Ende September ist das Handelsabkommen AGOA (African Growth and Opportunity Act) zwischen den USA und den afrikanischen Ländern südlich der Sahara ausgelaufen.
Von Emilie Kasper
AGOA sicherte 32 Ländern in Sub-Sahara-Afrika durch den Wegfall von Einfuhrzöllen auf 6.400 Produkte den zollfreien Zugang für Waren zum US-Markt. Es ist ein Produkt der ökonomischen Philosophie „Trade, not aid": Um von den Handelsvorteilen zu profitieren, mussten die Länder demokratische Grundsätze wie Rechtsstaatlichkeit, politischen Pluralismus, die Stärkung international anerkannter Arbeitsschutzrechte sowie die Bekämpfung von Korruption erfüllen.
Das Gesetz über den African Growth and Opportunity Act wurde im Mai 2000 von US-Präsident Bill Clinton unterzeichnet und hatte zunächst eine Laufzeit von 15 Jahren. Unter Obama wurde es 2015 um weitere zehn Jahre verlängert. Nach dem Ablauf dieser Dauer ist die Zukunft des Abkommens nun ungewiss. Während die USA eine Verlängerung um ein Jahr erwägen und Länder wie Südafrika oder Kenia sich um transnationale Abkommen bemühen, bangen Millionen von Menschen um ihren Job.
Welche Folgen sind mit dem Ende von AGOA für die afrikanischen Länder zu erwarten und wie lassen sich diese bewerten? Nach Ansicht von Jane Seruwagi Naluga, geschäftsführende Direktorin der NGO SEATINI Uganda (The Southern and Eastern African Trade Information and Negotiations Institute), sind die Folgen nicht pauschal zu bewerten: „Wir müssen jedes einzelne Land betrachten, da die Umstände unterschiedlich sind. Für einige Länder kann es eine Katastrophe sein." (CGTN Africa, 5.10.25) Wie stark einzelne Länder betroffen sind, hängt von einer Summe von Faktoren ab, darunter auch, wie sehr sie die Handelsvorteile des AGOA genutzt haben und welchen Stellenwert die USA als Exportpartner für das jeweilige Land haben.
Die südafrikanische Automobilbranche im Wanken
Der größte afrikanische Exporteur in die USA ist Südafrika, welches gleichzeitig AGOA am meisten nutzte. 2024 exportierte Südafrika Waren im Wert von rund 8,2 Mrd. US-Dollar (FOB) in die USA. Das entspricht 8,4 Prozent der südafrikanischen Exporte, womit die Vereinigten Staaten der zweitgrößte Handelspartner Südafrikas nach China (11,5 Prozent) und vor Deutschland (7,5 Prozent) sind. Besonders von AGOA profitiert haben zwei Sektoren: die südafrikanische Automobilindustrie sowie der Agrarsektor. Erstere machte 2024 5,3 Prozent des BIP aus und ist damit von zentraler Bedeutung. Belastet wurde die Automobilindustrie schon im April mit Zöllen von 25 Prozent als Auswuchs der reziproken Zölle der Trump-Regierung. Diese hebelten die Null-Prozent-Präferenzen durch AGOA faktisch aus. Im Zeitraum von April bis Juli 2025 brachen die KFZ-Exporte im Vergleich zum Vorjahr um 64 Prozent ein. Darauf reagierten Hersteller wie BMW, Mercedes und Volkswagen unterschiedlich, doch meist mit Maßnahmen, die mit massiven Verlusten von Arbeitsplätzen einhergehen würden. Dies wäre besonders gravierend, da über 136.000 Arbeitsplätze an dieser Wertschöpfungskette hängen.
Auch der Agrarsektor ist durch das Auslaufen von AGOA stark betroffen. Vornehmlich werden Äpfel und Zitrusfrüchte in Konzentratform in die USA exportiert. Noch vor dem Auslaufen von AGOA führte die US-Regierung im August diesen Jahres reziproke Zölle von 30 Prozent auf südafrikanische Importe ein. Da die Zölle jedoch am Ende der Saison erhoben wurden, hatten diese nur begrenzte Auswirkungen auf die Zitrusfrüchteexporte. Rudi Richards, CEO der SAFJA (South African Fruit Juice Association), geht davon aus, dass die 30-Prozent-Zölle die Wettbewerbsfähigkeit erheblich verringern werden. Wie stark dies der Fall ist, hängt davon ab, wie hoch die Einfuhrzölle für andere Wertbewerber sind. Eine Konsequenz wäre, die Exportmärke Südafrikas zu diversifizieren, was allerdings Zeit braucht. Niedrigere Exporte in die USA hätten zur Folge, dass allein im Zitrusfrüchtesektor 35.000 Arbeitsplätze entlang der Wertschöpfungskette gefährdet wären.
Der Sektor ist ein im ländlichen Raum wichtiger Eckpfeiler. Die Lage ist jedoch hochdynamisch und offen, was sich etwa in der Mitte November angekündigten Aufhebung der 30-Prozent-Zölle auf südafrikanische Orangen zeigt.
Lesotho: Textilarbeiter*innen demonstrieren für eine AGOA-Verlängerung
Zu den am stärksten betroffenen Ländern zählt auch Lesotho. Es hat sich durch AGOA auf Exporte aus der Textil- und Bekleidungsindustrie spezialisiert, wodurch tausende Jobs geschaffen wurden. Gleichzeitig hat die Spezialisierung zu einer starken Abhängigkeit und erhöhten Vulnerabilität geführt, was sich nun zeigt. Das Auslaufen von AGOA trifft Lesotho aus zwei weiteren Gründen: Erstens sind die USA mit 29,5 Prozent Lesothos zweitgrößter Exportpartner nach Südafrika (33,5 Prozent), wodurch ein Großteil der lesothischen Exporte betroffen ist. Und zusätzlich erhöhten sich mit dem Auslaufen die Zölle auf 32 Prozent, was einer Verdopplung der sowieso erhöhten Zölle seit April unabhängig von den AGOA-Präferenzen entspricht. Auch hier ist die Wettbewerbsfähigkeit gefährdet, da andere Exporteure möglicherweise bessere Zollbedingungen haben.
Laut Lesothos Minister für Handel, Industrie und Unternehmensentwicklung, Mokhethi Shelile, sind circa 12.000 Jobs direkt gefährdet, indirekt könnten weitere 40.000 Menschen aufgrund geringerer Nachfrage Einkommen verlieren. Besonders gravierend ist dies in Anbetracht dessen, dass hauptsächlich Frauen in der Textilindustrie Lesothos arbeiten. Die weibliche Dimension im Kontext von AGOA betont auch Rosa Whitaker, die 2000 an der Ausarbeitung von AGOA mitgearbeitet hatte und Ende September im Podcast Focus on Africa der BBC zu Gast war. Infolge von AGOA seien Millionen von Jobs im südlichen Afrika geschaffen worden, welche hauptsächlich von Frauen besetzt worden seien. Dadurch konnten deren Kinder in die Schule, während die Frauen in der Textil- oder Automobilindustrie arbeiteten.
Am 31.10.2025 demonstrierten lesothische Textilarbeiter*innen für die Verlängerung von AGOA und appellierten an ihre Regierung, weiter zu verhandeln. Der Protestführer Sam Mokhele, Generalsekretär der Gewerkschaft National Clothing Textile and Allied Workers Union, zeigte die negativen Folgen der Gefährdung der Jobs der Textilarbeiter*innen auf. Betroffen seien die Straßenverkäufer*innen, die Einzelhandelssektoren, die Verkehrssektoren und die Menschen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die Häuser zu vermieten. „Wenn die Arbeiter*innen nicht da sind, werden sie leiden. Die Wirtschaft wird zusammenbrechen."
Zukünftige Handelsausrichtungen von Sub-Sahara-Afrika
Das Ende von AGOA wird allerdings auch als Chance gesehen, sich aus der Abhängigkeit zu befreien. Janine Walter von der Rosa Luxemburg Stiftung schreibt dazu, dass AGOA seit Jahren als außenpolitisches Druckmittel genutzt wird: „Wer den Erwartungen Washingtons nicht entspricht, riskiert den Ausschluss." So schloss 2023 die Biden-Regierung vier Länder ab 2024 aus dem Abkommen aus. Hinzu komme laut der Ökonomin Zoryana Olekseyuk der bürokratische Aufwand sowie die Unsicherheit der Verlängerung von AGOA, was auch erklärt, weshalb die Exporte der AGOA-begünstigten Länder über die Jahre sanken und mehr nach Europa und China exportiert wurde. China hatte im Juli 2025 schon angekündigt, 53 afrikanischen Ländern zollfreien Zugang zum chinesischen Absatzmarkt zu eröffnen. Hier könnten neue Abhängigkeiten entstehen und die Hinwendung zu China kann als Spiegel der globalen wirtschaftspolitischen Machtverschiebungen verstanden werden.
Eine andere Perspektive wurde in der Money Show with Stephen Grootes des Senders Radio 702 mit einem Blick auf den intrakontinentalen Handel eröffnet. Nur 20 Prozent des Handels findet in der 2021 geschaffenen AfCFTA (African Continental Free Trade Area) statt. Die Stärkung dieser zeichnet einen weiteren Weg zu weniger Abhängigkeit auf, doch „es geht einzig und allein um die politischen Willen (...) all dieser 54 afrikanischen Länder, die sich verpflichtet haben, die Grenzen zu offenen, in die Infrastruktur zu investieren und den Warentransport zu ermöglichen." Investitionen über 300 Mio. Euro in die Infrastruktur zur Förderung des intra-afrikanischen Handels kündigte die DHL Group im Oktober an. „Trotz globaler Unsicherheiten zeigt der Kontinent weiterhin Widerstandsfähigkeit und Dynamik. Unsere Investition spiegelt das Vertrauen in Afrikas Entwicklung wider (...), die Handelsströme zu ermöglichen und ein inklusives Wachstum anzutreiben", sagte Jon Pearson, der CEO von DHL Express.
Mehr Chance als Risiko?
Ob das mögliche Ende von AGOA also ein Weg aus der Abhängigkeit wäre, hängt stark davon ab, inwiefern die Länder ihre Exporte diversifizieren. Der Ausbau des intraafrikanischen Handels erscheint vielversprechend, auch weil die einzelnen Länder dann weniger in Konkurrenz um günstige Abkommen mit Ländern wie den USA stehen. Ein endgültiges Ende von AGOA wird für die Menschen, die in auf AGOA ausgelegten Jobs arbeiten, gravierende und auch existenzbedrohende Folgen haben. Besonders die weibliche Dimension mit den weiteren Folgen für Kinder ist besorgniserregend.
Doch auch wenn AGOA, wie aktuell in der Diskussion, um ein oder zwei Jahre verlängert werden würde, ist das Abkommen keine langfristige Lösung. Man würde immerhin etwas Zeit gewinnen, um sich auf die wegfallenden Handelsvorteile vorzubereiten. Das Ende von AGOA als Chance zu sehen, mag zu euphemistisch sein. Doch die Abhängigkeit vom Wohlwollen der jeweiligen Regierung stellt ein ständige Gefahr dar. Ob nun eine Verlängerung um ein oder zwei Jahre verhandelt wird – eine Neuausrichtung und Diversifizierung der Handelspartner sowie die Stärkung des interkontinentalen Handels sollten auch dann umgesetzt werden.
Emilie Kasper studiert Geschichte und Geograhie in Köln und ist derzeit Praktikantin bei der issa.

