Heft 5/2019, Namibia: Restitution

Alles nicht so einfach

BEOBACHTUNGEN AUS EINEM „URSPRUNGSLAND" – ZUR RESTITUTIONSDEBATTE IN NAMIBIA. Es ist mit einem Male, als sei eine Lawine losgetreten. Deutsche (und andere europäische) Museen erhalten Drittmittel, um Provenienzforschung über ihre Bestände aus Afrika (und Amerika, Ozeanien, und anderswo) zu betreiben. Es fehlt nicht an vollmundigen Erklärungen, Objekte mit „Gewalthintergrund" zurückgeben zu wollen. Es fehlt auch nicht an ebenso vollmundigen Erklärungen, alles das gehöre ohnehin nicht in europäische Museen und müsse pauschal zurückerstattet werden. Aber wie? Und wohin? Und wem? Der Teufel steckt im Detail.

Um eines von vornherein klarzumachen: Restitutionsforderungen sind berechtigt. Rückgabeleistungen sind längst überfällig. Aber wie damit in der Praxis umgegangen wird, ist eine andere Frage. Und das kann weder mit pauschalen Forderungen noch mit wohlmeinenden Absichtserklärungen erledigt werden, sondern mit ganz konkreten Untersuchungen und Handlungen. Dabei stellt sich dann heraus, dass alles nicht so einfach ist.

„Gewalthintergrund"
Nehmen wir einmal die Rückzugsposition mancher Museen ins Auge: den „Gewalthintergrund". Und nennen wir eine konkrete Objektgattung: Die „Omakori" (Singular: „Ekori"), den traditionellen ledernen Kopfschmuck der Hererofrauen, bevor er von den heute üblichen textilen „Otjikaiva" verdrängt wurde. Das National Museum von Namibia hat deren drei. In europäischen Museen, hauptsächlich in Deutschland, befinden sich Dutzende. Die meisten davon sind bereits vor dem Krieg und Völkermord von 1904-1908 „erworben" worden. Ähnlich steht es mit den sorgfältig aus Holz geschnitzten Milchbehältern und anderen Objekten dieser Kultur. Kein Gewalthintergrund also?

Man kann dem natürlich entgegenhalten, dass der ganze Kolonialismus strukturelle Gewalt darstellt. Wie steht es dann mit den Objekten, die bereits vor der Kolonialperiode – für Namibia und die anderen deutschen Kolonien also vor 1884 – nach Europa gelangt sind? Denn die gibt es auch, und es sind nicht wenige.

Man kommt mit solchen Argumentationen in der Debatte nicht weiter. Und noch weniger mit einem ethnozentrischen Essenzialismus, der argumentiert, afrikanische Objekte hätten eh in Europa nichts zu suchen und seien nur von den „Ursprungsgesellschaften" zu verstehen, zu betrachten und zu besitzen. Mit dergleichen Konzepten gerät man letztendlich zu den ideologischen Versatzstücken der Apartheid, die von unvereinbaren Kulturgegensätzen ausging und einen gemeinsamen Ursprung der Menschheit sowie eine gemeinsame Humanität verleugnen wollte.

Worum es eher geht, ist, dass eine europäische Sammelwut sich unter ungleichen Bedingungen kulturelle Objekte unter den Nagel gerissen hat, deren Produktionsbedingungen und Fortbestand der Kolonialismus und seine globalen Vorläufer (Mission und Handel) zur gleichen Zeit zerstört haben. Das wird völlig klar an der Argumentation der kolonialen Sammler, sie würden eine materielle Kultur vor dem Verschwinden „retten" – wieso und warum verschwindet eine Kultur?

An den Omakori und den dazugehörigen Lederumhängen der Ovaherero mit den dekorativen Applikationen aus Eisenperlen lässt sich das gut erläutern. Warum sind sie heute verschwunden, bis auf die etwas unterschiedliche Version unter den Ovahimba in Nordwestnamibia, die bis heute den kolonialen Blick der Touristen und ihrer Fotoapparate animiert? Nicht etwa, weil sie „aus der Mode" kamen. Nicht etwa, weil die Missionare (anfangs ohne großen Erfolg) Himmel und Hölle in Bewegung setzten, um die nicht die Brüste bedeckenden Lederumhänge mit importierten Baumwollkleidern zu ersetzen, die nicht nur ihren Keuschheitsvorstellungen entsprachen, sondern außerdem profitabel importiert werden konnten. Und das klappte erst so richtig, als der Kolonialismus voll zugeschlagen hatte und die Grundlagen der Herero-Religion, nämlich die Viehzucht, zugleich mit ihrer Produktionsweise zerstörte.

„Rechtlich erworben"
Es ist kein Zufall, dass im Jahre 1905, während des Völkermordes, ausgerechnet der Direktor der Rheinischen Missionshandelsgesellschaft, F.A. Spiecker, die Sache auf den Punkt brachte: „Was dem Handel nicht gelungen war, und was auch der Mission im Großen und Ganzen versagt geblieben war – die Loslösung der Herero von diesen unwürdigen Banden der Knechtschaft unter ihre Rinder –, das hat freilich in gewissem Sinne die Rinderpest zuwege gebracht, die um die Jahrhundertwende in jenen Ländern auftrat und die großen und reichen Herden der Herero trotz der von der deutschen Kolonialverwaltung angewandten Schutzimpfung zum größten Teile dahinraffte. Und doch scheint auch dieses Gottesgericht noch nicht die gewollte Wirkung gehabt zu haben..." Die deutsche Regierung hat dieses „Gottesgericht" dann wesentlich effizienter erledigt, indem sie nicht nur Land und Vieh der Ovaherero und Nama 1907 pauschal enteignete, sondern ihnen auch den ferneren Besitz von „Großvieh" (Rindern und Pferden) schlichtweg gesetzlich verbot. Was der Mission eine bis dahin ungeahnte Welle von Konversionen bescherte, und das faktische Ende der Lederbekleidung.

Woraus sollten dann die aufwändigen Lederumhänge hergestellt werden? Wie konnte man überhaupt das dafür notwendige Knowhow überliefern? Woher unter dem ebenfalls gesetzlich verordneten Zwang zur Lohnarbeit die Muße hernehmen, das sowieso nicht mehr vorhandene Material mühselig zu gerben, zu nähen und mit Perlen zu besticken? Wozu die schönen Milchgefäße schnitzen? Die Frauen mussten immer noch die Kühe melken, aber die Kühe und die Milch gehörten einem weißen Farmer, der dafür Blecheimer zur Verfügung stellte. Und der vielleicht eine übriggebliebene Schnitzarbeit abkaufte und sich als Dekoration ins Wohnzimmer stellte – oder an ein Museum weiterverkaufte. Das nennt sich dann in juristischer Denkweise „rechtlich erworben".

Aus den Augen, aus dem Sinn?
Unter diesen Umständen muss man sich dann in der Tat überlegen, ob ein „Ekori", das lange vorher von einem Missionar oder Händler in gegenseitigem Einverständnis angekauft wurde und nach Europa gelangte, guten Gewissens dort bleiben kann oder vielleicht doch besser im Ursprungsland Zeugnis von verlorenen Fertigkeiten gibt und als Inspiration für erneuerte künstlerische Produktion dient. Oder ob es vielleicht doch am selben Ort bleibt, aber nicht in einem Magazin vor sich hindämmert, sondern gebührend in seinen Zusammenhang gestellt wird und als Ausstellungsstück den Tatbestand kolonialer Eroberung erläutert. Denn es ist auch keine Bewältigung des Kolonialismus, die inkriminierenden Objekte nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn" zurückzuschaffen und mit beruhigtem Gewissen die ganze Affäre wie gehabt zu vergessen. Mit Restitutionen lassen sich die geschaffenen Fakten des Kolonialismus nicht „wiedergutmachen", sie können nur ein Zeichen setzen.

Wohin die Objekte dann zurückgegeben werden, ist ein anderer umstrittener Punkt. Denn die personell schwach besetzten, unterfinanzierten und an Raumnot leidenden Museen in Afrika wären keinesfalls in der Lage, größere Rückführungsaktionen kurzfristig zu verkraften. Das ist kein Geheimnis und keine Bestätigung des alten „Arguments", die europäischen Museen hätten Kulturgut bewahrt, das anderweitig am Ursprungsort sowieso verlorengegangen wäre. Ein genauerer Blick auf die Personalausstattung und die Lagerungsbedingungen diverser europäischer Völkerkundemuseen, die nur mit zusätzlichen und stets befristeten Stiftungsgeldern in der Lage sind, etwas gegen ihre jahrzehntelange Vernachlässigung zu unternehmen, zeigt, wie fadenscheinig solche Argumente sind. Solche Stiftungsgelder auch für afrikanische Museen lockerzumachen, ist ebenso notwendig wie eine bessere Zuwendung durch ihre eigenen Staaten, die oft mehr an bürokratischen Hürden als an verfügbaren Mitteln scheitert.

Instrumentalisierung
Ein anderes Problem ist die Instrumentalisierung von Kultur zur Durchsetzung von Partikularinteressen. Die kürzlichen Versuche der abgehalfterten Hohenzollerndynastie, ermuntert durch diverse Schlossfassadenrestaurierungen, Anspruch auf „ihr" verflossenes Vermögen zustellen, illustrieren dies am deutschen Beispiel. (Mein heißer Tipp an die Hohenzollern: auch in Namibia wurden nach dem 1. Weltkrieg einige Farmen aus dem „Privatbesitz" des Kaisers als Feindgut enteignet...). Das läuft in Afrika nicht anders, wo es natürlich Versuche gibt, Repatriierungen für dynastische oder fraktionelle Ansprüche zu instrumentalisieren, wie es in den vergangenen Jahren mehrfach geschehen ist. Das sollte sich vor Ort lösen lassen, und die deutsche Unterstützerszene sollte manchmal etwas genauer hinschauen, als sich zum Anwalt solcher Partikularinteressen zu machen. Das Wiederaufleben tribalistischer Ressentiments, wie sie von Südafrika im Rahmen der Bantustan- und Apartheidpolitik massiv gefördert und genutzt wurden, entwickelt gegenwärtig wieder erhebliche Sprengkraft in Namibia und kann keineswegs die Probleme des Landes lösen.

Diese und verwandte Fragen werden auch in Namibia derzeit diskutiert, durchaus kontrovers, aber im Hinblick auf praktische Lösungen. Dass die aus dem Stuttgarter Linden-Museum repatriierte „Witbooi-Bibel" nun vorläufig im Windhoeker Nationalarchiv liegt (und dort, entgegen anderslautenden Meldungen, auch eingesehen werden kann), ist ebensowenig ein wesentlicher Streitpunkt wie die allgemeine Ansicht, das sie eigentlich nach Gibeon, dem Stammsitz der Witboois, gehört, sobald dort die Voraussetzungen geschaffen sind, sie sicher aufzubewahren und auszustellen.

Über die Liste der ersten aus dem Berliner Völkerkundemuseum zu repatriierenden Objekte und über die Frage. ob es akzeptabel ist, zunächst eine befristete „Leihgabe" zu akzeptieren, die nach Schaffung aller Voraussetzungen in eine permanente Rückführung umzuwandeln wäre, gibt es eine konstruktive Debatte unter den verschiedenen Akteuren, die noch nicht abgeschlossen ist. Und auch über die bisher ungelöste Frage, den bisher repatriierten und in Zukunft zu erwartenden menschlichen Überresten eine permanente Ruhestätte zu verschaffen, gibt es inzwischen eine institutionalisierte Diskussion. So etwas nicht unter Zeitdruck übereilt zu entscheiden, ist eine durchaus schätzenswerte afrikanische Tradition.

Werner Hillebrecht

Der Autor leitete bis zu seiner Pensionierung das Nationalarchiv von Namibia und engagiert sich seither in der Museums Association of Namibia für die Rückführung von Kulturgut.