Heft 3/2022, afrika süd-dossier: Sprachen- und Bildungspolitik

Von der Freiheit und Unfreiheit der Sprache

WIE SPRACHE UNSERE WAHRNEHMUNG UND DENKWEISE BESTIMMT

Von Anna Balkenhol

„Sprache ist ein bisschen wie Luft", veranschaulicht es der südafrikanische Linguist und Anti-Apartheidaktivist Neville Alexander (1936-2012). Als allzu selbstverständlich hingenommen wird man sich ihrer Wichtigkeit erst bewusst, wenn die Luft fehlt oder sie verschmutzt ist. Mit der Sprache ist es ähnlich. Solange man sprach- und handlungsfähig ist, warum sollte man sich mit ihr beschäftigen?

Zunächst ermöglicht es die Sprache dem Menschen, sich zu verständigen. Zur Kommunikation dient einer Sprachgemeinschaft dabei ein historisch gewachsenes Sprachsystem von Zeichen und Regeln, das erlernt werden muss, um es verstehen und anwenden zu können. Sprache ist aber mehr als deren Morphologie. Mit Sprache werden Gedanken und Emotionen ausgedrückt, bewusst oder unbewusst bestimmte Bilder erzeugt oder reproduziert und die Welt beschrieben, wie wir sie wahrnehmen. Sie stellt den Wortschatz, mit dem die Welt erfasst wird. „Ein Mensch, der eine Sprache besitzt, besitzt folglich auch die Welt, die durch diese Sprache impliziert und ausgedrückt wird", fasste es Frantz Fanon (1925-1961), ein französischer Psychiater und Vordenker der Dekolonisierung, zusammen. Für den preußischen Sprachwissenschaftler Wilhelm von Humboldt (1767-1835) lag in jeder Sprache „eine eigenthümliche Weltsicht".

Die Sprache eröffnet uns also eine Welt, gleichzeitig sind die Grenzen einer Sprache auch die Grenzen dieser Welt. Dies wird deutlich, wenn man bestimmte Gedanken, Ausdrücke oder Konzepte nur schwierig exakt in eine andere Sprache übersetzen kann. Wer mehrere Sprachen spricht, kennt das. Oftmals gehen Bedeutungsanteile verloren, manchmal gibt es keine Entsprechungen oder nur grobe Annäherungen. Eine Sprache mit ihren Strukturen und Bezeichnungen gibt also als Ausdruck der uns anerzogenen Sicht auf die Welt den Rahmen vor, in dem die Wahrnehmung und die Kommunikation stattfinden. Dadurch formt und bestimmt sie wiederum unsere Wahrnehmung. Und damit ist der Kern getroffen. Sprache und Denken sind eng miteinander verknüpft.

Mit Sprache kann man also viel bewegen, auch aus dem Blickwinkel der Macht und der Ermächtigung. Auf struktureller Ebene haben sich insbesondere die Kolonisator:innen wie auch die Architekt:innen der Apartheid dieses Instrument zu Nutze gemacht. Die Kolonialzeit hat dabei sprachlich tiefe Einschnitte hinterlassen, die bis heute wirkmächtig fortwähren. Um dem entgegen zu wirken, versuchen damals wie heute aktivistische Bewegungen auch über die Sprache unsere Denkmuster wieder zu entkolonisieren. Daneben eröffnet Mehrsprachigkeit neue Horizonte.

Koloniale Sprach- und Erziehungspolitik

Auch wenn zeitliche und regionale Entwicklungen zahlreiche Anpassungsprozesse hervorgerufen haben, lassen sich zentrale koloniale Praktiken erkennen. Als Herrschafts-, Gewalt- und Wissenssystem basierte der Kolonialismus auf einer dreigleisigen Strategie, die nach Alexander die verwaltungstechnisch-militärische, die handeltreibend-unternehmerische und die ideologisch-kulturelle Achse umfasste. Er ging also über die territoriale und ökonomische Kontrolle hinaus.

Zur Erlangung und Festschreibung der Herrschaft über die Kolonisierten war die Sprachpolitik dabei Kernelement des kolonialen Erziehungssystems, wenn auch mit unterschiedlicher Ausgestaltung: Während die romanische Kolonialpolitik auf die Assimilation der einheimischen Bevölkerung in Kultur und Sprache setzte und somit die jeweils mitgebrachte Sprache als einzig anerkannte vorschrieb, verschafften sich die Besetzer:innen in den anglo-germanischen Kolonialgebieten hingegen durch das Erlernen lokaler Verkehrssprachen auf Verwaltungsebene Respekt und indirekte Macht über lokale Hierarchien. Im Erziehungswesen räumten letztere den afrikanischen Sprachen anknüpfend an die christliche Missionierung, die zur effektiven und nachhaltigen Verbreitung des Evangeliums vornehmlich in Erstsprachen erfolgte, zwar als Ausdruck der „niederen afrikanischen Verhältnisse" und zur Abgrenzung einen Platz bis zum Grundschulniveau ein, jedoch hätte eine Verwendung afrikanischer Sprachen über die Elementarerziehung hinaus „eine Förderung der afrikanischen Kultur bedeutet, was auf keinen Fall mit den Interessen des Kolonialismus in Einklang stand", hebt die Politikwissenschaftlerin Jennifer Dunjwa-Blajberg (*1942) hervor. Die Kolonialsprache wurde also auch hier dominant im formell-öffentlichen Leben sowie als Unterrichtsprache in der beschränkt zugänglichen höheren Bildung.

In Südafrika führte die Konkurrenz zweier kolonialer Sprachgemeinschaften zu einem Sonderfall. Im Versuch, die Verbreitung der jeweils anderen Kolonialsprache zu verhindern bzw. sie zu verdrängen, forcierte die britische Kolonialverwaltung hier deswegen abweichend, analog zur romanischen Strategie der Akkulturation, die landesweite Anglisierung Südafrikas, während die burischen Nationalist:innen in „ihren Territorien" zwar entsprechend Holländisch im Erziehungssystem einführten, die Afrikaner:innen aber zur strikten Trennung zwischen den Schwarzen und Weißen auf ihre Erstsprachen beschränkt bleiben sollten.

Ohne Rücksicht auf lokale Bildungssysteme wurde in den Kolonien zudem die westliche formelle Schulbildung eingeführt. Einzug erhielten Tugenden der religiösen Unterrichtung und der Arbeitslehre im Sinne des ora et labora (bete und arbeite), imperiale Rollenbilder sowie das wettbewerbsbringende lineare Fortschritts- und Entwicklungsparadigma. Dies diente der Anpassung der Kolonisierten an die europäischen Auffassungen und deren Ausrichtung auf die eingeführte kapitalistische Ordnung (Trennung von Kopf und Arbeit). Schwarze sollten dabei nur so viel lernen, wie zu einem Leben als „gute Untertanen" nötig war. Frauen wurden zur Häuslichkeit erzogen (Hausfrauisierung), die Kleinfamilie propagiert und die Kindererziehung individualisiert. Von Beschäftigungen außerhalb des Hauses in der Feldarbeit oder im Handel, der Pflanzenheilkunde, der Frauengesundheit und von Führungspositionen wurden Frauen ausgeschlossen, was ihre Autonomie weiter einschränkte.

All dies ging einher mit der Zerstörung kollektiver Gesellschafts- und kreislauforientierter Wirtschaftssysteme, spiritueller Glaubensformen, der einheimischen Gewohnheiten und Traditionen. In der formellen Bildung hatten zum Beispiel oral tradierte Praktiken und ein Weltbild mit einem ausgeprägten Ahnen- und Erdkult keinen Platz. „Die physische Gewalt des Schlachtfeldes wurde von der physischen Gewalt des Klassenzimmers – Kreide und Schultafel – abgelöst." War die Gewehrkugel „Mittel der physischen Unterwerfung", so war die Sprache „Werkzeug der geistigen Unterwerfung", verdeutlicht es der kenianischer Schriftsteller Ngugi wa Thiong'o (*1938). Wenn er sich an seine Schulzeit erinnert, schildert er, wie seine Welt eine andere wurde und „wir selber wurden von uns zu anderen". Mit dem Lernen in einer fremden Sprache und dem Erlernen fremder Wissenssysteme, Kategorien und Bedeutungszusammenhänge entfremdete sich das Denken der jungen von den älteren Generationen tiefgreifend.

Apartheid-Sprachpolitik

Die enge Verbundenheit von Sprache und politischer Realität war während der Apartheid in Südafrika besonders deutlich. Der Wettkampf zwischen den Brit:innen und Bur:innen bzw. Afrikaaner:innen um den Erhalt der Vorherrschaft kulminierte letztlich mit dem Wahlsieg der Nasionale Party 1948, die in Intensivierung der kolonialen Segregationspolitik die Apartheid institutionell einführte. Gemäß der schon von den Römern geprägten politischen Auffassung des divide et impera (Teile und Herrsche) wurde die bereits bestehende Klassifizierung in weiße Bürger:innen mit dem höchsten Status, dann Inder:innen und Coloureds und in der untersten Kategorie Schwarze, mit der Aufsplitterung dieser in 10 schwarze Ethnien weiter unterteilt (Bantuisierung).

Die Sprachpolitik diente dabei als Werkzeug der totalen Segregation. Schwarze wurden entsprechend ihrer jeweiligen Sprachgemeinschaft in getrennte geographisch definierte Wohngebiete verwiesen, den sogenannten Homelands oder Bantustans bzw. Townships an den Stadträndern. Im Bildungswesen wurde die Unterrichtung schwarzer Kinder in ihren jeweiligen indigenen Sprachen vorgeschrieben (Bantu Education Act). Im Sinne des Konzepts der burischen christlich-nationalen Erziehung (CNE) sollten sie sowohl ihre jeweilige „ethnische Identität" bewahren, als jedoch auch die christlich-calvinistischen und nationalen Prinzipien, u.a. die burische Arbeitsteilung, anerkennen. Gleichzeitig zielte es darauf ab, mittels Sprachbarrieren die Kommunikation zwischen der schwarzen Bevölkerung zu begrenzen und sie zu spalten. Ein rudimentäres Erlernen von Afrikaans und Englisch im Rahmen von Fremdsprachenunterricht sollte lediglich dem Zurechtkommen in der europäischstämmigen Gemeinschaft dienen. Denn Verwaltungssprache und Sprache der weißen Herrschaft wurde die Kreolsprache Afrikaans – in Ersetzung des Englischen, das aber zur Beilegung des Sprachkonflikts weiter anerkannt wurde.

Englisch war aber bereits die Sprache der Stadt, Akademie, Technologie und Wissenschaft sowie zum Instrument des wirtschaftlichen Aufstiegs geworden. Es formierte sich eine wachsende, gut gebildete schwarze Elite und von Revolutionär:innen (u.a. Nelson und Winnie Mandela – ANC, Oliver Tambo – ANC, Neville Alexander – NLF, Steve Biko – BCM). Diese Entwicklung konnte auch der Strategiewechsel zur Einführung von Afrikaans als alleinige Unterrichtssprache nicht verhindern. Landesweite Proteste dagegen eskalierten im Aufstand von Soweto. Der Kampf gegen die Apartheid war bereits im Gange.

Sprachmechanismen der Segregation

Die koloniale Instrumentalisierung der Sprache ging aber noch weiter. Mit der weltweiten Verbreitung europäischer Wissenssysteme ging zudem eine kollektive Abwertung schwarzer Menschen einher. Denn im Widerspruch zur Auffassung von universellen Menschenrechten, Freiheit und Gleichheit brauchte es zur der Unterdrückung von Menschen einen „Legitimationstrick", wie es der Sozialwissenschaftler Karim Fereidooni (*1983) formuliert. „Die Erfindung menschlicher Rassen war dieser Trick."

Die Formung des Denkens bzw. das Setzen von Denkmustern (Mindsetting) in der kolonisierten wie der kolonisierenden Gesellschaft war bei der Errichtung des Machtverhältnisses daher ein wesentlicher Baustein. Zur Abgrenzung der „Eigenen" Gesellschaft von den kolonisierten „Anderen" wurden Unterschiede anhand des äußeren Merkmals Hautfarbe als zentrales Element der Differenzmarkierung konstruiert. Dabei wurden die als „schwarz" eingeordneten Menschen zu einer vermeintlich homogenen Gruppe zusammengefasst, nach westlichen Standards benannt, bewertet und ihnen entsprechende Eigenschaften zugeschrieben, die dem „Eigenen" im Sinne eines dualistischen Weltbildes dichotom gegenüberstanden.

Schwarze Menschen wurden kollektiv zumeist auf körperliche Fähigkeiten, Rückständig- und Hilfsbedürftigkeit reduziert sowie mit diesem immer gleichen eindimensionalen Narrativ unvollständig und als homogene Objekte dargestellt. Weißen Menschen, insbesondere christlichen Männern, hingegen war die geistige und zivilisatorische Überlegenheit sowie Reinheit implizit beigemessen. Die Vielfalt ihrer Gesellschaft wurde durch die Erzählung zahlreicher Geschichten als individuell, facettenreich und vielschichtig wiedergegeben. Über Assoziationsketten schwingen dabei durch einzelne Worte wie „Afrikaner:in" oder der Hautfarbe „schwarz" gemeinhin eine ganze Reihe kolonial-rassistische Vorstellungen von unterentwickelt bis naturverbunden mit. Denn ausgehend von sozialisierten Konzepten funktionieren die so erlernten Gedankenketten – in diesem Kontext innerhalb desselben Deutungsrahmens – quasi automatisch.

Begriffe und die Bilder, die diese erzeugen, stehen somit nie für sich, sondern sind Teil eines assoziativen Netzes, das unsere Wahrnehmung prägt. Denn „[d]ieses Netz an Assoziationen bildet letztendlich das Koordinatensystem, in welchem wir denken" (Glokal e.V.). Tief verinnerlicht beeinflusst Sprache so über gesellschaftlich geteilte Stereotype unser Denken und Fühlen und damit auch unser Verhalten, ohne dass wir dies bewusst wahrnehmen. Mittels Sprache und dem Illustrieren von Unterschiedlichkeit ist dadurch eine konstruierte Wirklichkeit geschaffen worden, durch die Schwarze, Indigene und People of Calor systematisch abgewertet und ausgeschlossen worden sind. Das koloniale Wissenssystem trägt also zur Ungleichheit und Krise des menschlichen Geistes bei. Es ist ein jahrhundertealtes Konstrukt, das durch die kontinuierliche Reproduktion des Dualismus bis heute in unserem kollektiven Bewusstsein und in den gesellschaftlichen Strukturen fortwirkt.

Dies zeigt sich auch in Begriffen wie „Schwarzfahrer", in der euphemistischen Bezeichnung von Apartheid als „getrennte Entwicklung" oder „Asyltourismus" im Flüchtlingskontext. Zur Meinungsbildung werden durch solches „Framing" politische Sichtweisen begrifflich geprägt und transportiert, erläutert die Sprach- und Kognitionsforscherin Elisabeth Wehling (*1981). Rassismus ist also nicht vorbei, äußert sich nicht erst in physischer Gewalt und ist keine Ausnahmeerscheinung in unserem täglichen Leben, sondern er strukturiert auch heute noch auf subtile Weise unsere Gesellschaft und unser Denken. Sprache ist ein mächtiges Instrument. Dies gilt es anzuerkennen.

Zur Überwindung der Unterdrückungsmechanismen ist es daher unerlässlich, die eigene Wahrnehmung zu reflektieren, sich mit der Funktionsweise von Sprache und darin inhärenten kolonialen Denkmustern auseinanderzusetzen, die Bedeutung von Begriffen und die Grenzen, die sie unserem Denken geben, zu hinterfragen, den eigenen Blickwinkel zu erweitern, andere Geschichten zu erzählen und Worte behutsamer zu wählen. Dabei kann Multilingualität ein entscheidendes Vehikel sein. Postkoloniale Bewegungen wie #RhodesMustFall der Uni Kapstadt zur Dekolonisierung des Wissens und Integration anderer Bildungsformen können dabei auch auf vorangegangene Diskurse der Bildungsbewegung um Neville Alexander und seiner Mitstreiter:innen für eine emanzipatorische Politik der Mehrsprachigkeit und zu verschiedenen theoretischen Schulen wie die des Brasilianers Paulo Freire aufbauen. Damit der Prozess gelingt, braucht es eine vielschichtige und intersektionale Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen und dynamischen multilingualen Lösungsansätzen.