Heft 4/2024, Angola: Wasserstoff

Wasserstoffträume

Um ihrem Ziel der Klimaneutralität näher zu kommen, will die EU im Jahr 2030 zehn Mio. Tonnen Wasserstoff importieren. Angola könnte das erste Land sein, aus dem Deutschland den begehrten Energieträger bezieht.
Von Lothar Berger

Angola bemüht sich seit einiger Zeit, seine Wirtschaft von der hochgradigen Abhängigkeit vom Ölsektor zu entlasten. Erdöl hat immer noch einen Anteil von rund 90 Prozent an den Exporterlösen und fast 30 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Die angestrebte Diversifizierung gilt nicht nur der Förderung weiterer fossiler Brennstoffe wie Erdgas, ein besonderer Fokus liegt auch auf der Wasserstoffwirtschaft. Angola verfügt über ein riesiges Potenzial an Wasserkraft, aus der einmal zwei Drittel der Energie des Landes gewonnen werden sollen. Laut Staatsangaben liegt dieses bei 18.000 Megawatt (MW). Bislang profitieren allerdings die vielen Privathaushalte in Angola, die über keinen Strom verfügen, nicht von den Wasserkraftwerken im inneren des Landes, vielmehr soll Wasserstoff für Europas energiehungrige Industrien produziert werden.

Deutschland möchte den begehrten Energieträger u. a. aus Marokko, Mauretanien und Namibia beziehen, Angola besitzt aber den Vorteil, dass der immense Strom, der für die Herstellung von Wasserstoff nötig ist, aus der Energie bereits bestehender Wasserkraftwerke gewonnen werden kann. Deshalb könnte Angola Deutschlands erster Lieferant von grünem Wasserstoff aus erneuerbaren Energien werden. Im Juni 2022 hat der staatliche Energiekonzern Sonangol mit den beiden deutschen Ingenieurbüros Gauff Engineering und Conjuncta in Berlin vereinbart, ab 2024 rund 280.000 Tonnen grünes Ammoniak für den Export nach Deutschland zu produzieren. Stefan Liebing, Geschäftsführer von Conjuncta und bis Frühjahr 2023 Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, hofft, dass das auf eine Mrd. Euro veranschlagte Projekt das erste Afrikas und „vielleicht sogar das erste Projekt weltweit" werden kann. Laut Gauff Engineering hat Angola auch den Vorteil, viel sauberes Wasser für die Wasserstoffproduktion zu bieten. „Sie brauchen kein Meerwasser zu entsalzen, um das benötigte Wasser zu erhalten", so Geschäftsführer Stefan Tavares Bollow.

Grünes Ammoniak ist ein Gas, das schon bei relativ milden Temperaturen von minus 33 Grad verflüssigt und somit über große Entfernungen transportiert und im Zielland zurück in Wasserstoff verwandelt werden kann. Bevor es für den Export auf Schiffe verladen werden kann, müssen erst die Produktionsanlagen am im Bau befindlichen Hafen Barra do Dande nördlich der Hauptstadt Luanda fertiggestellt sein. Das dürfte sich allerdings noch über das vom Minister für mineralische Ressourcen und Erdöl, Diamantino Pedro Azevedo, angegebene Ziel Ende 2024 hinausziehen. Nach Fertigstellung hat der Terminal Barra do Dande eine Kapazität zur Speicherung von 582.000 Kubikmetern flüssiger und gasförmiger Brennstoffe.

Hinreichend Wasserkraft

Die Elektrolyse von Wasserstoff verbraucht viel Strom. Während weltweit bei ähnlichen Wasserstoffprojekten riesige Solar- und Windkraftanlagen geplant werden, um im Sinne des Klimaschutzes den Ausstoß von Treibhausgasen weitgehend zu vermeiden, hat Angola mit seinen Wasserkraftwerken am Fluss Cuanza bereits die nötige saubere Energiequelle. Das 2017 in Betrieb genommene Kraftwerk Laúca 200 km südöstlich von Luanda hat eine aktuelle Kapazität von 857 MW, wovon 400 MW für die Wasserstoffproduktion genutzt werden sollen. Derzeit sind nur zwei der vier Turbinen im Einsatz, weil es in Angola an industriellen Abnehmern mangelt. Bei entsprechender Nachfrage könnte aber bis zu 2.070 MW hochgefahren werden. Die nötige Infrastruktur mit einer 210 km langen Hochspannungsleitung zum Umspannungswerk bei Luanda besteht bereits, weshalb Gauff-Geschäftsführer Bollow auf eine baldige Produktion von Ammoniak setzt.

47 Kilometer flussaufwärts befindet sich die Talsperre Capanda. Deren eigentliche Bauarbeiten wurden seit 1987 von der brasilianischen Firma Odebrecht durchgeführt. Dort steht eine Kapazität von 520 MW zur Verfügung, wovon 200 MW für die Wasserstoffelektrolyse genutzt werden sollen. Das australische Unternehmen Minbos Resources plant am Standort Capanda die Herstellung von grünem Ammoniak als Basis für den Stickstoffdünger Kalkammonsalpeter, der in der lokalen Landwirtschaft eingesetzt werden soll. Zudem will es dort gemeinsam mit einem chinesischen Partner Ammoniumnitrat zur Herstellung von Sprengstoffen produzieren, die an Bergbauunternehmen im sambisch-kongolesischen Kupfergürtel gehen sollen.

Unterhalb der Talsperre Laúca ist das Wasserkraftwerk Caculo-Cabaça in Bau. Der Technologiekonzern Voith aus Heidenheim konnte mit der 2023 vereinbarten Lieferung und Installierung von vier Francisturbinen mit jeweils 530 MW Leistung einen Milliardendeal landen. Noch in diesem Jahrzehnt soll Caculo Cabaça dort mit einer Gesamtleistung von 2172 MW ans Netz gehen.

Eigener Bedarf vernachlässigt

In Angola haben nur 42 Prozent der Menschen Zugang zu Strom. Viele Orte außerhalb der Großstädte sind gar nicht am Netz. Es ist dieser Fluch der Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen, der die angolanische Regierung und Elite dazu verführt hat, ihre riesigen Deviseneinnahmen lieber im Ausland zu investieren oder in Steuerparadiesen zu lagern, statt zu Gunsten der Bevölkerung sinnvolle Projekte im Land zu fördern. Was läge näher, als mit dem aus der Wasserkraft gewonnen Strom zuallererst ein flächendeckendes Stromnetz für die Bevölkerung aufzubauen?

Sérgio Calundungo, Koordinator der Beobachtungsstelle für Politik und Soziales in Angola mit einem Büro in der Hauptstadt, weist gegenüber der Deutschen Welle (2.6.23) zurecht darauf hin, dass die Lieferung von Wasserstoff ins Ausland Hand in Hand gehen müsse mit der Verbesserung der Energieversorgung der eigenen Bevölkerung. Das Argument von fehlenden Abnehmer:innen für den Strom aus Kraftwerken und die ökonomisch hohen Hürden für Privathaushalte lässt er nicht gelten. In die notwendigen Technologien und die Verteilung ließe sich mit den Deviseneinnahmen des Landes leicht investieren.

Noch weiter gehen Vorschläge, wie sie etwa von Sanjeev Gupta, Chef von Liberty Group und GFG Alliance, geäußert wurden: Länder, die über die erneuerbare Energie zur Herstellung sauberen Wasserstoffs verfügen, sollten vor Ort eine Industrieproduktion aufbauen, um diesen Wasserstoff zum eigenen Wettbewerbsvorteil auf den Weltmärkten zu nutzen. Vorschläge, mit der Errichtung von Sonderwirtschaftszonen deutsche Unternehmen zur Standortverlagerung zu bewegen, dürften im Berliner Wirtschaftsministerium kaum auf Gegenliebe stoßen.

Das eben ist ja das Dilemma: Auch wenn die angolanische Regierung es sich 834.000 US-Dollar kosten lässt, das Beratungsunternehmen Roland Berger mit der Erstellung einer nationalen Strategie zur Entwicklung von grünem Wasserstoff zu beauftragen, absehbar ist die ganze Energiegewinnung Angolas vorwiegend auf den Export eingestellt. Der Verkauf von grünem Wasserstoff wird in erster Linie als eine mögliche zusätzliche Einnahmequelle neben dem Hauptdevisenbringer Öl gesehen. Statt die erneuerbaren Energien voranzutreiben und die Förderung fossiler Energierohstoffe runterzufahren, wurde in den letzten Jahren vermehrt in die Ölförderung investiert.

Mit der Frage, ob mit der Produktion von grünem Wasserstoff ein „Kickstart für die Industrie" einhergehen kann oder es lediglich eine „neue Form des Energieexports" gibt, beschäftigt sich ein Beitrag von Marcus Knupp von Germany Trade & Invest: „Mit dem Einsatz als Energieträger oder Vorprodukt in der Chemie- und Petrochemieindustrie sind auch in aktuellen Projekten bereits Perspektiven für eine weitere Nutzung zur Diversifizierung der Wirtschaft angelegt. Die Infrastruktur für die Förderung, den Transport und die Weiterverarbeitung von Öl und Gas lässt sich darüber hinaus zumindest in Teilen auch für den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft nutzen. Dies betrifft sowohl physische Einrichtungen wie Verladeanlagen oder Pipelines als auch Know-how, etwa aus der Verflüssigung von Erdgas zu LNG (Liquefied Natural Gas)." (GTAI 24.11.23)

Die Hürden für einen erfolgreichen „Kickstart für die Industrie" zeigt allerdings ein aktueller Beitrag zur „Aus- und Weiterbildung im Bereich Wasserstoff in Angola" vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) auf. Für den nachhaltigen Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft besteht ein hoher Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften, heißt es dort. Das Angebot an Qualifizierungsmöglichkeiten ist allerdings in Angola sehr gering. Selbst wenn die Regierung die Modernisierung ihres Berufs- und Ausbildungssystems vorantreibt: Solange es in Angola an Know-how und einer ausreichenden Anzahl von qualifizierten Arbeitskräften mangelt, dürfte der ganze Energieschub wie gewohnt den Interessen des Globalen Nordens dienen, indem die Rahmenbedingungen an die Anforderungen ausländischer Konzerne angepasst werden. So wirbt das BMWK damit, dass die wirtschaftspolitischen Reformen der angolanischen Regierung neue Möglichkeiten schaffen und deutschen Unternehmen vielfältige Chancen bieten, „ihre Produkte, Dienstleistungen und Know-how im Bereich der Aus- und Weiterbildung vor dem Hintergrund einer sich entwickelnden Wasserstoffwirtschaft anzubieten." (GTAI, 4.7.24)

Im Auftrag des BMWK wird die Delegation der Deutschen Wirtschaft in Angola am 12. September 2024 ein Webinar für deutsche Unternehmen durchführen, bei dem die Rahmenbedingungen und Geschäftschancen vor dem Hintergrund einer sich entwickelnden Wasserstoffwirtschaft im Zielmarkt Angola vorgestellt werden. Um sich aus der jahrzehntelang eingeübten hegemonialen Logik zu befreien, bedarf es schon mutiger und weitsichtiger Entscheidungen der Regierungselite in Luanda, um eine wirklich nachhaltige Wirtschaftsentwicklung im Interesse der eigenen Bevölkerung zu fördern.