Heft 3/2022, afrika süd-dossier: Sprachen- und Bildungspolitik

Sprachenpolitik und Bildung in Afrika

In vielen Bildungsstatistiken der Vereinten Nationen bspw. hinsichtlich Einschulungsraten und Lesekompetenzen belegen Staaten aus Sub-Sahara-Afrika sehr häufig die hinteren Plätze. Nur wenige Ausnahmen, wie etwa die Seychellen, scheinen über qualitativ hochwertige und ausgewogene Bildungssysteme zu verfügen. Zugleich befinden sich in Afrika einige derjenigen Staaten mit der höchsten sprachlichen Heterogenität. Lediglich einige Inselstaaten wie Papua-Neuguinea, Vanuatu oder die Solomon-Inseln weisen einen noch größeren gesellschaftlichen Multilingualismus auf. Davon abgesehen befinden sich unter Hinzunahme des Greenberg-Diversitätsindex sechs der zehn heterogensten Staaten der Welt in Afrika. Daneben verwenden viele afrikanische Staaten nach wie vor häufig die jeweils ehemalige Kolonialsprache als Unterrichtssprache, dies teilweise direkt vom ersten Schultag an oder spätestens ab der vierten Klassenstufe. Es scheint lediglich die Frage zu sein, ab wann die Schüler:innen in den ehemaligen Kolonialsprachen unterrichtet werden, eine grundsätzliche Diskussion über die Sinnhaftigkeit dieser Vorgehensweise scheint nicht zu erfolgen. Eine Vielzahl, wenn nicht gar die überwiegende Mehrheit, der Eltern unterstützt eine derartige Herangehensweise, da Französisch, Portugiesisch und vor allem Englisch als die Sprachen angesehen werden, die einen sozialen Aufstieg ermöglichen.

Trotz jahrzehntelanger Forschungen und gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse über die pädagogischen, didaktischen genauso wie sozialen Vorteile der Verwendung afrikanischer Sprachen als Unterrichtssprache sind Unterrichtseinheiten mit Verwendung dieser meist entweder Pilotprojekte, die nie über einen derartigen Status hinauswachsen, oder es wird ein sogenanntes „early-exit"-Modell verfolgt, welches afrikanische Sprachen in einer Brückenfunktion zu einer jeweiligen ehemaligen kolonialen Sprache sieht.

Internationale Geldgeber, genauso wie verschiedene staatliche wie nicht-staatliche Organisationen, verfolgen bisweilen ganz klar die jeweiligen nationalen Interessen. Die Forschungsarbeiten von Languille offenbarten dies in frappierend offener Weise für die Sprachenpolitik Kenias. Milliardenschwere ökonomische Interessen bspw. der britischen Regierung setzen dementsprechend afrikanische Staaten unter Druck, um Englisch als Unterrichtssprache in zunehmendem oder früherem Rahmen einzuführen.

Im Zuge dieses Schwerpunktes werden verschiedene Perspektiven hinsichtlich Sprachen- und Bildungpolitik betrachtet, um die Komplexität und Vielschichtigkeit der jeweiligen, teils verschiedenen Herausforderungen zu skizzieren. Einige der Beiträge (mit * im Inhaltsverzeichnis gekennzeichnet) sind in umfassenderen, englischsprachigen Kapiteln in der neuen Buchreihe „Handbooks of Language Policies (HLPA)" enthalten. Der erste Band, der erstmals alle 16 SADC-Mitgliedsstaaten umfasst, wird im Juli 2022 erscheinen, die weiteren drei Bände jeweils im Zwei-Jahresrhythmus. Neben einem englischen Abstract werden darin erstmals multilinguale Kurzbeschreibungen der jeweiligen Kapitel veröffentlicht. Die Autor:innen wählten jeweils eine der afrikanischen Sprachen des jeweiligen Landes aus, um damit der sprachlichen Vielfalt des Kontinents auch in einem derartig internationalen Buchprojekt zumindest in gewissem Grad gerecht zu werden und Multilingualismus global zunehmend als „Norm" in den Köpfen der Menschen zu vergegenwärtigen.

Die nachfolgenden Beiträge zeigen anhand einiger ausgewählter SADC-Staaten, wie individuell die jeweiligen sozio-linguistischen Herausforderungen eines Staates sein können oder auch wie unterschiedlich sich potenzielle Lösungsansätze darstellen. Dies zeigt sich am Beispiel Südafrikas und dem dortigen Versuch, Sprachenpolitik auf dem Mikro-Level sozusagen fein zu justieren, also in jeder Schule oder anderen staatlichen Einrichtung, um den sozio-linguistischen Bedürfnissen von verschiedenen Regionen ansatzweise gerecht zu werden. Daneben zeigen aber zugleich auch die Beispiele aus Sambia, Simbabwe oder Mauritius gewisse Parallelen auf.

Neben derartigen, eher traditionellen Betrachtungsweisen von Sprachenpolitik als top-down und nationale Aufgabe beinhaltet dieses Schwerpunktheft auch einige andere Perspektiven, um der Vielfalt von Sprachenpolitik u.a. in der Bildung gerechter zu werden. Infolgedessen widmet sich ein Artikel explizit der Verwendung von afrikanischen Sprachen an südafrikanischen Universitäten, also der Fragestellung, wie „wissenschaftlich" und allumfassend afrikanische Sprachen Verwendung finden können. Demgegenüber betrachtet ein weiterer Beitrag das Spektrum von Kindern und Jugendlichen, so dass Bildung und Sprachenpolitik im Rahmen des Schwerpunktes ganzheitlich gedacht wurden. Innovative Beiträge aus dem Bereich der Linguistic Landscapes betrachten beispielsweise die Rolle von T-Shirts als mobile Sprachlandschaften. Alles in allem war die Bestrebung, mithilfe dieses Schwerpunktes die Komplexität, Vielschichtigkeit und gegenwärtigen Herausforderungen von Sprachenpolitik und Bildung zu beleuchten und dabei zu veranschaulichen, dass eine wahre Dekolonialisierung und „Entwicklung", sprich eine wirksame und bedeutsame Bildung für die Kinder und Jugendlichen afrikanischer Staaten, nur dann möglich ist, wenn diese auch deren Lebenswelten mit berücksichtigt, wobei Sprache einen elementaren Bestandteil darstellt. Niedrigschwellige, inklusive Lernmodelle, die den jeweiligen Lernerfolg der Schüler:innen zum Gegenstand haben, sollten der Maßstab allen Handelns sein. Dies beinhaltet institutionalisierte und formelle genauso wie informelle Formen der Bildung.

Dr. Michael M. Kretzer