Heft 4/2021, Simbabwe: Tanz

Ich ziehe Kreativität der Vollkommenheit vor

INTERVIEW MIT DEM SIMBABWISCHEN TÄNZER UND CHOREOGRAPHEN SEAN MAMBWERE

Sean Mambwere, 33, ist ein mehrfach ausgezeichneter Tänzer, Choreograph und Lehrer aus Simbabwe. Inmitten einer Pandemie eröffnete er in Harare, der Hauptstadt des Landes, ein Tanzstudio. Und das, obwohl er sich als Bachelor of Science mit Auszeichnungen in Angewandter Mathematik sichere und lukrative Jobs bei internationalen Banken und Firmen aussuchen könnte. Er tanzt Hip-Hop auf Beethovens Neunte, tourte 12 Monate durch China und schafft es mühelos, Menschen aller Nationen und jeden Alters für Tanz zu begeistern.

Corona hat ihn nicht gestoppt, sondern seine unbändige Kreativität noch beflügelt. Zurzeit arbeitet er an einer großen Show und kämpft für Bildungsgleichheit in den ländlichen Gebieten. Dafür schickt er die besten Tanzlehrer des Landes in die entlegensten Dörfer des Landes, die weder Internet noch Strom haben. Denn genau an einem solchen Ort ist auch Sean Mambwere herangewachsen.

Ihre Choreografien sind stets außergewöhnlich, Sie tanzen Hiphop auf Beethovens Neunte oder erweitern die Performance einer Squaredance-Gruppe um ihre eigenen Choreographien. Wie entsteht so etwas?
Es war für mich eine große Ehre und ein Privileg, Hip-Hop zu Beethovens Musik zu tanzen. In dem Video tanzen drei „Sean Mambweres" miteinander. Dabei wurde ich nicht kopiert, sondern habe alle drei Figuren separat und mit höchstmöglicher Präzision eingetanzt. Das Material wurde dann übereinandergelegt.

Bei anderen Choreographien beobachte ich genau, z. B. die Sonne. Dabei konzentriere mich auf die Sonne selbst, lasse auf mich wirken, wie erstaunlich und kraftvoll sie leuchtet und dass sie fähig ist, eine ganze Welt zum Blühen zu bringen. Ich sehe das, was die Sonne mich sehen lässt – schöne Dinge, wie Blumen, aber auch Missstände, Ungleichheit, Armut, etc. Oder ich lasse mich von Musik inspirieren und höre hier genau hin. Ich verinnerliche sie bis zu dem Punkt, wo ich sie nur noch in meinem Kopf abspielen muss und dort sogar in Echtzeit vor- und zurückspielen kann.

Sie bringen Menschen unabhängig von Alter oder kulturellem Hintergrund auf die Tanzfläche oder die Bühne. Wie gelingt Ihnen das?
Tanzen ist eine grundlegende Ausdrucksform von uns Menschen. Bevor wir lernen zu sprechen, singen wir, bevor wir lernen zu schreiben, malen wir. Sobald wir auf eigenen Beinen stehen können, tanzen wir. Tanzen ist Kunst und Kunst ist der unsichtbare Faden, der die gesamte Menschheit miteinander verbindet. Deshalb kann ein Tänzer sich auf allen Ebenen der Gesellschaft „bewegen".

Was fasziniert Sie am Tanz?
Es sind die vielen Möglichkeiten, mit denen Ideen, Perspektiven und Konzepte ausgetauscht werden können. Tanz schafft eine Plattform für den Dialog innerhalb der Gemeinschaft. Diese Kunst macht es möglich, sich gegenseitig bei der Bewältigung von Ereignissen und Situationen zu helfen und diese zu verarbeiten. Ich kann mich frei ausdrücken und jede Bewegung genießen.

Inmitten der Corona-Pandemie haben Sie in einem bekannten Einkaufszentrum ein Tanzstudio eröffnet. Welche Kurse geben sie dort und wen unterrichten Sie?
Das M.M. Dance Studio ist im „Sam Levy's Village", einem modernen Einkaufskomplex in Harare. Dort bieten wir mit qualifizierten Lehrern mehrere Genres für alle Altersgruppen und Leistungsstufen an, darunter Ballett, Stepptanz, Jazz, Rhythmische Sportgymnastik, Hip-Hop, Afro-Pop, Modern und Contemporary.

Kunst ist eine Begabung und keine Ware, die im Regal verkauft wird. Ein Schriftsteller kann immer noch schreiben, auch wenn das Werk nicht veröffentlicht wird. Mir war klar, dass Covid den Markt für Waren zerstört hatte, aber nicht den Markt für Talent. Deshalb eröffnete ich das M.M. Dance Studio mitten in der Corona-Krise und gab Fernunterricht, damit Kreativität entdeckt, geteilt, erlebt und ausgedrückt werden kann. Gegen Ende des letzten Jahres gab es sogar eine „Lockdown-Show" für die Angehörigen und Freunde der Kinder, die so Unterricht erhielten. Wir hatten alle einen Riesenspaß – trotz der schwierigen Zeit.

Ihre Schüler leben nicht nur in Städten, sondern auch in sehr abgelegenen Gegenden. Wie erreichen Sie sie?
Technisch halte ich den Kontakt durch regelmäßige Besuche, Telefonate oder Tutorials, die ich über WhatsApp verschicke. Persönlich überzeuge ich sie, weil ich als Tänzer aus Simbabwe, der „eigentlich" studierter Mathematiker ist, recht viel erreicht habe, auch international. Sobald sie erfahren, dass auch ich aus ähnlichen Verhältnissen wie sie stamme, öffnen sie sich mir. Wir schließen jeden Kurs ab, indem wir vor Freunden und Eltern eine kleine Choreographie aufführen. Ich biete zusätzlich auch eine Frage/Antwortstunde an, die über das Thema Tanz hinausgeht. Wir sprechen über Kunst, Stereotypen, festgefahrene Denkweisen und wie man sie überwinden kann.

Wie ist es, in fremden Ländern zu tanzen?
Es gibt nichts Schöneres, als durch den Tanz in eine neue Kultur einzutauchen und so zu erfahren, was sie identifiziert und auszeichnet. Ich versuche zwar immer, ein paar Brocken der Sprache meines Gastlandes zu lernen, aber wenn wir gemeinsam tanzen, verstehen wir einander besser und schneller – und zwar ohne Worte.

Sie sind über ein Jahr durch China getourt. Was haben Sie sich für dieses Publikum ausgedacht?
Es war eine großartige Zeit und eine Ehre, die kreative und organisatorische Leitung über unser simbabwisches Team zu haben, das aus insgesamt neun Tänzerinnen und Tänzern sowie einem Schlagzeuger bestand. Wir tourten im Auftrag von Ji Lin Entertainment, einer Top-Unterhaltungsfirma, durch ganz China. In unsere Produktionen ließen wir die chinesische Kultur mit einfließen. Unsere Auftraggeber waren so beeindruckt, auch von unserer Arbeitsauffassung und Disziplin, dass sie unseren ursprünglich auf ein Jahr begrenzten Vertrag um weitere Jahre verlängerten. Ich bin super stolz auf das Team und dass ich meinem Land so einen Dienst erweisen konnte.

Wird Tanz sich verändern? Wie sieht Tanzen in 50 oder 100 Jahren aus?
Wie bei allen Kunstformen geht es nicht um das „ob", sondern um das „wie", denn die Menschen ändern sich ebenso wie die Zeit oder die Technik. Je mehr sich die Technik ausbreitet, desto wichtiger wird Kreativität, durch die man gehört oder gesehen wird.

Was sind Ihre nächsten Projekte?
Ich habe ein Bildungs- und ein Showprojekt. Mir liegt daran, die Jugendlichen in den abgelegenen Dörfern zu erreichen – dort, wo es kaum Strom gibt und keinen Zugang zum Internet. Dafür arbeite ich mit einem lokalen Start-up zusammen, das eine „Study Box" anbietet. Diese Box schafft ein lokales, solarbetriebenes Netzwerk und ermöglicht somit Zugang zu allen digitalen Bildungsangeboten. Damit erhalten alle die gleiche Chance auf ein lückenloses Lernen und Wissen, egal, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben. Sobald die Finanzierung steht, werden junge Menschen dort auch Tanzunterricht von den besten Tanzlehrern des Landes erhalten. Es funktioniert genau wie die Study Box – ich nenne sie aber „Dance Box".

Showmäßig arbeite ich an einer großen Produktion im „Harare International Conference Centre", die sich mit dem Jahr 2020 und seinen Auswirkungen auf den Tanz in Simbabwe befasst. Ich möchte unsere Künstler:innen wieder „sichtbar" machen. Wenn meine Vorschläge von den Verantwortlichen genehmigt werden, kann ich mit den besten Tänzer:innen aus Bulawayo, Mutare, Gweru, Marondera und Harare arbeiten. Die Krise hat alle betroffen, und so ist es nur angemessen, dafür zu sorgen, dass alle Regionen Simbabwes hier vertreten sind.

Wie bleiben Sie als mehrfach ausgezeichneter Tänzer der Konkurrenz voraus?
Bescheidenheit ist mir wichtig, denn mit Demut kann man nichts falsch machen. Ich bin nicht besser oder schlechter als andere, da ich mich mit niemandem vergleiche. Ich klammere mich nicht an meine vergangenen Erfolge. Wer an Vergangenem festhält, kann nicht weiterwachsen. Wenn es um die Verwirklichung meiner Vision und Mission geht, priorisiere ich Kreativität vor Vollkommenheit. Vor allem lasse ich es nicht zu, dass die sozialen Medien darüber entscheiden, wie relevant ich bin oder zu bestimmen, was ich tue oder wie oft ich es tue.

Ich umgebe mich mit vertrauenswürdigen Freunden, die mich herausfordern, damit ich jeden Tag an die Grenzen meiner Kreativität gehe. Ich lasse zu, dass sich mein kreativer Prozess Jahr für Jahr weiterentwickelt, denn genau das macht jede Kunstform schön und wertvoll. Ich verlasse mich auf die Grundpfeiler meiner Kreativität und lasse um sie herum ausreichend Raum für Entwicklung und Bewegung.

Was ist ihr größter Traum?
Mein größter Traum ist es, etwas aufzubauen, das sich nicht nur mit dem Training des Körpers befasst, sondern auch den Geist schult und fordert. Nur so kann man sich weiterentwickeln und ist in der Lage, zu reflektieren. Das würde für mehr Gleichheit auf dem Marktplatz der Kreativität sorgen.

Das Interview führte Petra Keller. Sie ist Journalistin und lebte längere Zeit in der Nähe von Harare.