Heft 2/2026, Mosambik: Wirtschaft

Besorgniserregender Zustand

Mosambiks Wirtschaft leidet unter einer untragbaren Schuldenlast, das Land ist kaum noch zahlungsfähig und der IWF zeigt der Regierung die kalte Schulter. Steigende Benzinpreise führen zu neuen Unruhen.

Von Lothar Berger

Am 7. und 8. Mai standen in Maputo die meisten Taxis still. Die „Chapeiros" demonstrierten mal wieder gegen zu hohe Spritpreise. Das ist nicht neu in Mosambik. Der Abbau von Subventionen bei Benzin und Lebensmitteln hat in der Vergangenheit immer wieder zu sozialen Verwerfungen und Protesten gegen die Regierung geführt. Seit dem USA-Israel-Irankrieg und der Blockade der Meerenge von Hormus ist der Dieselpreis diesmal allerdings sprunghaft angestiegen – um bis zu 45,5 Prozent. Die sozialen Spannungen in den Straßen der Hauptstadt Mosambiks sind auf dem Höhepunkt. Ohne Transportmöglichkeiten müssen viele Menschen kilometerweit unter großer Hitze zu Fuß zur Arbeit gelangen. Wer es nicht schafft, hat Angst, den Job zu verlieren. Überall sind Polizei und Einsatzkräfte der schnellen Eingreiftruppe (Unidade de Intervenção Rápida) auf der Hut, um Demonstrationen im Keime zu ersticken. Im Niederschlagen von Protesten sind sie geübt: Nach den Wahlen im Oktober 2024 hatte es monatelange Demonstrationen gegen die Regierung und Boykotte von Unternehmen, die mit der regierenden Frelimo verbunden sind, gegeben.

Diesmal allerdings kann der Staat auf äußere Einflüsse verweisen. Wie die meisten Länder weltweit ist auch Mosambiks Regierung machtlos gegen den Anstieg der internationalen Preise. Die seit dem 7. Mai geltenden Erhöhungen haben den Dieselpreis auf 116,25 Meticais (1,54 €) pro Liter und Benzin auf 93,69 Meticais (1,24 €) erhöht. Das sei unvermeidlich, betonte Präsident Daniel Chapo, die Preise lägen aber immer noch unter denen der Nachbarländer.

Mosambik hat als Folge des Nahost-Konflikts seit Wochen mit Schwierigkeiten bei der Kraftstoffversorgung zu kämpfen. Nach Angaben der Regierung erhält das Land etwa 80 Prozent seiner Kraftstoffimporte aus dem Nahen Osten über die Straße von Hormus. Im ganzen Land mussten Tankstellen schließen, der Kauf von Diesel oder Benzin ist stark eingeschränkt, überall bilden sich Warteschlangen. Die Regierung sucht verzweifelt nach alternativen Bezugsquellen mit „wettbewerbsfähigen Preisen". Gleichzeitig entwickelt sich ein informeller Kraftstoffmarkt. Da, wo Benzin noch zu haben ist, sind laut einem Bericht der Deutschen Welle Hamsterkäufe zu beobachten. Die Menschen drängen sich mit Kanistern an die Zapfsäulen und setzen in weniger als 24 Stunden 40.000 Liter ab, wofür die Tankstellen früher eine Woche brauchten. „Die Vertriebslogistik ist nicht darauf vorbereitet, die Zapfsäulen täglich zu versorgen. Die Schiffe werden zwar entladen, aber die Verfügbarkeit von Devisen schränkt die Importe auf kurze Zeiträume ein", erklärte Wirtschaftsminister Basílio Muhate (Deutsche Welle, 6.5.26).

Im Würgegriff durch hohe Schulden

Die Regierung kündigte an, eine Subventionierung des öffentlichen Personennahverkehrs zu prüfen, um die Auswirkungen der Kraftstoffkrise auf die Bevölkerung abzufedern. Angesichts leerer Staatskassen sind Subventionen ein zweischneidiges Schwert. Sie können, sofern sie tatsächlich die Preise spürbar eindämmen, Druck aus der aufgeladenen Situation abzulassen. Mit halbgaren Subventionen wird der seit langem schon frustrierten Bevölkerung aber kaum beizukommen sein. Gleichzeitig gefährden Subventionen die Kreditwürdigkeit des Staates. Mosambik ist nämlich hoch verschuldet und kann die Schulden kaum noch bedienen. Die Ratingagentur S&P hat im letzten Jahr die auf Landeswährung lautenden Schulden als „selektiven Zahlungsausfall" (Selective Default) eingestuft, was so viel bedeutet, wie dass die Regierung nicht einmal ihren Verpflichtungen gegenüber inländischen Gläubigern zu den ursprünglichen Konditionen nachgekommen ist.

Mosambiks Staatsverschuldung liegt seit Jahren mehr oder weniger bei 100 Prozent des BIP. Seit der Krise um die „versteckten Schulden" unter der Regierung Guebuza im Jahr 2016 bewegt sich das reale BIP-Wachstum außerhalb des Rohstoffsektors um die 2-Prozent-Marke. Damit hält es nach Aussage von Sam Jones, wissenschaftlicher Mitarbeiter am World Institute for Development Economics Research (UNU-WIDER) der Vereinten Nationen, „kaum Schritt mit dem Bevölkerungswachstum. Pro Kopf gerechnet hat die Wirtschaft außerhalb des Rohstoffsektors seit einem Jahrzehnt faktisch stagniert. Die durchschnittlichen Realeinkommen außerhalb des Bergbau- und Gassektors (sowie des öffentlichen Dienstes) haben sich im Grunde überhaupt nicht weiterentwickelt." (The Conversation, 5.5.26)

IWF verweigert Kredit

Drei aufeinanderfolgende Regierungen haben es in Mosambik nicht geschafft, den rasant wachsenden Schuldenberg abzubauen. Nun spielt auch der Internationale Währungsfonds (IWF) nicht mehr mit. Präsident Daniel Chapo, der im Januar 2025 nach einer heftig umstrittenen Präsidentschaftswahl im Oktober 2024 sein Amt antrat, hatte noch gehofft, ein geplanter Besuch eines IWF-Teams im März könne zu einer Einigung über einen neuen Kredit zu günstigen Konditionen führen, doch Mitte Februar erklärte der IWF sein Nein dazu. „Die Gesamtverschuldung des Staates ist aufgrund anhaltender Zahlungsrückstände stark gefährdet, während die Auslandsverschuldung als hochgradig gefährdet eingestuft wird", hieß es in der IWF-Erklärung. Voraussetzung für ein neues Darlehensabkommen wären umfassende Haushaltsreformen und eine Abwertung des Metical.

Mosambik kann also keine weiteren Auslandskredite mehr aufnehmen und muss seine Haushaltsdefizite in Höhe von 4 bis 6 Prozent des BIP zunehmend durch inländische Banken finanzieren. Die Inlandsverschuldung ist im vergangenen Jahr auf 7 Mrd. US-Dollar gestiegen; davon stammen 1,4 Mrd. US-Dollar von der Zentralbank von Mosambik. Kein Wunder, dass die Verschuldung bei 637 Mio. US-Dollar Inlandszinsen und 200 Mio. US-Dollar Zinsen für Auslandsfinanzierungen untragbar geworden ist. Die Banken können nur eine begrenzte Menge an Staatsschulden aufnehmen. Wenn sie keine Kredite mehr vergeben können, „steht die Regierung vor der Wahl zwischen einem Zahlungsausfall, dem Gelddrucken oder einer abrupten Kürzung der Ausgaben. Keine dieser Optionen ist schmerzlos", so Sam Jones in seiner ernüchternden Analyse.

Aus den jüngsten Berichten von IWF und Weltbank lässt sich schließen, dass Mosambiks Wirtschaft eher früher als später wie ein Kartenhaus zusammenbrechen könnte. Die Wirtschaft hat sich seit 2016 deutlich verlangsamt, zwei Drittel der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Der informelle Sektor dominiert und macht etwa 95 Prozent der Arbeitsplätze aus. „Zwischen 2015 und 2020 stieg die städtische Armut sprunghaft von 32 Prozent auf 44 Prozent, während die ländliche Armut von 56 Prozent auf 71 Prozent zunahm", heißt es in einem Bericht der Weltbank vom 19. März 2026, die anders als der IWF als einzige internationale Organisation die Frelimo-Regierung noch weiterhin unterstützt. Diese klammert sich an zukünftige Gaseinnahmen als rettender Strohhalm und behauptet, die künftigen Einnahmen aus dem LNG-Sektor würden innerhalb von fünf Jahren für Entlastung sorgen. Doch auch die Weltbank kommt zu dem Ergebnis, dass die Mehrausgaben und die Kreditaufnahme so rasant ansteigen, dass sie den Großteil der Gaseinnahmen aufzehren werden, wie Joseph Hanlon, Herausgeber von Moz news reports & clippings, resümiert. „Es wird 15 Jahre dauern, bis nennenswerte Gaseinnahmen für Ausgaben zur Verfügung stehen. Sollten die Staatsausgaben nicht angepasst werden, schätzt die Weltbank, dass ‚ein erheblicher Teil der prognostizierten LNG-Einnahmen bis 2042 zur Deckung aufgelaufener Haushaltsdefizite anstatt zur Finanzierung strategischer Entwicklungsprioritäten verwendet wird'."

Vernachlässigte Landwirtschaft

Neben der Schuldenkrise werden die hohen Personalkosten des öffentlichen Dienstes, die mit 15 Prozent des BIP zu den höchsten in der Region gehören, und die stagnierende und vernachlässigte Landwirtschaft als Hauptfaktoren der Krise gesehen. Die Landwirtschaft, in der drei Viertel der Bevölkerung tätig sind, trägt zu etwa einem Viertel zum BIP bei. Der Sektor müsste eigentlich eine zentrale Rolle bei den Bemühungen zur Armutsbekämpfung, zur Verbesserung der Ernährungssicherheit und zur Stärkung der Resilienz spielen. Doch die Landwirtschaft leidet unter geringer Produktivität, eingeschränktem Marktzugang, fehlenden Betriebs- und Finanzmitteln und klimabedingten Anfälligkeiten. Derzeit verkauft nicht einmal ein Viertel der mosambikanischen Landwirt*innen wegen der erheblichen Hindernisse beim Marktzugang überhaupt Ernteerträge.

Während IWF-Mitarbeiter*innen mittlerweile zwar einräumen, dass der kleinbäuerliche Sektor gezielte staatliche Unterstützung benötigt, so kritisiert Hanlon doch, dass die arbeitsplatz- und agrarfeindliche Politik der Regierung auf frühere IWF-Vorgaben zurückgehe. Landwirtschaftsminister Roberto Albino habe erst kürzlich an der IWF-Linie festgehalten, wonach die Regierung Kleinbauern und -bäuerinnen nicht unterstütze. „Er entließ kürzlich 2000 landwirtschaftliche Berater und erklärte, es sei nicht Aufgabe des Staates, Kredite an Bauern zu vergeben; diese sollten sich an private Agrarhändler wenden". (zit. nach Zitamar News, 6.2.2026)

LNG schafft kaum Jobs

Obwohl jährlich über eine halbe Million junger Menschen in den Arbeitsmarkt eintreten, entstehen kaum neue Arbeitsplätze. Aktuelle Schätzungen des IWF gehen davon aus, dass Mosambik bis 2030 jährlich rund 550.000 neue Arbeitsplätze schaffen muss, um die neuen Arbeitskräfte zu beschäftigen. Der Bedarf werde in den nächsten zwei Jahrzehnten weiter steigen. „Ohne ausreichende Schaffung von Arbeitsplätzen könnten sich Armut und Ernährungsunsicherheit verschärfen und das Risiko sozialer Spannungen erhöhen", warnt ein im Februar 2026 veröffentlichter IWF-Bericht.

Statt die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu unterstützen und die wirtschaftliche Diversifizierung sowie das verarbeitende Gewerbe voranzubringen, hat der Strukturwandel sich auf die extraktive Rohstoffindustrie, insbesondere die kapitalintensiven LNG-Projekte im Norden des Landes konzentriert, die nur begrenzte Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Im Rovuma-Becken im Norden des Landes lagern zwar riesige Mengen an förderbarem Erdgas, doch derzeit produziert wegen der anhaltenden bewaffneten Konflikte in der Provinz Cabo Delgado mit Coral South nur eine Offshore-Plattform. Die Gasverflüssigungsanlage auf der Halbinsel Afungi südlich der Stadt Palma wurde wegen der Überfälle zu einer Festung ausgebaut und ist vom Landweg abgeschnitten. Für lokale Unternehmen bestehen daher kaum Aussichten auf Aufträge.

Allerdings müssen auch Mitglieder der Wirtschaftselite der Frelimo ihre Hoffnungen begraben, durch ihre politischen Kontakte von Aufträgen profitieren zu können, nachdem ExxonMobil und Total Energies klargestellt haben, dass Auftragnehmer und Subunternehmer nicht mit „politisch exponierten Personen", also Regierungsbeamten und hochrangigen Politiker*innen, und deren Firmen zusammenarbeiten dürfen. Offensichtlich eine Maßnahme zur Eindämmung von Kosten und politischer Korruption.

Auf schmalem Grad

Die Frelimo hat in den letzten drei Jahrzehnten ihrer Regierung Reichtum und Macht in den Händen der Partei konzentriert. Joe Hanlon verweist hier vor allem auf die Präsidentschaft von Armando Guebuza, der den öffentlichen Dienst in einen Zweig der Frelimo umgewandelt habe. „Sie hat eine oligarchische Dienstleistungswirtschaft geschaffen, die von Staatsaufträgen, Importen und Provisionen (‚Renten') aus dem Rohstoffsektor abhängig ist – ohne Investitionen in den produktiven Sektor oder die Schaffung von Arbeitsplätzen." Der Klientelstaat belohnt die Frelimo-Funktionäre und Beamten mit hohen Löhnen, wobei der Wirtschaftshistoriker Peter Turchin von einer „Überproduktion von Eliten" spricht, bei der zu viele „Eliteanwärter" um eine begrenzte Anzahl von Positionen in den oberen Rängen von Politik und Wirtschaft konkurrieren. Alle drei Vorgänger des jetzigen Präsidenten Chapo – Joaquim Chissano, Armando Guebuza und Filipe Nyusi – haben sich ihre eigenen Klientelgruppen geschaffen, die um politische wie ökonomische Pfründe konkurrieren. Chapo muss, um da mithalten zu können, seine eigene Gefolgschaft aufbauen.

Folglich kann sich die Partei den Ansprüchen auf überhöhte Lohnzahlungen der „Eliteanwärter" kaum entziehen und daher keine drastischen Kürzungen vornehmen. Das aber fordern IWF und Weltbank und stoßen damit auf Granit bei der Regierung. Diese hatte im letzten Jahr zwar ein Einfrieren der Löhne, einen Einstellungsstopp sowie dem Verzicht auf die traditionelle 13. Monatszahlung zum Jahresende zugestimmt, doch im Januar 2026 kündigte sie an, 40 Prozent des 13. Monatsgehalts für Staatsbedienstete und Pensionäre zu zahlen. Die Notwendigkeit einer Haushaltskonsolidierung und des Schuldenabbaus wird durchaus anerkannt. Doch das vom IWF vorgeschlagene Reformpaket sei politisch nicht durchsetzbar.

Die Einschätzung des IWF vom Anfang des Jahres fiel nach Ansicht von Same Jones „bemerkenswert schonungslos" aus. „Das Bild, das sich aus diesen Daten ergibt, ist besorgniserregend." Für den IWF ist das Rezept klar: Sparmaßnahmen und Abwertung jetzt, Wachstum später. Doch, so Jones: „Eine Abwertung würde die Kosten für importierte Lebensmittel und Treibstoff erhöhen und städtische Haushalte direkt treffen. Jede Preiserhöhung würde Forderungen nach einer Anhebung des Mindestlohns auslösen. Angesichts der noch frischen Erinnerung an die gewalttätigen Ausschreitungen im Zusammenhang mit den Wahlen von 2024 besteht eine starke Tendenz zum Status quo."

„Durchwursteln" wie bisher würde aber bedeuten, eine Haushaltskonsolidierung passiv und mit Finanzierungsengpässen zu betreiben. Das bedeutet aber auch, gegen Korruption vorzugehen und keine Gelder mehr in dunklen Kanälen verschwinden zu lassen. Die vom IWF festgestellten Differenzen zwischen Handels- und Defizitdaten der Regierung haben nicht gebuchte Ausgaben von Hunderten Millionen US-Dollar aufgedeckt. Solcher Diebstahl lässt sich kaum noch verbergen.

Voraussetzung für eine Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit externen Partnern im Rahmen eines glaubwürdigen IWF-Programms wäre laut Jones eine graduelle, durchaus politisch anspruchsvolle „evidenzbasierte und finanziell tragfähige Wachstumsstrategie, die auf landwirtschaftliche Produktivität, arbeitsintensive Exporte und ein berechenbares regulatorisches und makroökonomisches Umfeld abzielt."

Im April hat Mosambik jetzt 630 Mio. US-Dollar an den IWF zurückgezahlt und hofft, damit den Finanzierungsstop auflösen zu können. Es bleibt ein schmaler Grad.