Heft 4/2022, Südliches Afrika

Wer profitiert vom Russland-Embargo?

Die EU hat wegen des Ukraine-Krieges am 31. Mai ein Ölembargo gegen Russland verhängt, um die Gaseinfuhren von dort zu reduzieren. Theoretisch sollte dies den Exporteuren im südlichen Afrika Chancen bieten – aber nur bis zu einem gewissen Grad.

Von François Misser.

Seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine versucht die EU, ihre Energieversorgung zu diversifizieren. Doch sie hat noch einen langen Weg vor sich. Im ersten Quartal 2021 erreichte der Anteil Russlands am EU-Gasmarkt 46,8 Prozent und lag damit weit vor Norwegen (20,5 Prozent) und Algerien (11,6 Prozent). Gazprom hält die Preise auf einem historischen Höchststand. Das Unternehmen konterte die EU-Sanktionen mit einer Kürzung der Exporte nach Polen und Bulgarien. Das Paradoxe daran ist, dass Russland im ersten Quartal 2022 weniger Gas an die EU verkauft, aber mehr Geld aus seinen Verkäufen eingenommen hat.

Im Rahmen ihrer Diversifizierungsstrategie wird die EU 2022 15 Mrd. Kubikmeter (m³) Flüssiggas (LNG) aus den USA importieren und will diese Importe bis 2030 um 50 Mrd. m³ erhöhen. Die US-Lieferungen allein können das Problem jedoch nicht lösen, da die EU-Importe aus Russland dreimal so hoch sind (155 Mrd. m³). Die EU verhandelt daher auch mit anderen gasproduzierenden Ländern über eine Ausweitung der LNG-Lieferungen. Auf der Liste der alternativen Partner steht auch Afrika. Dem BP Statistical Review of World Energy zufolge besaß Afrika im Jahr 2020 mit 11,9 Billionen m³ nur ein Drittel der russischen Gasreserven (33,2 Billionen), die 24 Prozent der weltweiten Gesamtreserven ausmachen. In diesem Jahr erreichte die afrikanische Produktion 231,3 Mrd. m³, etwa ein Drittel der russischen Produktion.

Italien war bei den Diversifizierungsbemühungen am aktivsten. Im April 2022 kündigte Außenminister Luigi Di Maio ein Abkommen zwischen der nationalen Öl- und Gasgesellschaft ENI und Kongo-Brazzaville an, das die Inbetriebnahme eines neuen LNG-Projekts mit einer Jahreskapazität von 4,5 Mrd. m³ im Jahr 2023 ermöglichen soll. Im selben Monat unterzeichnete ENI eine weitere Vereinbarung mit Angola über die Einfuhr von zusätzlichen 1,5 Mrd. m³/Jahr, um die Abhängigkeit Italiens von Russland zu verringern. Angola und Kongo-Brazzaville können jedoch nur einen geringen Beitrag zur Versorgung des europäischen Marktes leisten, da sie zusammen nur 0,19 Prozent der weltweiten Reserven ausmachen.

Gas aus Mosambik nicht vor 2026

Mit geschätzten Reserven von 2,8 Billionen m³, die im Tiefseebecken von Rovuma vor der Nordküste des Landes entdeckt wurden, könnte Mosambik zu einem bedeutenden Exporteur von Flüssigerdgas und zu einem viel wichtigeren Versorger werden. Das Land verfügt über ein Viertel der afrikanischen Reserven, nach Nigeria und Algerien die drittgrößten bisher auf dem Kontinent nachgewiesenen. Theoretisch sollte der Krieg in der Ukraine die Realisierung neuer LNG-Anlagen in Mosambik und im benachbarten Tansania beschleunigen.

TotalEnergies, der Betreiber von Areal 1 des Rovuma-Beckens, plant den Bau von zwei Verflüssigungsanlagen in der nördlichen Provinz Cabo Delgado mit einer Kapazität von jeweils 6,45 Mio. Tonnen (ca. 3,1 Mrd. m³) pro Jahr und der Möglichkeit, zwei weitere mit einer Gesamtkapazität von 25 Mio. Tonnen (12 Mrd. m³) pro Jahr hinzuzufügen. Das französische Unternehmen ist mit 26,5 Prozent an dem Projekt beteiligt, zusammen mit dem japanischen Konzern Mitsui (20 Prozent), dem mosambikanischen Staatsbetrieb Empresa Nacional de Hidrocarbonetos (15 Prozent), den drei indischen Firmen ONGC Videsh, Bharat PetroResources und Beas Rovuma Energy (jeweils 10 Prozent) und dem thailändischen Unternehmen PTTEP (8,5 Prozent). Areal 4 wird von einem Joint Venture betrieben, an dem ENI, ExxonMobil und Chinas CNPC (China National Petroleum Corporation) zu 70 Prozent beteiligt sind, mit Kogas (Korea), ENH und Galp (Portugal) als Minderheitsaktionären.

Doch der Aufstand von Dschihadisten der Ansar-Al-Sunna, die sich zum Islamischen Staat bekennen, behindert seit 2017 den Fortschritt dieser 50-Mrd.-Dollar-Projekte. Nach einer Offensive der Aufständischen auf Palma und Mocímboa da Praia im April 2021 kündigte TotalEnergies den Rückzug des gesamten Personals an, indem es sich auf höhere Gewalt berief (vgl. den Beitrag „Das Chaos ist Total" in afrika süd Nr. 3, 2022).

Ein Jahr später hoffte der französische Großkonzern, die Arbeiten an seinem LNG-Projekt bis Anfang 2023 wieder aufnehmen zu können. Doch neue Anschläge seit dem 25. Mai 2022 haben diese Hoffnungen zunichte gemacht. Trotz der Entsendung von über 4.000 Soldat:innen durch die SADC-Mission in Mosambik und aus Ruanda gehen die Angriffe weiter. Die UNO schätzt, dass seit Beginn des Aufstands 4.000 Zivilisten getötet und 820.000 Menschen vertrieben wurden. Unter diesen Bedingungen ist es unwahrscheinlich, dass die ersten LNG-Tanker vor 2027 Gas an die Regasifizierungs-Terminals in der EU liefern können, heißt es aus Marktkreisen.

Unterdessen arbeitet Tansania, das mit geschätzten 1,6 Billionen Kubikmetern über die sechstgrößten Gasreserven Afrikas verfügt, mit Shell und Equinor an der Entwicklung des riesigen Lindi LNG-Projekts. Nach Angaben der Agentur Bloomberg erwartet Tansania, dass die Investitionen in dieses Projekt um 10 Mrd. US-Dollar steigen werden. Präsidentin Samia Suluhu Hassan hat jüngst die Gespräche mit den beiden Unternehmen über den lange aufgeschobenen Bau eines LNG-Terminals nach sechs Jahren Stillstand wieder aufgenommen. Nach Angaben von Bloomberg dürfte die Verschiffung bis 2030 auf sich warten lassen.

Die Suche nach alternativen Lieferquellen für Europa steht auch vor dem Problem fehlender LNG-Terminals in Deutschland. Im Februar 2022 gab die Bundesregierung ihre Entscheidung bekannt, den Bau von schwimmenden Terminals in Brunsbüttel (8 Mrd. m³) nahe Hamburg, in Wilhelmshaven (10 Mrd. m³) und in Stade (12 Mrd. m³) voranzutreiben. Die Fertigstellung dieser Projekte könnte jedoch mindestens drei Jahre dauern. Umberto Triulzi, Professor für politische Ökonomie an der Universität Rom, Sapienza, warnt, dass Italien sich auch auf den Bau von Regasifizierungs-Anlagen vorbereiten muss, um LNG-Importe aufzunehmen.

Afrika kann Öl-Embargo kaum kompensieren

Auch die Abhängigkeit der EU von russischem Rohöl ist mit insgesamt 29 Prozent im Jahr 2020 laut Eurostat hoch und liegt damit weit vor den Bezügen aus den USA (9 Prozent), Norwegen (8 Prozent), Saudi-Arabien und dem Vereinigten Königreich (je 8 Prozent) sowie Kasachstan und Nigeria (je 6 Prozent). Aufgrund der größeren Flexibilität des Transports von Erdöl und dessen Erzeugnissen argumentierte die Europäische Kommission jedoch, sie könne ihre Einfuhrquellen leichter diversifizieren.

Am 31. Mai einigte sich der Europäische Rat auf ein teilweises Verbot der Einfuhr von russischem Öl. Dieses betrifft den Import von Rohöl nach sechs Monaten und von Erdölerzeugnissen nach acht Monaten. Somit greift das Verbot erst 2023. Das Embargo enthält aber Ausnahmen: Während die meisten auf dem Seeweg beförderten russischen Rohöle und Erdölerzeugnisse betroffen sind, gilt dies nicht für die Einfuhren über die Druschba-Pipeline, die durch Ungarn, die Slowakei und Tschechien verläuft.

Die EU wird sich auf das Embargo einstellen müssen. Raffinerien, die mit einer bestimmten Rohölsorte betrieben werden, z. B. mit der russischen Ausfuhrsorte Urals, müssen umgerüstet werden, damit sie auch andere Rohölsorten, einschließlich afrikanischer, verarbeiten können. Zudem können die afrikanischen Produzenten Russland als Lieferanten nur bis zu einem gewissen Grad ersetzen können, da ihre Gesamtproduktion im Jahr 2020 nur 6,8 Mio. Barrel beträgt und damit weit hinter Russland (10,6 Mio. Barrel) zurückbleibt.

Darüber hinaus haben die afrikanischen Hersteller selbst Probleme, ihre Produktion zu steigern. Dies gilt für Nigeria, den größten Ölproduzenten Afrikas, und auch für Angola, wo Unterinvestitionen in der letzten Dekade 2021 zu einem Rückgang der Produktion von fast 2 Mio. Barrel auf 1,14 Mio. pro Tag geführt haben. Angolas Nationale Agentur für Erdöl und Biokraftstoffe (ANPG) prognostiziert, dass die Produktion bis 2028 auf 500.000 Barrel pro Tag sinken wird, wenn keine neuen Funde gemacht werden.

Die Offshore-Produktion Angolas ist besonders stark betroffen, da viel weniger Kapazitäten als erwartet in Betrieb genommen wurden. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass die meisten verbleibenden aussichtsreichen Flächen in sehr tiefen Gewässern liegen, was mit immensen Explorationskosten verbunden ist. TotalEnergies erprobt aktuell eine der tiefsten Bohrungen der Welt in mehr als 3.200 Meter Tiefe. Der Ölkonzern sicherte sich zwei weitere Blöcke, während ANPG zustimmte, drei bereits von ExxonMobil betriebene Tiefseeblöcke zu erweitern, um dem US-Konzern Explorationsarbeiten im weitgehend unerforschten Namibe-Becken zu ermöglichen.

Afrikas Nationalparks unter Druck

Angola war im März für 300.000 Barrel pro Tag des OPEC-Förderdefizits verantwortlich. Die angolanische Regierung will den Trend umkehren, allerdings auf eine Weise, die in Naturschutz- und Umweltkreisen die Alarmglocken läuten lassen. In der Tat hat Angola einen Gesetzesentwurf ausgearbeitet, der für 2021 Öl-, Gas- und Bergbauaktivitäten in 14 nationalen Schutzgebieten, darunter dem Luengue-Luiana-Nationalpark, erlauben soll.
Angola ist damit kein Einzelfall. Das benachbarte Namibia versucht sich als künftiger Ölproduzent zu etablieren. Im März 2022 meldete TotalEnergies einen „bedeutenden Fund" von Leichtöl in Kombination mit Erdgas im Offshore-Orange-Becken. In der Zwischenzeit bohrt das kanadische Unternehmen Reconnaissance Energy Africa im Onshore-Kavango-Becken im Nordosten Namibias, wo es eine Fördergenehmigung für 25.000 km² erhalten hat, und im Nordosten Botsuanas, wo es eine Genehmigung für weitere 9.000 km² besitzt. Das Unternehmen schätzt, dass sich die Reserven auf 120 Mrd. Barrel Öl belaufen könnten, was fast dem Äquivalent der nachgewiesenen Reserven in Afrika Ende 2020 (126,1 Mrd. Barrel) entspricht, aber Expert:innen halten diese Schätzung für sehr fragwürdig.

Greenpeace hält das Projekt im Okavango-Becken in Bezug auf die Bekämpfung des Klimawandels für völlig unvereinbar. Die Organisation verweist auf den wachsenden Widerstand der örtlichen Gemeinschaften, da es ein ökologisch sensibles Gebiet betrifft, in dem Afrikas größte verbliebene Population von Savannenelefanten und viele andere bedrohte Arten leben. Laut Greenpeace könnte die Ölförderung zudem auch eine Bedrohung für die 200.000 Menschen darstellen, die in dem Gebiet leben, insbesondere für die indigenen San und Kavango. Die lokalen Gemeinschaften beklagen, dass sie nicht angemessen konsultiert wurden. Darüber hinaus, so betont Greenpeace, sieht sich ReconAfrica mit Beschwerden konfrontiert, da das Unternehmen die Exploration auf privatem Land ohne Genehmigung begonnen hat. (vgl. afrika süd 2 und 5, 2021)

Außerdem könnte der Einsatz der umstrittenen Fracking-Technologie durch ReconAfrica zu irreversiblen Schäden im Okavango-Delta führen. Für die Ölbohrungen werden nämlich große Mengen Wasser benötigt, und es bestehen große Bedenken hinsichtlich der durch Fracking verursachten Verschmutzungsrisiken für die Feuchtgebiete und die saisonal überfluteten Ebenen des Deltas, die die wichtigste Wasserquelle der Region sind. Die namibische Umweltschutzorganisation Fridays for Future Windhoek hat auf der Grundlage der von ReconAfrica erstellten Prognosen errechnet, dass das Projekt bis zu 51,6 Gigatonnen CO2 freisetzen könnte, was einem Sechstel des verbleibenden Kohlenstoffbudgets der Welt entspricht und somit einer „Kohlenstoffbombe" gleichkommt.

Eine umfangreiche Ölerschließung mit dem dazugehörigen Netz von Straßen, Bohrinseln und Pipelines würde auch die reiche Tierwelt gefährden, da die Lizenz innerhalb des grenzüberschreitenden Kavango-Zambezi-Schutzgebiets liegt, das sich über 520.000 Quadratkilometer in Angola, Botsuana, Namibia, Sambia und Simbabwe erstreckt. Da das Delta zum Weltnaturerbe gehört, äußerte die Unesco im August 2021 ihre Besorgnis und forderte Botsuana und Namibia auf, „sicherzustellen, dass mögliche weitere Schritte zur Entwicklung des Ölprojekts ... einer strengen und kritischen Vorabprüfung unterzogen werden". Charis Poethig hingegen, Sprecherin der Kreditanstalt für Wiederaufbau, die Naturschutzprogramme in dem Gebiet finanziert, behauptete, es sei überhaupt nicht sicher, dass in dem Gebiet Öl oder Gas gefunden werden könne.

Ostafrikanisches Pipelineprojekt: Macron predigt Wasser und trinkt Wein

Ein weiteres Land, in dem der durch den Krieg in der Ukraine beschleunigte Ölrausch zu weiteren Aggressionen gegen die Umwelt und die Tierwelt führen könnte, ist Uganda, das sich zum Ziel gesetzt hat, bis 2025 mit einer Fördermenge von 230.000 Barrel pro Tag zu den fünf größten Ölproduzenten in Subsahara-Afrika zu gehören. Nach Angaben des Beratungsunternehmens GlobalData hofft man, im Gebiet des Albertsees 1,5 Mrd. Barrel Öl zu fördern. Die Tilenga- und Kingfisher-Felder dürften bis zu 8 Mrd. US-Dollar an Steuereinnahmen generieren.

Diese Entwicklungen führen zu einem Aufschrei bei Naturschutz-, Menschenrechts- und Umwelt-NGOs. Trotz der Erklärungen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron über die Notwendigkeit, die Nutzung fossiler Brennstoffe zu beenden, plant TotalEnergies, dessen Hauptaktionär der französische Staat ist, Bohrungen im Murchinson-Nationalpark in Uganda. Dieses umstrittene Projekt hat selbst diplomatische Unterstützung Frankreichs erhalten. In einem Schreiben an den ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni aus dem Jahr 2021 bezeichnete Macron die ostafrikanische Erdölpipeline, die die Produktion aus dem ugandischen Ölfeld in den Indischen Ozean leiten soll, als eine „große Chance" für beide Länder.

Total plant, mehr als 400 Bohrungen auf den Tilenga-Feldern in einem Gebiet durchzuführen, das Lebensraum für verschiedene Vogelarten, Giraffen, Elefanten, Schuppentiere, Tüpfelhyänen, Löwen, Schimpansen, Büffel, Flusspferde, Kuhantilopen, Wasserböcke und Warzenschweine bietet. Umweltschützer:innen warnen, dass Total bei Umsetzung der Pläne schätzungsweise 230.000 Tonnen gefährlicher Abfälle, die mit Schwermetallen und anderen giftigen Stoffen belastet sind, hinterlassen würde.

Außerdem müssen sich die Projektentwickler Vorwürfen von Menschenrechtsverletzungen gefallen lassen. Total Uganda und dem von ihm beauftragten Subunternehmer wird vorgeworfen, Landwirte unter Druck oder Einschüchterung zur Unterzeichnung von Entschädigungsvereinbarungen gezwungen und ihnen vor Erhalt der Entschädigung den Zugang zu ihrem Land verwehrt zu haben. Ihre Berichte wurden von UN-Sonderberichterstattern weitergegeben.

Sechs NGOs, Survie, Friends of the Earth France, die in Kampala ansässige Civil Response on Environment and Development, das African Institute for Energy Governance, NAPE/Friends of the Earth Uganda und Navigators of Development Association, werfen TotalEnergies vor, es versäumt zu haben, die Auswirkungen seiner Tätigkeiten in Tilenga auf Mensch und Umwelt zu berücksichtigen, wie es das französische Recht vorschreibt. Die Vorwürfe umfassen die potenzielle Vertreibung von zehntausenden von Menschen in Uganda und die massiven Umweltrisiken, die von einem Netz von Pipelines ausgehen, die unter dem Nil verlaufen.

Umweltschützer:innen gehen davon aus, dass die Verbrennung des Öls, das in den ugandischen Feldern gefördert werden soll, das Äquivalent von 34 Mio. Tonnen Kohlendioxid pro Jahr in die Atmosphäre freisetzen könnte. Einige Wirtschaftskreise sind sich bewusst, dass die Finanzierung des Projekts ihrem Ruf schaden könnte. Über die Hälfte der Banken, die in der Vergangenheit Total finanziert haben, haben sich geweigert, das Projekt zu unterstützen. Das verdeutlicht die Schwierigkeiten der Ölgesellschaften, die behaupten, sich um die Klimakrise zu kümmern, während sie weiterhin fossile Brennstoffe fördern.

Die Mobilisierung von Geldern hat sich zu einem erbitterten Kampf entwickelt, bei dem die Aktivist:innen Lobbyarbeit bei den Banken leisten, um die Finanzierung zu unterbinden. Barclays und die Credit Suisse haben sich öffentlich von dem Projekt distanziert. Die niederländische Vermögensverwaltungsgesellschaft Actiam hat kürzlich TotalEnergies und andere Ölunternehmen aus ihrem Portfolio ausgeschlossen. Die britische Regierung kündigte Ende März 2021 an, dass Großbritannien die Subventionen für fossile Brennstoffe im Ausland einstellen werde.

DR Kongo: geplante Ölblöcke bedrohen Kohlenstoffsenken

Eine der schlimmsten Folgen der Unfähigkeit der EU, ihre Wirtschaft zu dekarbonisieren und Importe aus Russland zu stoppen, könnte der Ruf nach einer Ölförderung im für das Weltklima strategisch wichtigen Regenwald des Kongobeckens sein. Die Regierung der DR Kongo hat nämlich angekündigt, dass sie Ende Juli 2022 16 Ölexplorationsblöcke im atlantischen Onshore-Becken, in der Cuvette Centrale (Region mit Wäldern und Feuchtgebieten; d. Red.) und im westlichen Teil des Grabenbruchs versteigern wird.

Nach Angaben des Kohlenwasserstoffministeriums in Kinshasa überschneidet sich keiner der 16 Ölblöcke mit Schutzgebieten. Die Regierung von Präsident Félix Tshisekedi hat zwar im vergangenen Jahr mehrere Blöcke in der Cuvette Centrale gestrichen und damit den Bedenken der Unesco Rechnung getragen. Diese bezogen sich auf im März 2018 bekannt gewordene Pläne der Vorgängerregierung unter Joseph Kabila, Gebiete in den Nationalparks Virunga und Salonga freizugeben, die sich mit Ölkonzessionen überschnitten.

Die Vergabe dieser 16 Blöcke birgt jedoch die Gefahr, dass einige der wichtigsten Kohlenstoffsenken der Welt zerstört werden. Die Cuvette umfasst 145.000 Quadratkilometer Torfgebiete, in denen schätzungsweise 30 Mrd. Tonnen CO2 gespeichert sind, sowohl in der DR Kongo als auch in der Republik Kongo. Würden die Torfgebiete der Cuvette entwässert, so entstünden insgesamt so viele Kohlenstoffemissionen, wie in drei Jahren weltweit durch fossile Brennstoffe freigesetzt werden, behaupten Wissenschaftler:innen der Leeds-Universität.

Doch die Regierung der DR Kongo will das Projekt unbedingt fortsetzen. Im Mai 2022 kündigte sie an, dass sie mit den Regierungen von Tansania und Sambia Absichtserklärungen unterzeichnen bzw. erneuern würde, um Explorationen im Tanganjikasee, dem größten Süßwassersee Afrikas, und im Mwerusee zu ermöglichen.

Die Kohlenstoffsenken des zentralafrikanischen Regenwaldes sind auch durch eine am 31. Dezember 2019 verkündete Vereinbarung zwischen Kongo-Brazzaville, der halbstaatlichen Société nationale des pétroles du Congo (SNPC) und TotalEnergies bedroht. Sie sieht eine Produktionsaufteilung in der Mokelembembe-Lizenz vor, die einen Teil der Torfgebiete des Landes abdeckt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die afrikanischen Erzeuger, auch die des südlichen Afrika, kaum eine Alternative zu den russischen Gas- und Öllieferungen in die EU bieten können. Der Druck des Marktes und der Industrie ist jedoch so groß, dass die Aggression gegen die Schutzgebiete des südlichen Afrika und die biologische Vielfalt auf fatale Weise zunimmt.

François Misser ist ein in Brüssel ansässiger Experte für Zentralafrika und Korrespondent für den BBC und verschiedene Zeitungen.