Heft 3/2022, Gastkommentar

Die Mär vom Wohlstand für alle

Ist globale Ungleichheit ein Problem des „Fortschritts"? Der klassische Ansatz der Entwicklungspolitik legt das zumindest nahe. Politikwissenschaftler Aram Ziai plädiert für ein radikales Umdenken.

Entwicklungspolitik ist wie Erdbeerkuchen: Fast alle können sich darauf einigen und niemand hat etwas dagegen. Wenn Entwicklungspolitik das Ziel hat, die Lebensverhältnisse von Menschen in sogenannten „Entwicklungsländern" zu verbessern, warum in aller Welt sollte jemand daran Kritik üben wollen? Oder sie dekolonisieren? Was hat Entwicklungspolitik überhaupt mit Kolonialismus zu tun?

Vorneweg sei gesagt: Ja, globale Ungleichheit ist ein gewaltiges Problem. Aber sie als Problem der „Entwicklung" zu denken, ist Teil des Problems, nicht der Lösung. Auch wenn es im späten Kolonialismus bereits erste zaghafte Versuche gab, wurde das erste Programm zur „Entwicklung der unterentwickelten Regionen" erst 1949 angekündigt, in Harry S. Trumans Antrittsrede zu seiner zweiten Amtszeit als US-Präsident. Er versprach ihnen Hilfe, Technologietransfer, Wachstum, Fortschritt – mit einem Wort: „Entwicklung". ...

Aram Ziai ist Politikwissenschaftler und Professor an der Universität Kassel. Er leitet das Fachgebiet Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien. 2021 ist im Nomos-Verlag das Buch „Dekolonisierung der Entwicklungszusammenarbeit und Postdevelopment-Alternativen – AkteurInnen, Institutionen, Praxis" erschienen, das Ziai mit Julia Schöneberg herausgegeben hat.
Der Beitrag erschien zuerst in der Frankfurter Rundschau , 21.4.2022
https://www.fr.de/politik/die-maer-vom-wohlstand-fuer-alle-wie-wir-entwicklungspolitik-umdenken-muessen-91489864.html

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