Madagaskar ist im Wandel. Die Vereidigung von Oberst Michael Randrianirina als neuen Präsidenten der Republik am 17. Oktober 2025 markiert eine neue Ära in der Zeitgeschichte Madagaskars. Das Ende der Ära Andry Rajoelina (2009-2025) kam einerseits unerwartet, hätte andererseits aber schon längst geschehen sollen.
Von Marie Aimé Joël Harison
Die über Jahre zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung Madagaskars mit ihrer Regierung, die zu wenig gegen die Armut und die Unsicherheit im Land unternommen hat, wurde letztlich durch die massiven Defizite in der Strom- und Wasserversorgung verstärkt. Wahlmanipulationen, Korruption, Instrumentalisierung der Justiz für politische Zwecke, insbesondere gegen Mitglieder der Opposition, und das zunehmend gewaltsamere Vorgehen von Polizei und Gendarmerie gegen friedliche Demonstrationen, das die Positionierung der Militärstreitkräfte auf die Seite der Protestierenden und zum Schutz der Bevölkerung veranlasst, führten schließlich zum Ende der politischen Ära Rajoelinas.
Es war kein Staatsstreich
Die Machtübernahme durch das Militär war kein Staatsstreich, es gab keinen Akt der Brutalität. Der Beschluss Décision n°10-HCC/D3 vom 14.10.2025 des Obersten Verfassungsgerichts (HCC) rechtfertigte die Machtübergabe. Präsident Rajoelina war bereits außer Landes geflohen und die Senatsführung, die in Abwesenheit des Präsidenten die Regierung übernehmen sollte, dankte ab.
Allerdings war die Rolle des HCC (Oberstes Verfassungsgericht) bis dahin keinesfalls untadelig gewesen. So hätte das HCC bereits die Wiederkandidatur Andry Rajoelinas zur Präsidentschaftswahl am 16. November 2023 aufgrund des Art. 46 der madagassischen Verfassung verbieten müssen, der eine Kandidatur eines Kandidaten oder einer Kandidatin mit nicht madagassischer Staatsbürgerschaft oder einer Doppelstaatsbürgerschaft nicht erlaubt. Schließlich war Anfang 2023 bekannt geworden, dass Rajoelina 2014 freiwillig auch die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Mit der Erlaubnis seiner Aufstellung zur Präsidentschaftswahl 2023 hielt das Oberste Verfassungsgericht die eigene Verfassung nicht ein.
Die neue politische Führung hingegen handelte. Das Amtsblatt der Republik Madagaskar veröffentlichte am 24.10.2025 ein Dekret, das dem ehemaligen Präsidenten Andry Rajoelina die madagassische Staatsbürgerschaft aberkennt. Diese Entscheidung stützt sich auf Artikel 42 der Verordnung Nr. 60-064 vom 22.7.1960, wonach ein madagassischer Staatsbürger, der freiwillig eine ausländische Staatsbürgerschaft erwirbt, automatisch seine madagassische Staatsbürgerschaft verliert.
Entlassung der Präsidentin der Nationalversammlung
Am 28. März 2024 gab es bereits einen Paukenschlag, als ausgerechnet die Präsidentin der Nationalversammlung Madagaskars, Christine Razanamahasoa, wegen „Abweichung von der Linie der Regierungspartei" ihres Amtes enthoben wurde. Als eine ehemalige Unterstützerin von Staatschef Andry Rajoelina hatte sie sich anlässlich einer Rede, in der sie die Missstände im Land beschrieb, offensichtlich zu kritisch gegenüber der Regierung geäußert. Vertreter*innen ihrer eigenen Partei, der Fraktionen der Präsidentenkoalition IRD (Isika Rehetra Miaraka amin'i Andry Rajoelina), brachten eine Petition ein, in der ihr ein eklatanter Verstoß gegen Artikel 72 der Verfassung vorgeworfen wurde. Dieser sieht vor, dass ein Parlamentsmitglied, das von der parlamentarischen Linie seiner Partei abweicht, seines Amtes enthoben werden kann. Mit dieser Begründung entzog ihr das Oberste Verfassungsgericht die Präsidentschaft sowie ihr Abgeordnetenmandat.
Am 28. Oktober 2025 wurde Razanamahasoa zur Außenministerin der Übergangsregierung ernannt, um die prekären außenpolitischen Beziehungen wieder zu sanieren. Sie erklärte, sie wolle die madagassische Diplomatie stärken, Madagaskar seinen Platz auf der internationalen Bühne zurückgeben und sich für die Aufhebung der von der Afrikanischen Union verhängten Sanktionen einsetzen.
Auch gegenüber der EU gab es diplomatische Verstimmungen. Am 4. April 2024 forderte Madagaskar die Ablösung der EU-Botschafterin, Isabelle Delattre Burger. Das war eine Reaktion auf die ständige Kritik der Diplomatin an der Regierung wie z. B. der weit verbreiteten Steuerhinterziehung, dem Gesetz, das die chirurgische Kastration von Kinderschändern erlaubt, sowie an den nie umgesetzten internationalen Empfehlungen aus dem Präsidentschaftswahlkampf 2018 und dem Missbrauch europäischer Gelder. Außerdem unterstützte sie Forderungen der Opposition.
Vereidigung von Oberst Michael Randrianirina
Hauptforderung der Bevölkerung und der Jugendaktivist*innen der Generation Z ist die Abschaffung des Systems. Die Militärführung unter Oberst Randrianirina, Kommandant des CAPSAT (Corps d'Administration des Personnels et Services de l'Armée de Terre), schützte zunächst die friedlichen Proteste der Jugendlichen und deren Wunsch und Forderung nach Demonstrations- und Meinungsfreiheit, dann die Straßenproteste der sich anschließenden Bevölkerung.
Am 14. Oktober verkündete Oberst Randrianirina im Präsidentenpalast von Ambohitsorohitra eine zweijährige Übergangsperiode und setzte die Verfassung sowie mehrere wichtige Institutionen außer Kraft. Doch später erkannte er, dass ohne diese Institutionen (Parlament, Oberstes Verfassungsgericht HCC usw.) der Staat nicht führbar wäre und machte diese Entscheidung wieder rückgängig.
Bei seiner Vereidigung zum Staatspräsidenten waren der ehemalige Staatspräsident Marc Ravalomanana, der neu gewählte Parlamentspräsident Siteny Randrianasoloniaiko, der ehemalige Senatspräsident Rivo Rakotovao, der Senatsvizepräsident Nicolas Rabemananjara (er war eng mit Andry Rajoelina verbunden gewesen), zahlreiche Politiker*innen und Militäroffiziere, Mitglieder des Rats der Christlichen Kirchen Madagaskars FFKM, die Delegation der Generation Z, Influencer*innen und Künstler*innen sowie viele ausländische Botschafter (Frankreich, USA, China, erster Sekretär des russischen Botschafters, Apostolischer Nuntius, usw.) anwesend. Das signalisiert das Interesse der Internationalen Gemeinschaft und die Akzeptanz der neuen Führung Madagaskars.
Übergangsregierung
Wieder einmal tragen Militärangehörige Verantwortung für den Bereich der Exekutive. Ein Drittel der 29 Ministerien wird von Frauen besetzt, alle Staatssekretariate wurden abgeschafft. Der Staatspräsident Oberst Michael Randrianirina mahnte die Regierungsmitglieder und sagte, sollten innerhalb von zwei Monaten bei den Aufgaben, die den Regierungsmitgliedern übertragen wurden, keine klaren und greifbaren Ergebnisse erzielt werden, werde es einen Regierungswechsel geben. Gewalt, Korruption, Plünderung der Staatskasse sowie Missbrauch der Justiz, wie es die früheren Regime begangen hatten, müssten verhindert werden.
Ein „Staatsministerium der Republik für Reformen" (Minisi-panjakana eo anivon'ny fiadidana ny Repoblika misahana ny Fanavaozana) wurde als neues Instrument zur Beendigung der bisherigen Unterdrückung der Justizgewalt durch die Exekutivgewalt geschaffen. Es soll das bisherige Machtmonopol beendigen, indem die Befugnisse der drei Bereiche Exekutive, Legislative und Judikative wieder strikt voneinander getrennt werden.
Umgesetzt werden soll diese Reform durch die neue Staatsministerin Hanitra Razafimanantsoa. Sie ist eine Rechtsanwältin und erfahrene Parlamentsabgeordnete von der Vovonana Firaisankina (Bündnis der Oppositionen) und weiß genau, was sich vorher im Parlament abgespielt hat. Die meisten „Volksvertreter" waren keine Vertreter des Volkes, sondern Vertreter des Regimes. Die Herausforderung ist die Etablierung wirklicher Volksvertreter*innen, die aber nicht wieder zu Vertreter*innen eines Regimes werden dürfen, die einfach exekutieren, was das Regime befiehlt, ohne dies zu hinterfragen. Ihre Kritik und ihre Vorstellungen fanden in der Sondersendung des TV Plus Madagascar „Fandaharana lehibe EISA Andao hifidy" vom 5. Mai 2024 großen Anklang in der Bevölkerung.
Neue Wahlen nach Jahren der Unregelmäßigkeiten
Die Partei Tiako Madagasikara TIM gab offiziell ihren Austritt aus dem Bündnis der Oppositionsparteien bekannt, das für die Parlamentswahlen 2024 im Kontext der Mobilisierung gegen die vorherige Regierung gegründet worden war. Alle Parteien der Plattform – nun nicht mehr Oppositionsparteien – sollen sich auf die kommenden Wahlen vorbereiten.
Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den Unregelmäßigkeiten der bisherigen Wahlen war einer der bestimmenden Faktoren zur Auslösung der Unruhen. Wahlbetrug und Manipulation der Wahlergebnisse waren der Grund, warum in der Vergangenheit immer wieder neue Wahlkommissionen gegründet werden mussten. Die Schaffung einer vertrauenswürdigen Kommission für die Organisation, Durchführung und Überwachung von Wahlen wird daher eine Hauptaufgabe für die neue Regierung werden.
Vor 2009 gab es das Nationale Wahlkomitee CNE (Comité Nationale Electorale), das vom Innenministerium für die Organisation der Wahl aufgestellt worden war. Da das CNE aber das Vertrauen verlor, einigten sich die damaligen politischen Parteien 2009 auf die Gründung der Unabhängigen Nationalen Wahlkommission CENI (Commission Electorale Nationale Indépendante).
Die CENI erhielt die gesamte Verantwortung und war seither ganz allein zuständig für die Organisation von Wahlen. Sie war allerdings nicht wirklich unabhängig, da sie in ihrer Entscheidungsfindung und Budgetierung vollständig vom Regime abhängig war. 2010 organisierte die CENI die Volksabstimmung über die Verfassung der IV. Republik; wobei erlaubt wurde, ohne Wahlkarte, einfach mit Lokalausweis, zu wählen. Aufgrund fehlender Sicherheitskontrollen konnte damals aber jede Person mehrmals wählen.
2013 wurde die spezielle Wahlkommission CES inmitten des Obersten Verfassungsgerichts HCC etabliert. Bei einer umstrittenen Wahl hatte sie die Funktion eines Wahltribunals. 2014 war die Präsidentschaftswahl von Unregelmäßigkeiten und politischen Krisen begleitet. Bei der Präsidentschaftswahl 2018/2019 waren die Wähler*innen gezwungen, den damaligen Staatschef zu bestätigen. Diese Wahl löste eine ernsthafte Debatte über die „Doublons" (doppelte Stimmabgaben) aus. Sie sorgten für große Kontroversen und führten zur Entlassung des Vizepräsidenten der CENI.
Die CENI hätte aus den Fehlern der früheren Zeit, der Zwischenzeit und aus dem Stand der Gesetzgebung lernen können. Ob Präsidentschaftswahlen, Parlamentswahlen, Kommunalwahlen – es gab kein Vertrauen mehr in die CENI. Dadurch war laut dem politischen Analysten Faniry Razafimanantany der Rechtsstaat in Gefahr. Bei den Parlamentswahlen im Mai 2024 war beispielsweise das Protokoll der Wahlergebnisse in den Händen der Kandidaten nicht dasselbe wie das der CENI oder des Outputs der Wahlergebnisse des Datenverarbeitungssystems SMRW.
Bei den Kommunalwahlen im Dezember 2024 durften z. B. in Ampefiloha Ambodirano Männer wählen, die keine Personalausweise hatten und nicht im Wählerverzeichnis eingetragen waren. In einigen der Wahllokale fehlten Stimmzettel oder sie waren vorangekreuzt. Darüber hinaus haben Soldaten aus anderen Regionen, die in der Hauptstadt nicht hätten wählen dürfen, dort gewählt.
Laut dem Nationalen Wahlbeobachtungsausschuss KMF-CNOE (Komity Mpanara-Maso ny Fifidianana-Fanabeazana Olompirenena) gab es: Austausch von verwendeten Wahlunterlagen, Verteilung von „Tickets" und die Registrierung von Wähler*innen für den Erhalt von Reis und anderen Geschenken, vorangekreuzte Stimmzettel (in Antafinambiatra, Nosy Be Hell Ville usw.) und Ernennung von Personen, die nicht auf der Wählerliste des Bezirkes standen, zu Mitgliedern des Wahlvorstandes.
Vermittlerrolle der Kirchen
Seit 1960 sind madagassische Kirchen auch in sozialpolitischen Angelegenheiten besonders engagiert. Die Partei PSD unter der Führung von Philibert Tsiranana (Erste Republik 1960-1972) hatte nicht nur die Unterstützung der französischen Sozialisten und der deutschen SPD, sondern auch das Wohlwollen der Kolonialverwaltung sowie der katholischen Kirche.
Der Besuch von Papst Johannes Paul II. im Mai 1989 bewirkte einen Demokratisierungsschub und eine Ermutigung der Kirche, der Unterdrückung und dem Elend der Bevölkerung die Stirn zu bieten und große Veränderungen ins Auge zu fassen. 1990 wandte sich Bischof Joseph Rabenirina an die Kirchengemeinde, es sei die Pflicht der Kirche, bei einer politischen Krise nicht zu schweigen. Diese Einstellung der madagassischen Kirchen, bei politischen Krisen eine Vermittlerrolle einzunehmen, halten sie bis heute aufrecht.
Der Rat der christlichen Kirchen Madagaskars FFKM (Fiombonan' ny Fiangonana Kristiana eto Madagasikara) lud im Oktober 2023 alle Kandidaten der Präsidentschaftswahl 2023 zum politischen Dialog ein. Nur der damalige Präsident, Andry Rajoelina, kam dieser Einladung nicht nach.
Am 3. Oktober 2025 erschien Bischof Modeste Randrianifahanana in Ampandrana und ersuchte den Kommandanten der Sicherheitskräfte um ein Ende der Gewalt gegen die jungen Menschen, die wehrlos und hilflos waren. Ähnliches forderte auch Kardinal Désiré Tsarahazana am nächsten Tag in Toamasina.
Komitee für den Nationalen Wiederaufbau
Zwei emeritierte Professoren und zwei pensionierte Generäle konnten dem Zerfall des Landes und der zunehmenden Gewalttätigkeit nicht mehr länger zuschauen und gründeten nach dem Internationalen Tag der Gewaltlosigkeit (2. Oktober 2025) das Komitee für den Nationalen Wiederaufbau, mit folgender Erklärung:
„Angesichts dessen, was das Land durchmacht, angesichts der Realität und der Unsicherheit, die die Menschen nicht ertragen können, und der Befürchtung, dass dies zur Zerstörung der Gesellschaft und zu einem Bürgerkrieg führen wird", wurde die Bevölkerung aufgefordert „aufzustehen, um das Vaterland zu verteidigen."
Professor Raymond Ranjeva (Jurist, ehemaliger Rektor der Universität von Madagaskar, ehemaliger Vizepräsident des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag) sowie der emeritierte Professor Roger Ralison und die beiden emeritierten Generäle Désiré Ramakavelo (ehemaliger Verteidigungsminister, Kabinettschef während der Regierung des Generals Gabriel Ramanantsoa und des ermordeten Obersts Richard Ratsimandrava) und Ferdinand Razakarimanana riefen alle Menschen wegen der längst unakzeptablen Situation auf, sich daran zu beteiligen, das Land auf den Weg des Fortschritts zu führen, der bisher nicht zu sehen war.
Die Jugend folgte dem Aufruf, für die gemeinsame Liebe zum Land, für die Bestrebungen auf Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit und eine friedliche Zukunft des Landes einzutreten. Das Militär wurde aufgerufen, gewalttätigen Tendenzen von Polizei und Gendarmerie gegenüber den Protestierenden rechtzeitig und wirksam, aber friedlich, entgegenzuwirken.
Die Bedeutung der Generation Z
Wasserknappheit und Strommangel, hervorgerufen durch jahrzehntelange Vernachlässigung der Netze und Leitungen, führten dazu, dass die Versorgung von Unternehmen und Haushalten immer wieder stundenlang lahmgelegt wurde.
Die drei Stadträte von Antananarivo (Baba Rakotoarisoa, Lily Rafanoharana, Clémence Raharinirina) initiierten Proteste gegen diesen Dauermissstand, wurden aber festgenommen. Daraufhin nahmen die Jugendlichen und Student*innen unter der Bezeichnung Generation Z den Kampf auf. Sie forderten zunächst die rasche Verbesserung der Strom- und Wasserversorgung der Stadt bzw. des ganzen Landes, nach einigen Tagen Protesten aber auch ein Ende der Korruption sowie den Rücktritt des Präsidenten.
Das erste Ziel von Gen Z war es, den Platz des 13. Mai und den Platz der Freiheit Ambohijatovo für ihre Demonstrationen verwenden zu können. Das Regime aber wusste, dass das zu ihrem Ende führen würde, und unterdrückte daher mittels ihrer Sicherheitskräfte die friedlichen Proteste und ließ sie brutal niederschlagen (22 Tote).
Von Student*innen und Jugendlichen geführte Proteste sind nichts Neues in der politischen Geschichte Madagaskars. 1972 unterstützte ZOAM (Zatovo Ory Asa Malagasy, Jugendliche Arbeitslose Madagaskars) die Proteste von Jura- und Medizinstudent*innen. Damals lief die Kommunikation vor allem über Flugblätter. Heute läuft sie über Social Media mit den Vorteilen: schnellere Kommunikation, größere Verbreitungsmöglichkeit der Informationen unter der ganzen Bevölkerung, rasche Überprüfbarkeit des Wahrheitsgehalts der Medienberichterstattungen. Am Fußballplatz des Universitätscampus versammelte man sich, hielt Meetings ab, Oppositionspolitiker*innen wie Monja Jaona konnten Reden halten, Meinungsvielfalt wurde geschätzt. Danach marschierte man zur Avenue de l'Indépendance vor dem Rathaus (heute Platz des 13. Mai). Der damalige Staatspräsident Philibert Tsiranana warnte die Demonstrierenden am 12. Mai 1972 über Radio, sich nicht in der Avenue zu versammeln, sonst „zak maty zato arivo!" (schießen, schießen, 100, 1000 Tote!). Dieser einschüchternde Aufruf bewirkte das genaue Gegenteil: Nicht nur Student*innen und Jugendliche, sondern die gesamte Bevölkerung versammelte sich vor dem Rathaus. Die Spezialpolizeieinheit FRS (Forces Républicaines de Sécurité) erhielt den Feuerbefehl. 1991, 2003, 2009 passierten ähnliche brutale Unterdrückungsmaßnahmen. Deshalb kommt heute diesem Platz eine so große Bedeutung für Straßenproteste zu.
Welche Mächte kommen in Frage, Madagaskar unterstützen zu können?
Frankreich wird seine Vormachtstellung behalten wollen. Russland wird versuchen, seinen Einfluss zu vergrößern. Präsident Didier Ratsiraka hatte von 1975 bis 1991 bereits einmal mit Russland kooperiert. Aufgrund des Ukraine-Krieges würde das derzeit aber bedeuten, dass die Beziehungen zum Westen abgebrochen werden müssten. China, die USA, andere Staaten und internationale Institutionen werden bleiben, um ihre wirtschaftlichen Interessen und Aktivitäten weiter verfolgen zu können.
Am 24. Oktober 2025 traf sich Oberst Michael Randrianirina im Präsidentenpalast Iavoloha mit ausländischen Botschaftern, die in Madagaskar arbeiten und leben. Ziel des Treffens war es, die Visionen und Veränderungen vorzustellen, die er während seiner zweijährigen Amtszeit im Land umsetzen möchte.
Dr. Marie Aimé Joël Harison ist Buchautor und Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.

