Heft 3/2022, afrika süd-dossier: Sprachen- und Bildungspolitik

Textile Kommunikation auf Sansibar

ZUM THEMA SPRACHEN AM STRAND UND BOTSCHAFTEN AUF T-SHIRTS HAT SICH JANINE TRABER MIT CASSANDRA GERBER ZUM INTERVIEW GETROFFEN. Cassandra Gerber ist seit 2019 Doktorandin an der Universität zu Köln und forscht hierzu hauptsächlich auf Sansibar. Außerdem interessiert sie sich für Sprachlandschaften, mobile Kommunikation wie in Internetmemes und Diskurse zum postkolonialen Deutschland.

Welche Sprachen werden denn am Strand von Sansibar gesprochen?

Nicht jeder Strand auf Sansibar bzw. Unguja ist gleich. Dort, wo die Strände aber teilweise sogar überfüllt sind von Touristen, findet man dann auch die Strandarbeiter und dort werden auch die meisten Sprachen gesprochen. Am häufigsten ist natürlich Kiswahili, das von den Bootsbesitzern, Straßen- und Strandverkäufern gesprochen wird, aber die meisten von ihnen haben auch Kenntnisse in Englisch, Italienisch, Deutsch und Russisch. Innerhalb von kürzester Zeit kann nahezu für jede:n Tourist:in und dessen Sprache ein geeigneter Tourismusarbeiter gefunden werden. Tourist:innen werden normalerweise mit Hakuna-Matata-Swahili angesprochen, also der vereinfachten Swahili-Form, die sich im Tourismus entwickelt hat.

Und gibt es auch noch andere afrikanische Sprachen auf Sansibar?

Ja, aber soweit ich weiß hauptsächlich nur durch Migration zum Tourismus. Es gibt zum Beispiel viele Massai-Sprecher, die es auch ablehnen, Swahili zu sprechen.

Wieso?

Ich glaube oft aus ideologischen Gründen. Massai sind in Tansania auch von Ausgrenzungen betroffen, das kann die Wahl der Sprache, die man spricht, beeinflussen.

Aber wie lernt man überhaupt so viele Sprachen am Strand?

Erst mal kann ja jeder am Strand Dinge verkaufen, auch wenn man nicht eine der teuren Tourismusschulen besucht hat, in der man Sprachen lernen kann. Es gibt also Strandarbeiter:innen ohne formelle Bildung, aber ich habe z. B. auch einen Veterinärmediziner kennengelernt, der sich so noch etwas dazu verdient hat. Man braucht zunächst kein großes Vokabular. Wenn man aber als Tourguide arbeiten will, muss man eine Sprache schon gut beherrschen. Die meisten lernen dann Englisch, da die meisten Leute finden, dass nur damit einem die Tore der Welt offenstehen.

Sansibar ist ja durch seine Lage vor dem Festland seit hunderten von Jahren ein wichtiger Handelsort gewesen mit einem hohen Grad an kultureller und sprachlicher Diversität. Die Bewohner:innen waren also schon immer darauf angewiesen, verschiedene Sprachen zu sprechen. Ist diese Geschichte auch dafür verantwortlich, dass heutzutage viele Sprachen dort vermeintlich in der Dauer eines Strandspaziergangs schnell von den Leuten gelernt werden? Sprachenlernen und Mehrsprachigkeit als überliefertes Konzept, sozusagen?

Naja, das ist ja nicht nur auf Sansibar so, sondern eigentlich an der gesamten Swahiliküste der Fall. Viele Leute haben dort ein sehr anderes Bild vom Sprachenlernen, als es in Europa etabliert ist. Sprache muss nicht in einem steifen schulischen Raum erworben werden, es gibt keine Prüfungen, vor denen man Angst haben muss. Das, was man lernt, wird sofort angewendet beim Kontakt mit der nächsten Person, die man trifft. Man kann nichts falsch machen, sondern nur gewinnen, das macht Spaß.

Manche Leute sagen, der Sextourismus von europäischen Frauen sei auf Sansibar das einträglichste Geschäft.

Ja, die Männer, die in dem Bereich arbeiten, können touristische Sprachen meist besser als die Leute, die „nur" Sachen am Strand verkaufen.

Ist das nur so, weil sie eine größere Motivation zum Lernen haben? Gute Sprachkenntnis gleich kommerzieller Erfolg? Wird das von den Männern so wahrgenommen oder geht das eher ungesagt mit dem Job einher?

Gute Frage. Ich glaube, es hat nichts mit den Individuen zu tun, sondern kommt auch daher, dass sie während der Saison besonders viel zu tun haben. Oft werden sie auch von den Touristinnen an Orte mitgenommen, wo nahezu nur Leute aus dem Globalen Norden sind und die Sansibari selbst eigentlich nicht abhängen. Da kriegen sie natürlich viel mehr mit von den Sprachen und lernen automatisch schneller.

Wie groß ist unter den Tourist:innen die Bereitschaft, Swahili zu lernen?

Vergleichsweise groß. Besonders Begrüßungen und wie man im Restaurant bestellt, wird nachgefragt. Die Sansibari sind sehr selbstbewusst mit ihrem Swahili und eröffnen grundsätzlich Tourist:innen gegenüber das Gespräch auf Swahili. Es wird einem, ob man will oder nicht, beigebracht, wie man sich zu begrüßen und verabschieden hat. Das sollte man schon als sprachliches Souvenir mit nach Hause nehmen.

Was sind denn die häufigsten sprachlichen Souvenirs? Und wieso finden das Tourist:innen überhaupt attraktiv mitzunehmen?

Das üblichste ist „Jambo" und „Mambo" zur Begrüßung. „Poa" lernt man dann als Antwort. Viele Deutsche wollen dann wissen, was man sagt, wenn es einem mal nicht gut geht. Aber das würde man in Swahili so niemals antworten. Eigentlich sind das aber auch alles Formen aus dem Slang bzw. Jugendsprachen, die immer mehr normalisiert werden. Tourist:innen wird auch gerne „freshi" beigebracht, weil sie das schon aus dem Englischen kennen, Deutsche fragen aber auch bestimmte Wörter ab, mit denen sie gerne antworten wollen. So wird dann auch mal geantwortet mit „safi" – sauber –, aber das ist wirklich weniger oft und hat eben Einfluss aus der deutschen Jugendsprache. Ansonsten hört man natürlich total häufig „Hakuna matata" („Kein Problem"). Das wird total inflationär gebraucht im Tourismus und hat zu tun mit der Popularisierung des Begriffs. Jeder sagt es ständig, auch in Situationen, in denen es vom Kontext her absurd erscheint, aber es ist eben ein Souvenir, das man zu lernen hat.

Wir haben jetzt schon über die Kommerzialisierung von Sprache im Tourismus gesprochen, wie europäische Sprachen zu einem finanziellen Vorteil werden und jetzt auch noch, wie Sprache zu einem Souvenir wird. Hängt das alles zusammen? Ist das ein Produkt des globalen Kapitalismus oder ist das einfach normale menschliche Praxis?

Das kann man nicht klar trennen! „Hakuna matata" ist ein tolles Buzzword und hat auch etwas damit zu tun, was die Menschen auf Sansibar wollen, das du tust, wenn du bei ihnen Urlaub machst: Du sollst entspannt sein! Aber ich bin auch davon überzeugt, dass das ist, weil die Leute ihr Swahili mögen und wollen, dass du etwas davon lernst. Es ist auch ein Akt von Gastfreundlichkeit und Stolz. Das sieht man letztendlich auch daran, dass nicht nur Touristen T-shirts mit diesen Sprüchen tragen, sondern auch die lokalen Leute. Wenn es nur schrecklich wäre, dann täten die das sicher nicht.

Richtig, du forschst ja zu Sprache auf T-Shirts, was auf Sansibar besonders im Tourismus sehr beliebt ist, noch mehr als an den meisten touristischen Orten. Warum ist das so?

Das hat etwas mit der lebenden Tradition zu tun, dass Stoff spricht. Kangas werden an der Swahiliküste immer noch von sehr vielen Frauen getragen. Ursprünglich gab es sie aber angeblich zuerst auf Sansibar, im 20. Jahrhundert.

Kannst du noch mal sagen, was genau ein Kanga ist und wie das mit der Sprache darauf funktioniert?

Ein Kanga ist ein Kleidungsstück aus einem großen Stück Stoff für Frauen. Sie sind sehr traditionsreich und bedruckt mit vielen Symbolen, Motiven und Mustern, die verschiedene Geschichten haben und Jahrhunderte alt sind. Es gibt immer einen Spruch, ein Sprichwort oder eine Weisheit, die da drauf gedruckt wird. Das wird dann genutzt, um beim Aus-dem-Haus-Gehen etwas mitzuteilen. Wenn z. B. jemand Streit auf der Straße hat, dann trägt am nächsten Tag die eine Person vielleicht ein Kanga, auf dem steht „Man soll sich vergeben". Das ist dann ein Zeichen für die Versöhnung mit der anderen Person. Man kann sich aber auch streiten, also lästern oder beleidigen, allerhand ist möglich. Jedenfalls spricht es immer und alle verstehen die Botschaft. Es ist also eine mobile, sprechende Tafel, ein Zeichen, das man verwendet. Da diese Tradition so aktiv gelebt wird, wird das Konzept auch leichter als anderswo auf Kleidungsstücke übertragen, die eher aus dem Globalen Norden stammen.

Werden Kangas also genutzt, um Dinge zu sagen, die man selbst nicht aussprechen will?

Ja schon. Bei den T-Shirt-Souvenirs wiederum ist das nicht der Fall, die haben immer eher einen Beigeschmack von „irgendwo dagewesen zu sein". Die meisten tragen solche fast bedeutungslos gewordenen Begriffe wie „Hakuna Matata", es gibt aber auch Vokabellisten auf T-Shirts. Dann sind da aber auch noch etwas spezifischere, wie z. B. das Motiv der bekannten Sansibartüren, die Unesco-geschützt sind. Sie sind reich verziert und erzählen eine Geschichte über die Familien, die vor Generationen dort gewohnt haben. Aber es gibt auch populäre Aufdrucke wie Freddy Mercury.

Bei den Kangas geht es also um eine Botschaft, die die Trägerin nach außen vermitteln will. Ist das bei den T-Shirts dann andersrum? Die Sansibari müssen ja schließlich nicht ihre eigenen Vokabeln lernen, sondern die Tourist:innen tragen das am Körper, was sie sich selbst beibringen wollen.

Hm, aber sie können schon auch Botschaften nach außen tragen. Es scheint jedenfalls eine Lücke zu geben, manchen Shirtmacher:innen ist vielleicht nicht bewusst, was mit den T-Shirts passiert, wenn der Urlaub vorbei ist. Auf Sansibar sind T-Shirtaufdrucke immer eine Möglichkeit zu einem Gesprächsbeginn, was sehr oft wahrgenommen wird. Wenn man ein T-Shirt mit Massai drauf anzieht, wird man gefragt werden, ob man Massai mag usw. Wenn ich aber in Deutschland ein T-Shirt mit Sansibar-Aufdruck trage, dann interessiert das hier kaum jemanden. Die Rolle von Schrift auf Kleidung ist in Europa kulturell anders.

Ich habe ja oft an touristischen Orten das Gefühl, dass man sich als totaler Neuling markiert, wenn man so ein touristisches T-Shirt trägt, und dass Leute, die sich auskennen, sowas nicht anziehen. Ist das auf Sansibar auch so?

Nein, viele ausgewanderte Europäer:innen tragen auch diese T-Shirts und manchmal auch Kangas oder andere traditionelle Kleidung. Es wird eigentlich von den Sansibari meistens gerne gesehen, wann man die Dinge trägt, die dort verkauft werden. Das bedeutet, man hat die Einladung verstanden und angenommen.

Wenn man als weiße Person in Europa die traditionelle Bekleidung einer anderen Kultur trägt, spricht man eigentlich von kultureller Aneignung.

Das stimmt. Das hat aber mit dem Ort zu tun, an dem man sich befindet, dem muss man sich bewusst sein. Bei mir hat ein Denkprozess stattgefunden. Ich fand das am Anfang auch alles sehr problematisch, wenn Weiße auf Sansibar traditionelle Kleidung tragen. Aber für viele Leute hier vor Ort bedeutet es auch Respekt. Außerdem signalisiert man somit auch, dass man nicht nur durch die Gegend läuft und alles voyeuristisch mit Blicken verschlingt, sondern dass man auch die Leute mit Geld unterstützt hat. Die Verkäufer am Strand sind ja üblicherweise normale Bewohner, im Gegensatz zu den Shops in den großen Hotels, an denen nur die internationalen Investor:innen verdienen.

Gibt es denn aber vielleicht auch T-Shirts, die den Tourismus kritisch hinterfragen?

Ja, nicht sehr viele, aber dennoch. Es gibt zum Beispiel solche von der Musikgruppe Siti & The Band, die Taarab Musik macht. Da sind besonders Frauen sehr berühmt und involviert und es werden T-Shirts bedruckt mit „Proud of our Women, our Heritage, our Zanzibar". Es gibt aber auch eine Modedesignerin, Doreen Mashika, die auch in Deutschland bekannt ist für ihre Shirtkollektion zu Sansibar. Da findet man zum Beispiel Fotos von einer Frau, die der Kamera die Zunge rausstreckt oder den Mittelfinger zeigt. Es gibt also nicht nur die platten Souvenirshirts, sondern noch viel mehr, was die Reichhaltigkeit zeigt.

Vielleicht noch eine abschließende Frage. Was ist dein Lieblingsshirt?

Das was ich gerade auch trage: ein Fußballtrikot, auf dem „Zanzibar" drauf steht. Obwohl ich gar kein Fußball gucke. Aber das wird nicht nur von Tourist:innen getragen, sondern man sieht zum Beispiel auch Fischer damit auf ihren Booten fahren. Es ist aus einem total guten Stoff, man schwitzt nicht doll und da hängen tolle Erinnerungen dran, weil ich so viele Leute gesehen habe, die das anhatten. Es sind also für mich ganz rührselige Gefühle und nicht wirklich der Spruch darauf, der wichtig ist.