionsfreundliches Angola zeigen. Doch hinter dieser Präsentation steht eine Realität, die deutlich komplexer ist. Denn unbeschadet der zweifellos vorhandenen wirtschaftlichen Potenziale – beruhend auf reichhaltigen natürlichen Ressourcen – kämpft Angola seit Jahrzehnten mit strukturellen Problemen, die das internationale Bild des Landes bis heute prägen.

Menschenrechtsorganisationen weisen regelmäßig auf erhebliche rechtsstaatliche Defizite hin, und endemische Korruption gehört zu den zentralen Herausforderungen des Landes. Obwohl politische Reformen und Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung längst von der Regierung João Lourenços angekündigt wurden, bleibt die Konzentration wirtschaftlicher sowie daraus abgeleiteter politischer Macht innerhalb kleiner Eliten ein wiederkehrender Kritikpunkt. Hinzu kommen mangelnde Transparenz staatlicher Strukturen und rechtliche Unsicherheit sowie Vorwürfe hinsichtlich eingeschränkter Pressefreiheit und der Beschneidung weiterer demokratischer Rechte. Nicht zuletzt ist die erhebliche soziale Ungleichheit zu erwähnen: Während Öl rund 95 Prozent der Exporteinnahmen ausmacht und dem Staat vergleichsweise sichere Einnahmen beschert, leben rund 40 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze.

Vor diesem Hintergrund erhält der Auftritt Angolas auf den deutschen Tourismusmessen eine zusätzliche politische Dimension: Die Messen dienten nicht ausschließlich dazu, Tourist*innen anzusprechen oder Investitionen in die Tourismusbranche zu fördern. Sie waren zugleich eine Form internationaler Imagepolitik. Denn Staaten nutzen die ITB und IMEX seit Langem nicht nur zur Vermarktung von Reisezielen, sondern zunehmend auch als Plattform wirtschaftlicher und politischer Selbstdarstellung.

Tourismus als Instrument der Neupositionierung

Angola präsentierte sich als bislang wenig erschlossene Destination mit großem Entwicklungspotenzial. Berichte bezeichneten Angola teilweise als „Namibia ohne Touristen" – eine Formulierung, die auf unberührte Landschaften und geringe internationale Bekanntheit anspielt. Edward Saids Beschreibungen von exotisierenden Vorstellungen über einen vermeintlich zu entdeckenden und zu erobernden Orient (also alles außerhalb des Westens) lassen grüßen. Im Mittelpunkt der Präsentation Angolas auf den Messen standen die Atlantikküste (schöne Strände!), Nationalparks (wilde Natur!), kulturelle Vielfalt („wilde" Menschen!) und Möglichkeiten eines nachhaltigen Tourismus – Orientalismus zeitgemäß in grün gewaschen mit dem Ziel der Teilhabe am Globalkapitalismus also.

Aber wenn man die leider häufig strategische Reproduktion kolonialer Narrative mal ausblendet, verfolgt der Ausbau des Tourismussektors durchaus reale wirtschaftliche Ziele: Tourismus schafft vergleichsweise viele Arbeitsplätze und kann regionale Entwicklung fördern. Hotels, Gastronomie, Transport, Handwerk und Dienstleistungen profitieren unmittelbar von steigenden Besuchszahlen durch z.B. den Ausbau von Infrastruktur. Für ein Land wie Angola, dessen Wirtschaft sehr stark vom Erdölsektor abhängig ist, erscheint eine wirtschaftliche Diversifizierung sinnvoll und notwendig.

Doch die Tourismusoffensive verfolgt noch ein weiteres Ziel: Sie soll das Bild Angolas im Ausland verändern. Länder konkurrieren heutzutage auch um Aufmerksamkeit, Vertrauen und internationale Wahrnehmung. Als eindrückliche Beispiele für die Relevanz des touristischen bzw. internationalen Images sind die Auswirkungen der kürzlich erfolgten militärische Angriffe des Irans auf die VAE (insbesondere Dubai) und andere arabische Staaten zu nennen: Innerhalb kürzester Zeit wandelte sich das jahrelang aufgebaute und mühevoll inszenierte Influencer*innenparadies zu einem Ort, der von Konflikten bedroht ist und gemieden werden muss. Imagekampagnen sind also kein Scherz, sondern eine funktionale Maßnahme, um bestehende Vorstellungen über politische Instabilität, Korruption oder soziale Probleme in den Hintergrund zu rücken.

Dortmund: Von Tourismus zu Investitionen

Dass die Messeauftritte Angolas Teil einer größeren Strategie sind, zeigte sich auch anhand eines dazwischen liegenden Termins: Vertreter des Landes reisten im Anschluss an die ITB weiter nach Dortmund zum 9. „Deutsch-Afrikanischen Business Forum NRW". Im Mittelpunkt der Gespräche mit Wirtschaftsvertreter*innen standen Themen wie Infrastruktur, Energieversorgung, Logistik, Ausbildung und industrielle Entwicklung. Deutschland wird in Angola als technologisch starker und wirtschaftlich verlässlicher Partner betrachtet. Besonders Unternehmen aus den Bereichen Maschinenbau, erneuerbare Energien und Infrastruktur gelten als potenzielle Investoren, die für Kooperationen angelockt werden sollen.
Dabei ist Angola jedoch nicht das einzige afrikanische Land mit derartigen Interessen. Die sichtbar stärkste Präsenz ging Berichten zufolge von Nigeria aus, das mit hochrangigen Repräsentanten und einer umfangreichen Wirtschaftsagenda vertreten war. Angola konkurriert also auf dem afrikanischen Wirtschaftsmarkt um Aufmerksamkeit – nicht nur gegenüber internationalen Investoren, sondern auch gegenüber anderen afrikanischen Staaten.

Für Deutschland wiederum ist Angola aufgrund seiner Rohstoffe und seiner geostrategischen Lage interessant. Neben Erdöl und Gas verfügt das Land über Diamanten sowie weitere Ressourcen, die für moderne Industrie- und Energietechnologien zunehmend wichtig werden. In Zeiten geopolitischer Spannungen und unsicherer Lieferketten sucht Europa verstärkt nach neuen Partnerschaften. Es wiederholt sich also das eingeübte Rollenbild: ein afrikanisches Land wirbt um Aufmerksamkeit mit kolonialvertrübter Tourismuskampagne, während der sog. Globale Norden den Zugriff auf Rohstoffe im Blick hat. Solange dabei nur genügend kaum qualifizierende Arbeitsplätze im Tourismus statt in der Wertschöpfung vor Ort geschaffen werden, wird es schon in Ordnung sein?

Wirtschaftliche Chancen – und politische Grenzen

Die Möglichkeiten einer engeren deutsch-angolanischen Zusammenarbeit sind grundsätzlich vorhanden und könnten durchaus positive Effekte haben, wenn Angola sich denn selbstbewusst genug in den Verhandlungen positioniert. Angola könnte vom Technologietransfer, vom Ausbau beruflicher Bildung sowie von Investitionen in Infrastruktur und Industrie profitieren und sollte auf diesen beharren. Deutschland wiederum könnte sich neue Absatzmärkte und langfristige Rohstoffpartnerschaften erschließen.

Aber Kapital folgt nicht ausschließlich Rohstoffvorkommen oder Marktpotenzialen. Investoren achten ebenso auf politische Stabilität, effiziente Institutionen und Rechtssicherheit. Gerade in diesen Bereichen bestehen jedoch weiterhin Zweifel: Die weit verbreitete Korruption, intransparente Verwaltungsstrukturen und mangelhafte Rechtsstaatlichkeit bergen erhebliche Investitionsrisiken. Hinzu kommen infrastrukturelle Probleme, etwa im Bereich Transport oder Energieversorgung, die hohe Anfangsinvestitionen erforderlich machen würden.

Imagepolitik braucht politische Reformen

Die Präsentation Angolas auf den deutschen Tourismusmessen kann als sichtbarer Ausdruck eines größeren politischen Projekts verstanden werden. Das Land möchte sich international neu definieren: weg vom Bild eines ölabhängigen Staates mit Korruptionsproblemen, hin zu einem modernen Wirtschafts- und Investitionsstandort.

Die Gestaltung der Imagepolitik ist jedoch auf den Geschmack und die Interessen potenzieller Investitionspartner zugeschnitten und vermittelt dadurch nicht wirklich das Bild eines selbstbewussten Angolas. Vielleicht lassen sich ja durchaus in Zukunft mehr Tourist*innen durch die „Vermarktung" attraktiver Landschaften über professionelle Kampagnen gewinnen. Dadurch werden jedoch die Probleme von sozialer Ungleichheit, Korruption und Demokratiedefizit nicht behoben. Ob im Anschluss also westliche Investoren genug Vertrauen zu den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Angola fassen werden, bleibt abzuwarten. Zudem ist die Antwort auf die Frage offen, ob die mögliche Zusammenarbeit tatsächlich nachhaltigen Aufschwung für die Gesamtgesellschaft erbringen oder lediglich einer kleinen Elite zu Gute kommen wird. Solange ernsthafte Fortschritte in Bereichen wie Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Entwicklung ausbleiben, wird die Wirkung solcher Kampagnen wohl eher begrenzt bleiben.