Heft 4/2022, Südafrika

Marikana – eine offene Wunde

Der Kampf für gerechte Löhne und Entschädigung im zehnten Jahr des Massakers von Marikana

Das Massaker von Marikana am 16. August 2012 erschütterte nicht nur die südafrikanische Gesellschaft, sondern auch diejenigen, die sich in Europa solidarisch mit Südafrika beschäftigen. Plötzlich waren die Erinnerungen an die dunkelsten Kapitel der südafrikanischen Apartheid – wie das Massaker von Sharpeville 1960 oder der Jugendaufstand von Soweto 1976 – wieder lebendig. Doch das Unbegreifliche an diesem neuen, dramatischen Ereignis war gewesen, dass das Massaker von Marikana nicht von einem Unrechtsregime, sondern von einer demokratisch legitimierten Regierung begangen wurde, an deren Spitze die einstige Befreiungsbewegung ANC stand. Marikana wurde zu einer Zäsur für die südafrikanische Demokratie, indem sie eine „toxische Mischung von Staat und Kapital" offenbarte.

Bischof Jo Seoka, der gemeinsam mit der Kampagne Plough back the fruits seit 2015 vor allem auch bei der BASF um Entschädigung für die Hinterbliebenen kämpft, hat der KASA (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika) sein Manuskript über seine Arbeit der letzten zehn Jahre mit den Bergleuten von Marikana geteilt. Die deutsche Veröffentlichung ist Ende Juni erschienen und wurde am 14. Juli in einer Online-Veranstaltung von Bischof Seoka vorgestellt.

Das Buch ist ein Augenzeugenbericht der schrecklichen Ereignisse um den 16. August, es ist aber auch eine Abrechnung mit den Kirchen vor Ort, die laut Seoka die Arbeiter:innen und ihre Familien allein gelassen haben. Und es ist eine anschauliche Darstellung, wie lokale Akteur:innen und internationale Solidaritätsarbeit zusammenfließen und Synergien schaffen können, um gemeinsam etwa für Entschädigung oder ein Lieferkettengesetz zu kämpfen.

Anlässlich des Rückblicks auf zehn Jahre schrieb Seoka einen eindringlichen Appell an die Verantwortlichen, aber auch an die Solidarität der Gesellschaft.

Bischof Jo Seoka
Post Scriptum: Zehn Jahre danach

Damit wir nicht vergessen, was unsere Augen gesehen und unsere Ohren gehört haben, und damit es nicht von unserem Herzen weicht alle Tage unseres Lebens. Wir müssen der Macht die Wahrheit sagen und sie unseren Kindern und Kindeskindern bekannt machen. (frei nach 5. Mose 4, 7-9)

Es kann nicht sein, dass den Familien der Ehemänner und Väter, die an jenem verhängnisvollen 16. August 2012 auf dem Gelände der Minengesellschaft Lonmin in Marikana ermordet wurden, keine Gerechtigkeit widerfährt. Damals wurden insgesamt 44 Menschen durch schlecht ausgebildete Polizist:innen den Nutznießer:innen des Monopolkapitals geopfert. Könnte es sein, dass wir Angst haben, gegenüber den Mächtigen für die Wahrheit einzutreten?

Im Jahr 2022 jähren sich die unsäglichen Folgen der Polizeibrutalität gegen friedlich streikende Bergleute am Koppie von Marikana zum zehnten Mal. Die Wahrheit ist, dass es sich um eine beispiellose Entwicklung handelt, die durch jahrelange unbeschreibliche Frustration und Ausbeutung mit Hilfe des Wanderarbeitersystems ausgelöst wurde, dessen Wurzeln in der Apartheidpolitik liegen.

Das Verbrechen dieser Bergleute bestand darin, dass sie von Lonmin einen existenzsichernden Lohn verlangten. Stattdessen bekamen sie scharfe Munition und wurden mit Tod und Gräbern belohnt, nicht mit Geld oder angemessenen Arbeits- und Lebensbedingungen.

Die jüngsten Entwicklungen in Südafrika, angefangen vom Korruptionsskandal des ehemaligen Präsidenten Zuma und der Gupta-Familie bis hin zur Zerstörung fast aller staatlicher Unternehmen, erinnern uns daran, was wir trotz der Tatsache, dass sich die Geschichte zu wiederholen scheint, gerne vergessen. Auch zehn Jahre nach dem Massaker von Marikana sterben die Bergleute für die Profite eines entwürdigenden kapitalistischen Systems. Das zwingt uns dazu, kritische Fragen zum Zustand unserer rechtsstaatlichen Demokratie zu stellen. Es ist vermessen zu glauben, dass wir mit der Abschaffung der politischen Apartheid 1994 das ausbeuterische und unterdrückerische totalitäre System hinter uns gelassen haben und nun in einem freien, demokratischen Südafrika leben.

Die Hoffnungen von 1994 haben sich für die Schwächeren in einen Alptraum verwandelt, da die Armen seitdem noch ärmer und eine Handvoll gut vernetzter Personen über Nacht zu Milliardär:innen geworden sind. Sogar der derzeitige Präsident wurde als Vertreter des weißen Monopolkapitals bezeichnet, das das Land nach dem Diktat der reichsten Familien regiert, denen genau die Minen und Unternehmen gehören, die die Beschäftigten in diesem Land weiterhin unterbezahlen.

Wenn man sich diejenigen ansieht, die als Führungskräfte für Lonmin gearbeitet haben, fragt man sich, was sie dazu qualifiziert hat, besser zu leben als die Menschen, die die Rohstoffe unter Tage abbauen. Es ist kein Geheimnis, dass die schwarzen Führungskräfte, die während des Streiks und des anschließenden Massakers im Management von Lonmin saßen, mit saftigen Boni belohnt wurden und diese lächelnd und unbeeindruckt von der Lage der Witwen und ihrer Familien zur Bank trugen. Ein gutes Beispiel dafür ist Ben Magara, der als CEO eingestellt wurde, weil er die Situation schwarzer Bergleute kannte und die Probleme lösen sollte. Stattdessen verschlimmerte sich die Situation, denn unter ihm brach ein fast fünf Monate andauernder Streik aus. Trotzdem wurde er mit einem Bonus von 11 Mio. Rand in Form von Aktien belohnt, während das Unternehmen damit beschäftigt war, Geld für die Aufrechterhaltung des Betriebs zu beschaffen. Die Bergleute hingegen schleppen sich auch jetzt, wo wir zum zehnten Mal des Massakers gedenken, noch immer mit Trauer und leeren Händen nach Hause. Und daran hat sich auch nach dem Verkauf an Sibanye-Stillwater nichts geändert.

Nehmen wir zum Beispiel Mzoxolo Magidiwana, der am 16. August mehrfach angeschossen worden ist und zu denen gehört, die danach unrechtmäßig verhaftet worden sind. Bis heute hat sich das Unternehmen gegenüber den überlebenden Opfern wie Magidiwana, den Witwen und Waisen des Massakers von Marikana, wenig empathisch gezeigt. Selbst wenn es Anzeichen dafür gibt, dass der Preis für Platin steigt, bleibt eine Lohnerhöhung für die Bergleute ein bloßer Traum. Über die Familien der Verstorbenen ist bisher nicht viel bekannt, außer dass die meisten Ehefrauen oder eine verwandte Person quasi als Entschädigung Arbeit in der Platinmine gefunden haben. Doch was ist aus den Kindern, den Waisen von Marikana geworden? Zumindest das Schulgeld, zu dem sich das Unternehmen verpflichtet hat, scheint erste Früchte zu tragen, denn ein junger Mann konnte sogar einen Doktortitel in Agrarwissenschaften erlangen.

Die Täter:innen, die das Verbrechen begangen haben, genießen immer noch die Belohnung für ihre „gute" (sic) Arbeit. Das gilt auch für die Direktor:innen, einschließlich des amtierenden Präsidenten Ramaphosa, der für seine Beteiligung noch nicht öffentlich zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Bisher zeigt er nicht einmal Reue für die Rolle, die er bei der Erschießung der 34 unschuldigen Menschen gespielt hat.

Lonmin verkaufte das Unternehmen an Sibanye-Stillwater, das vor dem Kauf versprochen hatte, die Verantwortung für einige Folgen des Massakers zu übernehmen. Seitdem spricht das Unternehmen über die Bereitstellung von Häusern für die Witwen und die Finanzierung von Gemeindeentwicklungsprojekten wie etwa Gemüsegärten.

Beschämenderweise haben sich einige Kirchenführer:innen von dieser dreisten Scharade hypnotisieren lassen. Sie führen mit Firmen wie Sibanye-Stillwater sogenannte courageous conversations, bei denen sich die Unternehmen in ihrem Versagen durch zivilgesellschaftliche und kirchliche Beteiligung neu legitimieren lassen. Ist es das, wofür die Bergleute mit ihrem Leben bezahlt haben? Es kann doch nicht sein, dass sie geopfert wurden, damit die Produkte des Unternehmens aufgewertet, während ihre Familien mit Armut belohnt werden. Selbst während ich diese Überlegungen schreibe, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es einfach zu viele unbeantwortete Fragen gibt, die das demokratische Südafrika versucht zu ignorieren.

Wie alle Regionen, die über reiche natürliche Ressourcen verfügen, ist auch Bapo Ba Mogale, zu der Marikana gehört, und das Eastern Cape, aus denen die meisten Bergleute stammen, nach wie vor verarmt. Die von Minengesellschaften gemachten Versprechungen wurden nicht eingehalten, auch dann nicht, wenn die Preise für Platin stabil geblieben sind und die Unternehmen keine Verluste zu verzeichnen hatten.

Als ich Anfang 2022 die Bergleute von Marikana besuchte, konnte ich wieder einmal sehen, dass die dortigen Lebensbedingungen noch schlimmer sind als zu Zeiten des Streiks von 2012. Vor Ort ist von einer Verbesserung nichts zu sehen. Wie in den meisten rohstoffreichen Ländern – wie Sambia, Kongo oder Angola mit ihren Gold-, Diamanten-, Platin-, Erdöl-, Kupfer- und Bauxitvorkommen, um nur einige zu nennen – sterben die Menschen auch in Marikana trotz des Reichtums an natürlichen Ressourcen an Hunger und viele sind arbeitslos. Rund um die Platinminen von Marikana ist eine Spur des Todes entstanden, ohne dass auch nur ein Symbol der Heilung und Versöhnung, eine Gedenkstätte mit den Namen aller Opfer des Massakers geschaffen worden wäre.

Dennoch sprechen die neuen Eigentümer der Mine, Sibanye-Stillwater und ihr CEO Neal Froneman, von gemeinsamem Wohlstand und einem Prozess der Wiederherstellung in Marikana, der alle Interessengruppen einbeziehe. Sibanye-Stillwater hat bis heute das Versprechen von Lonmin, den Bergleuten ein Monatsgehalt von 12.500 Rand zu zahlen, nicht eingelöst. Was sich jedoch geändert hat, sind die Gehälter des Managements. Froneman strich 2021 satte 300,3 Mio. Rand ein, eine exorbitante Steigerung im Vergleich zu den 62,73 Mio. Rand des Vorjahrs. Das zeigt, wie wenig die Unternehmensleitung an einem tatsächlichen Ausgleich interessiert ist, wie wenig ihr die gewöhnlichen Bergleute bedeuten. Denn diese haben viel weniger bekommen, als sie bei den Streiks seit 2012 gefordert hatten – unbenommen dessen, dass die Summe inzwischen auch aufgrund steigender Inflation und Preise viel weniger wert wäre.

Die Wahrheit ist, dass es auch bei Sibanye-Stillwater um business as usual geht, dass alles beim Alten geblieben ist. Angesichts der Lebens- und Arbeitsbedingungen in Marikana stellt sich die Frage, was zum Beispiel mit den 150 Mio. Dollar gemacht wurde, die die Internationale Finance Corporation bei Lonmin investiert hat, um eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung in den Bergbaugebieten zu fördern. Wieso kommt diese Investition der Gemeinschaft immer noch nicht zugute?

Laut Tom Burgis sagten die Lonmin-Bosse bei der Entgegennahme der Gelder gegenüber dem Vorstand der Weltbank: „Wenn die Partnerschaft erfolgreich ist, wird sie einen neuen Standard für die Beziehungen der Bergbauindustrie mit dem Land und der Gemeinschaft in Südafrika setzen und eine nachhaltige und für beide Seiten vorteilhafte Partnerschaft mit der Gemeinschaft im Umfeld der Betriebe aufbauen." Was ist daraus geworden? Der IFC hatte die Kredite nicht für die Zerstörung einer Gemeinschaft und die Ermordung der Bergleute gewährt, sondern für eine Entwicklung, die den Gemeinden um die Minen zugutekommen sollte.

Wenn man an die historische koloniale Ausbeutung der afrikanischen Ressourcen denkt, kommt man nicht umhin, Lonmin und heute Sibanye-Stillwater als Fortsetzung der britischen Agenda zum Raub der afrikanischen Bodenschätze zu sehen. Wäre Lonmin verantwortungsvoller gewesen, hätte es das Massaker nicht gegeben. Zur Erinnerung: Der Grund für den Streik der Bergleute waren die entsetzlichen Arbeits- und Lebensbedingungen sowie die Jugendarbeitslosigkeit vor Ort. Nach wie vor haben junge Menschen in Marikana keine Jobs und die Löhne der Wanderarbeiter:innen reichen bei weitem nicht für ein menschenwürdiges Leben.

Das Szenario, das zum Massaker führte, erinnert uns daran, dass Investitionen im Bergbau in Afrika nicht selten dazu führen, die Lebensgrundlagen wie Böden und Wasser, die die Menschen im Land selbst zum Leben und Überleben brauchen, zu zerstören, um die Bodenschätze auszubeuten und zu stehlen. In der Vergangenheit hat etwa in Südafrika die Regierung dazu beigetragen, die kapitalistischen Unterdrücker zu schützen, die einheimische Bevölkerung zu erniedrigen und auszubeuten und ihre gottgegebenen natürlichen Bodenschätze zu plündern. Dieselbe Politik hat ermöglicht, 24 Jahre nach Einführung der Demokratie 34 friedlich streikende Bergleute zu erschießen. Jetzt, wo in einigen europäischen Ländern wie Deutschland, Belgien und Frankreich über die Rückgabe der während der Kolonialzeit in Afrika geplünderten Werke diskutiert wird, ist es auch an der Zeit, die Entschädigung und Wiedergutmachung für die Plünderung all unserer Mineralien wie Gold, Diamanten und alle weiteren Metalle zu fordern.

Ich hielte es für eine gute Geste, wenn Lonmin, Sibanye-Stillwater und alle, die in der Tradition dieser Firmen stehen, auch für die während der Kolonialherrschaft in Südafrika gestohlenen Platinmetalle und das in der Bank of England lagernde Gold im Wert von schätzungsweise 75 Mrd. Rand Reparationen zahlen würden. Dies gilt für alle Unternehmen und ehemalige Kolonialstaaten, die heute noch vom kolonialen Erbe profitieren. Die Plünderung der Ressourcen der Kolonisierten ist Bestandteil einer Geschichte, die sich leider fortsetzt. Die Geschichten von Menschen, die sich gezwungen sahen, aus Perspektivlosigkeit ihre Heimat zu verlassen, sich dem brutalen System der Wanderarbeit zu unterwerfen, nur um wie 2012 in den Minen von Lonmin getötet zu werden, sind ohne diesen historischen Kontext nicht zu verstehen.

Es ist Zeit, Verantwortung zu übernehmen und die Reparationsfrage nicht länger zu verschieben. Sich dieser Frage zu verweigern, kommt einer Beteiligung an einer Katastrophe gleich, die sich zu wiederholen droht.
Plough back the fruits!

Johannes T. Seoka: Marikana – eine offene Wunde. Der Kampf für gerechte Löhne und Entschädigung nach dem Massaker von 2012. Heidelberg, Juni 2022, 152 S., ISBN 978-3-9824647-0-1