Heft 4/2024, Namibia: Wasserstoff

Einwicklung oder Befreiung? Namibia und der grüne Wasserstoff

Ein Kommentar von Boniface Mabanza

Der russische Aggressionskrieg gegen seinen ukrainischen Nachbarn hat die Abhängigkeit Deutschlands vom russischen Gas und seine daraus resultierende Vulnerabilität deutlich gemacht. Deutschland und die EU reagieren auf den dadurch ausgelösten Schock mit der Diversifizierung der Energiequellen als Strategie. Namibia wurde neben nordafrikanischen Ländern, Südafrika und Kenia aufgrund seines Potenzials an Wind und Solarenergie als einer der wichtigsten Standorte in der Umsetzung dieser Diversifizierungsstrategie zur Gewährleistung der Energieversorgung identifiziert. Diese Länder rücken nun ins Blickfeld, weil die neue Strategie nicht nur auf die Diversifizierung der Standorte der Energieproduktion setzt, sondern die EU damit auch hofft, durch die Zusammenarbeit mit diesen Staaten der notwendigen Dekarbonisierung der Ökonomien der EU näherzukommen.

Bereits 2020 verabschiedete die EU-Kommission eine Wasserstoffstrategie, die einen Schwerpunkt auf den Import von „grünem", mit erneuerbaren Energien produziertem Wasserstoff legt. Mit Namibia wurde eine „Partnerschaft" vereinbart, die nicht nur auf die Produktion metallischer Rohstoffe, sondern auch auf den Import von grünem Wasserstoff abzielt. Die Regierung Namibias, die seit der Unabhängigkeit auf viele verpasste Chancen zurückblickt, sieht das neue Interesse an den Ressourcen des Landes als Chance, Arbeitsplätze zu schaffen und die Staatseinnahmen zu erhöhen, um das Land voranzubringen. Kritische Stimmen warnen, dass der Wettlauf um den grünen Wasserstoff auf koloniale Muster zurückgreift, die bisher Namibias strukturelle Transformation nicht gefördert haben. Und dies ist längst nicht das einzige Problem, mit dem sich das grüne Wasserstoffprojekt in Namibia konfrontiert sieht.

Hype um den grünen Wasserstoff und Risiken der Realisierbarkeit

Der Hype um Wasserstoff ist nicht neu. Genauer betrachtet befinden wir uns in seiner dritten Phase. Von allen in den zwei ersten Phasen angedachten Projekten haben sich die wenigsten materialisiert. Und nicht alle, die in der jetzigen Phase im Gespräch sind, werden sich materialisieren. Ob die realisierten Projekte den Segen bringen, den sich alle Protagonist:innen davon versprechen, bleibt auch eine offene Frage. Der grüne Wasserstoff ist eine aufwändige und kostspielige Technologie: Große Mengen an Wasser und Energie, Riesenflächen für Wind- und Solaranlagen werden benötigt, um den grünen Wasserstoff zu produzieren. In Regionen mit akutem Wassermangel wie dem südlichen Afrika soll das Wasser aus dem Meer kommen, was den Einsatz teurer und energieintensiver Entsalzungsanlagen notwendig macht. Je näher die Produktionsstandorte an der EU sind, desto höher sind die Chancen für die Realisierbarkeit der Projekte. Vom südlichen Afrika aus wäre der Transport nur per Schiff möglich. Die dafür benötigten Schiffe müssen noch entwickelt und erprobt werden. Die Anforderung, den Wasserstoff in Derivate wie Ammoniak umzuwandeln, die dann in Deutschland und anderen EU-Staaten zurückverwandelt werden müssen, bringt unweigerlich Verluste mit sich. Sollte sich trotz all dieser Unwägbarkeiten das Wasserstoffprojekt für deutsche und EU-Unternehmen lohnen und genug Kapital mobilisieren lassen, um die notwendigen Investitionen zu tätigen und auf diesem Weg die deutsche und die EU-Schwerindustrie zu retten, so ergäben sich für Länder wie Namibia noch eine Reihe weiterer Fragen.

Wofür braucht Namibia den grünen Wasserstoff?

Die entscheidende lautet: Was sollen Namibia und Afrika mit der Wasserstoffproduktion anfangen? Hat Afrika nicht andere Probleme, als Deutschlands Zement- und Schwerindustrie aus der selbstverschuldeten Klimafalle zu helfen? Alle in Deutschland, die sich zur Aufgabe gemacht haben, zu begründen, warum das Wasserstoffprojekt für Namibia gut ist, reden von einer Partnerschaft auf Augenhöhe. Gemeint ist wahrscheinlich, wie koloniale Ausbeutung unter Vermeidung der schlimmsten Umwelt- und Menschenrechtsverletzungen fortgesetzt werden kann. Wie soll es eine Partnerschaft auf Augenhöhe geben, wenn die meisten Länder des Kontinents das Produkt, anders als Gas und Öl, selbst nur bedingt gebrauchen können? Wo ist die afrikanische Stahl- oder Luftfahrtindustrie, deren Dekarbonisierung die Produktion von grünem Wasserstoff erforderlich macht? Abgesehen von der Verwendungsfrage bringt das grüne Wasserstoffprojekt für Namibia viele Risiken mit sich.

Verschuldungsfalle und Umweltrisiken

Der Investitionsbedarf für das grüne Wasserstoffprojekt in Namibia wird auf 10 Mrd. Euro geschätzt. Namibia verspricht sich viel von dem Projekt und will 24 Prozent der Investitionssumme durch neue Schulden oder Öleinnahmen finanzieren. Die Option neuer Schulden ist gefährlich, weil die Schuldenquote Namibias im Jahr 2023 geschätzt rund 67,24 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen hat. Hinzu kämen notwendige Investitionen in Leitungen für den Transport des grünen Wasserstoffs von Lüderitz ins Landesinnere.

Die zweite Gefahr betrifft die Umwelt. Die Entsalzung des Meerwassers produziert giftigen Müll, dessen Entsorgung noch geklärt werden muss. Das für die Produktion in der Nähe von Lüderitz vorgesehene Gelände ist ein Schutzgebiet mit seltenen Pflanzenarten, das auch als Lebensraum für viele Vogelarten dient. All diese Gründe, verbunden mit der Intransparenz des Projektes, haben Vertreter:innen namibischer zivilgesellschaftlicher Organisationen dazu bewegt, den Staatschef Namibias in einem offenen Brief aufzufordern, dieses Projekt zu stoppen.

Dezentrale erneuerbare Energien als Alternative

Für Namibia wie für viele andere afrikanische Länder gilt, dass Investitionen in dezentrale erneuerbare Energien zur Überwindung der Energiearmut besser geeignet sind als Mammutprojekte der Monopole, die mit Milliarden gefördert werden und von denen dann nur ein bisschen Strom an die lokale Bevölkerung abfällt. Auch die Produktion erneuerbarer Energien schafft Probleme, aber wenigstens kann sie für afrikanische Länder zur Überwindung der Energiearmut beitragen, und zwar dezentral und demokratisch.
Wer ein Ende der fossilen Energieerzeugung will, muss Afrika Ersatz in erneuerbaren Energien und nicht in Wasserstoff anbieten. Unter den jetzigen Bedingungen bringt grüner Wasserstoff den Ländern Afrikas nichts, außer Ausbeutung, wie bei Öl und Gas, und zwar für den Reichtum des Nordens. Die heraufbeschworenen Wirkungen auf Beschäftigung und Wirtschaftswachstum sind spekulativ. Bisherige Projekte im Zuge der Strukturanpassungsprogramme und zur Produktion erneuerbarer Energien liefern wichtige Erkenntnisse dazu. Diese Projekte sollten eingestellt werden. Öffentliches Geld sollte stattdessen in den dezentralen Ausbau erneuerbarer Energien fließen.

Für Namibia stellt das grüne Wasserstoffprojekt des Unternehmens Hyphen Hydro Energy unter deutscher Beteiligung eine Gelegenheit dar, sich grundlegend mit der eigenen Kolonialgeschichte und deren Nachwirkungen auseinanderzusetzen. Dies wird nicht gelingen, wenn Namibia sich auf ein solches Projekt einlässt, das aus den Interessen anderer Nationen heraus konzipiert wurde, ohne die Risiken für eine Stabilisierung der kolonialen Beziehungen zu bewerten. Ausländische Interessen und Konzepte werden die Probleme Namibias nicht lösen. Namibia braucht eigene Konzepte, um seine Ressourcen in die Lösung seiner Probleme zu kanalisieren. Außerdem ist für ein Land mit einer Schuldenquote von über 67 Prozent des BIP im Jahr 2023 eine Neuverschuldung für ein Wasserstoffprojekt ohne Erfolgsgarantie unverantwortlich.

Wichtig zu bedenken ist auch, dass die Swapo, die seit der Unabhängigkeit regierende Partei in Namibia, bis jetzt bei allen internationalen Verhandlungen nicht in der Lage war, die Interessen Namibias erfolgreich zu vertreten: Bei den Verhandlungen um die Unabhängigkeit machte sie viele faule Kompromisse, deren Auswirkungen am Beispiel der Landfrage heute noch überall zu beobachten sind. Gleiches gilt für das katastrophale Fischereiabkommen, die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen mit der EU, die selbst Swapo-Eliten als neokolonial bezeichnen, und das sogenannte Versöhnungsabkommen mit Deutschland, das viele Beobachter:innen nicht nur peinlich finden, sondern auch als Verrat an afrikanischen Bestrebungen im Umgang mit Kolonialitäten charakterisieren. Wird es mit dem Wasserstoff anders sein? Die Intransparenz, die die bisherigen Verhandlungen prägen, lässt nichts Gutes erahnen.

Boniface Mabanza Bambu ist für die Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika KASA tätig.