Heft 4/2021, afrika süd-dossier: Ernährungssouveränität

The defender of the farmer is the farmer

KLEINBÄUERLICHE SELBSTORGANISATION IN TANSANIA. Mit 300.000 Mitgliedern ist Mtandao wa Vikundi vya Wakulima Tanzania, kurz MVIWATA, die größte Vereinigung von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Tansania. Trotz hoher Mitgliedszahlen und internationaler Netzwerke ist der allgemeine Organisationsgrad kleinbäuerlicher Landwirtschaft in Tansania gering und bleibt hinter seinem Mobilisierungspotenzial zurück, obwohl 70 Prozent der knapp 60 Mio. Einwohner*innen im Agrarsektor beschäftigt sind.

Tansania gehört zu jenen Ländern, die in hohem Maße von der Landwirtschaft abhängig sind und deren Produzent*innen mehrheitlich in kleinen Familienbetrieben (1-2 ha pro Familie) organisiert sind. Kleinbäuerinnen und -bauern leisten seit jeher einen großen Beitrag zur nationalen Wirtschaft und Ernährungssicherheit. Der Agrarsektor Tansanias hat verschiedene Perioden durchlaufen: vor der Kolonialzeit (1880er), während der Kolonialisierung, unmittelbar nach der Unabhängigkeit (1961), während der Arusha-Deklaration (1967) und während der Strukturanpassungsprogramme (ab Mitte der 1980er-Jahre).

Die 1993 von tansanischen Landwirt*innen gegründete Organisation MVIWATA (Mtandao wa Vikundi vya Wakulima Tanzania) ist eine Initiative gegen die Verschlechterung der Lebensbedingungen von Menschen in ländlichen Gebieten. Diese schlechten Bedingungen sind hauptsächlich geprägt durch die negativen Folgen des Strukturanpassungsprogramms, das nach dem Scheitern der sozialistischen Ujamaa-Politik eine Ära des Wohlstands einläuten sollte.

Heute möchte MVIWATA kleinbäuerliche Gruppen in ganz Tansania vereinen, um ihnen eine gemeinsame Stimme zu geben, die ihren sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Forderungen mehr politisches Gewicht verleiht. Um dies zu erreichen, sind die Mitglieder sowohl auf dem Festland als auch auf Sansibar in Netzwerken (Mitandao) organisiert. Deren Hauptanliegen ist es, für das soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Wohlergehen der Bäuerinnen und Bauern unter dem Slogan „The defender of the farmer is the farmer" zu kämpfen.

Die Geschichte von MVIWATA ist politisch
Tansanias Wirtschaft hängt zum großen Teil von der Landwirtschaft ab. Diese wird hauptsächlich von Kleinbäuerinnen betrieben, die im kleinen Maßstab Nahrungsmittel anbauen, sowohl für den Eigenbedarf als auch für den Markt. Ungeachtet ihrer zentralen Rolle neigt die Politik in Tansania dazu, die Tatsache zu ignorieren, dass es die kleinbäuerliche Landwirtschaft ist, die den überwiegenden Anteil der tagtäglichen Agrarproduktion leistet. Historisch gesehen zielte die Politik darauf ab, dass das Wirtschaftssystem florieren konnte, auf das Wohl der Kleinbäuerinnen und -bauern hat diese Politik zerstörerisch und entmenschlichend gewirkt. Die Verarmung der Mehrheit von ihnen wurde einfach hingenommen.

Durch die Marktliberalisierungspolitik des IWF und andere Faktoren und infolge der Misswirtschaft der damaligen Ujamaa-Initiativen in verschiedenen öffentlichen Institutionen sah sich die tansanische Regierung Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre gezwungen, den Pfad der eigenständigen nationalen Wirtschaftsentwicklung zu verlassen. Stattdessen führte man das Land in eine kapitalgeleitete neokoloniale Wirtschaft. Diese zwang die Regierung – als Vorbedingung für ihre Interventionen – dazu, im öffentlichen Sektor zu sparen und Sozialleistungen zu kürzen.

Infolgedessen verloren die kleinbäuerlichen Landwirt*innen einen stabilen Markt für ihre Produkte und sahen sich mit einem verminderten Zugang zu Finanzmitteln konfrontiert (beides Hauptfunktionen von Kooperativen), was die Armut und die Analphabetenrate unter ihnen verschlimmerte. Mit dem Aufkommen von kleingeistigen Intellektuellen schwanden die kleinbäuerlichen Stimmen im Diskurs, denn in den politischen Räumen verkannte man ihre Bedeutung, im Gegensatz zu den Launen der globalen Agenda der Marktliberalisierung. Somit blieb den Kleinbäuerinnen und -bauern nur die Möglichkeit, sich zur Verteidigung ihrer Interessen zusammenzuschließen und MVIWATA zu gründen. Die Kämpfe um Land, Marktzugang und Finanzen führten sie fortan auf Grundlage ihrer Klassenzugehörigkeit.

Interessen vertreten! Aber wie?
Durch politische Analysen, den Aufbau (inter)nationaler Netzwerke, Stellungnahmen und Bereitstellung von politischen Empfehlungen arbeitet MVIWATA aktiv im Kampf gegen Land Grabbing an der Landpolitik mit, welche ansonsten von den Interessen industrieller Landwirtschaft und massiven ausländischen Investitionen dominiert wird. MVIWATA kämpft für den Erhalt von Gesetzen, die die Landrechte von Dorfbewohner*innen schützen. Durch Landrechteaufklärung und der Bereitstellung von Rechtshilfe lernen sie ihre Landrechte kennen sowie wie sie diese einfordern und schützen können. Die Kriminalisierung von Kleinbäuerinnen und -bauern wird hierdurch beendet. Jene Landtitel, die zuvor durch die tansanische Zentralregierung an Investoren vergeben wurden, können so zurückgefordert werden.

MVIWATA unterstützt Bäuerinnen und Bauern, damit sie in ihren Netzwerken öffentlich finanzierte Projekte überwachen und nachverfolgen können. Sie lernen die Verpflichtungen, zu denen sich der Staat und auch Investoren bekannt haben, kennen. Die Bereitstellung von gerechten und sozialen landwirtschaftlichen Dienstleistungen in ländlichen Gebieten kann so sichergestellt werden.

MVIWATA hat es mit ihrem Ansatz geschafft, den Frauen und der Jugend im ländlichen Raum ökonomische Alternativen zu eröffnen. Initiativen wie ländlicher Tourismus, Trainings in Agrarökologie und gemeinschaftsbasierte Plattformen wie Farmer Field Schools, kollektiver Verkauf und die Einrichtung von Saatgutbanken haben dazu beigetragen, die Abhängigkeit von Männer-dominierten Strukturen zu reduzieren und Solidarität zu fördern.

Im Bereich der nachhaltigen Landwirtschaft waren die Gründungsprozesse für den Anbau, die Speicherung und die Vermehrung von traditionellem Saatgut wichtig, um die Abhängigkeit von privatwirtschaftlichen Saatgutsystemen zu reduzieren. Auch Aufklärung und Kampagnen zur Agrarökologie und Klimagerechtigkeit dienen dazu, die Macht (inter)nationaler Konzerne abzubauen und die Ernährungssouveränität der Kleinbäuerinnen und -bauern zu stärken. Sensibilisierungskampagnen und Lobbyarbeit gegen Kommerzialisierung von gentechnisch verändertem Saatgut (GMO) ist ein weiterer Meilenstein unserer Arbeit, und zwar mit Erfolg: Sowohl GMO selbst als auch Versuche mit GMO sind in Tansania mittlerweile verboten.

Darüber hinaus hat MVIWATA an inklusiven Finanzdienstleistungen gearbeitet. Durch die Initiierung und Stärkung von bäuerlich geführten Mikrofinanzinstitutionen ist die zuvor ausgegrenzte Landbevölkerung nun sozial besser abgesichert. In diesem Zusammenhang leistet MVIWATA Pionierarbeit bei der Bildung von Genossenschaften als Plattformen zur Steigerung von Produktionssynergien, der Vermarktung und Finanzierung von landwirtschaftlichen Aktivitäten. MVIWATA hat eine Reihe von Strategien entwickelt. Hierzu zählt die Erleichterung des kollektiven Verkaufs von Getreide sowie die Einrichtung von Marktinfrastruktur in Verbindung mit Unterstützungsmaßnahmen wie Landstraßen. Bis heute wurden insgesamt neun Marktinfrastrukturen in verschiedenen Regionen von MVIWATA errichtet, darunter der internationale Getreidemarkt im Dorf Kibaigwa (Region Dodoma). Des Weiteren verfolgt MVIWATA die Errichtung von Qualitätssicherungszentren, die Installierung von Wiegemaschinen sowie die Etablierung von einem Marktinformationssystem (MAMIS) sowie einem GIS-System, welches umfassend mit Marktinformationen über die kleinbäuerlichen Produkte ausgestattet ist. Des Weiteren unterstützt MVIWATA die Bäuerinnen und Bauern im Bereich der Mikrofinanzierung.

MVIWATA bedeutet Netzwerken
Auf nationaler Ebene ist MVIWATA Mitglied der Tanzania Land Alliance (TALA), der Tanzania Biodiversity Organization (TABIO) und arbeitet eng mit der Landrechts-Organisation Hakiardhi sowie dem Tanzania Gender Networking Programme (TGNP) zusammen. Außerdem wird mit verschiedenen Ministerien, Regierungsbehörden, regionalen Verwaltungen, lokalen Regierungen sowie im akademischen Bereich mit der Sokoine University of Agriculture in Morogoro (SUA) und der University of Dar es Salaam (UDSM) kooperiert.

Auf internationaler Ebene ist es MVIWATA gelungen, Solidarität mit gleichgesinnten Organisationen aufzubauen. In der SADC-Region ist MVIWATA Mitbegründer und Mitglied des East African Farmers Forum (ESAFF). Außerdem ist die Organisation Mitglied der globalen Bewegung La Via Campesina (LVC), dessen Büros für das östliche und südliche Afrika derzeit durch MVIWATA bereitgestellt werden. MVIWATA war Teil der wichtigsten LVC-Kampagnen einschließlich Agrarökologie, Ernährungssouveränität, Klimagerechtigkeit und Bauernfeminismus. Außerdem war MVIWATA Teil des Prozesses der Kampagne für die Deklaration der Vereinten Nationen über die Rechte der Bauern (UNDROP). In diesem Kontext traf MVIWATA Regierungsvertreter*innen, um ihre Unterstützung bei der Abstimmung über die Deklaration in Genf zu erbitten.

Die Kämpfe der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in der Welt haben neue Formen angenommen. Dafür braucht es bessere Vernetzung, eine gemeinsame Stimme zu Verteidigung und zum Angehen von Herausforderungen sowie mehr Einigkeit denn je. Die Aktualität und Relevanz von landwirtschaftlichen Bewegungen wie MVIWATA ist und bleibt von größter Bedeutung. In Tansania und darüber hinaus.

Theodora Pius

Die Autorin ist Mitarbeiterin von MVIWATA in Morogoro.
Website: https://www.mviwata.or.tz/
Aus dem Englischen übersetzt von Rene Vesper