Wenn die Welt mal wieder aufgeregt auf den Fußball blickt, verschwinden andere Geschichten leicht aus dem Blickfeld. Wie so oft bündelt der Fußball die Aufmerksamkeit der Welt – und verdeckt zugleich vieles von dem, was sich jenseits der Stadien ereignet.
Während zehn afrikanische Nationalmannschaften und ihre Fans vom globalen Fußballfest träumen, erleben viele Menschen auf dem Kontinent wieder einmal die Realität neuer Grenzen. Berichte über Visa-Hürden, überlastete oder teilweise einfach geschlossene Konsulate und restriktive Einreisepolitiken legen die Frage nahe, wer sich eigentlich frei bewegen darf und wer nicht. Die globale Begeisterung für den Sport endet oft dort, wo afrikanische Reisepässe beginnen.
Die Frage nach Zugehörigkeit und Ausschluss stellt sich jedoch nicht nur an den Grenzen Europas oder Nordamerikas. Sie stellt sich auch innerhalb Afrikas selbst.
In Südafrika ist eine neue Welle fremdenfeindlicher Stimmung zu beobachten. Menschen aus Mosambik, Malawi, Simbabwe, Nigeria oder Ghana werden erneut massiv für wirtschaftliche Probleme, Arbeitslosigkeit und Kriminalität verantwortlich gemacht. Die Bilder erinnern an dunkle Kapitel der jüngeren Geschichte des Landes. Mehrere Herkunftsländer haben inzwischen damit begonnen, ihre Staatsangehörigen bei der Rückkehr zu unterstützen; Ghana organisierte sogar Rückführungsflüge für seine Bürger*innen.
Präsident Cyril Ramaphosa hat die Gewalt zwar verurteilt und sich gegen Selbstjustiz ausgesprochen. Gleichzeitig übernimmt seine Regierung zunehmend einen migrationspolitischen Wortschatz, der auch aus Europa vertraut klingt: stärkere Grenzsicherung, härtere Maßnahmen gegen irreguläre Migration, effizientere Abschiebungen und die Verknüpfung sozialer Probleme mit dem Thema Einwanderung.
Denn Südafrika verdankt seine Freiheit nicht zuletzt der Solidarität anderer afrikanischer Staaten. Exil, grenzüberschreitende Unterstützung und panafrikanische Zusammenarbeit waren zentrale Bestandteile des Kampfes gegen die Apartheid. Wer heute Migrant*innen aus Nachbarstaaten zu Sündenböcken macht, riskiert nicht nur sozialen Frieden, sondern auch das historische Gedächtnis des Landes.
Damit sind wir bei einer Frage, die weit über Südafrika hinausweist. Ungeachtet ihrer unstreitbaren historischen Verdienste sind die Befreiungsbewegungen der Länder im südlichen Afrika zu politischen Establishments mit undemokratischen Herrschaftsansprüchen geworden.
In Simbabwe wird genau in diesen Tagen entschieden, ob die Verfassungsänderung zur Verlängerung der präsidentiellen Amtszeit durchgeht. Und in Südafrika wird gegen Ramaphosa erneut ein Amtsenthebungsverfahren im Zusammenhang mit der Sofageld-Affäre vorbereitet.
Doch ein positives Beispiel zeigt uns, dass es durchaus möglich ist, dass ehemalige Befreiungsbewegungen demokratische Institutionen über ihre eigenen Machtinteressen stellen. In Kap Verde ging die ehemalige Unabhängigkeitsbewegung PAICV bereits Anfang der 1990er Jahre in die Opposition und kehrte bei den Parlamentswahlen im Mai diesen Jahres durch demokratische Wahlen wieder an die Regierung zurück. Die Partei verstand also, dass Demokratie auch die Anerkennung politischer Konkurrenz ist und ein Machtwechsel keine existenzielle Bedrohung sein muss.
Für das südliche Afrika scheint also 50 Jahre nach den großen Befreiungsbewegungen die Herausforderung zu sein, die Freiheit immer wieder neu zu verteidigen: gegenüber Machtkonzentration, gegenüber die Einflussnahme ausländischer Interessen sowie gegenüber der Versuchung, komplexe gesellschaftliche Probleme durch einfache Feindbilder zu erklären.
Janine Traber

