Anlässlich der Vorstellung des Buchs „Solidarität mit Zimbabwe – 40 Jahre Zimbabwe Netzwerk: Geschichte, Analysen, Perspektive" hatte das Zimbabwe-Netztwerk zum 15. Juni 2024 nach Frankfurt eingeladen, um auf die Solidaritätsarbeit zum südlichen Afrika in den 1980er- und 1990er-Jahren zurückzuschauen und einen Blick nach vorne zu wagen. Auf dem Podium diskutierten Petra Aschoff (Koordinierungskreis Mosambik), Lothar Berger (issa), Gisela Feurle (Zimbabwe Netzwerk), Simone Knapp (KASA) und als Herausgeber des Buches Henning Melber, die Moderation hatte Christoph Fleischer.
Einleitender Input von Henning Melber
Der aus Anlass des 40jährigen Jubiläums des Zimbabwe-Netzwerks entstandene Band, der uns heute zusammenbringt, ist keine Festschrift der üblichen Art. Es ist vielmehr der Versuch einer Bestandsaufnahme praktischer Solidarität mit Menschen einer Gesellschaft im Wandel. Genau besehen kann das Unterfangen sogar als ein weiterer solidarischer Akt verstanden werden: Er bietet Reflektionen nicht nur in der Rückschau auf eine Geschichte der Parteinahme für und Interaktion mit Jenen, die in einem Land auf einem anderen Kontinent gegen koloniale Fremdherrschaft, für Selbstbestimmung und ein menschenwürdiges Dasein gekämpft haben. Vielmehr verdeutlichen die Beiträge auch, dass dieser Kampf um Teilhabe, Anerkennung und Gerechtigkeit mit der nationalen Souveränität einen neuen Bezugspunkt, aber kein Ende gefunden hat. Wenn ernst gemeint, muss Solidarität sich mit den Transformationen wandeln, aber sie sollte kein Ende finden. Die fortgesetzte Existenz des Zimbabwe-Netzwerks ist so auch ein Ausdruck dessen, dass deren Aktive dies verstanden haben. In diesem Sinne ist es also doch auch ein Grund zum Feiern. Aber diese Feier dient der weiteren Selbstbesinnung, dem Austausch und dem Versuch, Solidarität im gegenwärtigen Kontext und Zusammenhang der fortgesetzten asymmetrischen Macht- und Gewaltverhältnisse nicht nur in einzelnen Ländern, sondern im globalen Rahmen zu definieren. Das Südliche Afrika ist dabei nur Teil eines weitaus umfassenderen Puzzles.
Hier deshalb in dieser kurzen Einleitung keine Wiedergabe der Inhalte dieses Buches, das hoffentlich die meisten der Anwesenden ohnehin schon durchforstet haben, sondern ein Versuch, den Rahmen für das folgende Gespräch provisorisch und keinesfalls verbindlich abzustecken.
Solidarität ist eine Positionierung gegenüber Werten, Interessen und Handelnden. Je nach Verortung dieser nimmt auch Solidarität sehr unterschiedliche Formen und Parteinahmen an. So wie es Solidarität mit Befreiungsbewegungen im Südlichen Afrika gab, hat es auch Solidarität und Unterstützung für die dortigen weißen Minderheitsregime gegeben. Solidarität ist deshalb weder per se gut noch schlecht, sie äußert sich als Form von Parteinahme höchst verschieden. Wir verfolgen dies derzeit mit Blick auf Israel und Palästina in einer selten zuvor so unversöhnlich konfrontativen Auseinandersetzung, der ein Blick für die menschlichen Opfer auf beiden Seiten abhanden zu kommen droht. Auf der Strecke bleibt eine Menschlichkeit, die eigentlich als Substanz von Solidarität reklamiert werden sollte.
Ernst genommen, ist Solidarität nicht nur eine werteorientierte Haltung, sondern auch eine Verbindlichkeit, die praxis- und handlungsorientiert sein muss. Wohlfeile Lippenbekenntnisse allein, die nur verbal Stellung beziehen, mögen zwar je nach Situation durchaus mutig sein, bleiben aber meist gänzlich folgenlos für diejenigen, in deren Namen sie reklamiert wird. Nehmen wir Solidarität ernst, muss sie zu solidarischem Handeln führen, das von selbstkritischer Prüfung begleitet und geleitet wird. Wo stehen wir, mit wem und was halten wir es, und warum? Und welche Konsequenzen muss dies für uns selbst haben, um auch in der Interaktion als solidarisches Handeln erkennbar zu sein? Praktizieren wir die Wertebekundung in unserem eigenen Alltag, verändern wir eigene Formen verinnerlichter Wahrnehmungen und ergründen deren Ursachen?
Viele der Beiträge in diesem Band illustrieren anhand konkreter Beispiele die Vielschichtigkeit solidarischen Handelns und die Herausforderungen, die sich mit der Erkenntnis verbinden, dass aus einstigen Befreiern Unterdrücker werden können. Dass die Bestimmung von Solidarität sich auch mit dem Wandel gesellschaftlicher Machtverhältnisse wandelt. Dass Solidarität von Empathie mit den „Verdammten dieser Erde" geleitet sein sollte, aber auch von Analyse bestehender Verhältnisse und deren Folgen. Simbabwe ist diesbezüglich ein sehr gutes Beispiel von Solidarität im Wandel. Der Band illustriert, dass Solidarität kein unbewegliches Fixum ist, sondern mit der Aufgabe konfrontiert ist, sich stets neu zu besinnen und zu definieren. Wer einst Gelder für die Umrüstung von Unimogs für der bewaffneten Kampf sammelte, mag heute die Appelle zu einem friedlichen, demokratischen Miteinander unterstützen und repressive Gewalt zum Machterhalt ablehnen. Wer einst die Menschenrechtsverletzungen des siedlerkolonialen Regimes anprangerte, muss heute die Menschenrechtsverletzungen des nachkolonialen Regimes verurteilen.
Nochmals gilt hier: Solidarität ist wertegebunden. Sie definiert sich nicht über Organisationen. Sie schließt Teilhabe als solidarischen Akt ein. Nach über vier Jahrzehnten hat sich Solidarität im Verständnis und der Praxis des Zimbabwe-Netzwerks geändert. Auch das dokumentiert dieser Band. Deshalb ist das heutige Beisammensein als Austausch zu verstehen, wie Solidarität in unserer Gegenwart verstanden und praktiziert werden muss. Es ist eine Suche nach einem werteorientieren Standort, der eine allgemeine Anwendung und Umsetzung finden muss. Denn Solidarität mit anderen ist auch zu verstehen als Solidarität mit unserer eigenen Weltanschauung und derer konsequenten, handlungsleitenden Umsetzung.
Daran erinnerte schon Amilcar Cabral, damals Führer der PAIGC, der noch vor der Unabhängigkeit von Guinea-Bissau und den Kapverden ermordet wurde. In den frühen 1960er-Jahren bei einer Veranstaltung im Frantz-Fanon-Zentrum in Mailand nach den besten Formen von Solidarität mit dem antikolonialen Befreiungskampf befragt, erwiderte er, dies sei, den Kampf im eigenen Land zu führen. Eine 60 Jahre später noch immer notwendige Erinnerung daran, dass ein „solidarischer Mensch" sich nicht nur über die Parteinahme anderswo definiert, sondern dessen individuelles Verhalten und Engagement im Alltag das eigentliche Kriterium ist.
Wir können nicht mit allem menschlichen Leid und dem Kampf für menschenwürdige Verhältnisse, gegen Machtmissbrauch, Unterdrückung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit immer und überall handelnd aktiv werden. Schauplätze solchen Unrechts gibt es zu viele. Aber wir sollten sie alle zumindest beachten und mit Aufmerksamkeit würdigen. Solidarität darf nicht auf einen isolierten Fall beschränkt bleiben, auch wenn ein solcher das praktische Handeln motiviert. Solidarität muss eine grundsätzliche Einstellung sein, die überall gleichermaßen gilt. Das ist kein leichter Weg, aber er ist mindestens ebenso geleitet von Eigennutz wie von Unterstützung anderer in sozialen Kämpfen oder Not. Solidarität ist nicht philanthropisch. Sie macht uns zum Teil eines globalen Kampfes, in dem wir Partei ergreifen – auch für uns, unsere Wünsche, unsere Hoffnungen, unser Selbstwertgefühl.
Diejenigen im Zimbabwe-Netzwerk und in anderen Initiativen zum Südlichen Afrika, die aus heutiger Perspektive auf ihre Geschichte zurückblicken, um daraus für die Gegenwart und Zukunft zu lernen, tun dies nicht selbstlos. Sie tun es auch ganz legitim für sich selbst. Dies enthebt uns nicht der Aufgabe, darüber nachzudenken, wie sich Solidarität aufgrund der Erfahrungen und Einsichten für die Gegenwart definiert, wenn es um das Südliche Afrika geht. Das ist der Hauptgrund dieser Zusammenkunft. Damit wird gezeigt, dass Solidarität eine Herausforderung bleibt. – Vielleicht ist das ein Grund zum Feiern? Immerhin gilt noch immer: Wer sich nicht wehrt lebt verkehrt...

