Heft 4/2021, afrika süd-dossier: Ernährungssouveränität

Ernährungssouveränität

WIE SIE UNS GENOMMEN WURDE UND WARUM WIR SIE UNS ZURÜCKHOLEN MÜSSEN

Ernährungssouveränität ist das Recht der Völker auf gesunde und kulturell angemessene Lebensmittel, die mit ökologisch vertretbaren und nachhaltigen Methoden produziert werden, und ihr Recht, ihre eigenen Lebensmittel- und Landwirtschaftssysteme zu definieren. Sie stellt diejenigen, die Lebensmittel produzieren, verteilen und konsumieren, in den Mittelpunkt der Ernährungssysteme und -politik und nicht die Forderungen der Märkte und Konzerne.
(Nyeleni-Erklärung, 2007)

Wer hat Afrikas Ernährungssouveränität gestohlen?
Vor vielen Jahren konnte sich Afrika seiner Ernährungssouveränität erfreuen, doch diese Zeiten sind leider vorbei.

Als die Kolonialmächte Afrika beherrschten, schickten sie ihre Landwirtschaftsexperten aus, um die afrikanische Landwirtschaft zu modernisieren. Diese brachten das spezialisierte Monokultur-Modell von Landwirtschaft mit, das sie kannten. Für sie hatte es gut funktioniert, also dachten sie, dass es auch für Afrika gut funktionieren müsste. Aber da lagen sie völlig falsch.

Wenn wir etwas über landwirtschaftliche Entwicklung gelernt haben, dann dass die Wahl der Technologie kontextspezifisch sein muss. Sie muss an die lokalen Bedingungen angepasst sein – an den lokalen sozialen, wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen Kontext. Die große Entscheidung ist die zwischen Spezialisierung und Diversifizierung: ob man sich auf die Produktion einer einzigen Nutzpflanze konzentriert oder ob man diversifiziert und viele verschiedene Nutzpflanzen anbaut.

Lassen Sie uns das spezialisierte Modell, das die kolonialen Agronomen nach Afrika brachten, auspacken und sehen, ob es unseren Bedürfnissen entspricht. Passt es in den sozialen, wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen Kontext Afrikas?

Um sich auf eine Kultur zu spezialisieren, muss man investieren. Sie brauchen vielleicht Traktoren, ein Lager, Kühlung. Wahrscheinlich brauchen Sie auch Dünger und Pestizide, da Ihre Monokultur die Fruchtbarkeit des Bodens schnell erschöpft, da sie die Nährstoffe aufnimmt, aber nichts zurückgibt. Sie brauchen also einen Kredit. Haben die Europäer Zugang zu Krediten? Ja – viele Banken sind bereit, Landwirten Geld zu wettbewerbsfähigen Zinssätzen zu leihen. Aber in Afrika haben nur sehr wenige Landwirte Zugang zu Krediten für Investitionen, da die Banken Sicherheiten wie Landtitel verlangen, die nur wenige Landwirte haben, und außerdem sind die Zinssätze extrem hoch.

Um sich zu spezialisieren, braucht man einen guten Zugang zu Märkten. Europa verfügt über ein ausgedehntes Netz an befestigten Straßen und Eisenbahnen, Häfen und Flughäfen, die die Erzeuger mit den anspruchsvollen regionalen, nationalen und globalen Märkten verbinden. Der schnelle Transport und die kurzen Entfernungen verkürzen die Reisezeit und halten die Produkte frisch. In Afrika sind die Straßen miserabel, Eisenbahnen fehlen, die Entfernungen sind lang, die Märkte sind ineffizient und die Verluste nach der Ernte sehr hoch.

Wer sich spezialisieren will, braucht ein geringes Risiko ohne ungünstige Witterungsbedingungen, da alle Eier in einem Korb liegen; der Verlust einer einzigen Ernte wäre eine Katastrophe. In Europa sind die Temperaturen stabil, es regnet das ganze Jahr über häufig und Wasser für die Bewässerung ist leicht zu finden, sodass die Umweltrisiken gering sind. In Afrika steigen die Temperaturen stark an, Dürren sind häufig und unvorhersehbar und nur die Reichsten haben Zugang zu Bewässerungsanlagen, was bedeutet, dass das Risiko des Ausfalls einer einzelnen Ernte hoch ist. Es ist sinnvoll, sich mit mehreren Kulturen abzusichern; wenn eine Feldfrucht ausfällt, können andere überleben.

Das Bevölkerungswachstum in Europa geht gegen Null, sodass es sinnvoll ist, die Landwirtschaft zu mechanisieren, da die Landbevölkerung Arbeit in den Städten annimmt. Afrika hat die am schnellsten wachsende Bevölkerung der Welt und eine massive Jugendarbeitslosigkeit, sodass es keinen Mangel an verfügbaren landwirtschaftlichen Arbeitskräften gibt.

Und welche Feldfrüchte brachten die kolonialen Agronomen für die afrikanischen Bauern? Kaffee, Baumwolle, Kakao, Tee, Cashewnüsse, Palmöl, Zuckerrohr, Tabak, Sisal: All das wurde als Rohware angebaut und zur Veredelung und „Wertschöpfung" in die Fabriken des globalen Nordens exportiert.

Europäische Verbraucher*innen kaufen ihre Lebensmittel auf städtischen Märkten und haben so leichten Zugang zu den Komponenten einer ausgewogenen Ernährung. In Afrika sind viele immer noch auf Lebensmittel angewiesen, die auf ihren Höfen angebaut oder mit Nachbarn getauscht werden. Die Vielfalt der Ernährung beruht auf dem Anbau verschiedener Feldfrüchte. Und der Geschmack sowie die Vorlieben für lokale Lebensmittel sind für viele Aspekte der lokalen Kultur von zentraler Bedeutung.

Doch trotz der mangelnden Übereinstimmung mit dem lokalen Kontext war dieses spezialisierte Modell des Monokultur-Ackerbaus jenes, welches die kolonialen Agronomen installierten. Und Schwadronen von Regierungsberatern rollten die neue Ordnung aus, mit ihrer Abhängigkeit von Monokulturen, „verbessertem" Saatgut, Düngemitteln und Pestiziden.

Die verständliche Entscheidung Europas für einen spezialisierten landwirtschaftlichen Ansatz war viele Jahrzehnte, bevor die Experten nach Afrika kamen, getroffen worden, sodass sie vielleicht einfach die Notwendigkeit vergaßen, die Übereinstimmung mit dem lokalen Kontext zu bewerten. Oder vielleicht spielte der koloniale Wunsch, die Fabriken des Nordens zu ernähren, in Verbindung mit der rassistischen Propaganda, dass Afrikaner*innen irgendwie nicht würdig oder fähig seien, ihre Angelegenheiten zu regeln, eine Rolle bei der Entscheidungsfindung. Schlamperei oder Verschwörung? Sie entscheiden. So oder so, die afrikanische Ernährungssouveränität fand damals ihr Ende. Das souveräne Recht der Afrikanerinnen und Afrikaner, ihre Ernährung und Landwirtschaft zu definieren, wurde ihnen genommen.

Das Erbe
Postkoloniale Regierungsforscher*innen, Berater*innen und Agrarkonzerne haben die kolonialen Agronomen ersetzt. Der Neoliberalismus hat den Kolonialismus ersetzt, die Grüne Revolution die koloniale Landwirtschaft. Aber immer noch herrscht auf politischer Ebene die Agenda der landwirtschaftlichen „Modernisierung" vor. Afrikanische Regierungen klammern sich an Vorgaben, den Einsatz von chemischen Betriebsmitteln massiv zu erhöhen. Ein großer Teil der afrikanischen Landwirtschaftsbudgets geht für Subventionsprogramme für Landwirte (Farmer Input Subsidy Programs, FISPs) drauf, die den Bäuerinnen einen billigeren Zugang zu chemischen Inputs bieten, die aus den Industrieländern importiert werden. Weniger als zwei Prozent der Gebermittel für die afrikanische Landwirtschaft sind für Maßnahmen zur ökologischen Landwirtschaft bestimmt, die gleichzeitig das Ernährungssystem verändern und die Umwelt schützen.

Dieser enge Fokus auf Produktivitätsmaximierung um jeden Preis verkennt die multifunktionale Rolle der Nahrungsmittelproduzent*innen als Verwalter der natürlichen Ressourcen und Bewahrer des sozialen Gefüges. Dies hat dazu geführt, dass die negativen Auswirkungen dieses Modells auf die Natur, die biologische Vielfalt, Gesundheit, soziale Gerechtigkeit und Widerstandsfähigkeit gegenüber Schocks und Pandemien nicht erkannt werden.

Gesundheitliche Risiken: Eine Studie aus dem Jahr 2020 untersuchte die Risiken der Belastung mit Pestizidrückständen und bakteriellen Verunreinigungen in Gemüse in Tansania. Die Studie ergab, dass 47,5 Prozent des untersuchten Gemüses Pestizidrückstände aufwies, wobei drei von vier die gesetzlich tolerierten Rückstandshöchstgehalte (Maximum Residue Levels, MRL) überschritten. Die meisten enthielten organische Phosphate, die in vielen Ländern des globalen Nordens verboten sind. Die MRL-Werte wurden am häufigsten bei Tomaten, Zwiebeln, Wassermelonen, Gurken, Kohl und Paprika überschritten.

Unterernährung: Trotz jahrzehntelanger Subventionierung von Hybridmais und Düngemitteln in Sambia ist Unterernährung weit verbreitet. 40 Prozent der Kinder unter fünf Jahren sind in ihrer körperlichen oder geistigen Entwicklung beeinträchtigt. In Südafrika, dem am stärksten industrialisierten Lebensmittelsystem des Kontinents, sind 90 Prozent des Grundnahrungsmittels Mais gentechnisch verändert. Nach 20 Jahren des Konsums von gentechnisch verändertem Mais sind 46 Prozent der südafrikanischen Haushalte immer noch hungrig, eines von fünf Kindern ist verkümmert, während über 50 Prozent der Frauen jetzt entweder übergewichtig oder fettleibig sind.

Verlust der Artenvielfalt: Mit zunehmender industrieller Landwirtschaft geht auch die Artenvielfalt zurück. Wälder werden abgeholzt, um Platz für Plantagen zu schaffen. Die Agrobiodiversität wird reduziert und der Reichtum an wilden Pflanzen und Tieren im Ökosystem nimmt von Jahr zu Jahr ab.

Soziale Ungerechtigkeit: Der FAO-Bericht zu Ernährungssicherheit in Afrika aus dem Jahr 2020 stellt außerdem fest, dass ein Fünftel der Bevölkerung – 256 Millionen Menschen – in Afrika weiterhin hungert. Der Bericht stellt fest, dass fallende Rohstoffpreise ein Hauptgrund für Hunger und Ernährungsunsicherheit sind, da sie oft zu einer Abwertung der Währung und einer Inflation der Preise für Grundnahrungsmittel führen sowie zu geringeren Staatseinnahmen, die für Ausgaben im sozialen Sektor zur Verfügung stehen. Frauen auf dem Land, die Hauptproduzentinnen von Nahrungsmitteln, sind die ärmsten und am schlechtesten ernährten Menschen.

Mangel an Vorstellungskraft?
Befürworter der Agrarökologie fragen sich, warum die afrikanischen Regierungen diesem Wahnsinn verfallen sind. Liegt es daran, dass sie den Reichtum des globalen Nordens sehen und einen ähnlichen Weg einschlagen wollen, um ihre Nationen zu begünstigen? Glauben sie, dass Afrika durch die Übernahme ihrer Technologie bereichert wird? Wurden sie einer Gehirnwäsche unterzogen, um den rassistischen Meme zu glauben, dass die Ideen des Nordens einfach klüger sind als die afrikanischen Ideen? Sehen sie nicht, wie der globale Norden so reich geworden ist – durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe, die die Klimakrise verursacht haben, und durch die Ausbeutung der Völker und natürlichen Ressourcen des globalen Südens?

Afrikanische Regierungen erkennen, dass sie ein Problem haben, aber sie sehen nicht, dass es überall um sie herum lokal hergestellte Lösungen gibt. In einem Bericht des International Panel of Experts on Sustainable Food Systems aus dem Jahr 2020 stellt der Mitautor Olivier De Schutter fest, dass große Geber und Regierungen oft nicht glauben, dass Agrarökologie ausreichend produktiv sein und die Herausforderung der steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln erfüllen kann. „Große Geldgeber neigen dazu, das Potenzial der Agrarökologie zu vernachlässigen, zum Teil einfach aus Mangel an Vorstellungskraft", erklärt De Schutter. „Die Technologien der Grünen Revolution wurden seit den 1960er-Jahren als der einzig gangbare Weg propagiert, ohne dass die Alternativen ernsthaft in Betracht gezogen wurden."

Was ist denn die Alternative?

„Die Zukunft der Landwirtschaft ist nicht input-intensiv, sondern wissensintensiv. Wir brauchen den integrierten Ansatz, den die Agrarökologie bieten kann."
FAO-Generaldirektor José Graziano da Silva.

Agrarökologie bezieht sich auf Anbautechniken und Zuchtprogramme, die nicht auf chemische Düngemittel, Pestizide oder künstliche genetische Veränderungen angewiesen sind. Mit Hilfe der Agrarökologie produzieren die Landwirte auf nachhaltige Weise reichlich und gesunde Lebensmittel. Agrarökologie ist ein auf den Menschen zentriertes System nachhaltiger Landwirtschaft, das indigenes Wissen mit modernster Wissenschaft verbindet, mit der Natur zusammenarbeitet, um gesunde Gemeinschaften zu schaffen, und eine soziale Bewegung stärkt, die sich gegen die Marktorientierung der Landwirtschaft wehrt. Sie stellt alternative, solidarische Lebensmittelvermarktungssysteme vor, die faire Beziehungen zwischen Verbraucher*innen und Erzeuger*innen unterstützen.

Agrarökologie ist so vielfältig wie die Natur. Sie ist produktiv und steigert Erträge und Einkommen. Sie ist widerstandsfähig gegen den Klimawandel und bindet Kohlenstoff zurück in den Boden. Sie ist effizient – Recycling von Ressourcen, weniger Input, weniger Abfall. Sie ist kulturell angemessen – lokale Innovationen und Lösungen. Sie fördert die Menschenrechte, soziale Integration und Geschlechtergerechtigkeit.

Die Covid-19-Pandemie hat unser Verständnis dafür geschärft, dass das industrielle Nahrungsmittel- und Landwirtschaftssystem uns im Stich gelassen hat. Um Einstein zu zitieren: „Wir können unsere Probleme nicht mit derselben Denkweise lösen, mit der wir sie geschaffen haben." Wir brauchen eine mutige und radikale Transformation.

Agrarökologie ist die lokal gewachsene Lösung, nach der die afrikanischen Führerinnen und Führer lautstark rufen, die sie aber nicht erkennen. Und sie ist der Weg, wie Afrika seine Ernährungssouveränität zurückerhält.

Michael Farrelly

Der Autor ist Programmbeauftragter der Allianz für Ernährungssouveränität in Afrika.


Allianz für Ernährungssouveränität in Afrika
Die AFSA (Alliance for Food Sovereignty in Africa) bringt Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, Pastoralistinnen und Pastoralisten, Fischerinnen und Fischer, indigene Völker, Glaubensgemeinschaften, Verbraucherinnen und Verbraucher, Frauen und junge Menschen aus ganz Afrika zusammen, um eine vereinte und laute Stimme für Ernährungssouveränität zu schaffen.
www.afsafrica.org