Heft 4/2025, Editorial

Im Krisenmodus nach Luanda

Es ist wahrlich wenig erbaulich, in einer Region der Erde zu leben, die im ständigen Krisenmodus steckt und bei der Neusortierung der Welt eher auf einem absteigenden Ast sitzt. Die Rede ist nicht von Afrika, wo zumindest einige mit Rohstoffen gesegnete Staaten Wachstumszahlen zwischen 4 bis 8 Prozent aufweisen. Wir reden von Europa, dessen wenig einige Regierungsspitzen alle Hände voll damit zu tun haben, an diversen Baustellen wie Ukraine-Krieg, US-Zölle und Migrationsabschottung um Lösungen zu ringen. Da nimmt es nicht Wunder, dass ein Bundeskanzler Friedrich Merz auf Foren wie dem EU-Afrika-Gipfel in Luanda und anschließend dem G-20-Treffen in Johannesburg die Anwesenheit seiner Amtskolleg*innen nutzt, um in informellen Treffen den 28-Punkte-Deal, den die USA der Ukraine aufdrängt, mit Blick auf die Sorge um Europas Sicherheit zu entschärfen. Dass ihn mit dem Streit um das Rentenpaket auch noch die Niederungen der Innenpolitik auf Auslandsreisen einholen, gehört zum Geschäft in einer schnelllebigen Zeit.

Was war das eigentliche Thema in Angolas Hauptstadt? Wohl kaum die Floskel von „gemeinsamen Werten und Interessen" und einer „wohlhabenden und friedlichen Zukunft für fast zwei Milliarden Menschen", wie sie in der Abschlusserklärung beschworen wird. Davon kann sich die Mehrheit von Afrikas Bevölkerung nichts kaufen, schon gar nichts von der „Verpflichtung der Teilnehmerstaaten, irreguläre Migration, Schleusung und Menschenhandel zu verhindern". Das ist einzig das Interesse Europas, getrieben von den AF-Dobrindts und anderen Abschottungsereiferern in den Innenministerien diverser europäischer Hauptstädte.

Europa ist ebenso an einem gesicherten Zugang zu Rohstoffen interessiert. Angola wird mit einem Wachstum von über 4 Prozent und seinem Reichtum an Öl und Gas als ein strategischer Partner betrachtet, um die 2021 ins Leben gerufene Global Gateway-Initiative der EU zu neuem Leben zu erwecken. Sie ist die Antwort Europas auf die chinesische Belt-and-Road-Initiative zur Erschließung neuer Rohstoff- und Absatzmärkte. Die USA hatten noch unter der Biden-Administration ihr Interesse an einer Modernisierung des Lobito-Korridors, der den Hafen von Lobito mit der reichen Bergbauregionen in der DR Kongo und Sambia verbindet, mit Investitionszusagen bekundet. Im Vorfeld des EU-Afrika-Gipfels gaben sich Europas Interessenvertreter*innen in Luanda die Klinke in die Hand. Der Wettlauf mit Chinas neuer Seidenstraße, die sich längst über die ostafrikanische Verbindung zum Rohstoffherzen Afrikas etabliert hat, gleicht einem „Überholen ohne einzuholen", um einen alten DDR-Slogan zu bemühen (vgl. afrika süd 2, 2024).

Europa ringt für seine Energiewende und Industrie um kritische Rohstoffe, Afrika um seine Schulden und einen Kurswechsel in der internationalen Schuldenpolitik. Zumindest auf dem auf Luanda folgenden G20-Gipfel in Südafrika haben sich die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer dazu bekannt, den ärmeren Staaten der Erde bei der Bewältigung ihrer Schuldenkrise zu helfen und ihnen den Zugang zu neuen Krediten erleichtern. Afrika möchte endlich Souveränität über seine eigenen Rohstoffe und vom Abbau und der Weiterverarbeitung profitieren. Namibias Präsidentin Netumbo Nandi-Ndaitwah hat sich in diese Richtung geäußert und Botsuanas junger Präsident Duma Boko verhandelt mit dem Diamantenkonzern De Beers um eine sich als kompliziert erweisende Übernahme seiner Diamantenproduktion.

Der G20-Gipfel in Johannesburg war der erste auf afrikanischem Boden. Die USA haben das Treffen wegen des „Genozids an der weißen Bevölkerung" boykottiert und vor der Veröffentlichung einer Abschlusserklärung gewarnt. Gastgeber Cyril Ramaphosa ließ sich von Trumps Paranoia nicht einschüchtern, prompt schlug dieser zurück und kündigte an, Südafrika vom nächsten G20-Gipfel in den USA Ende 2026 auszuschließen. Ramaphosa weist derartige Beleidigungen zurecht empört zurück, innerlich mag er über solche Possen gegenwärtiger internationaler Politik nur schmunzeln.

Relevanter ist freilich die Frage, wie der afrikanische Kontinent tatsächlich auf eine „wohlhabende Zukunft" hinarbeiten kann. Afrika ist immer noch die einzige Region der Welt, in der die absolute Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen steigt. Es sind gerade die rohstoffreichen Staaten wie Nigeria oder die DR Kongo, in denen ein Großteil der armen Bevölkerung lebt. Die Unruhen in Tansania nach den jüngsten Wahlen und Madagaskar, in dem das Militär die Macht übernommen hat, sind eine Folge der wachsenden Ungleichheit solcher Staaten. Mit der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens könnte man solchen Entwicklungen entgegensteuern. In Südafrika und Namibia rufen viele Stimmen nach einer solchen Lösung. Sie finden in den Regierungen kein Gehör. Warum sollte Afrikas Elite da anders handeln als die Mächtigen im Rest der Welt? Vielleicht, weil Afrikas Zivilgesellschaft nicht von der Müdigkeit befallen ist, die sich in Europa breit zu machen scheint.

Lothar Berger