Heft 4/2021, afrika süd-dossier: Ernährungssouveränität

Kleinbauern ackern oft produktiver als großflächige Betriebe mit Monokulturen

Großflächige Landwirtschaft in Afrika führt nicht zu höheren Erträgen und mehr Wohlstand. Kleinbäuerliche Betriebe haben ein viel größeres Potenzial, um die Länder voranzubringen – das zeigt eine Studie des Hilfswerks Misereor.

Ist eine großflächige kommerzielle Landwirtschaft die Rettung Afrikas? Kann die intensive Bewirtschaftung riesiger Felder mit modernsten Maschinen, einem hohen Einsatz von Hochertragssorten, synthetischem Dünger und Pestiziden die wachsende Bevölkerung des Kontinents ernähren und den Staaten einen Entwicklungsschub bringen?

Das zumindest behaupten private Investoren und Entwicklungsbanken gerne. Darauf setzen auch viele afrikanische Regierungen, die kapitalkräftige Finanziers willkommen heißen. So wurden auf dem Kontinent laut der globalen Datenbank Landmatrix allein zwischen 2000 und 2016 von börsennotierten Unternehmen, Investmentfonds oder lokalen Eliten rund zehn Millionen Hektar Ackerland erworben.

Doch welche sozioökonomischen Folgen haben solche Landakquisitionen? Eine bislang unveröffentlichte Studie des katholischen Hilfswerks Misereor, die kleinbäuerliche Betriebe mit agrarindustriellen Einheiten vergleicht, kommt jetzt zu überraschenden Ergebnissen.

Nur elf Prozent der gekauften Flächen werden bewirtschaftet
„Wir wollten das ganz bewusst aus ökonomischer Perspektive betrachten", sagt Agrarwissenschaftler Markus Wolter von Misereor, der die Untersuchung betreute. Regina Neudert von der Universität Kiel und Lieske Voget-Kleschin, die an der Universität Greifswald arbeitet, stellten dafür eine umfangreiche Literaturrecherche an und forschten weltweit nach öffentlich zugänglichen Daten zu Landprojekten in Subsahara-Afrika.

Ernüchternd schon die Ausgangslage: Wie die Studie zeigt, wird bislang nur auf elf Prozent der Fläche von 399 untersuchten Landdeals überhaupt produziert. „Da verlieren Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ihre Äcker zugunsten von Investoren, werden vielleicht sogar vertrieben, und dann wird ein Großteil der Fläche landwirtschaftlich nicht genutzt", sagt Wolter. „Das hat mich wirklich schockiert."

Gründe dafür könnten laut dem Misereor-Report Spekulation mit Boden und Wasser sein. Aber auch mangelnde Information über das Ertragspotenzial der Flächen oder Probleme beim Import von Produktionsmitteln. Viele unterschätzten aber auch das lokale Konfliktpotenzial von Landkäufen und kommen dann nicht voran, so Wolter.

Auch bei den harten ökonomische Indikatoren fällt die Bilanz der Forscherinnen negativ aus. So zeigt die Datenlage, dass ein Großteil der Ernte von Betrieben mit mehr als 200 Hektar in den Export geht. Demgegenüber produzieren Kleinbauern und -bäuerinnen auf ihren meist weniger als zwei Hektar Gemüse, Früchte und Getreide vor allem für den eigenen Konsum und den lokalen Markt. „Mit dem Wechsel von kleinbäuerlichen Systemen hin zu industriellen Produktion ist meist ein effektiver Rückgang der Lebensmittelproduktion in der Region verbunden", heißt es schlussfolgernd.


Die Rolle der Finanzwirtschaft
In Afrika wurden laut der Datenbank Landmatrix allein in den Jahren 2000 bis 2016 rund zehn Millionen Hektar Boden von Investoren für eine landwirtschaftliche Nutzung aufgekauft. Auf die Staaten südlich der Sahara entfallen alleine 42 Prozent aller weltweiten Landakquisitionen.
In Landnahmen sind weltweit auch deutsche Akteure involviert. Immer mehr mischt die professionelle Finanzwirtschaft mit: etwa der Versicherungsgigant Münchner Rück, die KfW-Tochter DEG oder die Ärztepensionskasse Westfalen-Lippe, über deren Investments die FR bereits mehrfach berichtete. „Waren Landwirtschaft und Ackerland vor zehn Jahren noch größeren Pensions- und Staatsfonds vorbehalten, so steigen nun auch vermehrt kleinere Fonds und Unternehmen ein", sagt Roman Herre, Agrarexperte der Menschenrechtsorganisation Fian.
Auch der Boom von „grünen" Finanzprodukten könne zu Landgrabbing beitragen, so Herre. Sicher sei jedoch, dass solche Bonds komplexe Finanzierungskaskaden schaffen. Die konkreten Wirkungen von Investments vor Ort seien damit nicht mehr nachvollziehbar.
Die Studie von Misereor zur Frage, welche Effekte eine großflächige Landwirtschaft im Vergleich mit kleinbäuerlichen Betrieben hat, ist im Netz zu finden: study-LSLA.pdf (misereor.org)
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Überraschend auch die Erkenntnisse zur Frage nach der Produktivität. Wer auf seiner Parzelle in Subsistenzwirtschaft arbeitsintensiv ackert und dabei nicht nur auf Monokulturen setzt, erzielt laut dem Report in der Regel höhere Erträge pro Hektar. Trotz höherer Kapital- und Arbeitseffizienz erreichen Großbetriebe demnach auf den Hektar umgerechnet einen geringeren Output. „Eine kleinbäuerliche Produktion muss also überhaupt nicht weniger Ertrag bedeuten", sagt Wolter.

Und wie sieht es mit der Beschäftigungswirkung aus? Nach den Recherchen von Voget-Kleschin und Neudert benötigen Großgrundbesitzer:innen – abhängig von der angebauten Kultur – statistisch zwischen 0,1 und einer Arbeitskraft pro Hektar; bei kleinbäuerlichen Betrieben sind es bis zu 3,77.

Verlust von Land und Arbeit
„Es gibt in dieser Form der traditionellen Landwirtschaft quasi keine Arbeitslosigkeit, weil sie so viele Hände braucht", stellt Wolter fest. Hingegen verlieren viele Menschen dem Report zufolge ihre Arbeit nach Großinvestitionen. Wolter gibt ein Beispiel, um die Zahlen zu verstehen: Wenn auf einer Fläche von 100 Hektar 100 Menschen mit Subsistenzwirtschaft beschäftigt sind und ihr Auskommen haben, nun aber ein Investor einen Deal macht und im großen Stil Soja anbaut, dann verlieren statistisch bis zu 74 dieser Personen nicht nur den Zugang zu Land, sondern auch ihre Arbeit.

Nur 26 würden auf der neuen Plantage einen permanenten Job finden – viele davon aber auch nur saisonal und schlecht bezahlt. Meist reiche das nicht aus, um die Verluste aus den Erträgen der eigenen Subsistenzwirtschaft zu kompensieren und die Familie zu ernähren.

Das Narrativ, dass großflächige Landnahmen mit kapital- und inputintensiver Bewirtschaftung von Ackerflächen die Lebensmittelversorgung verbessern und auch mikroökonomisch durchweg positive Effekte haben, halten die Studienautorinnen mit Blick auf Subsahara-Afrika für widerlegt. Im Gegenteil: Die Versorgung mit Nahrungsmitteln im Umfeld von großflächigen Betrieben sei deutlich schlechter als in kleinbäuerlich geprägten Strukturen.

Mit den Ergebnissen der Studie will Misereor demnächst mit Vertreter:innen des Bundesentwicklungsministeriums, aber auch mit Geldgebern wie der KFW oder ihrer Tochter DEG in die Diskussion kommen.

Im Zweifel folgt dann die Flucht Richtung Mittelmeer
Denn immer wieder werden Hilfswerke wie Misereor und NGOs mit dem Vorwurf konfrontiert, sie verbreiteten ein romantisierendes, rückwärtsgewandtes Bild der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Wolter hält dem entgegen: „Es ist unstrittig, dass Landwirtschaft in Afrika Unterstützung und Investitionen braucht." Eine industrielle Produktion sei dabei sicher nicht der richtige Weg.

Mit Zugang zu Land, Saatgut und Wasser könne auch auf kleineren Flächen agrarökologisch sehr ertragreich gewirtschaftet werden, um die heimische Nachfrage zu bedienen, aber auch Produkte wie Kakao, Kaffee oder Baumwolle für den Weltmarkt anzubauen. „Vor allem junge Menschen können da eine Perspektive finden." Wer aber sein Land und damit die Existenzgrundlage verliere, dem bleibe oft nur die Migration in die Städte, wo dann auch keine Beschäftigung zu finden sei und Armut drohe. „Im Zweifel führt die gefährliche Flucht dann noch weiter Richtung Mittelmeer."

Tobias Schwab

Der Autor leitet die Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Rundschau und ist Experte für Entwicklungsthemen.
Sein Beitrag erschien erschien in der FR vom 17.6.2021. Wir bedanken uns für die Nachdruckrechte.