Heft 3/2022, Afrika: Ukraine-Krieg

Söldnerdämmerung

Russland ist zurück in Afrika. Als Türöffner und vielseitig einsetzbare Waffe fungiert dabei die Söldnergruppe Wagner, die weltweit in zahlreiche Konflikte involviert ist. In Afrika operiert sie meist verdeckt in mindestens 17 Staaten, v.a. in Libyen, Mali, Sudan und der Zentralafrikanischen Republik (ZAR). Das Erfolgsrezept besteht aus kampferprobtem Personal, russischen Waffen und dem Schrecken, den die Truppe im Einsatz verbreitet. Doch ihr Interesse erstreckt sich nicht nur aufs Kriegsgeschäft.

Von Daniel Düster.

Es kam reichlich spät: Erst am 13. Dezember 2021 beschloss der Europäische Rat, die Söldnergruppe Wagner mit weitreichenden Sanktionen zu belegen, und folgte damit den USA und Großbritannien, die schon Jahre zuvor Sanktionen verhängt hatten. Zur Begründung heißt es, die Gruppe sei beteiligt an schweren Menschenrechtsverletzungen, darunter Folter, Hinrichtungen sowie destabilisierenden Aktivitäten in einigen der Länder, in denen sie tätig sind. Zu diesen Ländern gehören zahlreiche afrikanische Staaten, in denen Wagner zumeist verdeckt operiert und ohne dass dies in der westlichen Öffentlichkeit groß zur Kenntnis genommen würde. Was hat es also mit Wagner auf sich? Das private Sicherheits- und Militärunternehmen „Gruppa Wagnera" mit etwa 8000 Beschäftigten wurde 2014 von Dmitrij Utkin gegründet, einem ehemaligen Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes GRU und Oberstleutnant a.D. aus dem westsibirischen Asbest. Der Name der Organisation geht auf Utkins Kampfnamen „Wagner" zurück, der dessen Vorliebe für den deutschen Komponisten geschuldet ist.

Putins Koch

Doch die graue Eminenz hinter der Gruppe soll Medienberichten zufolge übereinstimmend Jewgenij Prigozhin sein. Prigozhin, auch als „Putins Koch" bekannt, war im Leningrad der 80er-Jahre neun Jahre lang u. a. wegen Betruges und Raubüberfalls inhaftiert. In den 1990er-Jahren machte er dann als Catering-Unternehmer Bekanntschaft mit dem damaligen Petersburger Vize-Bürgermeister Wladimir Putin und ist heute nicht nur Inhaber des Gastro-Unternehmens Konkord und einziger Betreiber eines Restaurants innerhalb der Kreml-Mauern. Prigozhin, der ein Vermögen von umgerechnet 1,1 Mrd. Euro besitzt, wird gleichzeitig auch mit jenen „Troll-Fabriken" in Verbindung gebracht, die u. a. aufseiten Donald Trumps in den US-Wahlkampf 2016 eingegriffen und viele weitere Desinformationskampagnen durchgeführt haben.

Mit der Wagner-Gruppe steuert Prigozhin noch einen weiteren Graubereich der russischen Außenpolitik. Offiziell sind Söldnergruppen in Russland zwar verboten, doch die Verbindung zwischen Wagner und der russischen Armee und höchsten Regierungsebenen sind vielfach dokumentiert, bspw. durch den inzwischen inhaftierten Oppositionellen Alexej Nawalnyj. Die Vorteile für den Kreml liegen auf der Hand: Es ist möglich, andere Staaten militärisch zu unterstützen, ohne offiziell als staatlicher Akteur einzugreifen und für die Handlungen der Kämpfer Verantwortung zu übernehmen. Zugleich schlagen sich Verluste innerhalb der Söldnertruppe nicht in die offizielle Gefallenen-Statistik nieder.

Wagner weltweit

Der erste Einsatz der Truppe fand im Februar 2014 bei der Annexion der Krim statt. Viele der sogenannten grünen Männchen, die damals strategisch wichtige Punkte besetzten, gehörten offenbar zur Wagner-Gruppe. „Männchen" beschreibt die Gender-Verhältnisse wahrscheinlich hinreichend gut, denn es handelt sich um eine augenscheinlich nur mit männlichen Kämpfern besetzte Gruppe mit ausgeprägter Macho-Kultur. Die Truppe wurde seither weltweit in vielen Kriegen und Konflikten eingesetzt: Im syrischen Bürgerkrieg unterstützen sie Machthaber Assad und dessen Truppen, während sie im libyschen Bürgerkrieg auf der Seite von General Khalifa Haftar eingriffen. 2020 kämpften sie im Krieg um Bergkarabach aufseiten Armeniens und in der Ukraine zunächst im Donbass und seit dem russischen Überfall 2022 auch im Rest des Landes.

Jenseits von diesen Kriegsschauplätzen ist die Truppe hauptsächlich in Subsahara-Afrika aktiv. Die Tätigkeitsfelder reichen vom Gefechtseinsatz gegen Rebellengruppen, über polizeiähnliche Einsätze gegen Demonstrierende bis hin zu Aufträgen, in denen sie als militärische Ausbilder, strategische Berater, Personenschützer (z. B. als Präsidentengarde) oder als Wachpersonal für strategisch wichtige Orte tätig sind. Doch auch Cyber-Aufträge gehören zu ihrem Portfolio. Da die Gruppe keine öffentlich einsehbaren Verträge mit ihren Partnerstaaten schließt, ist es oft schwierig, genaue Angaben zu Truppenstärke und Einsatzgebieten zu machen. Zudem ist Wagner meist bemüht, Berichterstattung zu unterbinden.

Das südafrikanische Center for Strategic and International Studies (CSIS) kommt zu dem Schluss, dass die Gruppe Wagner zwischen 2016 und 2021 in 17 verschiedenen afrikanischen Staaten aktiv gewesen ist: In Guinea-Bissau, Guinea (Conakry), Mali, Libyen, Tschad, Sudan, Süd-Sudan, ZAR, Kongo (Brazzaville), DR Kongo (Kinshasa), Burundi, Botswana, Simbabwe, Mosambik, Madagaskar und den Komoren. Am stärksten vertreten ist die Gruppe weiterhin in Libyen mit 2000 Kämpfern, gefolgt von Mali mit einer geschätzten Personalstärke von 450 bis 1000. Im Sudan und in der ZAR geht man von je etwa 450 bis 500 Wagner-Soldaten aus. Im mosambikanischen Cabo Delgado-Konflikt, aus dem sich Wagner inzwischen zurückgezogen hat, waren zwischenzeitlich 200 Söldner stationiert. Wagner selbst setzt die Zahlen zu Anwerbezwecken deutlich höher an. Die Söldner stammen zum Großteil aus Russland und anderen GUS-Staaten sowie Serbien. Im Verlauf des Syrienkriegs kamen jedoch immer mehr syrische Kämpfer hinzu, die auch in anderen Konflikten eingesetzt werden.

Sowjetische Kontakte

Das verstärkte Engagement der Wagner-Gruppe ist nur im Kontext einer neuerlichen Hinwendung Russlands nach Afrika zu verstehen. Diese Hinwendung ist Teil einer Politik, die versucht, Russland als Weltmacht und Erbe der Sowjetunion zu reetablieren. Dieses Streben nach alter Größe erstreckt sich auch auf die ehemaligen Interessenssphären im Globalen Süden. Der zu gewinnende Einfluss in afrikanischen Staaten ist, damals wie heute, ein Mittel zur Erreichung diplomatischer, militärischer und ressourcenpolitischer Ziele. In manchen Staaten wie Guinea, Mosambik, Simbabwe, Mali und Guinea-Bissau konnte Russland dabei auf alte Kontakte aus der Sowjetzeit zurückgreifen. Viele Vertreter:innen der heutigen Regierungselite hatten noch an sowjetischen Universitäten studiert, da die Sowjetunion die damaligen Befreiungsbewegungen oder sozialistischen Regierungen im Kalten Krieg unterstützte. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden das Rückgrat der internationalen sowjetischen Soft Power, die zahlreichen Auslandsvertretungen, Austauschprogramme sowie kulturellen und akademischen Partnerschaften ebenso zusammengestrichen wie die harte Währung zwischenstaatlicher Militärhilfen und Kredite. Seit Mitte der 2010er-Jahre begann Russland unter Wladimir Putin jedoch wieder an die alten sowjetischen Kontakte anzuknüpfen und reaktivierte afrikanische Alumni-Gruppen, die ihm nun als Türöffner dienlich waren.

Wagner öffnet Türen

Vielfach fungiert Wagner ebenfalls in diesem Sinne: Sie sind der Erstkontakt mit Russland und öffnen die Türen für weitere Kooperationen. So war es auch in der Zentralafrikanischen Republik, wo Wagner heute mit etwa 450 Söldnern vertreten ist. In der ZAR herrscht seit 2012 ein Bürgerkrieg, der gut eine Million der etwa 4,7 Mio. Einwohner:innen zu Binnenflüchtlingen gemacht hat. Die so einflussreiche wie unbeliebte einstige Kolonialmacht Frankreich hatte 2017 dem Regime von Präsident Faustin Touadéra angeboten, trotz des bestehenden UN-Embargos beschlagnahmte Waffen aus Somalia zu liefern. Doch Russland konnte das Angebot auf diplomatischem Wege vereiteln und spendete ersatzweise, um eine rasche Lösung bemüht, diverse AK-47-Scharfschützengewehre, Maschinengewehre und Granatwerfer aus eigenen Beständen. Frankreich blieb außen vor. Stattdessen gab der Kreml im März 2018 bekannt, fünf Soldaten und 170 zivile Ausbilder in das Binnenland zu entsenden. Einige dieser „Ausbilder" konnten anschließend eindeutig als Wagner-Leute identifiziert werden, darunter auch Valerij Sacharow, der heute der Sicherheitsberater des Präsidenten ist. Weiteres russisches Sicherheitspersonal, offiziell der Sicherheitsfirma „Patriot" zugeordnet, ist als Leibgarde des Präsidenten und anderer VIPs tätig.

Menschenrechtsverletzungen

Die meisten Milizionäre kämpfen jedoch gemeinsam mit den Regierungstruppen und ruandischen Söldnern gegen die Rebellengruppen im Land. Dabei soll es immer wieder zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen gekommen sein, besonders während der Regierungsoffensive zwischen Dezember 2020 und Mai 2021. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) hat in dieser Zeit nach eigenen Angaben Berichte über Massenhinrichtungen, willkürliche Verhaftungen, Vertreibungen und Folter erhalten, verübt von Privatstreitkräften, die mit den Regierungstruppen verbündet sind, darunter Wagner, aber teilweise auch UN-Friedenstruppen der Minusca-Mission. Zuletzt meldete die US-Website The Daily Beast, am 10. April 2022 seien drei augenscheinlich betrunkene Wagner-Söldner anlasslos in eine Geburtsklinik in Bangui eingedrungen und hätten zwei Frauen im Wochenbett und eine Hebamme vergewaltigt.

Dieser schreckliche Vorfall illustriert, wie ungestört die Wagner-Milizionäre ihre Verbrechen begehen und wie wenig sie anscheinend Konsequenzen fürchten müssen. Auch in Russland erwartet die Männer Straflosigkeit: In einem verstörenden Video aus 2017 filmten und fotografierten sich Wagner-Söldner in Syrien bei der Folter, Enthauptung und Verbrennung des vermeintlichen Deserteurs Muhammad Abdullah al-Ismail. Die inzwischen eingestellte Tageszeitung Nowaja Gazeta konnte die unmaskierten Täter identifizieren und leitete das Material an die russischen Ermittlungsbehörden weiter. Bis heute steht keiner der Männer vor Gericht.

Ähnliches wird aus Mali berichtet, wo die Söldnertruppe im Anschluss an den zweiten Putsch vom 24. Mai 2021 unter der Ägide der Militärjunta von Oberst Assimi Goïta ins Land geholt wurde. Zwischen dem 27. und 31. März 2022 wurde in der Kleinstadt Moura ein Massaker von Regierungstruppen verübt. An dem Verbrechen beteiligt waren laut Augenzeugen auch etwa einhundert Russen. Regierungstruppen und Söldner erschossen über fünf Tage hinweg in dem Ort willkürlich etwa 300 Zivilisten, die sie für Islamisten hielten.

Das Geschäftsmodell

Unabhängig von derlei Gräueltaten und dem regulären Kampfeinsatz gibt es noch ein weiteres Einsatzfeld: Ein UN-Bericht von 2021 erwähnt, dass russische Söldner in der ZAR zur Bewachung von Gold- und Diamantenminen eingesetzt werden. Dies deutet auf ein Geschäftsmodell hin, das bereits im syrischen Bürgerkrieg erfolgreich erprobt wurde. Die New York Times berichtete 2017 von einem Gesetz, dass der Kreml bei seinem Verbündeten Assad durchgesetzt hatte, demzufolge Kombattanten, die eine Ölförderstelle zurückerobern und sichern, einen Anteil an den Einnahmen erhalten können. Durch dieses Gesetz erhielt Jewro Polis, ein Moskauer Unternehmen von Jewgenij Prigozhin, Fünfjahresverträge mit 25 Prozent Gewinnbeteiligung für alle von Wagner eroberten Ölquellen.

Auch in Madagaskar ist Wagner-Personal zur Bewachung von Minen abgestellt. Die bewachten Chrom-Förderstätten gehören Personen aus dem Umfeld des russischen Verteidigungsministeriums, die die Minen über die Briefkastenfirma Ferrum Mining kontrollieren. Privatisierung und Verkauf der einst staatlichen Chrom-Firma Kraoma an die russische Firma kam zustande, nachdem spezialisiertes Wagner-Personal Wahlkampfhilfe für den Ex-Präsidenten Hery Rajaonarimampianina leistete.

Erst im Januar 2022 konnte Wagner mutmaßlich seine Spielsteine auch in Burkina Faso platzieren, wo Premierminister Lassina Zerbo durch eine Militärjunta unter Führung von Paul-Henri Damiba abgesetzt wurde. Nur einen Tag nach dem Putsch bot der offizielle Vertreter der russischen Ausbildungskräfte in der ZAR, Aleksander Iwanow, der neuen Regierung Unterstützung gegen die islamistischen Rebellen an, während ECOWAS, UN und fast alle anderen Staaten der Nachbarschaft den Staatsstreich einhellig verurteilten. Kurz darauf wurde bekannt, dass der neue Machthaber Damiba noch vor wenigen Wochen Premierminister Zerbo gedrängt hatte, Wagner ins Land zu holen, was der Premier jedoch ablehnte. Daher vermuten viele Beobachtende eine baldige Involvierung von Wagner auch in Burkina Faso, nachdem sie sich nach den Staatsstreichen in Mali dort erfolgreich etablieren konnten.

Dies sind nur einige Beispiele für das Geschäftsgebaren und die Aktivitäten einer intransparenten Gruppe, die in unterschiedlichem Ausmaß in inzwischen jedem dritten Staat Afrikas operiert. Doch bei aller Abscheu gegenüber den Verbrechen und der Zielsetzung dieser Truppe: Wer jetzt wohlfeile Empörung in sich aufwallen spürt, sollte einen Moment innehalten. Denn Wagner kann sich vor allem dort einnisten, wo Staat und Bevölkerung den jahrzehntealten Einfluss des Westens, vor allem Frankreichs, mehr als satt haben und wo westliche Dominanz und Strukturanpassungsprogramme schwache Staaten hinterlassen haben, die sich nach militärischen Lösungen für komplexe Konflikte umsehen. Die westlichen Interessen und Politiken sind dabei nicht weniger extraktivistisch, als es die russischen oder die chinesischen sind. Auch der Westen schürt Konflikte und stützt Regime, die grausam gegen die eigene Zivilbevölkerung vorgehen, auch wenn sich westliche Soldaten in Afrika seit dem Ende des Kolonialismus keine vergleichbaren Gräueltaten zu Schulden kommen ließen. Es überrascht vor allem die Kaltschnäuzigkeit, mit der Wagner vorgeht, und mit der Russland jede Verantwortung von sich weist. Doch gleich wie man es bewertet, eines ist sicher: Russland hat in Afrika wieder einen Fuß in der Tür.