Heft 3/2022, afrika süd-dossier: Sprachen- und Bildungspolitik

Koloniales Erbe und Last der Apartheid

POSTKOLONIALE, MULTILINGUALE SPRACHENPOLITIK IN SÜDAFRIKA. Die Republik Südafrika besteht aus neun Provinzen und hat eine Bevölkerung von über 52 Millionen Einwohner:innen. Wie die meisten afrikanischen Staaten ist auch die südafrikanische Bevölkerung multilingual ausgeprägt, wobei es teilweise zu regionalen Konzentrationen der verschiedenen Sprachen kommt. Einige Provinzen verfügen über eine dominante afrikanische Sprache, wie beispielsweise isiXhosa im Western und Eastern Cape oder isiZulu in Kwa-Zulu-Natal und in North West Setswana, wohingegen Provinzen wie Mpumalanga und v. a. Gauteng eher heterogen und multilingual sind.

Von Dr. Michael M. Kretzer

Durch die Verfassung von 1996 verfügt Südafrika über elf offizielle Sprachen, die eine gleichwertige Verwendung finden sollen. Durch die practicability clause wird eine judikative Überprüfung sehr erschwert. Neben neun afrikanischen Sprachen (isiZulu, IsiXhosa, IsiNdebele, Sepedi, Setswana, Sesotho, siSwati, Tshivenda und Xitsonga) sind nach wie vor Afrikaans und Englisch offizielle Sprachen. Das südafrikanische Bildungssystem wird sehr häufig als ein bimodales bzw. zweigeteiltes System beschrieben. Die historisch über Jahrhunderte gewachsenen Ungleichheiten innerhalb des südafrikanischen Bildungssystems beruhen zunächst auf den kolonialen Ursprüngen eines institutionalisierten ungleichen Bildungssystems und daran anschließend verstärkt durch eine rassistische Apartheid-Bildung. Wie für viele Bildungssysteme weltweit, jedoch in ungleich stärkerem Umfang, findet innerhalb des südafrikanischen Bildungssystems eine erhebliche sozio-ökonomische Segregation statt, die die ehemalige rassistische Segregation des Apartheidregimes ablöste.

Dies beeinflusst nachhaltig die Spracheneinstellungen von Lehrer- und Schüler:innen genauso wie von Eltern und Erziehungsberechtigten, indem sehr häufig eine Gleichsetzung von Sprachenpolitik mit der generellen sozio-ökonomischen Ausstattung der jeweiligen Schulen stattfindet, d. h. sozioökonomisch besser gestellte Schulen mit einer besseren Ausstattung wählen häufig zugleich Englisch als Unterrichtssprache, wodurch umgekehrt die Schulsprache mit „besseren" Bildungsergebnissen in Zusammenhang gebracht wird.

Eine nicht unerhebliche Anzahl von Schulen verfügt nach wie vor über eine mangelhafte oder bisweilen fehlende sanitäre und schadhafte bauliche Infrastruktur sowie fehlende Schulmaterialien. Die technologische Ausstattung der jeweiligen Schulen zeigt ebenso eine sehr starke Diskrepanz auf, so dass ein Lernen unter gleichwertigen Bedingungen bisher nicht gewährleistet werden konnte. Auch wenn seit dem Ende der Apartheid sehr große Fortschritte erzielt worden sind, so lassen sich zum einen die über Jahrhunderte politisch etablierten Gegensätze nicht in wenigen Jahren bzw. zwei Jahrzehnten überwinden und zum anderen werden diese Gegensätze zusätzlich noch durch Korruption, Vandalismus, zahlreiche Naturkatastrophen und Missmanagement weiter verstetigt.

Sprachen- und Bildungspolitik

Innerhalb des Bildungssystems bildet die Language in Education Policy (LiEP) von 1997 die wesentliche rechtliche Grundlage für die Sprachenpolitik innerhalb des Bildungssystems. Diese versucht die rassistisch motivierte Sprachenpolitik des Apartheidregimes mit deren struktureller Benachteiligung, bzw. Nicht-Bildung oder schulischer Ausbildung nur für bestimmte berufliche Tätigkeiten, durch eine entschiedene Förderung der afrikanischen Sprachen zu überwinden, indem der gesellschaftlich vorhandene Multilingualismus als wesentliches Strukturmerkmal des zukünftigen südafrikanischen Bildungssystems angesehen wird. Neben terminologischen Veränderungen, so wurde beispielsweise das Wort mother-tongue auf Grund der aus der Zeit des Apartheidregimes resultierenden negativen Konnotationen durch die Begriffe Home Language (HL), First Additional Language (FAL) oder Second Additional Language (SAL) ersetzt, welche die jeweiligen Fächer bzw. learning areas bezeichneten. Das wesentliche Strukturmerkmal der LiEP bildete demnach Multilingualismus und die bevorzugte Verwendung der jeweiligen First Language (L1) oder auch Erstsprache der Schüler:innen.

In Artikel 5 (6/2) liefert das LiEP auch die jeweiligen Grenzwerte für die Verwendung einer bestimmten Sprache als Unterrichtssprache. Dies sind für die Klassenstufen 1 bis 6 mindestens 40 Erstsprecher und für die Klassenstufen 7 bis 12 mindestens 35 Erstsprecher. Innerhalb des Bildungssystems repräsentiert zudem die South African Sign Language (SASL) die quasi zwölfte offizielle Sprache. Daneben wird neben u. a. Mandarin, Serbisch, Deutsch und Französisch seit wenigen Jahren auch an über 100 Pilotschulen Kiswahili als Unterrichtsfach angeboten.

Die tägliche Realität der Sprachenpraxis an südafrikanischen Schulen zeichnet sich durch eine sehr häufige Verwendung von Code-Switching bzw. translanguaging aus, worunter das regelmäßige Wechseln zwischen Englisch und einer bzw. mehreren afrikanischen Sprachen verstanden wird. Dies kann bewusst didaktisch und pädagogisch zum Wohle der Schüler:innen eingesetzt werden, so dass auch tatsächlich ein inklusives Lehren und Lernen stattfindet, genauso aber auch sehr unbewusst eingesetzt werden.

Nur sehr wenige Sprachenpolitik-Dokumente verfügen über Regeln hinsichtlich Code-Switching. Dennoch bestehen derartige offene Sprachenpolitik-Dokumente, welche zumeist auch sehr detailliert hinsichtlich verschiedener Aushänge oder sonstiger Kommunikation mit den Eltern bzw. Erziehungsberechtigten sind. Dies ist v. a. vor dem Hintergrund des sehr häufig seitens der Lehrenden beklagten mangelhaften Interesses der Eltern am schulischen Werdegang sehr interessant, da bisweilen derartiges scheinbar mangelhaftes Interesse einzig und allein durch fehlende bzw. als unzureichend wahrgenommene sprachliche Kompetenzen in Englisch begründet ist. Vor allem in der Provinz North West verwenden einige Schulen sehr häufig bilinguale Anschreiben an die Eltern in Englisch und Setswana, um ein inklusiveres Lehrumfeld zu schaffen und die Eltern der Schüler:innen stärker in den schulischen Alltag und deren Abläufe zu integrieren.

Während eigener Datenerhebungen des Autors an weit über 300 Schulen in Südafrika zeigte sich dies v. a. in North West und in ungleich geringerem Ausmaß in anderen untersuchten Provinzen wie Gauteng, Limpopo oder auch Eastern Cape. Demgegenüber war es dann umso erstaunlicher, die Auswirkungen von Spracheneinstellungen gerade auch in North West bei einigen Schuldirektor:innen zu sehen, die im Rahmen von Interviews deutlich wurden. Nachfolgendes Zitat eines Schuldirektors einer Grundschule in North West, an der über 90 Prozent der Schüler:innen Setswana als Erstsprache nannten, verwunderte indes durchaus und zeigt auf sehr nachdrückliche Weise die immense Wirkmächtigkeit von Spracheneinstellungen auf:

„Wir werden sie so lange unterstützen, bis wir den Traum verwirklichen, den Lehrplan zu ändern und diese Schule ganztägig auf Englisch zu führen, ja, ich möchte, dass sie eine komplett englischsprachige Schule wird. Afrikaans muss also, wie ich bereits angedeutet habe, eine der unterrichteten Lernbereiche oder unterrichteten Sprachen sein, wie auch Setswana, aber mit der Zeit müssen wir über den Tellerrand hinausschauen und prüfen, ob wir nicht einige der internationalen Sprachen einführen können, denn diese Schüler:innen sprechen bereits Setswana zu Hause, warum also nicht Setswana weglassen und vielleicht Deutsch oder Portugiesisch einführen, Sie wissen schon, diese internationalen Sprachen." (übersetzt aus dem Englischen).

Auch wenn diese Einstellung, zumindest für North West, die Ausnahme bildete, so ist gesamtgesellschaftlich eine derartige Vorstellung bisweilen weit verbreitet. Nachfolgendes Zitat einer direkten Nachbarschule veranschaulicht an dieser Stelle zugleich den starken Einfluss von Schuldirektor:innen, da diese die Positionen der jeweiligen anderen sogenannten School Governing Boards (SGB)-Mitglieder, gerade auch der Eltern, durchaus beeinflussen können:

„Kinder fühlen sich wohler, wenn sie ihre Muttersprache verwenden. Die Regierung sollte die Lernenden in den Schulen nach ihren Sprachen gruppieren. Englisch ist zu schwierig für kleine Kinder, die zu Hause afrikanische Sprachen sprechen. Die Eltern können sie nicht unterstützen – es fehlt ihnen an Vokabular." (übersetzt aus dem Englischen)

Diversifizierung des Bildungssystems

Im Einklang mit verschiedenen globalen Bewegungen und Trends, auch und gerade verstärkt durch die Konferenz „Jomtien Education for all" in 1990 mit dem insgesamt nunmehr verstärkt vorherrschenden Trend zu einer intensiveren Dezentralisierung von Bildungssystemen, etablierte der South African Schools Act (SASA) von 1996 sogenannte School Governing Boards (SGBs). Eine der wesentlichen Aufgaben dieser SGBs besteht darin, Sprachenpolitik-Dokumente für die jeweilige Schule zu verabschieden, so dass Südafrika neben der Makro-Ebene jetzt auch zusätzlich auf der Mikro-Ebene über sprachenpolitische Regularien verfügt. Gerade eine derartige dezentrale Herangehensweise soll mit dazu beitragen, den jeweils vorherrschenden sozio-linguistischen Gegebenheiten gerecht zu werden.

Innerhalb der SGBs nehmen, neben den weiteren Mitgliedern, wie u. a. den jeweiligen Schuldirektor:innen, weiteren Lehrer:innen, Vertreter:innen der Lehrergewerkschaften und der Schulverwaltung, die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten eine hervorgehobene Position ein. In der Realität hängt allerdings der Gestaltungsspielraum sehr stark von der jeweiligen Interpretation bzw. Wahrnehmung der Rolle innerhalb der SGBs durch die Schuldirektor:innen ab. Insbesondere die sehr positiven, meist unreflektierten Spracheneinstellungen bzgl. Englisch oder generell europäischen Sprachen und die falsche Annahme eines „entweder – oder" anstelle eines „sowohl – als auch" sorgen häufig für eine starke Dominanz des Englischen als Unterrichtssprache teilweise bereits vom ersten Tag der Einschulung an, unabhängig von jeweiligen Sprachkenntnissen bzw. der sozio-linguistischen Situation vor Ort. Auf Grund dessen beschränkt sich sehr häufig die Verwendung afrikanischer Sprachen auf die sogenannte Foundation Phase, also die ersten drei Schuljahre. Dies erkennend, neben der Tatsache, dass eine erhebliche Anzahl an Schulen keine afrikanischen Sprachen anbot, wurde die Politikinitiative Incremental Introduction of African Languages (IIAL) angestoßen, welche zum Ziel hat, allen Schüler:innen bis 2029 das Lernen von mindestens einer afrikanischen Sprache zu ermöglichen und zugleich auch verpflichtend einzuführen.