Heft 3/2022, afrika süd-dossier: Sprachen- und Bildungspolitik

Komponenten der Sprachenpolitik

AUSWIRKUNGEN UND HERAUSFORDERUNGEN DER SPRACHENPOLITIK IN AFRIKA

Eine Einführung von Dr. Michael Kretzer

Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema Sprachenpolitik existiert erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im deutschsprachigen Raum findet sie auf Grund der politischen Instrumentalisierung durch das NS-Regime in erheblich geringerem Umfang statt. Dennoch ist Sprachenpolitik ein omnipräsentes Thema und betrifft letztlich uns alle täglich in allen gesellschaftlichen Bereichen auf sehr vielfältige Weise, u.a. durch die sogenannten Sprachlandschaften bzw. Linguistic Landscapes (LLs). Welche Sprachen im öffentlichen Raum auf welche Weise präsent sind und Verwendung finden, bildet ebenso einen Bestandteil der Sprachenpolitik ab und drückt sich auf sehr vielfältige Art aus. In vielen afrikanischen Staaten sind bisweilen multilinguale LL auffindbar, welche auch afrikanische Sprachen berücksichtigen. Derartige inklusive LL bilden selten die Regel ab, da häufig eher monolinguale LL dominieren, so dass im afrikanischen Kontext häufig einzig oder vordringlich die ehemalige koloniale Sprache im öffentlichen Raum präsent ist.

Ein sensibles Thema

Maßnahmen der Sprachenpolitik sind keineswegs auf Aktivitäten hinsichtlich grammatikalischer Regelwerke oder des Bildungssystems beschränkt, sondern beinhalten die gesamte Medienlandschaft genauso wie die öffentliche Verwaltung oder generell die Arbeitswelt. In Deutschland sind wir uns dessen oftmals nicht so sehr bewusst, wobei auch in unserem Kontext derartige Diskussionen häufig eine breitere mediale Aufmerksamkeit erfahren, sei es bspw. bei politischen Diskussionen hinsichtlich der Rolle von Deutsch auf dem Schulhof, die eher präsenten Diskussionen über gendergerechte Sprache oder die Debatten bzgl. des Einflusses von Englisch auf die deutsche Sprache. In ungleich stärkerem Umfang ist das Thema Sprachenpolitik in anderen europäischen Ländern wie Wales oder Schottland oder auch und gerade in den baltischen Staaten oder der Ukraine präsent. Auch in vielen afrikanischen Staaten ist Sprachenpolitik oftmals ein sensibles, bisweilen sehr konflikthaftes Thema, so u. a. gegenwärtig in Kamerun oder auch während des Apartheidregimes in Südafrika. Doch was wird unter dem Begriff Sprachenpolitik verstanden und was beinhaltet dieser Begriff?

Der Begriff Sprachenpolitik

Auch wenn bis zum heutigen Tag nicht die EINE allgemein gültige Theorie der Sprachenpolitik vorliegt, sondern Begriffe genauso wie terminologische Abgrenzungen und Zusammensetzungen der Sprachenpolitik mitunter intensiv diskutiert werden, so besteht hinsichtlich einiger Komponenten doch ein weitgehender Konsens. Insgesamt kann zunächst angemerkt werden, dass zu Beginn der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema viele Autor:innen Sprachenpolitik als eine Art social engineering ansahen. Demzufolge überwogen Analysen von top-down-Maßnahmen der höchsten politischen Ebene. Sprachenpolitische Entscheidungen wurden als rein neutrale, pragmatische Entscheidungen gesehen. Diese Herangehensweise kritisierten seit den 1990er-Jahren zunehmend viele Wissenschaftler:innen und diskutierten sehr viel intensiver über Begrifflichkeiten wie bspw. native speaker oder mother-tongue.

Insgesamt entwickelte sich eine zunehmend interdisziplinäre und kritische Betrachtung des Themengebietes „Sprachenpolitik". Dies umfasste neben der Berücksichtigung von verschiedenen bottom-up-Initiativen durch unterschiedliche Sprachen- bzw. bildungspolitische Initiativen genauso nachgeordnete politische Gebietskörperschaften auf Provinz- oder Landkreisebene. Zusätzlich fand eine weitere Ausdifferenzierung des Begriffes „Sprachenpolitik" statt, indem dieser heute Sprachenpraxis, Spracheneinstellungen (bisweilen auch Sprachenideologie genannt) und Sprachenmanagement (mitunter auch unter dem Begriff Sprachenplanung firmierend) umfasst. Daneben forderten zahlreiche Wissenschaftler:innen auch gezielt sogenannte Linguistic Human Rights (LHRs), da die Menschenrechte insgesamt zum Schutz der sprachlichen Vielfalt und dessen Erhalt nicht ausreichend seien und es vielmehr zu einem „linguicism" v. a. durch Englisch, aber auch anderen regional dominierenden Sprachen komme.

Teilbereiche der Sprachenpolitik

Sprachenpraxis beinhaltet die jeweilige tatsächliche Umsetzung, sowohl von einzelnen Personen wie auch gesamtgesellschaftlich hinsichtlich des im Sprachenmanagement vorgegebenen Rahmens. Sprachenmanagement besteht wiederum aus drei Teilbereichen. Diese umfassen Status-, Korpus- und Spracherwerbsplanung. Statusplanung beschreibt explizit alle rechtlichen Maßnahmen bspw. innerhalb einer Verfassung oder sonstigen sprachenpolitischen Regularien. Dagegen werden unter Korpusplanung alle Schritte zusammengefasst, die die Form einer jeweiligen Sprache bzw. sprachlichen Varietät betreffen, also Grammatik und Rechtschreibung und deren jeweiligen Reformen. Unter dem Begriff Spracherwerbsplanung fallen wiederum alle Aspekte hinsichtlich der Verwendung einer bestimmten Sprache bspw. innerhalb von Schulmaterialien.

All diese Teilbereiche der Sprachenpolitik befinden sich in wechselseitigen Abhängigkeiten und beeinflussen sich gegenseitig. So hat die gezielte Auswahl eines Setswana-Schullogos (vgl. Bild) Einfluss auf Spracheneinstellungen der jeweiligen Schüler:innen, Eltern und den lokalen Gemeinschaften, indem Setswana im öffentlichen Raum Platz eingeräumt wird und die Schule durch ein indigenes Setswana-Logo repräsentiert wird. Insbesondere für das Setswana-Wort „Thuto" (~Bildung) konnte durch eigene Datenerhebungen des Autors an über 300 Schulen eine weit verbreitete Verwendung nachgewiesen werden.

Dekolonialisierung der Curricula

Die Auswahl einer bestimmten sprachlichen Varietät, deren Förderung und eventuelle Statusveränderungen sind genauso sprachenpolitische Maßnahmen wie eben auch die gezielte Nicht-Auswahl von sprachlichen Varietäten. Insbesondere der Bildungsbereich stellt den wesentlichen gesellschaftlichen Bereich der Sprachenpolitik dar. Im Gegensatz zu früheren Annahmen werden Maßnahmen der Sprachenpolitik auch keineswegs mehr als neutral wahrgenommen. Insbesondere die Staaten des Globalen Südens und hier vor allem viele afrikanische Länder sehen sich massiven internationalen Interessen ausgesetzt. Viele Staaten im südlichen Afrika benötigen Kredite der Weltbank oder anderen internationalen Geldgebern.

Insbesondere für das Vereinigte Königreich stellt die englische Sprache einen sehr bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar. Institutionen wie u. a. der British Council verfolgen in diesem Zusammenhang erkennbar britische Interessen. Diese konzentrierten sich in der Vergangenheit schwerpunktmäßig auf Schulmaterialien für den Unterricht des Schulfaches „Englisch", was insbesondere in nicht als „anglophon" bezeichneten Staaten nach wie vor der Fall ist. Zusätzlich präferieren der British Council und Vertreter:innen der britischen Regierungen sehr stark die Verwendung von Englisch als Unterrichtssprache.

Neben diesen ökonomischen Interessen und neokolonialen Strukturen bzw. Abhängigkeiten spielen Spracheneinstellungen, wie bereits zuvor erwähnt, eine wichtige Rolle. Oftmals haben lediglich die ehemaligen kolonialen Sprachen einen offiziellen Status in vielen afrikanischen Staaten. Ausnahmen bilden u. a. Südafrika, aber auch Lesotho, Botsuana, Simbabwe und Tansania, wo die verschiedenen indigenen Sprachen auch einen offiziellen Status innehaben. Insbesondere Kiswahili gewann in den letzten Jahren verstärkt an Einfluss und Status. So wird Kiswahili nicht nur seit 2019 an über 100 Pilotschulen in Südafrika unterrichtet, sondern ist zugleich auch die vierte working language der Southern African Development Community (SADC) und bildet dadurch zumindest für größere Teile der Bevölkerungen im östlichen Afrika ein gewisses Gegengewicht und einen Ansatzpunkt für eine eigenständigere, inklusivere Sprachenpolitik. Daneben kann dies auch eine gewisse Signalwirkung entfalten, so dass auch andere afrikanische Sprachen mit vielen Millionen Erstsprecher:innen eine stärkere Verwendung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen bekommen.

Insbesondere in multilingualen Staaten findet im Rahmen des Unterrichts sehr häufig Code Switching (CS) oder auch sogenanntes translanguaging statt, also ein Wechsel zwischen zwei oder sogar mehr Sprachen. Dies kann sehr gezielt eingesetzt und auch durch die jeweiligen politischen Vorgaben geduldet oder bisweilen sogar gewünscht und gefördert oder auch unbewusst und dadurch nicht immer fördernd eingesetzt werden. Entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen sollte eine viel offenere, flexiblere und lokal relevante Herangehensweise entsprechend eines „sowohl – als auch", anstatt eines „entweder – oder", die leitende Prämisse sein und weniger ein dogmatischer und in neokolonialen Strukturen tradierter Unterricht. Dies umfasst auch eine Dekolonialisierung der gegenwärtig gültigen Curricula vieler, wenn nicht aller afrikanischer Staaten, um die Lebenswirklichkeiten der Schüler:innen zu berücksichtigen und dementsprechend flankierend mit einer entsprechenden Sprachenpolitik umzusetzen. Dann ist ein inklusives Lehren und Lernen für alle Schüler:innen des jeweiligen afrikanischen Staates möglich.