Googelt man „KI in Afrika", dann setzt sie den Suchenden gleich einen Allgemeinplatz vor, den man kaum mehr als das Plagiat eines Schulaufsatzes zur digitalen Zukunft Afrikas lesen könnte: „Künstliche Intelligenz (KI) birgt in Afrika ein enormes Entwicklungspotenzial und wird bereits in verschiedenen Bereichen eingesetzt, um sozioökonomische Herausforderungen anzugehen. Afrika wird bis 2030 voraussichtlich 1,5 Billionen US-Dollar durch KI-Innovationen generieren, was einem Anstieg des BIP des Kontinents um rund sechs Prozent entspricht." Aha, KI verheißt in Afrika also ein milliardenschweres Entwicklungspotenzial und könnte zum Gamechanger werden? Die KI verrät auch, dass bislang 16 von 54 afrikanischen Ländern eine nationale KI-Strategie auf den Weg gebracht haben, darunter Kenia, Ägypten, Ghana, Algerien, Ruanda und Senegal.
Als das Internet in die Welt kam, hat sich die Menschheit zu lange an dem Segen der digitalen Vernetzung erfreut und dabei zu spät erkannt, wo die Gefahren von Datenmissbrauch, Schadprogrammen, Malware, Fake News oder Hassbotschaften lauern. Stimmen, die bei der rasanten Ausbreitung Künstlicher Intelligenz vor erneutem Missbrauch warnen, haben es schwer gegen die verbreitete Cybereuphorie.
Auch die Mitgliedstaaten der SADC wollen bei der KI-Revolution nicht nachstehen, wie unser Autor Phathizwe Zulu in dieser Ausgabe berichtet. Und er fragt sich, was das Drehbuch der zukünftigen Algorithmen für die Menschen bringen wird: „Tyrannei von morgen oder tragfähigen sozialen Wandel?" Auf einem SADC-Forum zur Nutzung der KI hörte man hochtrabende Worte von der Stärkung der demokratischen Institutionen durch KI ausgerechnet aus dem Munde eines Emmerson Mnangagwa, der in seinem Land mit Hilfe Chinas ein Nationales Datenzentrum errichten ließ, mit dem sich Bürger*innen und Opositionelle in Simbabwe effektiver überwachen lassen. Zulu warnt zudem vor einer gefährlichen digitalen „Gerechtigkeitskluft", in der die wohlhabenden und technisch versierten Menschen KI-Entscheidungen anfechten können, schutzbedürftige Gemeinschaften dagegen automatisierter Diskriminierung und Fehlern ausgesetzt seien, die sie nicht einmal bemerken.
Wie sehr die Menschheit mit Algorithmen und Fake News manipuliert werden kann, wissen auch die Tech-Milliardäre des Silicon Valley, deren Eliteinteressen zunehmend in Widerspruch zur MAGA-Bewegung trump'scher Tumpheit stehen. Anknüpfend an den Beitrag von William Shoki über Elon Musk und die Hetze gegen Südafrikas Landreform in der letzten Ausgabe von afrika süd zeigt Andreas Bohne auf, wie das rassistische Dominanzgebahren von Musk und seinem libertären Mitstreiter Peter Thiel mit deren Wurzeln in Apartheid-Südafrika zu tun hat.
Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa braucht keine KI zu bemühen, um zu wissen, wie er sein wackeliges Regierungsbündnis zusammenhalten kann: Über den Schatten des ihm nachgesagten Zauderers springen und Kabinettsmitglieder entlassen, die ihr Vertrauen verspielt haben oder wie der Polizeiminister Mnchunu Verbindugen zu Südafrikas krimineller Unterwelt unterhalten haben sollen. Ramaphosa muss dabei die unterschiedlichen Strömungen im ANC sorgsam ausbalancieren, zumal der Traum seines ewigen Rivalen Jacob Zuma von einer Rückkehr auf Südafrikas Thron alles andere als ausgeträumt ist, wie der einleitende Beitrag in dieser Ausgabe aufzeigt.
Wenn KI tatsächlich zum Gamechanger werden soll, müsste verantwortliches Regieren die zivilgesellschaftlichen Kräfte in Afrika stärken. Die politischen Entwicklungen im südlichen Afrika lassen eher Skepsis walten. In Angola schlägt der Sicherheitsapparat mit gewohnter Repression zurück, wenn die Menschen wegen unzumutbarer Preissteigerungen auf die Straße gehen. Eine aussichtsreiche Alternative zu Staatspräsident João Lourenço ist nicht in Sicht, anders als in Mosambik, wo sich der charismatische Oppositionsführer Venâncio Mondlane breiter Unterstützung unter der jugendlichen Bevölkerung erfreut. Doch was wäre, wenn der evangelikale Pastor, der Sympathien für Bolsonaro bekundet und bei seinem Europabesuch in Portugal mit der rechtsradikalen Partei Chega zusammentraf, plötzlich das Land regieren könnte? Die Erwartungen wären riesig, die Enttäuschungen wohl umso größer. Der Einfluss des Evangelikalismus aus den USA, der mit seinem Antifeminismus und seiner Queerfeindlichkeit zunehmend fundamentalistisch daherkommt, hat in Afrika schon viel Unheil angerichtet. Wie sich aufstrebende Politiker wie Mondlane an der Macht verhalten würden, ist noch nicht ausgemacht. Von Botsuanas jungem Präsidenten Duma Boko hört man nicht viel, was angesichts von Krisenberichterstattung eher ein gutes Zeichen ist.
Wer im September bei den Präsidentschaftswahlen in Malawi das Rennen machen wird, lassen die Umfragen noch offen. Präsident Chakwera gehört auch zu denen, die mit Vorschusslorbeeren angetreten waren und die Menschen enttäuschten. Das war nach dem Amtsantritt von Samia Suluhu Hassan in Tansania nicht anders, als sie den umstrittenen Magufuli ablöste. Die Partei steht über allem. Tansania wählt im Oktober. Der Wahlsieg von Mama Samia ist gesetzt.
Lothar Berger

