Heft 2/2026, In eigener Sache

Staffelübergabe mitten im Hürdenlauf

Liebe Leser*innen von afrika süd,

Mit dieser Ausgabe von afrika süd verabschiede ich mich von Ihnen als langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift. Für dieses Heft zeichnet zum ersten Mal Janine Traber verantwortlich. Janine kam im April 2022 zur issa und hat sich neben ihrer auf viel positive Resonanz stoßenden Podcast-Reihe als Redaktionsassistentin sowohl fachlich wie sachlich für eine verantwortlichere Aufgabenstellung ausgezeichnet. Mit der Übernahme der Redaktionsleitung an Janine ist ein längst gebotener Verjüngungsprozess in der Redaktion eingeleitet.

Über fünf Jahrzehnte hat sich afrika süd als Publikationsorgan der issa gehalten, ist zu der Fachzeitschrift zum Südlichen Afrika gereift, die im Sinne der Aufgabenstellung des Vereins die politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung der Gesellschaften im südlichen Afrika beobachtet und analysiert. Natürlich hat sich in diesem Zeitraum vieles verändert – ein Printmedium muss seine journalistische Qualität immer wieder neu beweisen, um sich in der digitalen Medienwelt behaupten zu können.

Als ich mich zusammen mit dem damaligen Geschäftsführer Hein Möllers als studierter Ethnologe und Afrikanist 1981 für eine Tätigkeit bei der issa entschied, bestand die Zeitschrift unter dem sperrigen Titel „informationsdienst südliches afrika" bereits knapp 10 Jahre. In Südafrika herrschte Apartheid, die Unterdrückung der schwarzen Mehrheitsbevölkerung durch das rassistische Apartheidregime war in ihrer schlimmsten Dekade, Namibia war noch Jahre von seiner Unabhängigkeit entfernt und in Angola, Mosambik und Simbabwe hoffte die Bevölkerung auf die Umsetzung einer gerechteren Politik durch die Befreiungsbewegungen, die an die Macht gekommen waren.

Die Zeitschrift wurde damals von Aktivist*innen, Personen aus der Solidaritätsbewegung und EZ-erfahrenen Personen gemacht, das journalistische Handwerk mussten wir durch Erfahrung erlernen. Einer meiner ersten Beiträge im Infodienst war 1982 ein Aufsatz über den vom Apartheidregime eingerichteten „South African Indian Council". Begriffe wie „Coloureds", „Asiaten" und „Inder" gehörten wie „Schwarze" und „Weiße" zum Vokabular der Apartheidzeit. Heute fordert ein sensibler postkolonialer Sprachgebrauch mindestens Anführungszeichen, wenn sich solche Zuweisungen mit Bezug auf den historischen Kontext nicht vermeiden lassen.

Einige unserer Abonnent*innen gehören noch zur Generation der historischen Solidaritätsbewegung, denen der Kampf gegen Apartheid und die Unterstützung von Befreiungsbewegungen das Hauptanliegen war. Bis zum offiziellen Ende der Apartheid und den ersten demokratischen Wahlen in Südafrika wurde die Zeitschrift zusammen mit der westdeutschen Anti-Apartheid-Bewegung herausgegeben. Das führte bisweilen zu heftigen Kontroversen über die Ausrichtung der Redaktion: Aktionsberichte und Bekenntnisse zu einer bestimmten Befreiungsbewegung versus Pluralismus, Recherche, Analyse und kritisches Hinterfragen. Am deutlichsten trat dies bei der Frage zu Tage, wie mit den Berichten über Folter in den Gefangenenlagern der Swapo oder über das Gukurahundi-Massaker im simbabwischen Matabeleland (siehe Bericht in dieser Ausgabe) umzugehen sei.

Solche inhaltlichen Auseinandersetzungen haben die journalistische Arbeit aber auch befruchtet. Als ich nach dem Ausscheiden von Hein Möllers als Geschäftsführer der issa 2015 das Amt des leitenden Redakteurs von afrika süd übernahm, hoffte ich, die Zeitschrift könne sich zu einem Forum von inhaltlichen Diskussionen weiterentwickeln lassen. Doch es ist uns nicht gelungen, die Leser*innenschaft zu mehr Meinungsäußerungen zu animieren. Vielleicht haben wir auch zu wenig kontroverse Themen angepackt. Die Rubrik „Gastkommentar", bei der sich ausgewiesene Expert*innen zu Wort melden konnten, war nochmal ein Versuch zu mehr Meinungsaustausch.

Mag sein, dass die Fronten in einer zunehmend komplexeren Welt nicht mehr so klar verlaufen wie noch zu Zeiten von Apartheid. Die Themen wie Verschuldung, Armutsbekämpfung, Korruption, Rohstoffabhängigkeiten etc. bleiben, ihre Ursachen sind aufzudecken. Die postkoloniale Debatte sollte sich dabei weniger in – kaum strittige – Themen verlieren, wie Afrika-Klischees und EZ-Lastigkeit vermieden werden oder „richtig" gegendert wird. Die Zeitschrift sollte auch nicht mit dem moralischen Zeigefinger redigiert werden, der in heutigen politischen Debatten leider allzu häufig inhaltliche Substanz verdeckt.

Offene Debatten um die beste Gestaltung des Inhalts sind Teil eines kollektiven Produktionsprozesses, an dem viele „kluge Köpfe" beteiligt sind. Dabei geht es nicht nur um den Erhalt der politischen Unabhängigkeit der Redaktion ohne einseitige Vorgaben, die Redaktion wird sich auch der Frage stellen müssen, in welcher Form die Zeitschrift eine jüngere Generation gewinnen kann. Positive Erfahrungen mit engagierten Praktikant*innen belegen, dass dies möglich ist. Janine Traber wird – anknüpfend an die wertegebundene Redaktionsarbeit in den zurückliegenden gut 50 Jahren – afrika süd im modernen Sinne weiterführen.

Lothar Berger