Heft 3/2022, Editorial

afrika süd im Wandel – und die Politik?

Liebe Leserinnen und Leser,

mit dieser Ausgabe haben Sie afrika süd mit einem neuen Gesicht und neu gestaltetem Layout vorliegen. Dem verspielten und Platz raubenden Titel-Logo sagen wir ade. Manch einen wird es schmerzen, sich vom lieb gewonnenen Antlitz der Zeitschrift trennen zu müssen, andere werden das eher gelassen hinnehmen, es zählt mehr, über was afrika süd berichtet. Was aber ist dieser Wandel im Vergleich zu dem ungleich größeren und dramatischen Wandel, dem sich die Welt gegenüber sieht? Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine beherrscht einen Teil der Beiträge in dieser Ausgabe, so wie er die Politik Europas, des erst durch „Putins Krieg" gestärkten Nato-Bündnisses, der Bundesregierung und – unter ganz anderen Gesichtspunkten – des Globalen Südens bestimmt.

Gerade erst war Bundeskanzler Olaf Scholz auf Antrittsbesuch bei Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa, nachdem er zuvor Senegal und Niger bereist hatte. Deutschland sieht Südafrika, das sich bei der UN-Resolution im März gegen die russische Invasion der Stimme enthielt, als wichtigstes Partnerland südlich der Sahara. Offiziell sprechen beide Seiten von guten Beziehungen. Doch Scholz stieß bei seinem Amtskollegen in Pretoria auf Widerspruch, als es darum ging, die Invasion der Ukraine als russischen Angriffskrieg zu verurteilen und Sanktionen zu befürworten. Ramaphosa spricht lieber von einem „Konflikt", der mit Verhandlungen zu lösen sei. Die Strafmaßnahmen gegenüber Russland lehnte er ab, da „selbst jene Länder, die Zuschauer oder gar nicht Teil des Konflikts sind", unter den Sanktionen gegen Russland leiden würden – womit er einen für den Globalen Süden schmerzhaft entscheidenden Punkt anspricht. Das UN-Welternährungsprogramm warnt angesichts der fehlenden Weizenlieferungen aus der Ukraine vor Hunger in weiten Teilen Afrikas.

Scholz kam nicht umhin einzuräumen, dass Ramaphosas Argumentation verständlich ist, doch die Interessen beider Länder sind in Bezug auf die Bewertung Russlands nun mal gänzlich andere. Vielleicht rächt sich jetzt, dass der Westen während des Befreiungskampfs gegen die Apartheid den ANC geschnitten und teilweise als 5. Kolonne Moskaus verunglimpft hatte. Der ANC pflegte damals – mangels Alternativen, wenn man mal von Skandinavien absieht – enge Beziehungen zur Sowjetunion. Dass diese nicht ganz unkompliziert waren und welche Rolle darin auch die Ukraine etwa als Studienort für Führungskräfte spielte, das zeigt der Beitrag „Die Politik der imperialen Dankbarkeit" von Hilary Lynd in dieser Ausgabe eindrücklich.

Wenn viele Länder Afrikas sich anders positionieren als „der Westen", der so gerne auf die Verteidigung „seiner Werte" pocht, hat das nur zum Teil mit der Abhängigkeit einiger afrikanischer Staaten von russischer Militärhilfe zu tun. Die berüchtigte Wagner-Gruppe operiert in 17 Staaten Afrikas und öffnet Moskau die Türen zu Kooperationen auch mit einigen korrupten Diktaturen. „Söldnerdämmerung" nennt Daniel Düster seinen Aufsatz in Anspielung an das Werk Richard Wagners, das schon die Nazis so gerne für ihre Propaganda missbrauchten.

Der Ukraine-Krieg sieht aus dem Blickwinkel des Globalen Südens anders aus, ob uns die Loyalität einiger Staaten zu Putin schmeckt oder nicht, darauf weist Boniface Mabanza Bambu in seinem Kommentar hin. In Libyen, Syrien, Jemen oder der DR Kongo haben Millionen von Menschen Krieg oder bewaffnete Konflikte als grausamen Alltag erlebt oder leben noch damit. Warum sollten sie Europa, dem die Kriegsängste durch die russische Aggression nach Jahren der friedlichen Koexistenz plötzlich wieder so nahe gekommen sind, bedingungslos folgen? Die Staaten Afrikas haben genug damit zu tun, sich zwischen den widerstreitenden Interessen Russlands, Chinas und des Westens zu behaupten. Kanzler Scholz kam mit seinem Drei-Tage-Trip auch als Bittsteller nach Afrika. Deutschland sucht verzweifelt nach alternativen Gasquellen. Im Senegal entsteht ein Werk zur Verflüssigung von Erdgas. Wird es wieder ein Abkommen geben, bei dem Deutschland die Ungerechtigkeit der kapitalistischen Weltordnung weiter zementiert, oder zeigt sich Berlin in Sachen Afrika-Politik doch ein Stück lernfähig? Mut zum Wandel ist gefragt, mit der Neugestaltung von afrika süd werden wir uns, wie bereits in der vorliegenden Ausgabe, noch mehr in die Debatte einmischen.

Lothar Berger