Heft 4/2024, Tansania

Die Schwammzüchterinnen von Sansibar

Schwämme sind für Meeresökosysteme von entscheidender Bedeutung und bieten Sansibars Frauen eine nachhaltige Einkommensquelle.
Von Kizito Makoye

Nasir Haji watet mit ihrer glänzenden Schwimmbrille über ihrem Kopftuch durch das knietiefe Wasser im Küstendorf Jambiani auf Sansibar. Ihr Kleid zieht dabei die sanften Wellenbewegungen nach. Während die Flut anschwillt, gleitet sie mühelos dahin und inspiziert ihre schwimmende Schwammfarm mit geschultem Auge. Sie hätte nie gedacht, dass sie mit 48 Jahren noch Schwammzüchterin werden würde, denn sie konnte nicht schwimmen. „Aber ich habe es gelernt und genieße es jetzt, ins Meer einzutauchen." So ist Haji, der ersten Schwammzüchterin Sansibars, eine sichtbare Freude ins Gesicht geschrieben, während sie gekonnt durch das Meer navigiert – ein Beleg für ihre unerwartete Reise in die Tiefen des Indischen Ozeans.

Der Klimawandel trifft die halbautonome Inselgruppe vor der Küste Tansanias hart. „Früher lebten wir ausschließlich vom Fischfang und der Meeresalgenzucht", erklärt sie. „Aber die Erwärmung des Meeres hat unsere Lebensgrundlage zerstört." Im letzten Jahrzehnt ist die Seetangproduktion, ein Hauptprodukt der sansibarischen Wirtschaft der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie, um 47 Prozent zurückgegangen, was auf den Klimawandel, Krankheiten und niedrige Marktpreise zurückzuführen ist. Zusammen mit zwölf anderen Frauen hat sich Haji an die Veränderung angepasst und ist in die Zucht klimaresistenter Naturschwämme eingestiegen. Sie werden zum Baden, Reinigen und für die Malerei benutzt.

Zu Hajis täglicher Routine gehört die sorgfältige Pflege ihrer Schwammfarm. „Wenn man die Seile nicht reinigt, setzen sich Bakterien fest und töten die Schwämme", erklärte sie, während sie die Seile schrubbt, an denen die Schwämme befestigt waren. „Die Schwämme wachsen gut, auch wenn das Wasser wärmer wird", erläutert sie und zeigt auf ein Bündel, das im Wasser treibt. Bei wechselnden Wetterbedingungen ernten, reinigen und verkaufen die Frauen die Schwämme an lokale Geschäfte und Tourist:innen. „Die Schwämme erzielen einen guten Marktpreis, vor allem bei den Tourist:innen. Wir schwimmen nicht nur zum Spaß. Wir tun das für unsere Familien, für unsere Zukunft", fügt sie hinzu. Ihren Kolleginnen zunickend taucht Haji gekonnt zurück ins Wasser und ihr Lachen vermischt sich mit dem Plätschern der Wellen.

Auch die 31-jährige Hindu Rajabu taucht mit Schnorchel und Taucherbrille zur Pflege ihrer schwimmende Farm. Ihre Hingabe an dieses Handwerk unterstreicht die Bedeutung der nachhaltigen und klimaresilienten Einkommensquellen in der Region. Denn die Schwammzucht dient auch als Lebensader für geschiedene Frauen und alleinerziehende Mütter.

Ökologische Bedeutung der Schwämme

Sansibar steht vor vielen ökologischen Herausforderungen: Der steigende Meeresspiegel, die Küstenerosion und das Eindringen von Salzwasser beeinträchtigen Häuser und landwirtschaftliche Flächen. Die Erwärmung der Ozeane bedroht marine Ökosysteme, einschließlich Korallenriffe, die für die Fischerei und die Nahrungsmittelsicherheit von entscheidender Bedeutung sind. Eine Studie der Global Climate Adaptation Partnership aus dem Jahr 2012 prognostiziert, dass die durchschnittliche monatliche Höchsttemperatur in Sansibar bis in die 2050er-Jahre um 1,5 bis 2 Grad Celsius steigen wird, was die Dringlichkeit einer Anpassung an diese Veränderungen unterstreicht. Extreme Wetterereignisse verschärfen diese Probleme noch weiter, indem sie Eigentum schädigen und Lebensgrundlagen zerstören.

Schwämme sind für Meeresökosysteme von entscheidender Bedeutung und verbessern die Gesundheit und Artenvielfalt von Korallenriffen, indem sie Wasser filtern und Lebensräume für Meeresarten bieten. Im Gegensatz zu traditionellen, von Fischerei und Tourismus abhängigen Lebensgrundlagen, diversifiziert die Schwammzucht die wirtschaftlichen Aktivitäten und verringert den Druck auf die natürlichen Ressourcen. Schwämme sind uralte Meerestiere, von denen es über 15.000 identifizierte Arten gibt und von denen man annimmt, dass sie zu den ersten Tieren auf der Erde gehören. Ihre Fähigkeit, wärmeren Temperaturen standzuhalten und Verunreinigungen aus dem Wasser zu filtern, macht sie ökologisch wertvoll.

„Schwämme filtern Wasser und entfernen Bakterien und organische Stoffe, was zur Verbesserung der Wasserklarheit und -qualität beiträgt", erläutert Olivia Benedicto, Meeresbiologin an der Universität von Daressalam, deren tiefgreifende Rolle zur Aufrechterhaltung mariner Ökosysteme. Eine in der Zeitschrift Microbiology and Molecular Biology Reviews veröffentlichte Studie zeigt, dass ein Kilogramm Schwamm täglich bis zu 24.000 Liter Meerwasser filtern und so die Meeresverschmutzung verringern kann.

Die Vorteile der Schwammzucht gehen über die bloße Wasserfilterung hinaus. Benedicto bemerkt: „Schwämme bieten Lebensraum und Nahrung für eine Vielzahl von Meeresorganismen, darunter Fische und wirbellose Tiere. Indem wir Schwammfarmen einrichten, schaffen wir im Wesentlichen neue Mikrohabitate, die die lokale Artenvielfalt verbessern. Dies wiederum unterstützt die Fischerei und andere Meereslebewesen, von denen die lokalen Gemeinschaften abhängen."

Schwämme spielen auch eine Rolle im Kampf gegen den Klimawandel, indem sie sich jährlich in rund 48 Millionen Tonnen Silizium auflösen und damit 20 Prozent der globalen biologischen Siliziumsenke ausmachen – ein Prozess, der dazu beiträgt, den Kohlenstoffkreislauf des Ozeans zu regulieren und den Treibhauseffekt abzuschwächen.

Neben ihren ökologischen Vorteilen sind Naturschwämme eine umweltfreundliche Alternative zu synthetischen Schwämmen, die zur Verschmutzung durch Mikroplastik beitragen.

Hoffnungsschimmer

Sansibar wird somit zunehmend zu einem Leuchtturm ökologischer Hoffnung, dank der aufkeimenden Schwammzuchtindustrie, die nicht nur eine nachhaltige Lebensgrundlage für die lokalen Gemeinden bietet, sondern auch eine Reihe von Vorteilen für die Umwelt mit sich bringt. Die Nachhaltigkeit der Schwammzucht steht im Einklang mit Naturschutzbemühungen. „Im Gegensatz zu vielen anderen Formen der Aquakultur hat die Schwammzucht einen minimalen ökologischen Fußabdruck", sagt Benedicto. „Sie erfordert weder Futter noch Chemikalien und die Schwämme selbst werden so geerntet, dass sie nachwachsen können, wodurch die Kontinuität der von ihnen erbrachten Ökosystemleistung sichergestellt wird."

Benedicto ist begeistert von dem Potenzial dieser Praxis, als Modell für andere Küstenregionen zu dienen, die von ökologischer Degradation betroffen sind. „Sansibar zeigt, dass es möglich ist, Meeresressourcen auf eine Weise zu kultivieren, die sowohl den Lebensunterhalt der Menschen als auch die Umweltgesundheit unterstützt. Dies könnte für andere Teile der Welt, die mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen haben, von transformativer Bedeutung sein."

Die Schweizer Non-Profit-Organisation marinecultures.org, die 2009 mit der Schwammzucht auf Sansibar begann, hat bei diesem Wandel eine entscheidende Rolle gespielt. Der Gründer Christian Vaterlaus wollte verarmten Algenfarmer:innen zu einem besseren Einkommen verhelfen und gleichzeitig die Meeresökosysteme schützen. „Wenn die Menschen erkennen, dass die Bewirtschaftung des Meeres nachhaltiger ist als die Überfischung", betont Vaterlaus, „wird das Meer als Freund gesehen, der ihnen den Lebensunterhalt sichert, und deshalb geschützt werden muss."

Seit 2009 hat die Organisation 13 Frauen in der Schwammzucht ausgebildet. „Die Ausbildung ist unerlässlich, um ihre Fähigkeiten zu verbessern und sich an die wechselnden Wetterbedingungen anzupassen", so Projektmanager Ali Mahmudi Ali. Das Programm bringt Frauen das Schwimmen, Tauchen, den Umgang mit Ausrüstung, die Pflege von Schwämmen, das Sortieren für den Verkauf, das Vermarkten und das Verwalten von Finanzen bei.

Geschlechterrollen im Wandel

Die Schwammzucht verändert die Geschlechterrollen in Jambiani, einer traditionell patriarchalischen Gemeinschaft. Die Zanzibar Sponge Farming Cooperative wird von Frauen geleitet. Sie überwacht die Produktionsaktivitäten und bietet finanzielle Stabilität, insbesondere für geschiedene Frauen und alleinerziehende Mütter. Untersuchungen der staatlichen Universität von Sansibar haben ergeben, dass über 90 Prozent der Algenfarmer:innen auf der Insel Frauen sind.„Diese Arbeit gibt Frauen mehr Unabhängigkeit", sagt Haji. „Frauen, die früher zu Hause blieben und darauf warteten, dass ihr Ehemann die Familie unterstützte, können jetzt ihr eigenes Einkommen verdienen."

Zulfa Abdalla, einst eine bescheidene Hutweberin, entdeckte in der Schwammzucht eine unerwartete Lebensader. „Es war wie ein wahrgewordener Traum", sagt sie. „Nach meiner ersten Ernte verdiente ich fast 640 Dollar", erinnert sich Abdalla. „Mit diesem Geld kaufte ich das Nötigste für mein Zuhause und konnte sogar das Haus meiner Mutter renovieren. Es war ein Segen, ein Geschenk des Meeres." Vom Hutweben bis zum Tauchen nach Schwämmen, habe sie gelernt, dass Mut zu unerwarteten Belohnungen führen kann. „Jetzt sehe ich das Meer nicht nur als Wasser, sondern als Versorger – als Freund, der mich und meine Familie ernährt."

Schwämme werden für 15 bis 30 Dollar pro Stück verkauft, wobei die Farmerinnen 70 Prozent des Erlöses erhalten und monatlich rund 100 Dollar verdienen. Der Rest unterstützt Verkäufer:innen und die Genossenschaft für Schwammzucht auf Sansibar. Die Ausweitung der Schwammzucht ist jedoch aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel für die Forschung und den Ausbau der Brutstätte eine Herausforderung. Trotzdem plant marinecultures.org, die Schwammzucht auf die Insel Pemba und das tansanische Festland auszuweiten.

Haji, die mit ihren Einnahmen aus der Schwammzucht Land für ein zukünftiges Haus kaufen konnte, bleibt optimistisch: „Ich möchte, dass meine Kinder diese Fähigkeiten erlernen und gutes Geld verdienen."

Kizito Makoye ist freier Journalist aus Daressalam.
Übersetzt aus dem Englischen.