Heft 4/2021, afrika süd-dossier: Ernährungssouveränität

Zurück zur Ernährungssouveränität

In der hoch technisierten und konsumorientierten Welt von heute ist es schwer begreifbar, dass es trotz voller Märkte immer noch Menschen gibt, die Hunger leiden. Bekannt, aber weiterhin Tatsache ist: Während einige Menschen im Überfluss leben, können sich andere kaum den minimalen Bedarf an Nahrungsmitteln leisten. Zusätzlich bedroht der Klimawandel die landwirtschaftliche Subsistenzproduktionen, die, wenn es gut läuft, einen kleinen Mehrertrag zum Verkauf abwerfen.

Bezogen auf die globalen Kapazitäten sieht der Agrarökonom Martin Qaim einen längerfristigen Trend, in dem die Produktionsentwicklungen kaum mit den Nachfrageentwicklungen Schritt halten könnten. Die Ursachen von Hunger gehen aber über Verteilungs- und Zugangsproblematiken hinaus. Die Frage der Knappheit muss auf globaler, lokaler und individueller Ebene differenziert betrachtet werden. Auch wenn die aktuelle Lage angespannt ist, sind es weniger die Verfügbarkeiten, sondern Armut, Konflikte, Katastrophen und steigende Nahrungsmittelpreise, die Menschen in den Hunger treiben.

Trotz jahrzehntelanger Armuts- und Hungerbekämpfung durch UN- und EZ-Institutionen ist deren Eradikation weiterhin auf der Agenda. Und die soziale Schere der Ungleichheit wird stetig größer. Die ersten beiden Ziele der aktuellen Strategie für eine nachhaltige Entwicklung (SDGs) intendieren erneut, „Armut in jeder Form und überall zu beenden", sowie „die Beendigung von Hunger, die Erreichung von Ernährungssicherheit und einer besseren Ernährung und die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft". Laut UN-Bericht zu den Nachhaltigkeitszielen sind 2020 2,37 Milliarden Menschen ohne Nahrung oder können sich nicht regelmäßig gesund und ausgewogen ernähren. Rund 800 Millionen Menschen sind unterernährt, 2014 waren es rund 200 Millionen weniger. Zudem hat die Corona-Pandemie mit einhergehenden Verlusten von Einkommen und Arbeitsplätzen die Situation noch einmal verschärft. Bis zum SDG-Laufzeitende 2030 wird bereits jetzt prognostiziert, dass die Ziele wieder einmal verfehlt werden. Die globale Armutsrate wird dann auf sieben Prozent geschätzt.

Eine Welt ohne Hunger sei Qaim zufolge aber möglich und in 20 bis 30 Jahren erreichbar. Beim aktuellen Anstieg der Anzahl der Hungernden müsse man dennoch die Fortschritte sehen. Über die Jahrzehnte gesehen ist die Zahl rückläufig. An diesen Fortschritten müsse man anknüpfen. Die Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und sozialer Sicherungssysteme seien dabei wichtige Aspekte. Weitere Faktoren sind die Produktionssteigerung mit guten, umweltfreundlichen Technologien, die Reduktion von Verlusten und Verschwendung sowie die ausgewogene, nachhaltige, stärker auf Pflanzen basierte und diverse Ernährung.

Die Art und Dimension von landwirtschaftlichen Flächen spielen also eine wichtige Rolle. So beginnt dieses Heft mit der Gretchenfrage der Größe von Farmen. Einführend in diese „Skalendebatte" diskutieren Roman Herre und Tobias Schwab dazu großflächige Agrarprojekte mit Monokulturen für globale Märkte gegenüber der Produktivität und Arbeitsintensität von kleinbäuerlicher Landwirtschaft sowie der Nachhaltigkeit der verschiedenen Ansätze. Welche Abhängigkeiten die Praktiken globaler Konzerne und global agierender Firmen mit sich bringen, schildern Anna Maina, Rhea Krupp und Anna Majavu. Initiativen aus verschiedenen Ländern des südlichen Afrika zeigen in Beiträgen von Theodora Pius, Christian Selz und Marshall Rinquest, wie kleinbäuerliche Selbstorganisation in Tansania und Nutzgärtenprojekte in Kapstadt und Greyton, Western Cape, in Südafrika funktionieren.

Um regenerative und hochmoderne Anbaumethoden, wie auch die Einbeziehung indigenen Wissens, die Nutzung von Wildpflanzen und Eigenschaften von Böden geht es in Artikeln von Henk Stander, Dr. Fhumulani Mathivha, Anna Brazier, Dominikus Collenberg und Sabine Lydia Müller. Die Themen Agrarökologie und Ernährungssouveränität führt Michael Farrelly abschließend zusammen mit einem Appell, sich wieder mehr auf lokal gewachsene Lösungen zu stützen.

Denn es geht um mehr als um Nahrungsmittelsicherheit, es geht vielmehr um die unabhängige Versorgung auf individueller, kommunaler und nationaler Ebene ohne externe Abhängigkeit von Firmen und NGOs und um den Erhalt der Lebensgrundlage. Und es geht um die Schaffung von Kreislaufwirtschaften in unseren Städten und Dörfern sowie die Achtung der Ökosysteme, wie Rinquest anschaulich darstellt. Die beschriebenen Initiativen und alternativen Methoden leben uns auf lokaler Ebene mögliche Wege, wie dies gehen kann, bereits vor. In Worten Farrellys „Holen wir uns die Ernährungssouveränität zurück".

Anna Balkenhol