Heft 4/2020, Rezension

Apartheid No!

Facetten von Solidarität in der DDR und der BRD
Berlin, November 2019

Erinnern gegen das Vergessen – dazu gehört für das Liliesleaf-Museum in Rivonia/Johannesburg auch die Dokumentation der Anti-Apartheid-Solidaritätsaktionen in anderen Ländern. Mit Schweden und Norwegen, zwei besonders rührigen Staaten, hatte man begonnen, als dritter Staat sollte die DDR hinzukommen. Harald Wolpe, der langjährige Direktor, hatte sich deshalb an die Rosa-Luxemburg-Stiftung gewandt. Sie hat das ehrende, aber auch mit einem gewissen Unbehagen entgegengenommene Anliegen unterstützt. Jetzt kann man in einem Raum der Farm in Rivonia lernen, wie diese besondere Solidarität aussah – als Teil der Staatsräson einer kommunistischen Diktatur exekutiert und gleichzeitig auch als ein Anliegen vieler Bürgerinnen und Bürger mit viel Engagement gelebt.

Erinnern können sich jetzt auch die Deutschen in Ost und West. Angestoßen durch den Wunsch Wolpes, hat die Stiftung mit „Apartheid No!" ein lesenswertes Buch über „Facetten von Solidarität in der DDR und BRD" (Untertitel) herausgebracht. Die Entscheidung, beide damalige deutsche Staaten einzubeziehen, erweist sich als außerordentlich klug: Man lernt nicht nur etwas über die Aktivitäten in der jeweils anderen Hälfte des damals geteilten Landes, sondern begreift auch, in welchem Kontext die Apartheidgegnerinnen und -gegner handelten.

Anja Schade und die beiden Mitherausgeber präsentieren ganz unterschiedliche Texte: Analysen mit wissenschaftlicher Grundlage, Rückblicke von ehemaligen hauptberuflichen Aktivisten, persönliche Erinnerungen von Diplomaten, Interviews mit Menschen aus Aktionsgruppen und theoretisierende Reflektionen von Vordenkern. Die verschiedenen Formate sorgen für Abwechslung und neues Interesse, die unterschiedlichen Temperamente der Beteiligten vermitteln gut, wie freundschaftlich vieles war und wie sehr einzelne Persönlichkeiten des südafrikanischen Widerstands fasziniert haben. So berichtet der ehemalige DDR-Diplomat Hans-Georg Schleicher noch jetzt bewegt von vielen Begegnungen.

In der Einleitung von Andreas Bohne und Jörn Jan Leidecker wird gleich auf der ersten Seite das Paradox thematisiert, dass in der DDR Solidarität geleistet und „Freiheit" für die Menschen in Südafrika eingefordert wurde, der eigenen Bevölkerung aber grundlegende Rechte versagt wurden. Leider findet man in den weiteren Beiträgen nur wenig dazu, wie mit diesem Paradox umgegangen wurde. Peter Stobinski vom Solidaritätskomitee der DDR konnte sich nur zu dem Satz durchringen, dass die beachtliche Leistung der DDR zur Beseitigung von Kolonialismus und Apartheid noch „höher zu bewerten wäre, wenn derselbe Staat gegenüber seinen Bürgerinnen und Bürgern mehr Freizügigkeit und Selbstbestimmung hätte walten lassen". Wie schwer sich die Funktionsträger mit Kritik an der von ihnen aus Überzeugung oder guten Glaubens geleisteten Arbeit tun, zeigt der selbstkritische Beitrag von Ilona Schleicher: „Der Mangel an demokratischer Beteiligung insbesondere für junge Menschen an der DDR-Solidarität war eines der Defizite in unserer Gesellschaft. Es schmerzt, dies einzugestehen, aber es ist wahr."

Etwas paradox ist auch, dass die DDR-Bürgerinnen und -bürger angehalten wurden, für die staatliche Solidaritätsleistungen zu spenden. Manche taten das unter Druck, andere freiwillig, wie Anja Schade in ihrem lesenswerten Artikel über die DDR-Solidarität schreibt. Als das ZK der SED 1982 den Höchstbetrag für die Soli-Marke runtersetzte, gab es regen Unmut unter den FDGB-Mitgliedern, so dass der Beschluss zurückgenommen wurde.

In einer ganzen Reihe von Beiträgen des Buches wird deutlich, wie präsent ausgewählte Freiheitskämpfer in der Bevölkerung gemacht wurden, angefangen von Kampagnen von Schulen über Namensgebungen bis hin zur Tätigkeit an der ANC-Exil-Schule in Tansania. Anja Meier beurteilt diese staatlich administrierte Solidarität rückblickend sehr kritisch: „Aber wie so vieles in diesem kleinen Land wurde selbst diese großherzige Geste, das Emphatische misstrauisch eingefordert und überwacht... der Solidaritätsbegriff wurde zur leeren Worthülse, zu einer in Soli-Groschen abzuleistenden Pflicht." Anja Meiers hinreißender Rückblick lässt einem nach dem planerfüllenden Ton des vorherigen Beitrags von Peter Stobinski wieder aufatmen.

Anja Meier ist auch die einzige, die anspricht, dass es nicht nur freundschaftliche Empfindungen für die im Land lebenden Gäste aus befreundeten Ländern gab. Darüber hätte man vor dem Hintergrund der gemeinsamen deutschen Geschichte als Kolonialmacht und Nazi-Diktatur und der heutigen Ablehnung von Flüchtlingen in den östlichen Bundesländern in dem Buch gerne etwas mehr gelesen.

In der BRD mussten keine Vorgaben des Staates erfüllt oder beachtet werden, die Anti-Apartheidbewegung war vielmehr darauf ausgerichtet, dass Verhalten von Staat und Wirtschaft als Unterstützer und Profiteure der Apartheid anzuprangern und Solidarität mit den Unterdrückten, auch hier vor allem vertreten vom Afrikanischen Nationalkongress (ANC), einzufordern. „Sand ins Getriebe gestreut" hat Ingeborg Wick von der Anti-Apartheid-Bewegung (AAB) ihren Beitrag betitelt. Geknirscht hat es oft, aber mit schwerem moralischen Geschütz und Rückenwind (zunehmend) aus aller Welt hat sich dann auch etwas bewegt. Apartheid war einfach nicht zu verteidigen, auch wenn es bis zum Schluss unterschiedliche Meinungen gab, ob Sanktionen und Boykotte nicht doch auch Risiken und Nebenwirkungen haben. Gottfried Wellmer, der in einem eigenen Beitrag von seinen Begegnungen und Erfahrungen in der internationalen Zusammenarbeit berichtet, hat mit beharrlichen Recherchen viel zu den Kampagnen der AAB beigetragen.

Die langlebigste Anti-Apartheid-Kampagne in der Bundesrepublik war die Aktion „Kauft keine Früchte der Apartheid" der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland (EFD), wie Sebastian Tripp in seinem sachkundigen Beitrag über die Rolle der westdeutschen Kirchen hervorhebt. Bei den „Boykott-Frauen", wie sie bald genannt wurden, handelte es sich um eine Basisbewegung von Frauen aus der Mittelschicht, die beharrlich ihr Ziel verfolgt und dabei auch mit den militanteren linken Aktivisten kooperiert hat. Bedauerlich, fast unverzeihlich ist, dass Tripp das Evangelische Missionswerk (EMW) nicht erwähnt, das über Jahre mit der Fülle und Vielfalt seiner Publikationen ein differenziertes Bild der Apartheid und des Kampfes im Land selbst vermittelte.

Die Publikationen des EMW, viele davon vom South African Council of Churches (SACC) übermittelte Dokumente aus Südafrika, waren auch deshalb so ansprechend und anrührend, weil sie nicht so agitatorisch daherkamen wie manche AAB-Pamphlete. Wie man Menschen erreicht, darüber reflektieren drei kluge Beiträge des Buches über Plakate als Medium der Solidarität, über die Auftritte von Miriam Makeba in der DDR und über die Kontroversen um das Mandela-Konzert 1988.

Besonders hervorzuheben sind die Artikel von Lothar Berger und Hennig Melber. Berger erzählt spannend, wie konfliktbeladen die Kooperation der AAB und der „informationsstelle südliches afrika" (issa) in der Redaktionspartnerschaft dieser Zeitschrift war. Die AAB erwartete u.a., dem ANC als einzig legitimen Vertreter des südafrikanischen Volkes „gebührend zu huldigen", während die Redaktionsvertreter der issa kritisch und detailliert über das südliche Afrika berichten und für ein möglichst großes Spektrum von Gruppen und Einzelpersonen „Sprachrohr" sein wollten. „Manche schienen geradezu mit dem Zentimetermaß genau ausmessen zu wollen, wieviel Platz den Organisationen jeweils gewidmet wurde." Angesichts der Regierungspraxis der einstigen Helden ist diese Servilität noch peinlicher, als sie es schon damals war.

Melber, der eigentlich über die ambivalente Bedeutung von Ikonen schreibt, gelingt es, die wenig appetitlichen Seiten der Befreiungsbewegungen gleich mit zu verhandeln: Machtkämpfe, Ausgrenzungen und Menschenrechtsverletzungen im Exil und schamlose Bereicherung an der Macht. Sonst gehen nur noch Bohne und Leidecker kurz darauf ein, allerdings ziemlich abstrakt: dass die ANC-Regierung „das kapitalistische System weiterführte, jegliche sozialistische (Umverteilungs-)Rhetorik fallen ließ und sogar ... eine politische Herrschaftselite reproduzierte" und damit viele Aktivisten enttäuschte.

Was „kritische Solidarität nach 1994" sein kann, ist Thema der letzten fünf Beiträge. Simone Knapp, die bei der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) das geschrumpfte Erbe vieler Aktionsgruppen koordiniert, tritt mit dem Untertitel „Eine Bewegung erschafft sich neu" forsch an, verheddert sich aber dann in den vielen Richtungen und bildet im Grunde das ab, was sie beklagt: die NGOisierung der Welt, in der sich vielleicht nicht alles, wie sie schreibt, aber doch vieles ums Geld dreht. Die beiden folgenden Artikel reflektieren über Kampagnen: für die Entschädigung von Apartheid-Opfern durch Unternehmen und gegen Banken und Konzerne, die im südlichen Afrika Geschäfte gemacht haben bzw. heute noch machen. Beim jüngsten Beispiel, dem Arbeitskonflikt in der Platinmine Marikana, steht die Mitverantwortung von Konzernen, hier der Abnehmer BASF, in der Lieferkette im Zentrum der Argumentation. Einhaltung von Standards entlang der Lieferketten einzufordern, ist in den letzten Jahren zu einer zunehmend praktizierten Form der internationalen Solidarität geworden und hat auch die staatliche Entwicklungszusammenarbeit erreicht.

„Was kommt", versprechen die beiden letzten Beiträge vorzustellen. Peter Wahl liefert aber eher einen Rückblick auf den jeweils neuen Internationalismus und plädiert dann – bescheiden – für genaue Einzelfallprüfungen und noch gründlichere Interpretationen, wenn man die Welt verändern will. Boris Kanzleiter ist angriffslustiger, sieht die Aufgabe eines neuen Internationalismus darin, „Kämpfe im Süden zu stärken und zur Hegemoniefähigkeit der Linken im Norden beizutragen". Am Ende seiner Überlegungen steht die Forderung nach ungeteilter Solidarität mit Menschen, die vor Repression flüchten: „Die Unterstützung von Exilant*innen aus Südafrika ... war eine der großen Leistungen des Internationalismus der 1970oer- und 1980er-Jahre. Heute – im Angesicht der Globalisierung des Autoritarismus – ist sie wichtiger denn je."

Dieses – richtige, aber am Ende doch mangels anderer Perspektiven etwas resignative – Plädoyer am Ende eines Buches über die Anti-Apartheidbewegung macht noch einmal deutlich, wie einzigartig sie war. Menschen in aller Welt, in Nord und Süd, in Ost und West, in Regierungsämtern und auf der Straße waren sich einig: Apartheid No! Das hat sie am Ende zu Fall gebracht, zur Freude der gesamten Welt. Eine klare moralische Argumentation, überzeugende Protagonisten, handhabbare Instrumente und ein unstrittiges Ziel, dazu die Gewissheit, dass man am Ende obsiegen würde – das war eine einmalige historische Konstellation. Von dem Privileg daran, mitgewirkt zu haben, erzählt dieses sorgfältig konzipierte und gestaltete Buch.

Renate Wilke-Launer

Download des Buches „Apartheid No!":
https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/sonst_publikationen/Apartheid_No_digital_web.pdf