Heft 3/2022, afrika süd-dossier: Sprachen- und Bildungspolitik

Zögerliche Rückkehr zur Mehrsprachigkeit

SPRACHE IN DER BILDUNGSPOLITIK IN SAMBIA. Nach der Unabhängigkeit 1964 entschied sich die neue Regierung für Englisch als Amtssprache. Doch Sambia ist ein vielsprachiges Land mit über 70 verschiedenen Sprachvarietäten. Die angestrebte Wiedereinführung indigener Sprachen als Unterrichtsmedium erweist sich als ein schwieriges Unterfangen zumal in Städten, wo Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft leben.

Von Sande Ngalande

Da jede Form der Bildung, ob formell oder informell, den Informationsaustausch zwischen mindestens zwei Personen erfordert, spielt Sprache also immer eine zentrale Rolle. Vor der Einführung der formellen Bildung, was hauptsächlich durch Missionsverbände erfolgte, hatten afrikanische Gesellschaften, einschließlich Sambia, ihre eigenen Bildungsformate, die als afrikanische indigene Bildung bezeichnet werden. Diese Art der Bildung wurde hauptsächlich informell, insbesondere durch mündliche Überlieferung, von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Diese Unterrichtsform umfasste unter anderem das Lernen über die Imitation von Verhaltensweisen und Fähigkeiten der Oberhäupter durch die Jugend, kulturelle oder soziale Zeremonien (wie z.B. Initiationsrituale) und verschiedene andere Tätigkeiten, beispielsweise in der Landwirtschaft. Initiationszeremonien waren darunter die formellsten Bildungssysteme, vergleichbar mit institutionalisierten Schulen. In dieser Hinsicht war das gesamte Leben einer Person von der Geburt bis zum Tod von lebenslangem Lernen geprägt. Dabei war die Unterrichtssprache immer die meistvertraute Sprache und somit die der eigenen Ethnie. Die indigene Bildungssprachenpolitik war in Sambia daher immer mehrsprachig, denn jede der 72 ethnischen Gruppierungen, die mindestens 72 Sprachvarietäten entsprechen, hatte ihre eigene Unterrichtssprache.

Alle indigenen sambischen Sprachen gehören zur Bantu-Sprachfamilie. Nach der Volkszählung in Sambia von 2000 sind Bemba, Nyanja, Tonga und Lozi sowie Englisch die am häufigsten gesprochenen Sprachen (Kula, N.; 2006). Etwa ab dem 19. Jahrhundert wurden jedoch im Zuge der Missionierung und Kolonialisierung durch die Briten europäische Sprachen in Bantu-sprechende Gebiete eingeführt, in Sambia also Englisch. Während Englisch laut Statistik zwar eine der landesweit verbreitetsten Sprachen ist, zeigt die Volkszählung von 2000, dass sie nur zu 1,7 Prozent von der Bevölkerung bevorzugt verwendet wird.

Verdrängung des informellen Bildungssystems

Drei Perioden haben Sambia entscheidend geprägt, und zwar die vorkoloniale Zeit, die Missionszeit und die Unabhängigkeits- bzw. postkoloniale Zeit, in denen im Lauf der Zeit zu identischen Angelegenheiten wiederkehrende Entscheidungen anstanden. Während in der indigenen Bildung die Unterrichtssprache informell gewählt wurde und somit selbstverständlich auf die vertraute Sprache der Sprecher:innen fiel, wurde erst in der Missionszeit eine Entscheidung über eine Unterrichts- und eine zu erlernende Sprache gefällt (Kelly, M.J.; 1996). Das einzige Ziel des formellen Unterrichts in Lesen, Schreiben und Rechnen war dabei, die einheimische Bevölkerung durch das Lesen der Bibel zum Christentum zu bekehren. So wurde wie in der vormissionarischen Zeit auch hier eine vertraute Sprache als Unterrichtssprache gewählt.

Mit der Eröffnung einer neuen Missionsstation begannen die Missionare, die lokal gesprochenen Sprachen der Menschen zu erlernen, um sie auf eine Schriftform reduziert zu dokumentieren. Nachdem die Bevölkerung zunächst in ihrer eigenen Sprache alphabetisiert wurde, führten die Missionare zusätzlich Englisch ein. Die Wahl des Standorts einer Station kam also der Wahl einer indigenen Sprache gleich, die dann als Lehr- und Unterrichtssprache eingesetzt wurde.

Auf die Missionszeit folgte die Kolonialzeit. Erstmals kolonisiert wurde Sambia 1890 von der von Rhodes gegründeten Britischen Südafrika-Gesellschaft (BSAC). 1923 gab die BSA-Gesellschaft ihre Befugnisse an das britische Kolonialamt ab, wodurch Sambia ab 1924 britisches Protektorat wurde. Von 1953 bis 1963 wurden Simbabwe (damaliges Südrhodesien), Malawi (damaliges Njassaland) und Sambia (damaliges Nordrhodesien) von der britischen Regierung als Föderation geführt. Während die Missionare die formelle Bildung vorantrieben, weigerte sich die Kolonialregierung zunächst, die Schulen für afrikanische Kinder zu unterstützen oder zu betreiben, da ihr Interesse allein der Ausbildung weißer Schüler:innen galt. Erst später unterstützte sie auch den Betrieb einer Bildungseinrichtung für die einheimische Bevölkerung.

Obwohl die Kolonialregierung damit das Bildungssystem für sie unterstützte, war sie misstrauisch gegenüber gebildeten Afrikaner:innen und empfahl daher, nur eine minimale, auf das lokale Alltagsleben beschränkte Bildung zu fördern. Die Verwendung der indigenen Sprachen als Unterrichtssprache und -fach wurde weiterhin nachdrücklich empfohlen. So änderte sich zunächst nichts an der Sprachenpolitik der Missionare. Die Verwendung der einheimischen Sprachen als Unterrichtsmedium wurde von der 1. bis zur 4. Klasse praktiziert und Englisch ab der 5. Klasse eingeführt. Gegen Ende der Kolonialherrschaft der Föderation wurde es jedoch vorgezogen, Englisch so früh wie möglich einzuführen. Andere Lehrmeinungen sprachen sich für Englisch als alleiniges Unterrichtsmedium aus.

Schwierige postkoloniale Sprachpolitik

Die neue Regierung der Republik Sambia trat 1964 ihr Amt an, nachdem sie den Unabhängigkeitskampf gegen die britische Kolonialregierung gewonnen hatte. Die neue Staatsführung stand nicht nur vor der Entscheidung, welche Sprache in der Bildungspolitik verwendet werden sollte, sondern vor allem vor der für eine Landessprache. Die Wahl der nationalen Amtssprache war für die junge sambische Regierung nicht einfach. Nationalisten plädierten für die Verwendung einer nicht-kolonialen indigenen Sprache, doch eine solche Wahl hätte die Auszeichnung ihrer Sprecher:innen mit einer Art amtlichen Status bedeutet. Denn die von ihnen gesprochenen Sprachen wurden alle nach den ethnischen Gruppen benannt und die Menschen identifizierten sich stark mit ihnen.

Da sich die neue Nation in einem landesweiten Vereinigungsprozess befand, wurde dies als Gefahr angesehen. Ironischerweise betrachtete die sambische Regierung die Sprache der Kolonialherren als neutral und daher als die zwingende Wahl zur nationalen Amtssprache. So wurde Englisch dementsprechend in der sambischen Verfassung verankert.

Mit dem Bildungsgesetz von 1966 bestimmte die sambische Regierung Englisch zudem als Unterrichtssprache von der ersten Klasse an bis zur Hochschulbildung (Chishiba, G.M u. Manchishi, P.C.; 2015). Obwohl die Wahl des Englischen als neutral galt, entsprach die Annahme dieser Politik der Kolonialregierung am Ende ihrer Herrschaft. Ein Jahrzehnt später lebte die Debatte dann wieder auf. Im Rahmen der Bildungsreformen von 1977 wurde in Betracht gezogen, dass die frühere missionarische und koloniale Politik der Verwendung einer vertrauten Sprache als Unterrichtsmedium bessere Bildungsergebnisse erzielen würde. Viele sambische Kinder schienen damals Probleme mit der Entwicklung von Lese- und Schreibfähigkeiten in einer Fremdsprache wie Englisch zu haben. Englisch blieb jedoch die bevorzugte Unterrichtssprache, um das Land der 72 Volksgruppen und der entsprechenden Sprachvarietäten zu vereinen. Im Zuge der Reformen von 1977 wurden vom Curriculum Development Centre des Bildungsministeriums die ersten Leitlinien für die Rechtschreibung der sambischen Volkssprachen erstellt. Die Reformen sind nach wie vor in Kraft, insbesondere bei der Herstellung von Unterrichtsmaterialien und Büchern in indigenen sambischen Sprachen.

In den Jahren 1992 und 1994 gab es weitere Bildungsreformen, die als Focus on Learning bzw. Curriculum Reforms bezeichnet wurden. Beide Reformen empfahlen die Verwendung einer vertrauten Erstsprache als Unterrichtsmedium in den ersten vier Jahren des Bildungssystems. Die Empfehlungen wurden jedoch erst 1995 umgesetzt, als eine Konferenz zur Lesefähigkeit stattfand. Studien hatten gezeigt, dass seit der Einführung von Englisch als Unterrichtssprache ab der ersten Klasse die Alphabetisierung von Grundschulkindern hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist. Zum ersten Mal seit Jahren unternahm das Bildungsministerium wichtige Schritte zur Förderung sambischer Sprachen, indem es eine Richtlinie verabschiedete, nach der sie als Fächer berücksichtigt wurden. Außerdem galten sie fortan als Qualifikationskriterium in der Abschlussprüfung nach der siebten Klasse, um in die achte Klasse versetzt zu werden. Diese Entscheidung wertete nicht nur die sieben sambischen Sprachen, die in den Schulen als Fächer unterrichtet werden, auf, sondern motivierte auch die Schüler:innen, diese zu lernen, da sie bei der Auswahl für die achte Klasse berücksichtigt wurden.

Es fanden einige weitere politische Reformen statt, bei denen Diskussionen über die Verwendung von einheimischen Sprachen als Lehrmedium beschlossen, aber erst 2013 umgesetzt wurden, als die sambische Regierung anordnete, in den ersten Klassenstufen wieder vertraute Sprachen im Unterricht zu verwenden. Ausschlaggebend für diese Entscheidung waren Studien, die positive Ergebnisse bei der Einführung von Alphabetisierungskursen in einer vertrauten Sprache gezeigt hatten. Das Problem bei der Umsetzung dieser Politik besteht jedoch hauptsächlich in städtischen Gebieten, in denen Sambier:innen unterschiedlicher ethnischer und sprachlicher Herkunft leben. In der Regel ist es hier schwierig, sich für eine einheimische Sprache zu entscheiden, da die Lernenden möglicherweise verschiedene Sprachen sprechen. Auch die Lehrkräfte sind möglicherweise mit anderen indigenen Sprachen vertraut als die Lernenden. Außerdem ist es in der Regel unmöglich, eine Klasse zu finden, in der alle Schüler:innen die gleiche einheimische Sprache sprechen.

Die sambische Sprachenpolitik im Bildungswesen wurde durch historische Entwicklungen geprägt und hat sich seit der Einführung der formellen Bildung nicht grundlegend verändert. Die Angst vor der Annahme einer nationalen Amtssprache ist unverändert geblieben, weshalb sich alle sambischen Regierungen im Namen der Einigung des Landes einer solchen Entscheidung entzogen haben. Dies könnte das Fehlen einer formellen nationalen Sprachenpolitik erklären. Die Sprache scheint zwar am stärksten in der Bildungspolitik formalisiert zu sein, doch handelt es sich bei den politischen Regelwerken stets um isolierte Stellungnahmen, denen es an Tiefe im Sinne klarer Rahmenbedingungen und Leitlinien fehlt.

Der Autor ist Dozent für Linguistik in der Abteilung für Literatur und Sprachen an der Universität von Sambia. Er ist zudem Leiter des an der Universität angesiedelten „Confucius Institute" und geschäftsführender Direktor des „Belt and Road Joint Research Centre".
Übersetzt aus dem Englischen.