Heft 3/2022, afrika süd-dossier: Sprachen- und Bildungspolitik

Herrschaft über Körper und Geist

BILDUNG IN AFRIKA ALS MECHANISMUS VON KOLONIALISMUS, HERRSCHAFT UND ZWANG

Von Alcides André de Amaral

Bildung war schon immer eine Zielscheibe von Kritikern der Moderne von Schopenhauer und Nietzsche bis Mbembe und Ngoenha. Wird sie einerseits als emanzipatorisch angesehen, so wird sie andererseits als Instrument ideologischer und körperlicher Manipulation erachtet, was im afrikanischen Kontext auf die staatliche Führung sowohl während der Kolonialzeit als auch nach der Unabhängigkeit zutrifft. In Bezug auf administrative Angelegenheiten impliziert dies damit auch die Erstellung von Lehrplänen.

Bei der Überlegung, was diese beiden Themen in der kolonialen wie der post-unabhängigen Staatsführung bestimmt hat, kann man argumentieren, dass es sich grundsätzlich um eine staatliche Erziehung handelte, die auf dem basierte, was Achille Mbembe als „Nekropolitik" bezeichnete (Nutzung von sozialer und politischer Macht zur Bestimmung über Leben und Tod; d. Red.).

Erziehung zu Untergebenen

Die Nekropolitik ist Mbembes Kritik an der euro-amerikanischen Tradition, die das Phänomen der Macht über Leben und Tod umschreibt, die ein Souverän, insbesondere ein westlicher Herrscher, unter dem Deckmantel des Rassismus ausübt. Dabei wurde die Komplexität dieses Phänomens vernachlässigt, insofern als die Auswirkungen dieser Politik auf den Körper und Geist der Schwarzen im Allgemeinen und der Afrikaner:innen im Besonderen nicht beachtet wurden. Im Fall der nekropolitischen Bildung trug diese Staatsführung zur Erfindung des „Anderen" und zur Schaffung von Instrumenten zur Kontrolle dieses „Anderen" bei. Das bedeutete die Konstruktion eines minderwertigen Wesens, von dem angenommen wurde, dass es die Vorherrschaft eines Überlegenen benötigt. In diesem Sinne zielt die Bildung nicht unbedingt auf das Verstehen ab, sondern im Gegenteil auf die Assimilation westlicher Werte durch Kolonialismus, Zwang und Herrschaft.

Tatsächlich geht es um das Problem der Machtverhältnisse. Diese Beziehungen sind Étienne de La Boétie zufolge gekennzeichnet durch die Bereitschaft der Subalternen, die Bedingungen der Sklaverei und Knechtschaft zu akzeptieren. Diese Neigung zieht sich, was die Bildungspolitik mit Bezug auf das Hochschulsystem in Afrika betrifft, durch die gesamte Geschichte des Kontinents. Und in jeder Phase ist sie durch ein spezifisches Machtverhältnis strukturiert, das sich nicht darin erschöpft, sondern Kontinuitäten ermöglicht.

Was aber bedeutet angesichts der vorgebrachten Argumente subaltern? Grundsätzlich wird dieses Wesen aus einer euro-amerikanischen Perspektive betrachtet – also kolonial. Ein „Fast-Mensch" also, der auf seinem Weg zur „menschlichen Phase" die Hilfe derjenigen benötigt, die sich bereits als „Mensch" sehen – also als „menschlich" bzw. im weiteren Sinne fortgeschritten, entwickelt und überlegen. Das subalterne Wesen ist in diesem Sinne und in Erweiterung von Gayatri Chakravorty Spivaks These jemand, der durch das Verstummen der kolonisierten Welt gezeichnet ist – oder zumindest im Kolonialismus verwurzelt ist. Vereinfacht gesagt handelt es sich jedoch um eine euro-amerikanische Perspektive auf den schwarzen Menschen, die sich durch alle sozio-historischen Phasen der Bildung in der Geschichte des afrikanischen Kontinents zieht.

Euro-Amerikanische Weltsicht als Gravitationszentrum

Auf dem afrikanischen Kontinent lässt sich die Bildung, insbesondere die Hochschulbildung, als kolonial, revolutionär und neoliberal definieren und zeitlich einordnen. So lassen sich zwei Phasen betrachten: Jene, als afrikanische Länder wie Mosambik einer direkten Kolonialisierung ausgesetzt waren, und jene, als die Exzesse der Revolution in jenen Ländern ihren Höhepunkt erreichten. Konkreter ließe sich hier auch die Definition als koloniale Phase, als Phase des Widerstands und als Post-Unabhängigkeitsphase von Wissenschaftler:innen wie der Mosambikanerin Paula Menezes oder dem Simbabwer Thandika Mkandawire übertragen. In jedem Fall erscheint erstere Definition treffender zur Charakterisierung politischer Machtverhältnisse, d.h. jener, deren Ziel die Eroberung des Staates ist, sowie die Herrschaft über Körper und Geist durch institutionelle (administrative) Vehikel.

In der kolonialen Phase bestimmte also das Machtgefüge ein entsprechend geprägtes politisches (im Sinne Frantz Fanons grundsätzlich gewalttätiges) Verhältnis. Dies wurde auf Grundlage einer Reihe von Überzeugungen ermöglicht, die die Staatsführung durch offensichtlich repressive Verwaltungsapparate strukturierten. Diese Kontrolle bestand in der Weigerung, den Afrikaner:innen eine Handlungsfähigkeit zuzugestehen, wobei im Kern dieser Verweigerung übrigens jede Bildungspolitik stand, die auf die Hervorbringung von fügsamen Geistern und arbeitsbereiten Körpern ausgerichtet war. Beispielhaft war dabei die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat (wie in Simbabwe seit Ende des 19. Jahrhunderts oder in Mosambik unter Salazar).

Im Fall der portugiesischen Kolonialisierung nahm zum Beispiel die Zwangsarbeit (Xibalo) zu, als die „Schwarze Arbeitskraft" zu einer wichtigen Quelle für wirtschaftliches und finanzielles Einkommen wurde. In diesem Zusammenhang war die Macht, über Leben und Tod zu bestimmen, in der Kolonialmacht tief verwurzelt, da sie in der Lage war, das gesamte in den Kolonien etablierte soziale Gefüge zu verzerren, was es schwierig machte, Widerstand zu leisten. Ab 1940 wurde die Politik durch das Erstarken der Widerstandskräfte humaner, wenn sie auch weiterhin repressiv blieb, indem die indigenen Sprachen angeblich komplett ausgelöscht und an ihrer Stelle die Sprache der Kolonisatoren aufgezwungen wurde („kultureller Tod", wie Fanon sagen würde).

Daher ist es nicht verwunderlich, dass „koloniale Bildung" zu diesem Zweck eine vertikale Definition der Bedeutung der Welt darstellte, die das Euro-Amerikanische zum Gravitationszentrum und Pol machte, von dem aus zu definieren war. Auch ist es kein Wunder, um in Anlehnung an Mbembe zu sprechen, dass die besagte Bildung in der Tat ein eklatanter Fall von „Nekroerziehung" war. In Mosambik beispielsweise konzentrierte sich die Hochschulbildung auf die Universität von Coimbra und war darüber hinaus einer portugiesischen Kolonialelite und ihren Nachkommen in der Kolonie vorbehalten. Im Mittelpunkt des gesamten Lehrplans stand daher der Westen. Fächer wie Geographie, Geschichte, Romanische Philologie etc. waren stark europäisch orientiert und hatten kaum einen lokalen Bezug.

Darin sollen bekanntlich Schwarze sinnbildlich als „rückständig", „unzivilisiert" oder im Extremfall als „Untermenschen" definiert und kategorisiert werden. Darüber hinaus war die höhere Bildung einer weißen Elite vorbehalten, wie es in den portugiesischen Kolonien extrem der Fall war, und den Schwarzen blieb also lediglich eine rudimentäre, zivilisatorische Bildung und zur Vorbereitung auf die Gefügigkeit und harte Arbeit vorbehalten, dies war insbesondere die Rolle der Missionsschulen.

Perspektivenwechsel?

Aber jedes Machtverhältnis, vor allem in der Politik, hat den Widerstand als Gegengewicht. Wo Machtverhältnisse aufrechterhalten werden, wird Widerstand geleistet. Im Fall der afrikanischen Länder war die Unabhängigkeit der 1960er- und 1970er-Jahre sein Höhepunkt. In dieser Zeit änderte sich die Perspektive und afrikanische Nationalisten übernahmen die Macht (an vorderster Front Schwarze). Dies ist die revolutionäre Phase. Das Motto „Nieder mit dem Kolonialismus" wurde zum Emblem. Sie eigneten sich die kolonialen Sprachen an und gaben ihnen Vorrang und verliehen ihnen manchmal Exklusivität. In Mosambik war von einem „mosambikanischen Portugiesisch" die Rede. Léopold Sédar Senghor war begeistert von der französischen Sprache und Julius Nyerere von der Englischen.

Zu berücksichtigen sind dabei bestimmte Aspekte, auch wenn sie verallgemeinerbar sind. Beispielsweise blieb die koloniale Struktur in Südafrika durch die Rassentrennung der Apartheid (1948-1994) im Wesentlichen erhalten. Jedenfalls war die revolutionäre Phase im Allgemeinen durch Herrschaft strukturiert und beruhte auf charismatischer Macht oder Loyalitäten.

Diese Herrschaft, die sich vom Kolonialismus unterscheiden sollte, erstreckte sich jedoch gleichermaßen auf Körper und Geist. In Mosambik wurden beispielsweise durch Erschießungen, Erhängungen, Umerziehungslager oder öffentliche Demütigungen Zustände geschaffen, in denen der Tod nicht nur ein einfacher Verlust des Lebens war, sondern dadurch auch seine Zurschaustellung. Voraussetzung dafür war die Zentralisierung der Macht. Demzufolge wurde das „afrikanische" Wesen auf einseitige und vertikale Weise definiert.

Es sollte dabei die Möglichkeit in Erwägung gezogen werden, dass der Kolonialismus einer der Hauptarchitekten dieses Zustands war. In Mosambik wurden einige Begriffe, die den revolutionären Diskurs bestimmten, auch vom Kolonialismus verwendet: „Herumtreiber", „Terroristen", „Faulpelze" usw. Beispielsweise war hier die Idee einer Einheitspartei, einer quasi-totalitären Regierung, bereits in Salazars Politik des Estado Novo begründet, einer fast 48-jährigen Diktatur.

Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass die nationalen Revolutionäre, einige etwas weniger energisch als andere, eine Vorstellung von Afrika definierten und dabei konkretisierten, was afrikanisch sein sollte. Daher sollte auch hier die Bildung zu einem zentralen Element werden – daher das Bemühen um massenhafte Mobilisierung. Abgesehen von Südafrika konzentrierte sich die Definition der Macht über Leben und Tod in Ländern wie Mosambik, aber auch in Tansania und Simbabwe in den Händen der Nationalisten.

In Mosambik wurde das Bildungswesen verstaatlicht, und mit der Entscheidung der Frelimo, eine marxistisch-leninistische Partei zu werden (1977), musste es auch grundsätzlich sozialistisch sein. Es handelte sich, wie es hieß, um eine Erziehung zum Sozialismus, die im nationalen Bildungssystem (SNE) von 1983 festgelegt wurde. In diesem Sinne wurde es verboten, anders zu denken. Dies verlief zwar in den afrikanischen Ländern relativ unterschiedlich, die Struktur der Machtverhältnisse war jedoch weitgehend dieselbe und ist daher verallgemeinerbar.

Jenseits des Neoliberalismus

In den späten 1980er-Jahren begannen sich die Dinge jedoch zu wandeln. Und in diesen Veränderungen waren die neunziger Jahre beispielhaft für die Kraft einer neoliberalen Perspektive der Staatsführung. Neoliberalismus versteht sich im Grunde als die Möglichkeit, den Staat für den Markt zu öffnen. Institutionen wie Weltbank, IWF oder EU begannen maßgeblich die Struktur der Machtverhältnisse zu bestimmen. Die Bildung im Allgemeinen geriet in eine Art doppelten Zwang: national (durch den Staatsapparat) und international (durch Weltbank, IWF, EU).

Zwang bedeutet die Fähigkeit eines Akteurs, einen anderen mit physischen oder administrativen Mitteln (Gesetze, Verordnungen, Programme usw.) dazu zu bringen, das zu tun, was ersterer will. Tatsächlich definierte die Weltbank, welchem „Modell" der Bildung zu folgen ist, indem sie Probleme „erfand" und administrative Lösungen vorschlug. Die Öffnung für die Möglichkeit privater Bildungseinrichtungen wurde zu einer der Bedingungen. Die Massifizierung der Bildung wurde zentrales Element. Wir befinden uns schließlich in der neoliberalen Phase.

In Mosambik hat das nationale Bildungssystem neue Ausdrucksweisen übernommen. Begriffe wie Markt, Privat, Kredit, die in der Revolution fehlten, begannen sich zu verbreiten. Was lässt sich nun aus den vorgebrachten Argumenten ableiten? Ich denke an zwei Aspekte: Erstens, dass die Geschichte der Bildung in Afrika eine administrative und lehrplanbezogene Vertikalität als übergreifendes Element hat. Und zweitens, dass die Afrikaner:innen hypothetisch nicht wirklich zu Trägern des Diskurses darüber geworden sind, was sie sind und was sie sein sollten (Aufgabe der Erziehung), sondern zu einfachen Reproduzierenden des euro-amerikanischen Diskurses.

Es ist also notwendig, dass wir uns auf den Weg machen, alle besprochenen Phasen zu überwinden und nach einer nächsten Stufe zu suchen (einem „Dritten Weg", wie er in Mosambik von José Paulino Castiano und Severino Elias Ngoenha vorgeschlagen wird). In dieser Phase muss es darum gehen, unseren untergeordneten Zustand zu überwinden und einen Raum zu finden, um über unsere Erfahrung und unsere Geschichte zu sprechen und gehört zu werden. Seien wir die Wortführer:innen für unseren Zustand als Subjekte. Nehmen wir die Erinnerung von Ng?g? wa Thiong'o als wahr an, dass die „afrikanischen Sprachen sich weigern zu sterben". Durch Bildung versuchen wir jedoch, die folgende Frage zu lösen: Wie können wir sie lebendig machen?

Der Autor ist Doktorant für Soziologie an der Universidade Federal do Ceará, Brasilien.
Übersetzt aus dem Portugiesischen.