Heft 5/2019, Simbabwe: Mugabe

Held, Opfer oder Schurke?

WAS ROBERT MUGABE MIT CHINUA ACHEBES OKONKWO GEMEINSAM HATTE

„Das, was Menschen Gutes tun, wird oft mit ihren Knochen begraben", waren die Worte von Marcus Antonius aus seiner emotionalen Rede bei Julius Caesars Beerdigung. Übersetzt sagt Marcus Antonius (Romanfigur in Shakespeares Drama „Julius Caesar"; d. Red.), dass gute Taten oft unbemerkt bleiben. Doch selbst wenn sie bemerkt werden, verblassen sie in den Erinnerungen der Menschen, sodass sie mit ihnen sterben. So lässt sich beobachten, dass es viele gute Menschen gibt, aber dass die Erinnerung an das, was sie für die Welt getan haben, oft verschwindet, während diejenigen, die Böses getan haben, hierfür in Erinnerung behalten werden.

Dies steht beispielhaft für den ehemaligen Präsidenten Simbabwes, Robert Mugabe, der am 6. September 2019 im Alter von 95 Jahren in Singapur starb. Sein Erbe hat zahlreiche Debatten mit kontrastierenden Erzählungen nach sich gezogen und das zu jeder Zeit seines Lebens und der umstrittenen 37 Jahre seiner Herrschaft. Selten im Leben gibt es Dinge, die die Phantasie der Menschen dauerhaft beflügeln, und man muss mit der Zeit an sie erinnert werden, um sich ihrer zu entsinnen.

Obwohl viele von uns zur Zeit der beiden Weltkriege noch nicht geboren waren, kennen wir Namen wie Hitler und Stalin wegen der bösen Taten, die sie während dieser Kriege begangen haben. Ihre Handlungen haben in ihrer Wirkung ausgereicht, um eine ganze Generation zu traumatisieren und noch für die folgenden Generationen Konsequenzen zu haben.

So erinnern sich auch viele Simbabwerinnen und Simbabwer an ihren ehemaligen Präsidenten, der wegen seines Egoismus und seines Machtverhaltens eine ganze Gesellschaft entrechtet hat. Doch da die Debatte über Mugabes Erbe weitergeht, unterscheiden sich seine Geschichte und sein Erbe nicht von der Okonkwos, einer Figur in Chinua Achebes epischem Roman aus dem Jahr 1958 „Things Fall Apart" (deutscher Titel: „Okonkwo oder Das Alte stirbt").

Eine Analyse von Okonkwos Charakter bringt einige Ähnlichkeiten mit Mugabe zum Vorschein, von ihrer Erziehung bis zu ihrem Tod. Wer Achebes Klassiker gelesen hat, erfuhr von einer angespannten Vater-Sohn-Beziehung, in der Okonkwo mit dem Hass auf seinen Vater aufwächst und bewusst gegensätzliche Ideale annimmt.

Was Mugabe betrifft, so verließ sein Vater die Familie, als er 10 Jahre alt war, und ließ ihn mit einer launenhaften und emotional vernarbten Mutter zurück, so Heidi Holland in ihrem Buch: Dinner with Mugabe (2008). Mugabe hegte einen starken Groll gegen seinen Vater. Er bezeichnete ihn einmal spöttisch als „polygamen" Mann, der sie verließ und nach Bulawayo ging, wo er eine „schöne" Frau bekam. Das erklärt einiges über die erwachsenen Charaktere der beiden.

Okonkwo war schließlich ein Mann, der als Held betrachtet wurde, aber als Bösewicht endete, der sein Dorf durch sein Ego und seinen überlebensgroßen Charakter zerstörte. Sein Temperament und sein gewalttätiges Verhalten ließen ihn seine Frauen und andere um ihn herum misshandeln. Mugabe misshandelte die gesamte Gesellschaft und ging rücksichtslos mit seinen Gegnern und sogar mit seinen Angehörigen um, zum Beispiel Joyce Mujuru, Edgar Tekere und Emmerson Mnangagwa, um nur einige zu nennen. Okonkwo wiederum verfolgte zielstrebig sein Idealbild von Männlichkeit und verabscheute Pazifismus. Mugabes Vorliebe für Gewalt ist dagegen gut dokumentiert, so dass er sich einmal damit brüstete, Abschlüsse in Gewalt zu haben.

Genauso wie Okonkwo für die Verteidigung seines Volkes kämpfte, darf gleichzeitig die Rolle Mugabes während des Befreiungskampfes nicht unterschätzt werden, als er Simbabwe zur Unabhängigkeit von der Herrschaft der weißen Minderheit führte. Während der Zeit des Ersteren waren die Missionare niederträchtiger als er selbst (Okonkwo). Sie entführten ohne Anlass die Anführer und drohten damit, sie zu töten. Mugabe ging schließlich den gleichen Weg.

Okonkwo wurde zum Opfer seiner Unwissenheit über andere Kulturen und Praktiken. Seine Lebensweise war das Einzige ihm Bekannte, und all die neuen Ideen und die Religion, die von allen Seiten auf ihn einprasselten, waren mehr, als je ein Mensch hätte ertragen können. Mugabes christlicher Fundamentalismus, sein Moralismus und seine homophobe Haltung sind ein klassisches Beispiel für diese Geschichte. Okonkwos Ende war ebenso tragisch wie das Mugabes, und am Ende können die beiden weder ganz als Helden, Opfer oder Schurken eingestuft werden. Alles in allem hinterlässt uns Mugabe ein widersprüchliches Vermächtnis, das wohl höchst unterschiedlich ausgelegt werden wird.

Blessing Vava

Der Autor ist ein simbabwischer Journalist und Blogger
Sein Beitrag erschien auf www.africablogging.org