Der Tod von Solomon Hawala im August 2025 weckte Erinnerungen an Menschenrechtsverletzungen, die von der Swapo im Exil während des Befreiungskampfes verübt wurden. Diese bis heute verdrängte Geschichte führte durch die Ehrung des Verstorbenen zu einer intensiven öffentlichen Debatte.
Von Henning Melber
Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster, Antonio Gramsci
Solomon Hawala starb am 11. August, wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag. Er gehörte zur ersten Gruppe der ab Mitte der 1960er-Jahre zuerst im tansanischen Lager in Kongwa, danach in Nordkorea militärisch Ausgebildeten. Sein Kampfname (nom de guerre) war Jesus. Ab 1977 war er Mitglied des Zentralkomitees der Swapo und seit 1981 im Politbüro. Von 1979 bis zur Auflösung mit dem Übergang zur Unabhängigkeit 1989 war er stellvertretender militärischer Oberbefehlshaber der People's Liberation Army of Namibia (PLAN), dem bewaffneten Flügel der Swapo. Nach der Unabhängigkeit war er von 1990 bis 2000 als Generalmajor mit der Führung der namibischen Armee betraut. Danach diente er als Generalleutnant bis zu seiner Pensionierung 2006 als Kommandeur der gesamten namibischen Verteidigungsstreitkräfte. Im Ruhestand zog er sich in sein Heimatdorf im nördlichen Namibia (dem früheren Ovamboland) zurück und trat öffentlich kaum mehr in Erscheinung. Auf eigenen Wunsch wurde er auf dem dortigen Friedhof im September 2025 beigesetzt.
Welche Rolle spielte Hawala?
Am 4. Mai 1978 tötete ein südafrikanischer Luft- und Bodenangriff auf das südangolanische Swapo-Lager Cassinga mehrere hundert Flüchtlinge, zumeist Frauen und Kinder. Dieses größte Massaker in der Geschichte des Befreiungskampfes wurde zum Trauma und markierte Rückschläge in dem von der PLAN mit Unterstützung kubanischer Einheiten geführten Grenzkrieg. Der brutale Überfall nährte den Verdacht, dass es in den Reihen der Befreiungsbewegung Spitzel gebe. 1981/82 wurde Hawala in der Sowjetunion in Fragen spezieller militärischer Sicherheit, Überwachung und Gegenspionage ausgebildet. Danach bestand sein Auftrag in der Aufspürung eingeschleuster südafrikanischer Spione. Damit begann eine obsessive Hetzjagd auf vermeintlich Verdächtige. Diese wurden unter Folter zu Geständnissen und der Nennung weiterer Namen gezwungen. Im südangolanischen Lubango wurden in einem Lager Schätzungen zufolge zwischen eintausend und zweitausend Namibier*innen ohne glaubwürdige Beweise einer Schuld unter inhumanen Bedingungen gefangen gehalten. Viele von ihnen wurden hingerichtet, blieben spurlos verschwunden oder überlebten die Tortur und mangelnde Versorgung nicht.
Im Zuge der Übergangsregelung zur Unabhängigkeit wurden zur Jahresmitte 1989 knapp zweihundert Überlebende freigelassen und von den Vereinten Nationen nach Namibia überführt. Seither fordern sie als sogenannte Ex-Gefangene (ex-detainees) ihre Rehabilitierung und eine Schuldanerkennung. Beides wurde diesen verweigert. Im Unterschied zu Südafrika gab es in Namibia keine Wahrheits- und Versöhnungskommission. Menschenrechtsverletzungen auf beiden Seiten wurden offiziell ad acta gelegt und staatlicherseits nicht öffentlich thematisiert.
Berichte Überlebender, die teilweise ihre Erfahrungen in Büchern und anderen Dokumenten schilderten, machten deutlich, dass Solomon Hawala eine maßgebliche direkte Rolle bei der Verfolgung und teilweise auch eigenhändig vollstreckten Folter und Hinrichtung von Verdächtigen spielte. Er wurde der „Schlächter von Lubango" genannt. Unter den Opfern waren verhältnismäßig viele Angehörige anderer ethnischer Gruppen als der Ovambo (der Hauptbasis und dem Heimatgebiet der Swapo). Auch wird vermutet, dass unter dem Vorwand der Spionage interne Kritiker*innen der Swapo-Führung eliminiert werden sollten. Zudem wurde der Verdacht geäußert, dass die wirklichen Spione nicht unter den Verfolgten, sondern in der Swapo-Führung aktiv und teilweise selbst an der Hetzjagd beteiligt waren.
Reaktionen auf Hawalas Tod
Die Nachricht vom Ableben Hawalas weckte Erinnerungen an seine Rolle als „Schlächter von Lubango" und führte zu einer intensiven öffentlichen Kontroverse. Die noch lebenden Ex-Gefangenen wurden von ihren traumatischen Erfahrungen eingeholt und wiesen auf Hawalas damalige Schandtaten hin. Tags darauf forderten die „Conquerors" sowie die Bewegung „Breaking the Wall of Silence" (BWS), ein Zusammenschluss von Betroffenen, in einer Presseerklärung die Swapo und alle anderen Organisationen, die bislang nur geschwiegen haben – darunter die namibischen Kirchen und den Lutherischen Weltbund – dazu auf, reinen Tisch zu machen. „Hawalas Hinterlassenschaft", so erklärten sie, „ist nicht Befreiung, sondern Kriegsverbrechen gegen die Menschlichkeit – Völkermord in den Lubango-Verliesen."
Bience Gawanas, ein damaliges Opfer und als ausgebildete Juristin nach der Unabhängigkeit u. a. Ombudsfrau Namibias, Kommissarin für Sozialangelegenheiten bei der Afrikanischen Union und Untergeneralsekretärin der Vereinten Nationen, erklärte, sie würde seit ihrer Gefangenschaft in Lubango das Grinsen von Hawala nicht mehr vergessen können. Als sie ihm bei einem offiziellen Anlass begegnete, habe sie sich geweigert, ihm die Hand zu reichen. Ohne Entschuldigung und Versöhnung könne es keine Vergebung geben. Sie habe überlebt und könne ihre Geschichte teilen, aber viele andere nicht. Sie dankte jenen, die noch immer um Anerkennung kämpfen.
In der Gesprächsrunde „Evening Review" (ein Programm des privaten Network Media Hub, das sich mit aktuellen Themen befasst und auch auf YouTube einsehbar ist) kamen in halbstündigen Interviews mit dem Chefredakteur der Tageszeitung „Namibian Sun" Pauline Dempers als Vertreterin der BWS und wenige Tage später zwei Sprecherinnen der „Conquerors" zu Wort, die ihr Leid schilderten und die Verbrechen ausführlich benannten. Sie und andere Überlebende forderten eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den bislang konsequent verdrängten und verschwiegenen Gräueltaten und die schonungslose Offenlegung von Hawalas Rolle. Es spricht für die unabhängigen Medien im Lande, dass diese Enthüllungen ausführlich geteilt werden konnten, indem die Betroffenen direkt zu Wort kamen.
Demgegenüber löste Hawalas Ableben in der Swapo-Führung und der Regierung nur ehrendes Gedenken aus. Hier stießen in der Erinnerung zwei Wahrnehmungswelten unversöhnlich aufeinander. Netumbo Nandi-Ndaitwah, seit März Staatspräsidentin und zugleich auch Präsidentin der Swapo, setzte die markantesten Akzente. Sie selbst war seit 1973 im Exil und wurde für kurze Zeit in Moskau ausgebildet. Seit 1983 ist sie mit dem ein Jahr älteren Epaphras Denga Ndaitwah verheiratet. Zu jener Zeit war dieser selbst im Führungskader der PLAN. Seit der Unabhängigkeit diente er in ranghohen militärischen Führungspositionen und war von 2011 bis zu seiner Pensionierung 2013 Oberbefehlshaber der namibischen Wehrmacht und damit in der direkten Nachfolge von Hawala, der dies bis 2006 gewesen war.
Die Staatspräsidentin erklärte Hawala am Tag nach seinem Tod zur ikonischen Gestalt der namibischen Revolution. Es gelte einem Leben feierlich zu gedenken, das der Freiheit, dem Frieden, der Einheit und dem Wohlstand für alle Menschen Namibias gedient habe. Hawalas Erbe sei eine dauerhafte Erinnerung an die erbrachten Opfer und eine Inspiration für künftige Generationen. Zwei Tage später verlieh sie ihm posthum den Titel „Nationalheld" und ordnete ein Staatsbegräbnis an, obgleich sie selbst wenige Wochen zuvor ein Moratorium für Staatsbegräbnisse erlassen hatte. Sie erklärte ihn zum Symbol von Mut, Patriotismus und den Idealen von Freiheit und Unabhängigkeit und pries seine Verdienste um die Schaffung nationaler Einheit.
Hawala der Handlanger
Angesichts der wachsenden Kritik, die diese Einseitigkeit des ehrenden Gedenkens auslöste, ergriffen andere Fürsprecher*innen öffentlich Partei und nahmen Hawala mit dem Hinweis in Schutz, dass er als Person nur im Auftrag der Swapo-Führung gehandelt habe. Ein ehemaliger Swapo-Parlamentsabgeordneter aus dem Partei-Kader erklärte unwidersprochen, die Kritik an Hawala sei selektive Moral. Dieser habe keine alleinige Verantwortung für die Taten gehabt. Viele derjenigen, die bereits nach Staatsbegräbnissen auf der Heldengedenkstätte beigesetzt sind, hätten im Wissen um die Geschehnisse Mitverantwortung getragen. Dazu gehörten die Mitglieder des Swapo-Politbüros und des Militärrats. Hawala habe lediglich aufgrund derer Anweisungen gehandelt. Auch ein früherer Polizeikommissar bestätigte, dass Hawala nur Auftrag und Befehl seiner Vorgesetzten Folge leistete. Er habe ihn 57 Jahre gekannt und er sei eine freundliche Person gewesen. Menschen zu töten, hätte er nicht selbst entschieden.
Selbst Präsidentin Nandi-Ndaitwah verlegte sich auf diese überraschende Argumentation. Anlässlich eines Gedenkgottesdienstes betonte sie, Hawala habe nur das Prinzip kollektiver Verantwortung akzeptiert: „Er hat Aufgaben durchgeführt, die ihm von der Bewegung zugewiesen wurden, um sicherzustellen, dass die Revolution Erfolg hat." Swapo habe nie eine Kultur der selektiven Entscheidungsfindung toleriert. „Um die Ziele zu erreichen, stellte die Führung sicher, dass es niemals eine Praxis isolierter Aufgaben gab."
Andere beschuldigten die Kritiker*innen, nur weiter die Drecksarbeit von Agenten des südafrikanischen Apartheidregimes zu betreiben und Hawalas Beitrag zur Befreiung Namibias in den Schmutz zuziehen. Die Appelle zur Versöhnung, indem durch Eingeständnis der Verfehlungen das begangene Unrecht anerkannt wird, schlugen fehl. Auch der Hinweis, dass wahre Versöhnung die Anerkennung sowohl von Opfern wie Tätern als Teil einer Gemeinschaft erfordere, um gemeinsam die Vergangenheit zu bearbeiten, verhallte folgenlos. Stattdessen wurden die Verbrechen als solche eingestanden, die im Wissen und auf Befehl der Swapo-Führung begangen wurden und damit implizit für gerechtfertigt erklärt.
In dem Gedenkgottesdienst anlässlich des Staatsbegräbnisses erklärte Präsidentin Nandi-Ndaitwah Hawala ungeachtet der Debatten erneut zum tapferen Kämpfer und Helden: Während der dunkelsten Stunden des Unabhängigkeitskampfes habe dieser den Menschen Hoffnung, Inspiration und tadellose militärische Führung gegeben. Er sei ein Stützpfeiler von Stärke und ein politischer Fels gewesen, der den Geist von Tapferkeit, Kraft und Führung verkörperte. Er gehöre zur Galaxis selbstloser Märtyrer, die verdienen, in ruhmvollen Erinnerungen erhalten zu bleiben. Ihr Vorgänger im Amt, der Interims-Staatspräsident Nangolo Mbumba, pflichtete bei der Beisetzung Hawalas eilfertig bei: Dieser habe ein aufopferungsvolles Leben harter Arbeit und Disziplin geführt. Sein Beitrag zu den Grundpfeilern der Nation würde Jahrhunderte überdauern.
Menschenrechtsverletzungen als Teil des Befreiungskampfes
Das aktuelle Beispiel der offiziellen Trauer um Hawala und dessen Huldigung als treu dienender Freiheitskämpfer verdeutlicht, dass in den Reihen der Befreiungsbewegung die Repression und Verletzung von Menschenrechten quasi zum Selbstverständnis autoritärer interner Machtstrukturen gehörte. Bemerkenswerterweise wurde dies in Verteidigung der Ehrungen Hawalas ausdrücklich bestätigt.
Schon Ende der 1960er-Jahre wurde beim ersten Kongress der Swapo im Exil Kritik am Gebaren des Führungszirkels geäußert. So fühlten sich selbst militärisch ausgebildete Kämpfer der PLAN vernachlässigt. Dazu gesellte sich von Seiten der Swapo-Jugendliga ab den 1970er-Jahren die wachsende Forderung nach mehr Demokratie. Es wurde bemängelt, dass es im Exil-Flügel der Organisation keine Wahlen für die Besetzung der Führungsämter gab. Tatsächlich fanden solche bis zur Unabhängigkeit nicht statt. Der angebliche „demokratische Zentralismus" war ein Euphemismus für den totalitären Machtanspruch einer Clique.
Mitte der 1970er-Jahre gipfelte die wachsende Kritik auch von Teilen der PLAN-Kämpfer in der ersten Massenverfolgung von „Abweichlern". Es war der Vorgeschmack auf das, was in den Erdlöchern von Lubango gipfeln sollte. In der Bilanz blieben Tausende, die sich seit den 1970er-Jahren der Swapo im Exil angeschlossen hatten, bis heute verschollen. Noch immer versuchen Familienangehörige über deren Verbleib zu erfahren.
Diejenigen, die bereits vor der Unabhängigkeit auf die Menschenrechtsverletzungen der Swapo hinwiesen, wurden geächtet und der Propaganda für Südafrika beschuldigt. Es blieb bis zur Freilassung der Überlebenden von Lubango Mitte 1989 innerhalb der Solidaritätsbewegung und den die Swapo unterstützenden Institutionen weitgehend ein Tabu, die Vergehen einzugestehen und sich damit auch selbstkritisch auseinanderzusetzen. Ein solches Solidaritätsverständnis nahm Menschenrechtsverletzungen billigend in Kauf. Dabei hatte schon Albert Camus, der in der französischen Resistance sein Leben riskierte, gegen die Hinrichtung angeblicher Nazi-Kollaborateure in den eigenen Reihen unmissverständlich erklärt: In einer solchen Welt des Konflikts, einer Welt von Opfern und Tätern, ist es die Aufgabe denkender Menschen, nicht auf der Seite der Hinrichtenden zu stehen. In seinem Essay „Weder Opfer noch Henker" stellte er 1946 erneut klar, dass die Rechtfertigung der Tötung von Menschen zugunsten einer besseren Welt nicht akzeptabel sei.
Henning Melber war seit 1974 Mitglied der Swapo und u. a. Extraordinary Professor an den Universitäten in Pretoria und des Freistaats in Bloemfontein.
Persönliche Offenlegung
Nach der Bekanntgabe, dass Solomon Hawala zum Nationalhelden erklärt und mit einem Staatsbegräbnis geehrt wird, begründete ich in einem Schreiben an die Parteipräsidentin und die Generalsekretärin der Swapo nach über 50jähriger Mitgliedschaft Mitte August 2025 meinen Austritt aus der Swapo. Dazu ist ein Gespräch, das Toivo Ndebela daraufhin mit mir im „Evening Review" führte, hier zugänglich: https://www.youtube.com/watch?v=txPzda9VCd8. Siehe zum Verständnis meiner Beweggründe auch meine folgenden Texte: „'Jesus' Hawala's death recalls dark Swapo past", The Namibian, 13. August 2025, https://www.namibian.com.na/jesus-hawalas-death-recalls-dark-swapo-past/ und„Namibia celebrates independence heroes, but glosses over a painful history", The Conversation, 25. August 2025, https://theconversation.com/namibia-celebrates-independence-heroes-but-glosses-over-a-painful-history-263654

